Am Fünften des Monats sollen wir tagebuch-artig bloggen, so wollen es das Bloggergesetz und die freundliche Nachbarbloggerin, bei der sich dann am Ende des Tages alle Tagebuchblogger versammeln. wmdedgt steht für die Frage Was Machst Du eigentlich Den Ganzen Tag? Also bitte. Heute ist der Fünfte des Monats, der 5. September, ein zunächst ganz und gar unspektakulärer Samstag auf dem Lande.
Morgens Hunderunde, Wald und Wetter nehmen uns in ihre spätsommerlichen Arme, die Sonnenflecken tanzen auf dem Waldboden, und an manchen Stellen duftet das Unterholz nach Feuchtigkeit und Sommerregen. Stundenlang könnten wir da draußen herumlaufen.

Stattdessen holt die Realität uns in Form des Putzplans ein, noch immer habe ich es nicht geschafft, eine KI so zu trainieren, dass sie eigenständig Bad und Klo putzt, es ist zum Verzweifeln, aber nicht zu ändern. Ehrenamtlich einen Newsletter für das kleine Museum im Nachbardorf geschrieben, während der Mann zu seiner täglichen 20-Kilometer-Radtour aufbricht. In diesem Moment beginnt unser heutiges Landleben-Lehrstück.
Von der Radtour kommt der Gatte nämlich alsbald zurück, nur leider nicht auf dem Rad, sondern in einem mir unbekannten Auto. Auf dem Fahrersitz ein mir ebenso unbekannter Mann.
Auf seiner Fahrt über die Dörfer ist meinem nicht mehr ganz jungen Geo der ebenfalls nicht mehr ganz taufrische Hinterreifen seines Fahrrads quasi pulverisiert, die vielen Kilometer der vergangenen Jahrzehnte haben ihn porös und mürbe gemacht, der Mantel droht meinem Gatten um die Ohren zu fliegen. Sagt auch der Mann, vor dessen Haus der Reifen sein Leben aushaucht. So fahren Sie mir nicht weiter!, befiehlt er fürsorglich. Man kennt sich vom Sehen und kurz Schwätzen, mehr nicht. Ich kümmere mich!, sagt der Mann mit Bestimmtheit, aber jetzt fahre ich Sie erstmal nach Hause.
So sitzt mein Geo am Mittag zuhause auf dem Sofa, ohne Fahrrad und erschlagen von soviel Hilfsbereitschaft. Wie geht das jetzt weiter mit Deinem Rad, und was macht der Mann damit überhaupt?, frage ich etwas ratlos, und mein Geo ist überfordert. Ich weiß es doch auch nicht, vielleicht können wir das Rad nächste Woche irgendwie bei dem wieder abholen.
Wahrscheinlich hat der freundliche Mann ihm das alles erklärt, und er hat nur mal wieder nicht richtig zugehört, Naja, Sie wissen schon, für die kommenden Tage ist die tägliche Radtour aber jedenfalls gestrichen, soviel steht fest. Mein Geo schwankt zwischen Dankbarkeit und schlechter Laune.
Am frühen Nachmittag hält ein Auto mit Hänger vor dem Haus, auf dem Hänger das Fahrrad mit neuem Reifen. Der freundliche Mann und seine Frau wuchten es vom Hänger und lachen. Wir hatten ja eh den Hänger am Wagen, da konnten wir doch schnell das Rad ins Städtchen in die Werkstatt fahren, und es dann wieder zu Ihnen bringen, sagen sie. Das Geld für die Reparatur haben wir ausgelegt.
Wir glotzen die beiden an, als kämen sie von einem anderen Stern, aus einem fernen Fahrraduniversum. Sie lachen. Das gibt‘ s doch alles nicht!, sage ich und glotze immernoch reichlich dämlich auf Mann und Frau und Hänger und Fahrrad. Doch, das gibt’s, antwortet der Fahrrad-Retter, auf dem Land, da gibt’s sowas. Wir bitten die beiden ins Haus und ins Künstler-Atelier, weiterhin völlig verdattert, und der Künstler fordert sie auf, sich ein kleines Kunstwerk auszusuchen. Am Ende sind alle glücklich, dankbar und verdattert, und dann verabschieden wir uns wortreich und fröhlich.
Den Rest des Tages müssen wir uns von so viel Schönem erholen. Mein Geo plant im Geiste schon die morgige Radtour. Das gibt’s doch alles gar nicht. Oder eben doch. Naja, Sie wissen schon.
Unsagbar hervorragend, diese Menschen !
Großartig! Da wurde mir ganz warm ums Herz, als ich das gelesen habe.
…und ganz besonders mit Blick auf die politischen Diskussionen halte ich es für wichtig, solche Geschichten zu erzählen; sie sind das Gegenstück zu JEGLICHEM Extremismus und stellen ein Beispiel dar, wie es gut gehen kann im Umgang miteinander.
Schöner kann man es nicht schreiben. Das sind stärkende und nährende Erfahrungen – selbst vom Mitlesen. Danke und einen erholsamen Sonntag.