Kleine Wunder.

Es ist wieder Haar-Eis-Zeit im Odenwald. Die Zeit der kleinen gefrorenen Wunder. Und ich habe mal wieder die Kamera im Auto liegenlassen, is ja klar. Deswegen zeige ich Ihnen die kleine slide-Show, die bei der letzten Haar-Eis-Zeit entstanden ist, im Februar war das, und schon da hatte ich für einen Moment das Gefühl, die Welt wäre ein wunderbar-verzauberter und friedlicher Ort.

Vor ein paar Jahren habe ich diese Gebilde noch für eine Art hochgiftigen Industrieschnee gehalten, sowas in der Art kannte ich aus Ludwigshafen, oder für böse kristallisierte Chemtrails oder so, naja, typisch Großstädter halt. Inzwischen weiß ich es besser, siehe Link unten. Und die slide-show mit Musike möge für eine winzige Entspannung in diesen aufgeregten Zeiten sorgen.

Hier ein sehr spannender Link zur Erklärung vons Janze. Mit Zeitrafferfilmchen. Jeden Tag den Horizont erweitern.

Und das sagt wikidingsbums zum Haareis. 

 

 

Schuetzer der Heimat.

Ich kannte das Bauwerk schon lange, rechts neben der Straße liegt es, aber beim Vorbeifahren konnte ich nie so genau hingucken, naja, Sie wissen schon, Augen auf die Straße! undsoweiter. Jedenfalls hielt ich es bis dato (weil nur von der Rückseite und aus dem Augenwinkel) immer für eine Art landwirtschaftliches Ding, eine Mischung aus steinernem Faulturm und Gülleturm und Silo. Ähem.

Inzwischen bin ich schlauer. Der steinerne Turm nämlich ist die berühmte Hindenburgsäule mit ihrer ganz eigenen Geschichte.

Reichspraesident

Paul v. Beneckendorff und Hindenburg zu Ehren

Dem Schuetzer der Heimat zum Dank errichteten die Gemeinden des Winterhauches und Militaervereine des Neckargaues diese Saeule zu seinem 80. Geburtstage, den 2. Oktober 1927 auf der Stelle, wo er 1901 als Divisionskommandeur am Manoever teilgenommen hat.

Also: wieder war gelernt: Das hier ist quasi geheiligter Boden. Hier oben auf der Höhe stand 1901 der Hühne Hindenburg und mischte bei einem Manöver mit. Die Anhöhe diente ansonsten als Trainingsgelände für die Feuerwehren der Region und als Start- und Landeplatz bei Luftwaffenübungen Brieftauben-Wettflügen. Das kann man alles hier nachlesen, beim (Klick!) Eberbachchannel. Oder auch hier, bei (Klick!) Wikidingsbums. Dort erfährt man dann auch, dass Hindenburg selber von der Säule auf dem Winterhauch so begeistert war, dass er ein Bild davon an der Wand hängen hatte. Im Büro. Oder im Schlafzimmer. Oder wasweißichdennwo.

Ich las auch, dass die Büste Hindenburgs überhaupt erst seit den 50er Jahren da oben hängt, ein treuer Kurgast hat sie einst gespendet. Weil zuvor ein amerikanischer Soldat nach Kriegsende die ursprüngliche Platte mit dem Hindenburg’schen Konterfei gestohlen hatte. Warum auch immer.

Weil Hindenburg ein großer Militärmann war? Ein großer Staatsmann? Ein wahrer Preuße? Eine kaisertreue Pickelhaube, wie manch einer verächtlich spottet? Weil er Adolf Hitler an die Macht gebracht hat? Über die historische Einordnung Hindenburgs streiten die Gelehrten ja bis heute, und uneingeschränkt glücklich ist mit Hindenburg nicht jeder. Lese ich jedenfalls hier und da.

Auf dem Gelände stolpere ich noch über eine Feuerstelle, gemauert von den hiesigen Reservisten, die das Gelände offenbar auch pflegen. Die Feuerstelle wird für deren Sonnenwend-Feiern genutzt. Überhaupt scheinen Reservisten in Deutschland häufig Sonnenwendfeiern zu feiern, landauf, landab, auch das war mir ganz neu, und die hiesigen Reservisten erinnern damit eben auch an die feierliche Übergabe der Hindenburgsäule 1927, bei der auch ein Feuer loderte.

Was ich nicht gefunden habe in der kleinen Anlage, ist die Tafel, auf der die Geschichte der Hindenburgsäule erläutert wird und auf der Besucher auch nochmal einordnend nachlesen können, dass das mit dem lieben Paul von Hindenburg rückblickend nicht ganz so einfach ist. Dass man ihn so und so sehen kann. Aber vermutlich habe ich die einfach übersehen, es war kalt und windig, und ich war in Eile. Oder mal wieder blind. Oder zu anspruchsvoll. Die doofe Städterin wieder mit ihren pseudo-geschichtskritischen Ansprüchen, naja, Sie wissen schon.

Es gibt hier einen interessanten Artikel über einen Hindenburg-Straßennamen-Streit in Berlin, der allerlei Argumente mal versammelt. Und hier auf Sylt gibts ganz aktuell auch wieder Diskussionen. Und wenn Sie nochmal bei Wikidingsbums über den Herrn Hindenburg allgemein nachlesen wollen, bitte hier entlang.

Einladung.

Wenn Sie in der Gegend wohnen und am kommenden Wochenende noch nichts vorhaben, können Sie ja mal bei uns vorbeischauen. Und mich bewundern, wie ich erst eine Stunde lang nutzlos an der heimischen Kaffeemaschine herumstehe, dann auf einen Schlag 36 Menschen mit Kaffee abfülle, dann wiederum eine Weile nutzlos herumstehe und dann den nächsten Schwall von gefühlt 194 Menschen mit Kaffee und warmen Worte beglücke. Und so weiter und so fort.

Ach so, und außerdem können Sie dann auch die Bilder von meinem Geo bewundern. Abstrakte Moderne, naja, Sie wissen schon. Das halbe Haus hängt voll davon, und am ersten Adventswochenende trifft sich erfahrungsgemäß der halbe kunstinteressierte Odenwald und etliche Leute von deutlich weiter her in unserer guten Atelier-Stube. In Schüben, siehe oben.

Klick aufs Bild, machts größer. Hoffentlich.

Kultur im ländlichen Raum und so. Vielleicht haben Sie Zeit und Lust. Vielleicht sehen wir uns. Ich würde Ihnen auch einen Kaffee anbieten, siehe oben.

Was schön war.

Nach turbulenten Tagen wieder zeitlos im Wald unterwegs. Am Anfang stolpere ich mehr, als dass ich gehe, der Hund zerrt an der Leine wie aufgestachelt, ich bin genervt, vom Hund, vom Summen und Brummen im Kopf, von den ollen Pfützen und dem ewigen Matsch auf den Wegen.

Dann schickt der liebe Gott (oder werauchimmer) einen Sonnenstrahl in die herbstlichen Baumwipfel, es leuchtet warmes rotes Licht da oben, durch all das Matsche-Grau, ganz und gar unwirklich. Es leuchten die Baumkronen, als habe der Bühnenbildner an der Berliner Schaubühne tief in den Klischee-Kasten gegriffen, Ich will Herbst!, Mystik!, göttliche Erleuchtung!!, würde der weltberühmte Regisseur schreien, und der Bühnenbildner und die Beleuchter schrauben und schrauben, und es wird immer unwirklicher und übertriebener, bis der Regisseur zufrieden ist. So in etwa müssen Sie sich das vorstellen. Aber schön wars. Und günstiger als die Eintrittskarte für die Berliner Schaubühne, by the way.

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Und überhaupt: wie schnell das Summen und Brummen im Kopf aufhört, wie schnell all die unerfreulichen, nervigen, anstrengenden Themen aus dem Hirn verschwinden, wenn ich mich auf die kleinen Dinge konzentriere da draußen. Ich frage mich, wie Menschen ohne Waldspaziergänge überhaupt leben können. Müssen Sie wohl. Ich will das nicht mehr missen. Was für ein Glück ich habe, auf dem Land zu leben, denke ich mir.

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Ich habe da eine Journalisten-Kollegin kennengelernt. Alexandra Endres. Naja, was man so kennenlernen nennt, bei facebook. Dabei kommt sie aus einem Odenwälder Nachbardorf, aus einem winzigkleinen. Aber irgendwas hat sie richtig gemacht, denn inzwischen ist sie Redakteurin bei der Zeit in Hamburg, während ich hier als Provinz-Reporterin durch den Wald robbe. Leider haben wir uns aber noch nie getroffen im wirklichen Leben.

Jedenfalls hat die Frau Endres aktuell ein Buch über Mexiko geschrieben und mir geschickt, das war ausgesprochen nett. Und weil eine Freundin just zu dieser Zeit auf dem Sprung nach Mexiko war, trug ich das druckfrische Buch zuallererst zu eben dieser Freundin. Um mich daraufhin wüst beschimpfen lassen zu müssen: Das Buch sei so gut und so spannend und so mega, dass sie überhaupt nicht zum Packen und zum Reise-vorbereiten komme, was mir denn einfiele, sie so aus dem Konzept zu bringen, sie läse beim Gehen und im Stehen und überhaupt den ganzen Tag nur noch in diesem Mexiko-Buch der Odenwälder Nachbarin, dabei müsse sie doch packen und den Urlaub planen, himmelherrgottsakra.

Langer Rede kurzer Sinn: das Buch (das ich leider noch nicht zurückbekommen habe) ist also offenbar nicht nur sehr empfehlenswert, sondern steht auch im Mittelpunkt einer Lesung der freundlichen Kollegin aus dem Odenwald: Im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen im Stuttgarter Haus der Wirtschaft. Für mich leider ein bisschen zu weit – aber wenn Sie aus der Ecke sind und Zeit haben, und Spaß an guter Schreibe und Interesse am Thema und an der Autorin: bitte sehr: Hier (KLICK) gehts zur Lesung am 28. November. Und richten Sie Frau Endres bitte liebe Grüße aus.

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Und dann stehe ich da neulich zur dienstlichen Mittagspause beim Bäcker im Städtchen und wäge an der Theke ab, ob Kirschplunder oder Puddingteilchen, und auf meiner Jacke prangt dick und fett das Logo meines öffentlich-rechtlichen Arbeitgebers, das hier manchmal noch als Hingucker taugt. Der Herr neben mir schaut auch intensiv auf dieses Logo, dann auf mich, und dann fragt er Sind Sie etwa die Frau mit dem schönen Blog? Und ich gestehe: ja, das war auch nett. Eitelkeit und so, naja, Sie wissen schon.

Ahörnchen.

Nebeltage.

In aller Frühe unterwegs im Morgennebel. Nur schnell raus an den See laufen und die Fische füttern, unterwegs ein bißchen herumknipsen und husch!, sind zwei Stunden vergangen. Durch den Nebel wabert das Kreischen der Motorsägen aus den Christbaum-Plantagen, das Geschäft läuft an und schon fast auf Hochtouren. Weihnachten ist nahe!

12 von 12.

Schon wieder der Zwölfte. Und am Zwölften immer zwölf Bilder des Tages einstellen, so will es das Gesetz. Oder zumindest die freundliche Nachbarbloggerin mit den Kännchen. Also bitte: ein stinknormaler Reporterinnen-Tag auf dem Land in zwölf Bildern.

Erstmal Strom und Licht anmachen im Büro.
Mit etwas ungewöhnlichen Backzutaten befasst, rein journalistisch. Demnächst in diesem Programm.
Auf dem kleinen Dienstweg zum ersten Termin.
Schön hier. Klicken Sie aufs Bild, dann kommen Sie zur Website.
Selbes Städtchen, anderer Termin. Und ganz neue Perspektive.
Rathaus im Schloss. Gibts auch nicht so oft.
Moin, Jungs.
Kein Bundespräsident, sondern Bürohund. Macht Mittagspause….
…Und Frauchen Telefonschalte mit den 80-Kilometern entfernten Kollegen.
Zwischenstopp daheim. Rotkohl (ohne Mehlwürmer) für acht Personen aufsetzen.
Und husch, ins andere Büro wechseln.
Und zum Ende des Tages ein Guten-Abend-Lichtblick aus dem Dienst-Fenster.

Was schön war.

Das verschrumpelte alte Männlein mit Rauschebart, an dem ich im strömenden Regen vorbeieile, seit Tagen schüttet es ununterbrochen wie aus Eimern, ich bin genervt und hetze durchs Städtchen, und unsere Blicke kreuzen sich, die des Männleins und meine. Stellen Sie doch mal dieses grässliche Wetter ab!, sage ich im Vorbeigehen zu dem Männlein, und das Männlein antwortet Was der HERR gegeben hat, muss man hinnehmen! und lächelt und geht weiter. Ich werde darüber nachdenken.

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Sonne. Endlich wieder. Und ein langer Spaziergang im Wald. Das Licht strahlt durch gelbes, orangefarbenes und braunes Laub, in den Senken wabert der sonnenbeschienene Nebel, als hätten die Zwerge in ihren Erdhöhlen den Kamin angefeuert. Caspar David Friedrich lässt grüßen. Die Luft ist feucht und klar, überall Pilze in allen Formen und Farben, und alles schreit danach, fotografiert zu werden. Ich aber habe das Smartphone vergessen, und damit auch die Kamera. Ich vergesse das immer öfter und finde genau das sehr schön. Bilder, die ausschließlich auf der eigenen Festplatte im Gehirn und in der Seele abgespeichert werden, sonst nirgends.

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Nicht schön, aber sehr beeindruckend: Mit dem Gatten zusammen einen Film geschaut. Selten genug. Und was für ein Film. Der Staat gegen Fritz Bauer. Das Buch will ich schon seit Jahren lesen, und plötzlich ist die Geschichte rund um Fritz Bauer in aller Munde, zumindest in meiner Timeline in den Sozialen Netzwerken. Zu recht. Schauen Sie sich das an, am 15. November läuft er noch mal bei Arte, vielleicht können Sie ihn da aufzeichnen. Oder lesen Sie das Buch. Es wird einem ganz anders. Es geht da nicht zuletzt um Adolph Eichmann, und das erinnerte mich wieder an die Ehefrau dazu, Vera Eichmann, und daran, dass sie hier quasi um die Ecke begraben liegt. Warum auch immer, ich werde das noch eines Tages herausfinden.

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Bei der Freundin zum Backstubenfrühstück gewesen. 70 glücklich mampfende und plaudernde Menschen in einer vergleichsweise unromantischen gekachelten Backstube. Das Leben könnte so einfach sein, wenn man den Leuten nur ein anständiges Frühstück vor die Nase stellt. Schön war das. Auf dem Rückweg über den Katzenbuckel durch die bunten Wälder gefahren, wieder alles gelb und braun und orange und rot, ein herbstlicher Traum. Indian Summer im Odenwald. Naja, Sie wissen schon. Vielleicht mache ich nachher doch noch ein paar Fotos. Damit Sie auch was davon haben.

P.S. Also doch noch mal unterwegs gewesen. Und mir ein Wettrennen mit der Abendsonne geliefert. Sie war schneller als ich. Aber am Ende habe ich sie auf dem Friedhof wiedergetroffen.

WMDEDGT.

Ach, es ist schon wieder soweit, die Zeit rast, man kommt kaum hinterher. Immer am Fünften eines Monats will die freundliche Nachbarbloggerin wissen, was wir eigentlich den ganzen Tag so treiben, das ist eine Art Rudel-Tagebuch-Bloggerei, und ich mache gerne mit.

Auch, wenn das heute voraussichtlich ein stinknormaler Tag wird. Morgens um Sechs aufstehen und Kaffee trinken, die Stille genießen, der Welt beim Wachwerden zuschauen. In der Dämmerung mit dem Hund eine Stunde lang durch den Wald, die feucht-milde Luft einatmen, mit den Füßen durch nasses rotes Laub und dicken Schlamm. Lieselotte versprüht nachgeradezu aufreizende Lebensfreude im Unterholz, die Vögel und die Rehe sind empört.

Dann im Büro im Städtchen erstmal raus aus den Hunde-Schlammklamotten und rein in die Büro-Kluft. Hoffentlich kommt heute kein Besuch, wie sähe das denn aus.

Und gleich zum ersten Termin, Interview mit einem jungen Kaplan im katholischen Pfarramt bei einer guten Tasse Kaffee. Hier hängen auch Klamotten rum, stelle ich fest, aber irgendwie anders. Und vorallem so schön sauber.

Einen Beitrag produzieren, der schon seit ein paar Tagen darauf wartet. Über den 21jährigen, der den Euthanasie-Opfern in seiner Heimatgemeinde ein Gesicht gibt und ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählt. Ein Thema, das regional, vor Ort, nur wenig erforscht ist bisher. Ich frage mich zwischendurch, ob ein 21jähriger seine Freizeit nicht anders verbringen sollte als mit der Recherche zu Euthanasie-Opfern vor der eigenen Haustür. Und dann denke ich wieder Großartig, dass es solche jungen Leute gibt!. Es ist kompliziert. Oder auch nicht. Naja, Sie wissen schon.

Dann: Neues Thema, neue Recherche. Herumtelefonieren, leider komplett erfolglos. Nicht mal Anrufbeantworter erreiche ich, auf denen ich etwas hinterlassen könnte. Es geht um „Flächenfraß in Baden-Württemberg“. Immer mehr landwirtschaftliche Flächen werden zu Bau- oder Verkehrs-Land. So lautet die These. Die ich leider weder bestätigt noch widerlegt bekomme, siehe oben. Angeblich sind doch inzwischen alle Menschen jederzeit erreichbar, immer online. Hm. Wenn ich anrufe, offenbar nicht. Das gibt mir zu denken. Und frustrierend ist es obendrein.

Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Statistiken wälzen, Zahlen, Daten, Fakten zusammentragen, vergleichen, in Bezug setzen. Und am Ende bin ich genauso schlau wie vorher. Dann doch lieber erstmal Mittagspause im Städtchen machen. Mit der lieben Freundin aus dem Rathaus bei Kaffee und Kuchen den Flächenfraß erörtern, vielleicht kann sie weiterhelfen, während wir gemütlich fressen essen und trinken. So wird die private Verabredung im Handumdrehen zur dienstlichen Recherche. So gehts in diesem Job mitunter.

Der Hund wartet unter der Bank. Und ja, die rote Tüte ist leer.

Ja, die Freundin konnte helfen, aber meine Bauchschmerzen rund um die Recherche hat sie nicht etwa verkleinert, sondern eher vergrößert. Auch das gehört zum Job. Sich gegebenenfalls von Themen trennen müssen. Ich werde das mit den Kollegen besprechen. Fernmündlich, wie immer. Ich habe ja das Glück und das Pech, dass meine Kollegen rund 80 Kilometer entfernt sind. Die zwei täglichen Telefonschaltkonferenzen Mannheim-Odenwald verbinden uns.

Rumtelefonieren und nachdenken. Nachdenken und rumtelefonieren. Aus dem Fenster glotzen und auf Erleuchtung warten.

Hilft auch nicht.

Anrufe von verzweifelten Hörern entgegennehmen. Das Küchenradio des einen Hörers tut nicht mehr. Und ich soll das nun lösen. Oder reparieren oder wasweißich. KönneSe do nix mache??, ruft er aufgelöst ins Telefon. Auch das gehört zum Job. In schöner Regelmäßigkeit. Und immer freundlich bleiben. Hey: Menschen drehen schier durch, wenn sie unser Programm nicht hören können, gibt es ein schöneres Kompliment? Eben.

Auch bei dem anderen Anrufer freundlich bleiben, der Stress mit der Rundfunkgebühreneinzugszentrale hat und schimpft. Ich weiß nicht, warum die Leute deswegen immer bei mir landen, aber sie landen immer bei mir. Ich helfe, so weit ich es kann. Nicht ohne den Hinweis auf die Sinnhaftig- und Notwendigkeit eines gebührenfinanzierten Rundfunks, jawohl. Diskutieren Sie darüber nicht mit mir, Sie werden mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ende der Durchsage.

Mit der hochoffiziellen SWR-Klamotte in den Drogeriemarkt, Klopapier kaufen. Dienstliches Klopapier, versteht sich. Alles muß man selber machen als einsame Regionalreporterin, Himmelhergottsakra. Ich warte darauf, dass auch solche Tätigkeiten mit Journalistenpreisen wertgeschätzt und honoriert werden.

Dann zu Fuß wieder los, zum nächsten Termin, Gespräch mit einem Bürgermeister.

Wieder was gelernt, über Baulandpreise und Flächenverbrauch, Bevölkerungsentwicklung und demografischen Wandel. Lauter so Zeugs. Sehr erhellend, aber in Sachen der Recherche eher kontraproduktiv. Naja.

Beim Verlassen des Büros zum Feierabend an die Winschutzscheibe geklemmt noch ein…Geschenk?…gefunden. Oder einen freundlichen Hinweis, dass man da mal wieder was im Radio bringen könnte? Egal, eins so gut wies andere. Musik von der besten Odenwälder Jungsformation ever. Danke, Jungs, wird beim Heimfahren gleich in den CD-Player eingeworfen!

Und schlußendlich pünktlich zum Abendessen zuhause. Der Göttergatte kocht. Pasta mit Garnelen. Der Tag könnte schlechter enden.

Ist das nicht langweilig?

Ja, es gibt zwischendurch diese Momente, in denen man sich fragt, ob es nicht schon ganz schön cool wäre, mal wieder in einer coolen Stadt in einer coolen Redaktion zu arbeiten. Politik-Ressort der ZEIT. Oder beim Spiegel. Oder zumindest beim Tages-Spiegel in Berlin. Oder in London oder New York.

Während meiner Ausbildung hatte ich mir vorgenommen, dass unter dem Job als Superduper-Ober-wichtig-Korrespondentin in Washington, Berlin oder Paris ja mal gar nichts denkbar ist. Wenn überhaupt. Besser noch: gleich Chefredakteurin irgendwo. Oh, liiiiebe Zeit. Naja, Sie wissen schon.

Jedenfalls hat mich schon der erste Praktikumsplatz noch während dieser Ausbildung überzeugt: das Regionale, das Lokale, das ist meins. Beim Sender Freies Berlin war das, die Älteren unter Ihnen erinnern sich. Die Sendung hieß Rund um die Berolina und war auch etwa so. Die radio-phone Berliner Spießigkeit.

Aber der Redaktionsleiter war ein Vollblut-Lokaljournalist und der Job als Reporterin großartig: Ran an die Leute, ran an die Geschichten. Jeden Tag etwa dazulernen. Jeden Tag mit Neugierde und Wissensdrang dabei sein. Menschen im vermeintlich Kleinen die große Welt begreifbar machen, vor Ort, da, wo sie leben und arbeiten. In ihrer Lebenswirklichkeit, ihrem regionalen Umfeld. Es zumindest versuchen, jeden Tag aufs Neue.

Ein Symbolbild.

Ich bin ja bis heute immernoch und immer mehr überzeugt davon, dass der Lokal- und Regionaljournalismus riesiges Potential hat. Hätte. Haben könnte. Haben sollte. Naja, Sie wissen schon. Die Vorstellung hingegen, ich säße nun in einer wichtigen Zentralredaktion und würde mir tagelang die Finger ausschließlich über die Thüringer Landtagswahl wundschreiben, allein die Vorstellung bereitet mir inzwischen Bauchweh. Ich stelle mir vor, ich wäre Korrespondentin in London: Albtraum. Brexit, Brexit, Brexit, sonst kein anderes Thema in Sicht. Brex-shit, sagt die englische Schwägerin nur noch, fällt mir dabei ein, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

So jedenfalls male ich mir das aus, und dann bin ich wieder äußerst froh und dankbar, dass ich mich seinerzeit für die vermeintliche Provinz entschieden habe. Ist das nicht langweilig, ist da überhaupt was los?, fragen mich mitunter ausgerechnet Kollegen, die den lieben langen Tag am Rechner über Agenturmeldungen sitzen und von dort aus zweiter Hand die Welt erklären wollen oder müssen.

Ist da überhaupt was los? Nicht weniger als anderswo, würde ich jetzt mal behaupten, man muss allenfalls nur etwas genauer hinschauen und hinhören. Ich habe in den vergangenen Tagen einen Erzbischof getroffen, und eine Regierungspräsidentin, außerdem Bürgermeister, Kreisräte und einen Landrat. Das alleine wäre jetzt noch nicht der besonders beeindruckende Brüller, aber ich habe bei all diesen Terminen auch mit zahlreichen ganz normalen Leuten gesprochen, jede Menge gelernt, und manches verstanden und vielerlei Bezüge herstellen können, zu den Menschen, die hier leben, ganz konkret.

Ich habe etwas über die Nöte und Sorgen der katholischen Christen an der Odenwälder Basis erfahren, und gehört, wie das Erzbistum damit umgehen will (so ganz überzeugt hat es mich nicht). Ich habe mir erklären lassen, was es mit der schon lange geforderten Flächenkomponente bei den Schlüsselzuweisungen des Landes an die Kommunen auf sich hat, ein dicker Hund, dass das immernoch nicht umgesetzt ist, wenn Sie mich fragen. (Hallo? Die Gemeinden kriegen offenbar alle quasi das gleiche Geld, egal, ob sie zwei Ortsteile, zwei Friedhöfe und zwei Kläranlagen haben, oder vierzehn Ortsteile, vierzehn Friedhöfe und vierzehn Kläranlagen, das ist ja allerhand. So habe ich das jedenfalls verstanden.)

Ich habe beim allertollsten Schülermusical ever etwas über Marie Juchacz erfahren, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt und erste Frau, die vor einem deutschen Parlament gesprochen hat. (Sehr spannend, da sollten Sie mal googlen, kein Tag ohne Horizonterweiterung und so). Und was die Schüler da geleistet haben: ganz unfassbar.

Ich habe erfahren, dass der Landkreis die Zahl der Biobetriebe deutlich erhöhen möchte, und ich habe mir die geologischen Probleme am Eckenberg bei Adelsheim erklären lassen (die sind nämlich dafür verantwortlich, dass die neue Brücke dort noch ein bisschen teurer wird als ohnehin schon.). Ausserdem durfte ich mich mit den Baukosten der Kläranlage des Zweckverbandes Seckach/Kirnau befassen, und mit der Frage, warum die Aussegnungshalle in Seckach-Zimmern nun doch anders gebaut wird als ursprünglich geplant. (Die überhitzte Baukonjunktur, die Preise treiben einem die Tränen in die Augen, ich sags Ihnen. Und die Gebühren für die Bürger in die Höhe, schlimmstenfalls).

Habe ich noch Themen der vergangene Tage vergessen? Ja. Pilzfrevler im Odenwald. Drückjagden, die den Verkehr behindern. Ein Jahrhundert-Straßenbau-Projekt, die Transversale. Immer noch in der Pipeline, vielleicht wirds was bis zum Jahr 2040.(Dazu gibt es sogar schon Bürgerinitiativen). Die Vision von einem expliziten Landkrankenhaus. Weil Krankenhäuser im ländlichen Raum eben anders funktionieren als Krankenhäuser in der Großstadt. Weil sie unter den aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen offenbar gar nicht wirklich funktionieren können. Aber Schließen keine Option sein kann. (Es gab da ein Telefonat zwischen dem Landrat und dem Herrn Gesundheitsminister, aber offenbar hat der Spahn nicht so recht angebissen. Noch nicht.).

Ein Abfallentsorgungszentrum habe ich auch noch besichtigen dürfen. (Das Thema geht uns durchaus alle an). Und eine Anlage zur Herstellung von Terra preta. Eine wahre Wunder-Erde, die schon in manchen Ländern erfolgreich eingesetzt wird, nur die Deutschen sind noch nicht so richtig überzeugt. Spannende Sache, sollten Sie ebenfalls googlen. (Wir werden damit jedenfalls im kommenden Jahr mal erste Kartoffel- und Tomaten-Feldversuche starten, also: stay tuned.) Und dann habe ich noch einen 21jährigen getroffen, der in mühevoller Kleinarbeit erstmals die Geschichte der Euthanasie-Opfer in seinem Heimatdorf recherchiert hat.

Puh. Jede Menge Themen. Ach ja, eine neu kreierte Odenwald-Torte konnte ich dienstlich auch noch verkosten, da ist irgendwas mit Grünkern drin, und jede Menge Sahne, die Kalorien tanzen als Topping oben drauf, aber sie schmeckt ganz vorzüglich.

Ist das nicht langweilig? Ist da überhaupt was los? Nicht mehr oder weniger als anderswo, tät ich mal sagen. Man muss nur genau hinschauen und hinhören. Ab morgen geht’s wieder weiter. In diesem Sinne: einen guten Wochenstart!