„Das tut schon weh.“

1. Mai 2020

Manchmal sitzt Armin Münster in einem der drei großzügigen Räume seines Restaurants, ganz alleine sitzt er da und schaut durch die riesigen Fenster hinaus. Auf die Teiche und die Bachläufe, auf die Enten und die Blesshuhnküken, die sich laut piepsend im Schilf verstecken. Auf die Holzterrasse am Wasser, auf die mächtige Trauerweide am anderen Ende des Sees.

Und dann sieht er auf dem Weg direkt vor dem Haus Wanderer vorbeikommen, kleine und große Familien, Ausflügler, Radfahrer. Er sieht, wie sie kurz zögern, auf seine berühmte Wohlfahrtsmühle schauen, auf die Eingangstür, wie sie sich dann zurufen Klar, auch geschlossen, so schade, und wie sie dann weitergehen. Das tut schon weh, sagt Münster.

Münsters Wohlfahrtsmühle gehört zu den allerallerallerersten Adressen im Landkreis, Münster hat damals in den legendären Schweizer Stuben in Wertheim gelernt, er selber bekommt inzwischen mit schöner Regelmäßigkeit den Bib Gourmand von Michelin verliehen, das ist so eine Art Vorstufe zum Michelin-Stern, die Tester sind begeistert von der exzellenten Küche, vom Service, vom Ambiente und dem Preis-Leistungs-Verhältnis. Frische Forellen aus den eigenen Gewässern, frisches Wild, vom Chef selbst geschossen, viel regional, viel Bio, das gefällt den Gästen und dem Michelin. So eine Auszeichnung ist eigentlich jede Menge wert, im Moment aber leider rein gar nichts.

Bis kurz vor Ostern haben wir erstmal gewartet. Darauf, dass es irgendeinen Fahrplan gibt, irgendeine Perspektive. Gabs nicht, kam nicht. Dann also doch losgelegt. Münster und seine Frau Sabine gehen dabei einen anderen Weg als andere Gastronomen, sie setzen auf das Sous-Vide-Verfahren. Die Kunden holen sich quasi die fast fertig zubereiteten, vakuumierten Zutaten für die feinen Menüs ab und machen sie zuhause brav nach Münsters schriftlicher Anleitung warm. So bleibt die Qualität erhalten, und die Leute können den Hauptgang zuhause wärmen oder garen, während sie die Vorspeise essen, sagt Münster.

Im Restaurant ist jetzt also wieder was zu tun, im Waldhotel dagegen gähnende Leere. Auch die rund 30 Mitarbeiter haben die Münsters nach Hause geschickt. Die rufen immer an und sagen „Wir denken so an Euch!“ und wir sagen dann „Nein, wir denken an EUCH!“ Münster ist versichert, auch gegen einen Pandemiefall, aber wirklich nutzen tut mir das im Moment nicht, sagt er. Die Versicherungen reißen sich offenbar nicht darum, die tatsächlichen Schäden adäquat abzufangen, Münster formuliert das noch etwas drastischer, aber ich will es mal so höflich übersetzen.

Und auch das noch, ausgerechnet: In diesem Jahr gibt es die Wohlfahrtsmühle seit 200 Jahren, und seit genau 30 Jahren unter der Regie von Armin und Sabine Münster. Ein Festprogramm war geplant, jede Menge tolle Termine, Kochkurse, Diners, Abende mit einem Starkoch, lauter so Sachen, quer durchs ganze Jahr. Alles abgesagt. Auch die vielen Hochzeiten und anderen Feiern im Haus, alles abgesagt, alles.

Was die Münsters am meisten anstrengt, was am meisten Kraft kostet: Diese Ungewissheit. Nicht zu wissen, wann es wieder losgeht. Wie es wieder losgeht. Wie das alles funktionieren soll. Bis dahin sitzt Armin an seinen freien Tagen manchmal im Restaurant, ganz alleine, und dann sieht er bei schönem Wetter draußen wieder die Wanderer und die Ausflügler vorbeikommen. Wann machen Sie denn wieder auf?, rufen die ihm zu, und er muß sagen Ich weiß es nicht. Im Moment weiß das niemand.

Hier gehts zur (Klick!) Website von der Wohlfahrtsmühle, falls Sie dieser Tage Lust auf ein feines Essen haben. Da steht alles, was Sie wissen müssen.

Ich stelle Ihnen hier in loser Folge ein paar Gaststätten und Restaurants aus meiner Nachbarschaft vor, die derzeit irgendwie mit dieser Corona-Krise umgehen müssen. Die Grund- Idee dazu habe ich hier bei diesem großartigen Fotografen abgeguckt, auf den mich ein Blogleser hingewisen hat. Ich mache sowas sonst nur ungerne, Ideen abgucken, aber ich glaube, für einen guten Zweck darf man auch mal abgucken. Wenn Sie bisher ohnehin immer mal essen gegangen sind und sich das auch derzeit irgendwie leisten können: Unterstützen Sie die Wirtschaften und Restaurants in Ihrer Nähe. Sie müssen kein take-away-Fan sein, hier gehts nicht um Ästhetik im Alltag, sondern um Solidarität. Ganz einfach. Und Gutscheine, Sie können jetzt auch Gutscheine kaufen und dann später verschenken, wenn die Restaurants alle wieder in ihren ganz normalen Alltag zurückgekehrt sind. Und nein, ich bekomme für diese Werbung kein Geld, ich mache das aus reiner… Naja, Sie wissen schon.

Bisher waren wir zu Besuch bei einer (Klick) Pizzeria in Limbach, einem Griechen in Walldürn, beim Engel in Balsbach, beim amerikanischen Fliegerstübchen , beim Hotel-Restaurant Prinz Carl und in der Heidersbacher Mühle. Sie alle stehen einfach stellvertretend für die großen und kleinen gastronomischen Betriebe auch in Ihrer Gegend, egal, ob urige Schnitzel-und-Pommes-Butze oder piekfeines Restaurant.

  • 10 Kommentare
  • Dietger Stolz 1. Mai 2020
    Antworten

    Eine tolle Serie, die du hier gerade machst. Ich frage mich gerade, warum lernen wir die „Geheimtipps“ im NOK erst jetzt kennen. Müsste da erst eine Pandemie kommen. Eigentlich traurig.
    Ich hoffe aber, dass sich die Leser, genauso wie ich, inspirieren lassen und daheim zum Essen ausgehen – also Essen abholen und daheim genießen.

    • LandLebenBlog 3. Mai 2020
      Antworten

      Danke für die nette Rückmeldung! Sag bloß, Du kanntest einige von den Lokalen noch nicht?! ;-)

  • Astridka 2. Mai 2020
    Antworten

    Die Mühle, auf der meine Oma als Magd gearbeitet hat und meinen Opa, den Postillion von Hardheim nach Miltenberg, der dort seine Pferde tränkte, kennen gelernt hat. Das hört sich so kitschig an, wie es war. In meiner Familie sind Liebesgeschichten einfach romantisch. Lange her, dass wir dort gefeiert haben. Gerne hätten wir auch mal dort übernachtet, aber es war immer belegt. Und nun das! Ich wünsche alles Gute!
    Astrid

    • LandLebenBlog 3. Mai 2020
      Antworten

      Das ist ja eine coole Geschichte, die muß ich gleich mal der Familie Münster erzählen!

      • Astridka 3. Mai 2020
        Antworten

        Ich würde auch gerne mal wieder vorbeikommen, weil ich es dort so schön finde. Aber ich weiß momentan nicht, ob das in diesem Leben noch klappt 😂
        Gib gerne Grüße weiter!

  • Gudrun Engel 2. Mai 2020
    Antworten

    Das Restaurant im Golfclub Glashofen Gerolzahn wurde exakt zwei Wochen vor der Krise von neuen Pächtern übernommen und musste dann direkt dicht machen.
    Keiner kennt sie, und sie kennen noch keinen. Keine guten Voraussetzungen. Aber die Mitglieder des Golfclubs gehen da jetzt reihum Essen holen, damit die beiden auch noch da sind, wenn die Saison irgendwann wieder losgeht… Vielleicht möchtest du da ja mal vorbeischauen.

    • LandLebenBlog 3. Mai 2020
      Antworten

      Mach ich, danke für den Tipp. Heute gehts mal nach Gerolzahn zur Linde, vielleicht schaue ich da auch beim Golfclub gleich vorbei.

  • Ulrike 2. Mai 2020
    Antworten

    Das ist wirklich eine schöne Serie, die Sie da machen!
    Ich wohne seit einiger Zeit in Würzburg und bin dankbar für Ausflugstipps für Halbtagesausflüge. Was anschauen, ein wenig spazieren, zum Schluss einkehren, Und dann wieder nach Hause. Da ist der östliche Teil des Odenwalds in guter Entfernung. Und in diesem Blog ist ja nun einiges zu finden, ich habe mir schon einiges notiert. Danke!
    Außerdem gefällt mir, dass Sie für meinen Lieblings- und Heimatsender arbeiten, ich konnte schon einige Male Ihre Stimme hören.
    Bleiben Sie gesund! Herzliche Grüße von Ulrike.

    • LandLebenBlog 3. Mai 2020
      Antworten

      Danke für die Rückmeldung! Und das mit dem Lieblingssender höre ich natürlich gerne! ;-)

  • Pingback:„Jammern macht’s auch nicht besser“ – LandLebenBlog

  • Antworten auf Astridka Abbrechen

Unterwegs. Vorheriger Artikel Unterwegs.
Rückzug XXXI Nächster Artikel Rückzug XXXI