Manchmal fügen sich die Dinge einfach. Man kann es nicht erklären. Und so habe ich dieser Tage für mich eine neue, kulturelle Freizeitbeschäftigung entdeckt. Ein häusliches Kulturprogramm, sozusagen. Man muß sich dafür nicht mal von hier nach da bewegen, man muß sich auch nicht ausgeh-fertig oder sonstwie schick ankleiden, das alles kommt mir bei diesen Temperaturen äußerst entgegen.
Es ist nämlich so: Wenn ich aus meteorologischen Gründen den großen Standventilator auf volle Pulle stelle, dann verwandelt sich das Esszimmer im Erdgeschoss in eine Bühne. Ich muss mich nur noch schwitzend aufs Sofa setzen, ein Eis essen, oder Popcorn, und die Vorführung verfolgen.
Auf dem Boden tanzen die Wollmäuse, sie drehen sich anmutig hin und her, lassen sich mal hierhin, mal dorthin treiben, mal alleine, mal zu zweit oder zu dritt. Sie drehen Piouretten, manchmal ziehen sie in einer Art Polonaise durch den Raum, um am Ende doch wieder in alle Himmelsrichtungen davonzueilen. Der Ventilator bestimmt die geheimnisvolle Choreografie, er pustet brummend seine Anweisungen durchs Esszimmer, und alle halten sich daran.
Immer wieder huschen Reste von welken Gräsern oder Blättern durchs Bild, manchmal ein klitzekleines Stück Papier oder ein undefinierbares Krümelchen. Oben an der Decke schaukeln elegant die Spinnenweben, die ich doch eigentlich erst vergangene Woche weggeputzt hatte, aber naja. Manchmal wird das Spinnenwebgeschaukel wild und wüst, dann zappeln und schleudern die dünnen Fäden im Luftstrom des Ventilators, einige reißen ab und sinken seufzend zu Boden, – das betrifft mich emotional besonders -, und ich frage mich, welches Stück hier gerade szenisch dargestellt wird. Mal sieht es nach nach einer etwas mißglückten Schwanensee-Adaption aus, mal nach irgendeinem gesellschaftskritischen Polit-Tanztheater-Drama, bei dem die Menschheit ins Verderben stürzt und am Ende – natürlich – die ganze Welt untergeht.
Ich kann das jedenfalls sehr empfehlen als Beschäftigung an allzu heißen Tagen. Kein Aufwand, keine Kosten für Tickets; alles, was Sie brauchen, ist ein Standventilator, den üblichen Dreck in einem Künstler-Hunde-Katze-Hühner-Wohnhaus auf dem Lande, einen bequemen Sitzplatz und ein bisschen Fantasie. Berliner Staatsballett oder das Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch: alles schön und gut. Odenwälder Ventilatoren-Ensemble: besser. Zumindest bei 35 Grad im Schatten. Meine Meinung.
Naja, Sie wissen schon.