Elfriede hat Post bekommen. Einen Brief von der Gema. Bei Gema kriegt man immer erst mal einen Schreck, weil man ja sofort denkt, die wollen Geld. Wollten die in dem Fall aber gar nicht. Also, nicht sofort. Nur durch die Hintertür. Jedenfalls ermuntert die Gema Elfriede mit ihrem freundlichen Schreiben, doch nochmal verstärkt darüber nachzudenken, ob sie nicht doch vielleicht zur bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft ein public-Viewing in ihrem Odenwälder Gasthaus Loewe anbieten möchte.

Es spricht viel dafür: Fußball-Fans stürmen den Loewen und bleiben quasi rund um die Uhr vor dem dort installierten Fernsehempfangsgerät hocken, sie essen und trinken ununterbrochen, der ganze Loewe wird für Wochen zum geselligen Treffpunkt, und Elfriede macht einen Bombenumsatz und freut sich. Da fallen dann die paar Euro Gema-Gebühr nicht so sehr groß ins Gewicht.

Jedenfalls möge sich Elfriede doch einfach mit ihrem persönlichen Passwort in ihr Gema-online-Konto einloggen und den Loewen als WM-Public-Viewing-Location anmelden.

Der Brief an Elfriede ist irrtümlich bei uns im Briefkasten gelandet, denn die Sache mit Elfriede und dem Loewen hat natürlich einen Haken. Elfriede war die Vorbesitzerin unseres Hauses, ehemals Gasthaus Löwe. Elfriede wohnt hier seit rund 30 Jahren nicht mehr, und seitdem ist auch der Löwe Geschichte. Ich weiß auch nicht, ob Elfriede Fußball-Fan war, und ob sie eine WM in den USA überhaupt für gut befunden hätte, heutzutage. Mir ist außerdem unbekannt, ob es überhaupt einen Fernseher gab, damals im Löwen. Wenn, dann vermutlich so ein dickes fettes Röhren-Monstrum aus den Sechziger, Siebziger Jahren. Wir wissen also auch nicht, ob Elfriede ein Gema-online-Konto hatte, und ihr persönliches Passwort kennen wir schon zweimal nicht.

Jedenfalls hat offenbar die Gema eine etwas veraltete Adressdatei. Und große Not, in diesen Zeiten Locations für public-veiwing zu finden, um darüber ein bisschen Geld zu verdienen. Die veraltete Adressdatei kann ich nicht ganz nachvollziehen, die Public-viewing-Misere schon. Wer will denn diese WM gucken? Ausgerechnet in den durchgedrehten USA. Und dann noch mit ständigem Hin- und Her nach Kanada und Mexiko. Und zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten. Ich meine, die mit Spannung erwartete Partie Kolumbien gegen Kongo startet am 23. Juni morgens um Vier. Halloooo?

Ich werde diese WM insgesamt boykottieren, aber sowas von. Jawohl. Fußballfieber hin oder her. (Erinnern Sie mich bitte an diesen Vorsatz, wenn die Deutschen im Finale stehen.)

Naja, Sie wissen schon.

2 Kommentare zu “Post für Elfriede”

  1. Veraltetes Adressmaterial – aber sowas von eindeutig :-))
    Erstaunlich ist, dass Austragungsorte von sportlichen Großveranstaltungen immer noch mit wenig Augenmaß gewählt werden. Das gilt ja auch für divese olympische Spiele. Finde es in höchstem Maße befremdlich, dass manchmal Sportstätten für Veranstaltungen extra neu aus dem Boden gestampft werden müssen.
    In den USA ist der Fußballsport angeblich ja nicht soooo populär – weshalb ich den Austragungsort allein deshalb schon hinterfrage. Die austragenden Staaten Kanada, USA, und Mexiko wurden ja schon 2018 gewählt. Man wird wohl leider mit vielen Störfeuern aus dem Oval Office oder vom Golfplatz aus zu rechnen haben. Das allein kann einem die ganze Fußballfreude gänzlich vertun, das sehe ich genau so!
    Achja, wir leben in sehr, sehr, sehr seltsamen Zeiten … Liebe Grüße aus Österreich

  2. Naja, wenn Ihr Haus doch ehemals zu Elfriede’s Zeiten ein feuchtfröhlicher Ort der Geselligkeit war, hätte ich eine Idee. Man kann das Ganze ja ein bißchen abändern und vielleicht während der Zeit der WM eine Alternative anbieten für die, die mit dieser WM oder überhaupt WMs nichts zu tun haben wollen. Zum Beispiel ein Streichelzoo mit Hühnern??
    Dazu sind keine Passwörter notwendig, Sie müssen auch nichts zahlen, auch nicht durch die Hintertür, im Gegenteil, hier wird Geld verdient!! Und jeder Besucher darf ein Ei mitnehmen. Er darf das Ei eigenhändig dem Tatort entnehmen (am besten mit Lederhandschuhen, falls die mörderische Mutterhenne sich wehrt) und wird dann schnellstens zum Ausgang gedrängelt, bevor er merkt, dass das Ei riecht …

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