Wo kommen die alle her, wo wollen die alle hin?, frage ich mich auf der Autobahn Richtung Großstadt. Vorne, hinten, rechts und links: überall Autos, LKWs, dicht gedrängt, wir stehen mehr, als dass wir fahren, dann schieben wir uns wieder ein paar Kilometer als blecherne Masse in Schrittgeschwindigkeit vierspurig durch die Landschaft. Wir stehen nicht im Stau, wir sind der Stau. Und ich bin nichts mehr gewöhnt. Völlig überfordert von soviel Betrieb, so viel Lärm, so vielen Abgasen. Fenster lieber zulassen. Die stickige Luft im Auto wird immer noch besser sein als das da draußen.
Die Fahrbahn in der Navi-Ansicht mal orange, mal dunkelrot. Stau und stockender Verkehr, heißt das dann im Verkehrsfunk immer, ich kenne das eigentlich nur noch aus dem Radio, stelle ich fest. Wer tut sich sowas täglich freiwillig an?, frage ich mich. Freiwillig wahrscheinlich niemand. Vielleicht bin ich dann doch ganz schön verwöhnt. Privilegiert. Wann habe ich das letzte Mal in einem Stau gestanden? Keine Ahnung, muss sehr, sehr lange her sein.
Noch länger ist es her, dass ich an einem Flughafen war. Genau gesagt 25 Jahre, rechne ich aus, während ich im gigantischen Parkhaus herumkurve. Seit 25 Jahren bin ich nicht geflogen, habe ich niemanden zum Flughafen gebracht oder – wie heute – jemanden abgeholt.

Ich habe leichte Flugangst. Gegen die ließe sich was tun, wenn der Wunsch nur groß genug wäre, ich hätte die entsprechenden Fachleute sogar in der eigenen Familie, die würden mir das kostenlos wegtherapieren. Hex-Hex! Zack!, weg wäre die Flugangst. Außerdem Ökologischer Fußabdruck undsoweiter, Fliegen ist halt nicht so die umweltschonende Fortbewegungsart schlechthin.
Ich bin allerdings zuallererst der Meinung, dass ich mein eigenes Umfeld kennen und bereisen sollte, bevor ich nach Spanien, Griechenland oder Marokko fliege. Oder auf die Malediven. In die Dominikanische. Angewandte Heimatkunde, quasi. Wie so ne Alte. *Krückstockgefuchtel*, würde der verehrte Bloggerkollege Buddenbohm jetzt schreiben. Odenwald, Spessart, Harz. Elbsandsteingebirge, das wär mal was. Oder Kiel da oben die Ecke. Vulkaneifel würde mich auch mal reizen. Westfalen, ja selbst das fänd ich spannend. Den Edersee mit den uralten Eichen sowieso, toll zum Fotografieren.
Wenn wir mal ganz weit weg verreisen wollen, also ganz weit, dann fahren wir in die Vogesen, treue Blogleser wissen das. Oder nach Holland. Da müssten wir auch mal wieder hin.

Aber zugegeben, am Flughafen vorhin, die Namen auf den Anzeigetafeln bei Ankunft und Abflug: Tunis, Dublin, Ho Chi Minh Stadt, Nairobi, Mumbai, Ashgabat und Kayseri, Shanghai, Kapstadt oder Peking, – die haben ja schon was. Die wecken eine klitzekleine Sehnsucht, ein unerklärliches Fernweh. Allein der Klang: Ashgabat und Kayseri, ich habe keine Ahnung, wo das sein könnte, ich muss das dringend googeln, aber es klingt wie aus Tausendundeiner Nacht, nach lauer Luft und Sonne und sternenklaren Nächten. (Vielleicht doch besser nicht googeln, damit die Illusion erhalten bleibt. Ich war mal in Addis Abeba, klingt traumhaft, war grässlich). Da sich aber einfach mal hinträumen, an all die Orte auf den blauen Anzeigentafeln.
Aber am Ende ist es da gar nicht so schön wie im Odenwald. Man weiß das nicht.
…ja, die große weite Welt — und am Ende findet sich im Odenwald (o.ä. Gegenden) genau das, was dort gesucht wurde.
Schöne Grüße!
Früher, um nicht zu sagen im letzten Jahrhundert, wollte ich auch immer raus in die weite Welt. Okay, paar Ecken hab ich schon ja gesehen, aber irgendwie beschränkte sich das immer auf Anlagenurlaub und paar Touristenausflüge. Insgesamt nicht sonderlich interessant, aber was solls, man konnte ein bißchen mitreden. Und heute? Bin ich froh wenn ich zuhause im Garten werkeln kann (niemals hätte ich mir das träumen lassen). 2-3 x im Jahr allein auf Städtereise, 3-5 Tage sind da völlig ausreichend. Und auf der Fahrt immer wieder runter von der Autobahn, es gibt ja tausende von Sehenswürdigkeiten in Deutschland.
Wir haben schon oft Urlaub in Deutschland gemacht und ich mochte das immer sehr.
Schwäbische Alb ist auch toll, oder Fränkische Schweiz, oder das sehr einsame Grenzgebiet zu Tschechien (Stiftland).
Wenn es sehr, sehr exotisch werden soll, kann man ja noch über die Alpen an den Gardasee fahren ;-)
Ich bin auch so die Deutschland-Urlauberin. Gibt viel zu entdecken hier. Und ich muss nicht extra einen Sprachkurs machen.
Muss man halt schon mögen, so das Gewusel der Zentren und Verkehrsknoten;-)
Vermutlich reicht der Kulturschock erstmal wieder für eine Weile, jedenfalls ginge es mir so. Grundsätzlich urlaube ich auch eher so abseits der großen Ziele, aber dann gibt es ja noch den Unterscheid zwischen Tourismus und Reisen.
Ein schöner Youtube-Kanal dazu ist z.B. notizenvonunterwegs
Ich bin eine von denen, der das Fernweh in die Wiege gelegt wurde. In meinen jungen und mittelalten Jahren bin ich auch viel gereist, habe lange im Ausland gelebt. Jetzt in höherem – also für die, die es genau wissen wollen, in hohem Alter) bin ich seit fast 20 Jahren nicht mehr gereist, außer innerhalb von Deutschland. Das geschah erst aus familienbedingten Gründen. Jetzt, wo es wieder möglich wäre, habe ich zwar immer noch Fernweh, aber Fernweh wonach? Der Massentourismus hat alle die wunderbaren, verzauberten Orte der Welt entzaubert, und das letzte Mal, als ich in London war, hat mich fast der Schlag getroffen, als ich auf der anderen Straßenseite ein Lidl sah … Ikea gibt es inzwischen auch in Japan, in Singapur, überall haben die unterschiedlichsten Menschen die gleiche Wohnungseinrichtung. Die ganze Welt wird überall mehr auf „gleich“ gemacht. Wozu also noch reisen?
Das einzige, was ich jetzt wirklich vermisse (ich lebe in NRW) ist das Meer. Aber auch da wieder die Frage, wo? In einer Bettenburg an irgendeiner Küste oder – Alptraum! – auf einer Kreuzschiffahrt??
Ich wohne daher auch zufrieden in einer schönen Ecke von NRW, die aber gottseidank noch nicht vom Massentourismus entdeckt wurde.