Falls Sie das oben abgebildete Tier für ein herkömmliches Huhn (Gallus domesticus) halten, dann kann ich das zwar theoretisch nachvollziehen, Sie liegen aber dennoch falsch. Aber sowas von falsch. Das da oben ist Uschi. Und Uschi ist ein stolzer Seeadler (Haliaeetus albicilla). Meint sie zumindest. Und drängt mir jetzt täglich ein Falkner-Training auf. Im Frühsommer werden wir das erste Mal eine öffentliche Flugshow anbieten können, gegen richtig fettes Eintrittsgeld. Sagt Uschi.

Seit Uschi ein Seeadler ist, gehe ich nur noch mit uralt-Schlamm-Klamotten in den Auslauf.

So geht das seit Neuestem jeden Tag, wenn ich den Hühnchenauslauf betrete, und vielleicht wird das ja wirklich was mit der Flugshow. Ich könnte mir damit ein paar Euros nebenher verdienen, oder aber – wenn es richtig einschlägt mit der Falknerei und wir noch ein paar Tricks einstudieren – meinen Hauptberuf an den Nagel hängen und mit Uschi durch die Lande tingeln. Wir würden Millionäre, Uschi und ich. Wir könnten uns zumindest einmal im Monat eine Tankfüllung leisten, selbst wenn der Preis noch weiter in die Höhe schießt. Wovon man ausgehen darf.

Aber was sage ich, ich wollte doch auf den Spritpreis und die aktuelle Weltenlage hier gar nicht eingehen, nein, wirklich nicht. Ich wollte mit Ihnen stattdessen über Eskapismus sprechen. Musste auch erstmal googlen, was genau das heißt. Eskapismus, auch Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht, bezeichnet die Flucht aus oder vor der realen Welt und das Meiden derselben mit ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit, d. h. imaginären oder möglichen besseren Wirklichkeit, heißt es hier bei Wikidingsbums, und im Internet steht unter der Rubrik „Weitere Fragen“: Ist Eskapismus eine psychische Krankheit?

Das will ich wohl nicht hoffen, dass das eine Krankheit ist, ich halte – im Gegenteil – aktuell sogar den Eskapismus für eine Art Lebensretter. Kleine Weltflucht in den Hühnerauslauf. Uschi-Eskapaden als Überlebensritual. So irgendwas in der Art. Ersetze Hühnerauslauf durch Wald, Feld, Bücher, Hobbys, wasweißich. Wer sich nicht hin und wieder gedanklich wegbeamt, muß verzweifeln, und damit ist ja dann aber auch niemandem geholfen. So gesehen ist dieser ganze Blog hier eine Eskapade, ein Eskapismus, zumindest meistens, und ich kann nichts Schlechtes daran finden. Darf halt nur nicht zum Dauerzustand werden. Ich muß mir das auch selber immer mal wieder vorsagen und einschärfen.

Vielleicht aber doch mal ein ernstes Wort mit Uschi reden. Denn, wenn ich darüber jetzt so nachdenke, liegt hier ja auch ein Eskapismus vor, und was für einer. Das struppige Huhn, das sich für einen stolzen Seeadler hält. Ja, Uschi träumt sich offenbar in eine Scheinwirklichkeit hinein, in der sie ihre beeindruckenden Schwingen ausbreitet und majestätisch über die Köpfe des begeisterten Publikums gleitet. Der matschige Hühnerauslauf wird in der Abendsonne zum Grand Canyon, und die etwas dickliche rote Nachbarkatze hinterm Zaun zum Puma, der auf der Suche nach Beute durch die Steppe schleicht.

Ich weiß ja nicht. Vielleicht dann doch etwas arg viel Eskapismus, liebe Uschi. Das klingt schon fast ein bisschen ungesund. Ein Fall für den Hühnertherapeuten? Wir werden darüber mal reden müssen. Aber erst noch an unserer Flugshow arbeiten.

7 Kommentare zu “Uschi und der Eskapismus”

  1. Eskapismus schön und gut, aber könnte der Grund für Uschi’s Flugkünste nicht auch ein gewisses Getränk sein, dass Flüüügel verleiht?

    Und wenn ich genau überlege, könnte auch ich dieses Talent entwickeln, mit dem entsprechenden Ansporn im Futternapf in der Hand: Zum Beispiel Schokolade, vorzugsweise in Pralineform von Lindt, Lakritz würde aber auch als Anreiz funktionieren … Da sollte der Falknerarm jedoch etwas Muskelkraft aufbauen, ich wiege etwas mehr als Uschi!

  2. So, nun hat die ganze Familie die Flugshow geguckt, von uns bekämen Sie jedenfalls Eintritt, wenn es uns denn mal wieder in den Odenwald verschlöge. Wunderbares Muthuhn!

  3. Mehr Filmbeiträge bitte!
    Sehr schön, euch leibhaftig zu sehen!
    Dafür würde ich auch extra in den Odenwald anreisen… ❤️
    Herzliche Grüße!
    Sophia

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