Die Schafe auf dem Nachbargrundstück glotzen morgens in die aufgehende Sonne, glotzen abends in die untergehende Sonne, und dazwischen fressen und verdauen sie. Auf mich wirkt das alles äußerst nachvollziehbar und beneidenswert. Ich beschließe, den Urlaub damit zu verbringen, den Schafen zuzuschauen, wie sie morgens in die Morgensonne glotzen und abends in die Abendsonne glotzen und zwischendurch fressen und verdauen. Ich glaube, das ist ein guter Vorsatz. Und im Übrigen auch tagesfüllend und erholsam, wenn man es nur ernsthaft genug betreibt.
Also in die Sonne vor das Ferienhaus setzen und einfach in die Gegend zu den Schafen gucken. Die Wärme ausnutzen. Morgen drohen Schnee und Sturmgewitter. Ich werde die Schafe dann nur noch durchs Fenster beobachten können. Aber vielleicht fällt mir dann auch eine andere Tätigkeit ein.
Nochmal über das Prinzip Urlaub nachdenken. Wir hätten ja weiß Gott mal woanders hinfahren können. Irgendwohin, wo alles fremd und neu und aufregend ist. Wo man sich erst orientieren muß, um alles zu erfassen, zu verstehen. Stattdessen, wieder mal: Ferienhaus in den Vogesen, am gefühlten Ende der Welt. Unter uns: Ich habe nämlich keinen Bock auf neu und fremd und aufregend. Ich habe von berufswegen jeden Werktag neu und fremd und aufregend, ich muß mich ununterbrochen orientieren, um alles zu erfassen, alles zu verstehen, muß horchen, gucken, fragen, Eindrücke sortieren. Ich will einfach nur hier sitzen und auf Schafe glotzen und mir einbilden, die Welt sei ein reines Paradies. So sei es und so bleibe es, bis in Ewigkeit, Amen.

So ganz können wir aber nicht lassen von unserer Neugierde und unserer Abenteuerlust, deswegen waren wir heute in Plombières-les-Bains. Früher ein pulsierender Kurort dank heißer Quellen, aber das muß lange her sein. Sehr, sehr lange. Plombières-les-Bains ist die Stadt der 1000 Balkone, und in einem der Häuser mit Balkon hat Josephine de Beauharnais immer gewohnt, wenn sie mal wieder auf Kur war. Ihr Herr Gemahl, mit Rufnamen Kaiser Napoleon I., blieb derweil daheim und kümmerte sich um Haus und Garten, irgendwer muss das ja machen.
Jedenfalls hatte Josephine gleich bei ihrem ersten Aufenthalt im Jahr 1798 eines Tages Besuch von drei Personen, bei denen es sich im Internet (soweit ich das verstanden habe) mal um drei Herren, mal um drei Damen handelt. Ich bevorzuge natürlich die Variante mit den drei Herren, die – warum auch immer – alle gleichzeitig bei Josephine in der guten Stube waren. Und dann – wieder: warum auch immer, vielleicht, um zu gucken, ob Napoleon plötzlich unten auf der Straße auftaucht – alle gleichzeitig auf den Balkon rannten, und Josephine hinterher. Der Balkon seinerseits (kleine Sünden straft der liebe Gott sofort) beschloss daraufhin, dass drei Personen plus eine Josephine deutlich zu schwer für ihn sind und rauschte, KRACK!, RUMMS!, KAWUMM! in die Tiefe.
Josephine fiel offenbar weich: auf die drei Herren oder Damen, jedenfalls erlitt sie beim Balkonabsturz nur eine Prellung. (Was mit den drei anderen passierte, habe ich noch nicht herausgefunden, das ist offenbar in diesem Zusammenhang auch nicht wichtig.). Ob und in welcher Variante sie ihrem Mann hinterher von diesem Mißgeschick berichtet hat, das weiß ich auch nicht, es gab ja damals noch kein Whatsapp. Nicht mal Mails vermutlich, oder Handys.
Ich wollte Ihnen diese historisch bedeutsame Geschichte jedenfalls nicht vorenthalten. Kein Tag ohne Horizonterweiterung. Urlaub hin oder her.
Meine absolute Zustimmung zum „Schafe glotzen“ als Ausdruck einer gelungenen Reiseerfahrung.
Mit (etwas neidischen) Grüßen ob dieser Urlaubserfahrung wünsche ich noch weiterhin schöne, geruhsame und damit Tage, die der Erholung dienen!
Gabriela