Vom Überleben.

26. November 2021

Wir sind ja nun selbsternannte Selbstversorger, das gehört hier auf dem Lande einfach zum guten Ton dazu. Naja, Sie wissen schon. Jedenfalls habe ich Ihnen hier mal unseren diesjährigen Ernteerfolg in Sachen Rosenkohl dokumentiert, Sie können zu Rosenkohl stehen, wie Sie wollen, aber so wird das mit dem Selbstversorgerdasein eher nix, da werden Sie mir zustimmen. Wenn also demnächst eine Hungersnot ausbricht, und man muß ja im Moment mit allem rechnen, dann werden wir sie schon mal nicht überleben, zumindest nicht mit Rosenkohl.

Irgendwas ist da also schiefgegangen mit dem Rosenkohl. Es geht ja hier allerlei schief derzeit, lokal wie global. Ich denke ernsthaft darüber nach, an die Hütte am See zu ziehen, großes Grundstück, Zaun drumrum, kein Internet, nur freundliche Forellen. Sogar mit dem Reiher, diesem Drecksviech, würde ich mich anfreunden, ich meine, hallo?, soweit isses schon. Die Sache hat nur einen Haken, das Grundstück gehört gar nicht mir, sondern einem Freund, und wie ich den Laden so kenne, zieht der selbst demnächst da hin.

Gehe ich halt stattdessen in den Wald, so oft das möglich ist, ich kann Ihnen das sehr empfehlen, man kommt mit ein bißchen Glück und gutem Willen mal auf andere Gedanken.

Sie können da zum Beispiel Haar-Eis suchen, die Witterung passt, die Chancen stehen gut. Zumindest im Odenwald. Sie können auch was anderes suchen, Pilze oder Tannenzapfen, von mir aus einen Goldschatz, Hauptsache, Sie lenken sich ein bißchen ab, bekommen frische Luft und drehen nicht komplett durch. Das mit dem Goldschatz ist dabei vielleicht eine wirklich gute Idee, nach dem werden Sie nämlich voraussichtlich extrem lange suchen und sich dabei also dementsprechend maximal erholen. Clever, gell.

A propos Haar-Eis, es geht ja da um diesen Pilz im Holz, der sich bei bestimmten Bedingungen mehr und mehr ausbreitet und dadurch alles, was flüssig und feucht im Holz drin ist, herausdrückt. Wie ich da so vor dem Haar-Eis-Holz herumrutsche, meine ich plötzlich, ich habe doch auch so eine Art Pilz in mir drin, der breitet sich aus, mehr und mehr, seit Monaten schon, und drückt nun langsam alles aus mir heraus, was noch an Zuversicht, Humor und Optimismus da war. Nur, dass es eben an der Oberfläche nicht als wunderhübsch-silbernes, seidenes Fädchen erscheint, sondern als graue zähe Masse. Das klingt nun ein bißchen eklig, ist aber in Wirklichkeit hochgradig philosophisch. Ja, da staunen Sie!

(Danke der Nachfrage, nur ein kurzer Schwächeanfall, geht gleich wieder.)

Ich bin ansonsten heute da draußen Wege gegangen, die bald nicht mehr begehbar sein werden, es ist Schnee angesagt, ich habe das also vorher noch ausgenutzt. Wege gehen, die bald schon nicht mehr begehbar sind – klingt ja auch so ein bißchen semi-philosophisch wie im richtigen Corona-Leben, fällt mir dabei eben auf.

Falls Sie im Übrigen keinen Wald zur Verfügung haben, probieren Sie es mal mit Linsensuppe. Das hilft auch. Ich esse seit Tagen jeden Mittag eine kochend-heiße Linsensuppe im mehr oder weniger menschenleeren Cafe im ebenso menschenleeren Städtchen, das wärmt Körper und Seele, glauben Sie mir, die Wirtin grinst schon, wenn ich das Café betrete, aber ich werde Linsensuppe essen, bis sie mir zu den Ohren herauskommt. Wahlweise bis zu dem Tag, an dem alles wieder gut ist. Wahl-wahlweise bis zu dem Tag, an dem das Café wieder schließen muss, Lockdown undsoweiter, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Wie dem auch sei. Ansonsten alles wie immer im Odenwald. Bald gibt es auf den Dörfern keine zeugungsfähigen Männer mehr, so sagt man hier, die Männer sind alle beim Christbaumverkauf, draußen in der großen weiten Welt. Die Vorbereitungen laufen jedenfalls auf Hochtouren, die Motorsägen kreischen, die Lastwagen brummen, alles beim Alten also, und das ist doch auch mal schön.

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