Der Mais steht dürr und zitterig, und manche der Kolben kommen schon als Popcorn zur Welt, getrocknet und geröstet. Wenn es überhaupt nennenswerte Kolben gibt. Andere haben (sagt die Google-Bildsuche) den Maisbeulenbrand, der genauso scheußlich aussieht wie der Name klingt.

Es ist noch nicht so lange her, vielleicht zehn Jahre, – wenn es da im Großen Kreisstädtchen im Neckartal mal 30 Grad hatte, dann musste ich den Gatten anrufen, oben auf den Höhen des Odenwaldes. Stell Dir vor, das Thermometer im Auto hier unten zeigt 30 Grad!, rief ich dann aufgeregt ins Telefon, und der Gatte echote 30 Grad?? Das ist ja unglaublich! Oben im Dörfchen, auf 550 Meter, waren es dann maximal 25 Grad, Badisch-Sibirien halt, immer einen Kittel kälter, und schon das kam uns ziemlich heiß vor, damals, vor zehn, fünfzehn Jahren.

Heute hecheln hier sogar die Hühner. Mit hochgerecktem Kopf und weit aufgerissenen Schnäbeln stehen sie im staubigen Auslauf, sie hecheln gegen die Hitze an und spreizen dazu die Flügel ab. Ein bisschen sehen sie aus wie Zombies kurz vor dem Angriff, und bei den ersten Hitzewellen bekam ich ein bisschen Angst vor ihnen.

Dabei schwitzen sie nur. Und sind ansonsten matt und müde. Wie wir alle. Die Hitze macht die Glieder schwer und lässt die Hirne schmelzen. Auch bei den Hühnern. Wenn sie nicht gerade matt und müde schwitzen, dann zicken sie miteinander herum, sie hacken und jagen sich, das Aggressionspotential ist hoch, die Toleranzschwelle niedrig, die Impulskontrolle unterirdisch. Ich für meinen Teil hacke und jage noch niemanden, aber lange kann es nicht mehr dauern. Naja, Sie wissen schon.

Die dämlichen süßen Küken stellen dieser Tage Geduld und Impulskontrolle allabendlich auf die Probe, sie jammern und piepsen der Mutter hinterher, die ihren Erziehungs- und Fürsorgeauftrag als erledigt ansieht, ein für allemale, sie trauen sich noch nicht in den Stall zu den Alten, sie piepsen und jammern und laufen durcheinander, und das zu einer Uhrzeit, in der andere, -brave – Kinder längst im Bett sind.

Ich jammere auch, kriege den Heiligen Zorn, es ist zu heiß, um piepsende Küken einzufangen oder aus Bäumen zu pflücken und mit sanfter Gewalt in den Stall zu bugsieren, es! ist! definitiv! zu! heiß! für solche Scherze, Ihr könnt mich mal!, rufe ich zornig durch die Dämmerung, und Dann holt Euch halt der Marder, ist mir doch egal!, die Nachbarn denken sich ihren Teil. Aber natürlich ist es mir nicht egal, und irgendwie landen sie am Ende doch alle im Stall, und ich demnächst in der Nervenheilanstalt für hitze- und kükengeschädigte Regionalkorrespondentinnen. Doppeldiagnose quasi.

Ich erinnere mich übrigens in diesen Zeiten wieder an Kindheits-Sommer in Berlin. An lange Nachmittage im Olympiastadion, im dortigen Schwimmbad, dem Olympi. Irgendwelche Eltern und Familien nahmen mich mit, mit dem Fahrrad waren wir in zehn Minuten da, und ich erinnere mich an den Geruch von Sonnencreme und Duschgel, an die nassen Haare und den rauen Beton unter den Füßen, wenn man zum Becken lief. An Gewitter, die plötzlich kamen, der Bademeister trötete per Megafon Alle Mann raus aus den Becken!, und dann standen wir in den überdachten Bereichen, der Regen klatschte auf die Wasseroberfläche, es blitzte und donnerte bedrohlich, und das Gewitter ging so schnell wie es gekommen war. Danach wieder rein in die Becken, oder auf die Bänke unter freiem Himmel. In der Nase den frischen Geruch des Regens. Das war schön.

5 Kommentare zu “Dies und das und schmelzende Gehirne”

  1. Eine Warnung aus dem Süden: Hier in der Aulendorfer Tierobduktion landen immer mehr Hühnchen, die von der Roten Vogelmilbe zu Tode gesaugt wurden. Da diese Mistviecher aufgrund der Hitze nur noch einen Reproduktionszyklus von 5 Tagen haben, explodiert die Gesamtzahl der Parasiten, so daß kleine Hühnchen keine Chance haben. Vielleicht einmal mehr mit Kieselgur stäuben oder die Sitzstangen mit Öl vollpinseln..
    Liebe Grüße und *daumendrück*, daß in Badisch-Sibirien das Problem nicht so groß ist wie hier im heißen Flachland!

  2. Ja, diese „Schwimmbad-Kindheits-Erinnerungen“ kann ich nur teilen — those were the days!
    Mit Loriot kann ich nur sagen „…ja, wo isser denn …?“ das Gewitter/der Regen.
    Wie ein Freund immer sagt „haltet euch wohl“ …

  3. Ich schrieb kürzlich einer Freundin, dass ich mir hier im Odenwald langsam vorkomme, als würde ich in Spanien leben oder Kalifornien oder einer anderen Ecke der Welt, die viel weiter südlich liegt. Mir tut es im Herzen weh, wie hier die Wälder leiden. So eine Dürre haben wir hier noch nie erlebt.
    In meiner Kindheit und Jugend (80er-90er-lastig) war es schon Hitze-Schwimmbad-Wetter, wenn das Thermometer mal über 25 Grad kletterte. Vielleicht gab es mal 3 Tage lang extrem heiße 30 oder 31 Grad. Das sind Temperaturen zum Durchschnaufen mittlerweile.

  4. Leider kann man sich all den Beschreibungen über die Hitze auch hier in Österreich nur anschließen.
    Die Maisfotos offenbaren Gruseliges, solche Anblicke werden nicht nur Bauern schmerzen. Da kann man sich schon ausrechnen, welche Lebensmittelpreise wieder ansteigen.
    Wenn man kein Schwimmbadfan ist, bedeutet das, sich möglichst andernorts Kühlung zu verschaffen. In den Städten können dies durchaus Museen oder auch Kinos sein – und nicht nur der Eisdieler.
    Es möge für jeden den passenden Ort geben, um diese Hitze halbwegs zu überstehen – liebe Grüße in den Norden, C Stern

  5. Am interessantesten finde ich die Glucke, die ihren Erziehungs- und Fürsorgeauftrag für beendet erklärt, während die Küken diese Rechtsauffassung ersichtlich nicht teilen. Das ist ein Konflikt, der sonst erst etwa achtzehn Jahre später auftritt.

    Die Mutter hat offenbar beschlossen, dass nun Selbstständigkeit angesagt ist. Die Küken hingegen halten Selbstständigkeit für ein pädagogisches Gerücht und erwarten abends weiterhin persönliche Betreuung, vorzugsweise inklusive Baumrettung und Stallbegleitung.

    Dass bei 30 Grad irgendwann die Impulskontrolle aller Beteiligten nachlässt, erscheint dabei nur logisch. Menschen, Hühner und vermutlich auch der Mais bewegen sich dann allmählich auf denselben geistigen Aggregatzustand zu. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der Mais wenigstens stillhält.

    Vielleicht wäre deshalb „Badisch-Sibirien“ künftig neu zu definieren.

    Nicht als Gegend, in der es einen Kittel kälter ist, sondern als Ort, an dem man abends im Halbdunkel Küken aus Bäumen pflückt und dem Marder Dinge verspricht, die man später nicht einhalten möchte. 🦌

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