Vor dem Fenster fällt lautlos der Schnee, auf dem Sofa schnarcht wie ein langsamer, gleichmäßiger Basso continuo der Mann, in den Heizkörpern knackt und klopft die Hitze. Draußen wirft der Himmel dicke weiße Flocken, wie kleine Wattebäusche schweben sie herunter, Petrus gibt sich redlich Mühe, alles zuzudecken auf der Erde, – vergeblich. Kaum landen die Flocken auf dem Boden, auf den Wiesen, schmelzen sie auch schon, zurück bleibt nur glänzende, kalte Nässe. Das könnte ein Sinnbild für irgendwas sein. Ich muß darüber nachdenken, wir haben ja sonst nichts zu tun im Urlaub.

Beim Vorbeifahren dieser Tage ein Schild entdeckt, das spannend klingt. Dem mal folgen, als Ziel einer Hunderunde, bei besserem Wetter. Maquis du haut du bois. Keine Ahnung, was sich dahinter verbergen mag.

Durch den Wald geht es zunächst, dann über freie Landschaft, durch einen verfallenen Hof.

Dann noch ein paar hundert Meter weiter, wieder mitten im Wald, mitten im Nirgendwo, eine Gedenkstätte unter freiem Himmel. Maquis du haut du bois. Eine Gruppe von Widerstandskämpfern hat sich hier oben in den Wäldern gegen die Deutschen gestemmt, 1944 war das. Die Alliierten versorgten sie per Fallschirm-Abwürfen mit Waffen, die Bewohnerinnen der umliegenden Dörfer brachten heimlich Brot und Eier und Schinken in die Verstecke. Der Wald bot Schutz, aber am Ende wurde das kleine Stück freie Landschaft, über das ich noch Minuten zuvor geschlendert bin, ihnen zum Verhängnis. Der Onkel meiner Frau ist da oben erschossen worden, wird mir tags drauf der französische Verwalter des Ferienhauses erzählen, in einer Mischung aus Betroffenheit und Stolz. Die Geschichte der Widerstandskämpfer kennt hier in den Vogesen jeder.

Was als Spaziergang geplant war, endet als Geschichtsstunde. Wie so oft in dieser Gegend. Der Rückweg über die freie Landschaft, durch den alten verfallenen Hof, fühlt sich anders an als der Hinweg.

Später, wieder im Wald, kommt mir auf den verschlammten, zerfurchten Wegen ein riesiges, verdrecktes Auto entgegen, das motorisierte und unzerstörbare Arbeitstier eines Försters oder Waldarbeiters. Weil das Auto breit ist und der Weg schmal, weil überall Wasser in den Furchen steht, rangiert der Fahrer rechts Richtung Unterholz und hält das Auto an, damit ich halbwegs unversehrt vorbeikomme.

Bonjour madame!, ruft er, und dass es ihm so leid tut, dass ich mich nun an ihm vorbeiquetschen müsse. Ich sage merci, merci, monsieur, mehr kann ich auf Französisch nicht, und schwanke übertrieben theatralisch durch den Matsch, dicht an seiner Fahrertür vorbei; auf Deutsch schimpfe ich mit den Hunden, die knietief im Schlamm stehen Ihr seht aus wie zwei Wildschweine!, und dann lachen wir beide, und er bleibt noch ein bisschen stehen, damit ich beim Anfahren nicht doch noch den Dreck der durchdrehenden Reifen abbekomme.

(In den Vogesen ist der Irrsinn des Krieges überall. Die Idiotie so zahlreicher Kriege. Riesige Soldaten-Friedhöfe, Gedenkststätten, einzelne Gräber. Überall. Man kann ihnen nicht entgehen, sie nicht ignorieren. Dieser Tage sind wir – wiederum zufällig – an einem Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg vorbeigekommen, der inzwischen auch als Unesco-Welterbe gelistet ist. Einer von so vielen. Die sterblichen Überreste von 2600 französischen Soldaten, in Gräbern und Beinhäusern, irgendwo am Rande eines unscheinbaren Dorfes. Man möchte manchen Menschen einen mehrwöchigen Zwangsaufenthalt hier verordnen. Man würde sie an die Hand nehmen und einfach ein bisschen hierhin und dorthin gehen und ihnen dann mit all den steinernen Kreuzen und Gedenktafeln Vernunft in ihren Schädel hineinhämmern, und Einsicht und Erkenntnis.)

6 Kommentare zu “Einsicht und Erkenntnis.”

  1. Liebe Friederike,
    bitte(!) schicke den Herren Putin, Trumpp und Netanjahu Deinen blog!!!
    Danke ganz besonders für Text und Bilder.

  2. Sie gestatten doch?
    „The Maquis du Haut-du-Bois, also known as the Maquis d’Éloyes, was a combat unit of the French forces of the interior within the Maquis des Vosges. The unit made a large contribution towards liberating the Éloyes region. Armed operations by the maquisards were supported by regular distributions of tracts and newspapers calling out to the resistance.“
    Ja, auf Englisch. Die deutsche Wikipedia ist nicht so schlau, aber in der englischen steht ’ne ganze Menge. Google weist auch noch auf die „Grotte du Maquis“ hin, im Wald, und auf ein Denkmal an der Kreuzung Route de Beaune/Echarnant Bourgogne Tourisme.

  3. Saltatio Mortis – Linien im Sand

    Gerade habe ich mich durch Herfried Münklers „Der große Krieg“ geackert, der sich um den I.Weltkrieg dreht, der von den Franzosen initial im Gedächtnis bleibt. Frappierend daran ist, wie sich das Framing in vielem gleicht, was derzeit wieder verstärkt aufscheint. Wirklich weg ist es ja nie gewesen, denn an allen Ecken der Welt gab es nahezu immer irgendwo Krieg. Wir hatten bisher nur das Glück, dass in Europa weitestgehend das Erbe der Weltkriege nachgehallt und es daher auch politischer Konsens war, friedensfördernd zu handeln.

    Dann wurde mit dem Ende des sozialistischen Machtblocks das „Ende der Geschichte“ im gesellschaftlichen Sinne verkündet, was damals schon Nonsens war. Die damit verbundene Annahme, dass es in Mitteleuropa keine Kriege mehr geben kann, wurde im zerfallenden Jugoslawien schnell widerlegt.

    Auch hier werden die Stimmen der „Bellizisten“ wieder lauter und diese bereiten einer rechten Partei wie der AfD fleißig den Weg, die nur zum Schein noch Kreide frißt. Wenn ich sehe, wie militärisches Gewese immer mehr in das Leben eindringt, dreht sich mir als in der DDR Aufgewachsenem bei dieser altbekannten und offensichtlichen Propanganda der Magen um.

  4. Meine beiden Großväter waren im 1. Weltkrieg, Höhe 304. Mein Vater und vier Onkel waren im 2. Weltkrieg, die Onkel sind nicht zurückgekommen. In meiner Familie waren die beiden Kriege immer präsent, ich habe mich viele Jahre in der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegener engagiert, die nun wieder Zulauf erhält.

  5. Mir dreht sich bei den vielen AfD Wählern auch der Magen um.Haben diese Wähler nichts aus der Vergangenheit gelernt???
    Das ist wie bei den rasenden Autofahrer, da können noch so viele Kreuze am Straßenrand stehen…

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