Bei uns in der Gemeinde tobt der Wahlkampf. Man kann sich das in etwa vorstellen wie bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen, nein, um Himmelswillen, nicht, was die Qualität der Bewerber angeht, nein, nein, ganz und gar nicht, aber in Sachen Aufwand. Also, zumindest so ähnlich. Vielleicht eine Nummer kleiner. Naja, Sie wissen schon. 

Die Bewerber schreiten jedenfalls seit Wochen zielgerichtet durch die Dörfer, warm verpackt, bei Wind und Wetter, Schneetreiben und Regen, sie klingeln an den Türen, sie werfen Handzettel in Briefkästen, ihre Geschwister, Ehefrauen, Kinder helfen ihnen, manchmal sieht man einen ganzen verfrorenen Tross mit gebündelten Handzetteln und Broschüren durch die Dämmerung ziehen, und wenn es hierzulande tagsüber Fußgänger gäbe, würden die Kandidaten sie sicher ansprechen oder einen kleinen Stand aufbauen mit give-aways und warmem Kaffee. Weil es hier aber keine Fußgänger gibt, praktizieren sie die aufsuchende Wahlwerbung, sie schalten außerdem Anzeigen im Ortsblättchen, sie grüßten zu Weihnachten und Neujahr, sie laden ein zu Veranstaltungen im Grünen Baum, in der Limbacher Mühle, in Dorfgemeinschaftshäusern und lassen sich dort Löcher in den Bauch fragen.

Bei uns also geht es um die Frage, wer in den kommenden acht Jahren auf dem Bürgermeistersessel Platz nimmt, in diesem kleinen, verwinkelten Rathaus, das doppelt so viele Treppenstufen hat wie Mitarbeiter, und drei- oder viermal so alt ist wie der derzeitige, demnächst pensionierte Amtsleiter. In dieser Gemeinde mit ihren sieben Ortsteilen und rund 3500 Wahlberechtigten, irgendwo im Odenwald. Es geht darum, wer sich hier verkämpfen will für die Zukunftssicherung der Gemeinde, für die Ansiedlung junger Familien, für besseren Nahverkehr und neue Straßenlaternen, für Schulen, Kindergärten, Apotheken oder Ärzte. Die Liste ist lang, der Arbeitstag eines Bürgermeisters ist noch länger. Das ist kein Job für Faulpelze. Nicht mal einer für Leute, die gern um 17 Uhr nach Hause gehen.

Der letzte Wahlkampf vor acht Jahren sei vergleichsweise ruhig gewesen, sagt der scheidende Bürgermeister, genau genommen sagt er Der letzte Wahlkampf war stinklangweilig, das lag nicht zuletzt daran, dass es nur einen Bewerber gab, logo, den Amtsinhaber höchstpersönlich. Ich glaube mich zu erinnern, dass es doch einen weiteren Bewerber gab, von dieser Wir-wollen-eh-nicht-gewählt-werden-und-finden-alles-doof-Bewegung, wie hieß die noch?, also, wie dem auch sei, der Kandidat war keine wirkliche Hausnummer und wurde angeblich leibhaftig auch nie gesehen.

Bei der Gemeinsamen Kandidatenvorstellung dieser Tage in der Sport- und Festhalle sitzen da oben auf dem Podium nun also gleich drei ernstzunehmende Bewerber um das Amt. Das mag man nun für ein Zeichen dafür halten, wie sensationell aussergewöhnlich und hochattraktiv die kleine Gemeinde im Odenwald ist, wie ganz besonders reizvoll der Posten als Bürgermeister hier. Das ist aber sicher auch ein Zeichen für den Generationenwechsel: in vielen Gemeinden der Region gehen derzeit die alten Bürgermeister in den Ruhestand, da drängen die Jüngeren und die ganz Jungen nach.

So wird diese Wahl vermutlich nicht so stinklangweilig wie die vorhergegangene, die Leute hier gehen zu den einzelnen Veranstaltungen, horchen, kieken, fragen, bei der Kandidatenvorstellung in der Sporthalle drängen sich die Besucher auf 575 Stühlen, viele weitere müssen stehen. Rund 20 Prozent der Wahlberechtigten sind also an diesem Abend anwesend, hallo?!, ich meine, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, rechnen Sie das mal auf Berliner Verhältnisse um, da bräuchten Sie eine Sporthalle, in die ein paar hunderttausend Menschen passen müssten, die müssen Sie erstmal finden, und das ganze interessierte Publikum dazu.

 

Der amtierende Bürgermeister hofft auf eine Wahlbeteiligung von 70% und mehr, Da zeigen wir es mal den wahlmüden Städtern!, sagt er noch dazu, es ist der immer wieder gerne gehörte Vergleich mit der Stadt, auf hohe Wahlbeteiligung ist man stolz auf dem Land.

Derweil studiert mein freischaffender Geo die Handzettel und die konkreten oder vagen Wahlversprechen, er sucht überall nach Hinweisen auf Kunst und Kultur in der Gemeinde, allein, er sucht vergeblich. Was man da alles machen könnte!, ruft er täglich dreimal völlig unvermittelt in die Stille des Wohnzimmers,  ich falle vor Schreck vom Stuhl und wage zu erwidern, dass es vielleicht tatsächlich in einer kleinen Gemeinde, tief im strukturschwachen Odenwald, zunächst andere, noch dringendere Schwerpunkte geben könnte, Nahverkehr, medizinische Versorgung, Schulen, Kindergärten, und dann bekommen wir ernsthaft Ehestreit, Bist Du nun mit einem Künstler verheiratet oder nicht?, ruft mein Geo erbost und haut mit der Faust auf den Tisch, und vielleicht hat er ja doch auch ein bisschen recht, und jedenfalls bin ich froh, wenn die Wahl am nächsten Sonntag rum ist. Und entschieden, hoffentlich.