So, wie Frau Dr. Margot Wichtig oben auf dem Bild gucken wir eigentlich derzeit alle, wenn wir morgens durchs Fenster das Wetter sehen. Mittags auch. Und nachmittags auch. Nachts gucken wir nicht, da hören wir nur. Wie der Regen rauscht, ununterbrochen. Macht einen ganz narrisch, das Wetter, seit Tagen geht das so und soll noch weitergehen.

Dabei findet Frau Dr. Margot Wichtig das Wetter eigentlich ganz prima, da kann man im Schlamm buddeln und sich im Dreck wälzen und durch tiefe Pfützen rennen, aber das böse Erwachen kommt dann zurück im Haus, in Gestalt eines gefährlichen, nachgeradezu todbringenden Handtuchs. Gucken Sie sich ihren Blick an, mehr muss man dazu nicht sagen. Aber sie erträgt es mit einer gewissen Größe.

Narrisch ist dabei dieser Tage das Stichwort. Oder besser närrisch. Schmutziger Donnerstag ist heute, also die Zeit im Jahr, in der ich mich – soweit möglich – von allem Närrischen fernhalte. Preußisch-protestantische Spaßbremse, die ich bin. Ich beobachte das Treiben der fränkisch-allemannischen Faschenacht im Städtchen wie in jedem Jahr mit einer Mischung aus komplettem Unverständnis und großem Neid.

Bis zum Aschermittwoch ist die Region hier im närrischen Ausnahmezustand, alles feiert, nix geht mehr. Heute früh kündigt der Gatte an, er wolle einkaufen gehen, und obwohl ich seinen Einsatz für den gemeinsamen Haushalt prinzipiell begrüße, frage ich entsetzt Bist Du narrisch oder was? Wer, bitteschön, geht denn am SchmuDo einkaufen??

Dabei war ich früher offenbar selber Fasnachterin, soweit es sowas in Berlin überhaupt gab. Ich erinnere mich an rauschende Faschingsparties im Kindergarten, die manchmal sogar länger als 60 Minuten dauerten. In der Grundschule gab es am Rosenmontag eine Freistunde zum Faschingfeiern, und die Verkäuferin im kleinen Lebensmittelladen trug den ganzen Tag eine rote runde Knollennase und ein keckes Hütchen, ich fand das für Berliner Verhältnisse durchaus bemerkenswert.

Außerdem habe ich in einer alten Fotokiste den fotografischen Beweis dafür gefunden, dass ich seinerzeit mitten drin im Faschingsgeschehen mitgemischt habe, ich hatte – man sieht es auch auf dem Bild sehr deutlich – wohl fast das Zeug zur Karnevalsprinzessin, man kann mir also nicht vorwerfen, dass ich mich schon von Geburt an der Faschenacht verweigert hätte.

Das sieht nach einem wirklich rauschenden Fest und überbordender Fröhlichkeit aus, und für Alkohol war auch gesorgt. Berliner Kindl, ist ja klar. Ich werde dieses Foto in den kommenden Tagen griffbereit haben, wenn mal wieder jemand vorwurfsvoll behauptet, Na, DU hast ja für Fasenacht nie einen Sinn gehabt, dann werde ich ihm diesen dokumentarischen Beweis vor die Nase halten und sehr bestimmt sagen Oh DOCH!

Narrisch macht mich im Übrigen in diesem Zusammenhang, auch wie jedes Jahr: Dass man hierzulande überall Berliner kaufen kann. Die in Berlin natürlich nicht Berliner, sondern Pfannkuchen heißen. Kein Berliner käme je auf die Idee, in einer Bäckerei einen Berliner zu verlangen, wie merkwürdig wäre das bitte? Und dann gibt es hier auch noch Spezial-Berliner in den Auslagen, und ich denke darüber nach, was das nun wieder sein soll. Bin ich vielleicht ein Spezial-Berliner, besser: eine Spezial-Berlinerin? Fragen über Fragen, und jedes Jahr dieselben.

Im Übrigen war heute der Schornsteinfeger da, und die Cousine in Neuseeland hatte mich eindringlich vorab aufgefordert, ihn doch bitte zu küssen, wegen Glücksbringer und so. Ich meine, der Mann war nett und sehr sympathisch, – aber küssen? Ich habe das dann schnell noch mal recherchiert. In Deutschland muss man den Schornsteinfeger nicht küssen, nur anfassen, damit er Glück bringt, das habe ich herausgefunden. Hatte der Schornsteinfeger auch seinerseits Glück. Naja, Sie wissen schon. Haben wir das also auch geklärt. Und nach dem Schornsteinfegen noch einen Moment beisammengesessen und Kaffee getrunken und nett geschwätzt. Landleben halt.

Der Schornsteinfeger riet uns netterweise auch dazu, heute noch Lotto zu spielen, nachdem er uns also Glück gebracht habe, – auch ohne Küsserei -, und das machen wir jetzt, und dann gewinnen wir 65 Millionen Euro, und all das schöne Geld werden wir einsetzen, damit endlich mal wieder die Sonne rauskommt, oder gleich Frühling wird. Mit Geld geht angeblich alles. Fast alles zumindest.

6 Kommentare zu “Da wird man noch ganz narrisch.”

  1. ch erkläre meinen lieben Mit-Odenwäldern immer: Ich und Fastnacht, das geht nicht, wegen der Gene. Die sind bei mir einfach zu nordostdeutschberlinerpreußisch. Man schaut mich dann immer etwas misstrauisch an.

    Ich habe ja viele, viele, viele Fastnachtssachen für den Job besucht seit 2012. Aber das hebt nicht gerade meine Laune. Und da die ohnehin gerade durch einige Wechseljahre-Dungeons klettert, habe ich mich der Fastnacht 2026 versagt (außerdem wurde der Honorar-Bonus dafür abgeschafft).

    Katja

  2. Das Bild von Dr. Margot Wichtig ist sensationell! Man glaubt es kaum, dass es derart große Augen gibt, die durchaus deutlich erahnen lassen, wie sehr das Handtuch irritiert. Das Foto aus der Kindheit ist ein perfektes Zeugnis wild gefeierter Faschingszeiten, einfach top! Erinnert mich daran, dass ich als kleines Mädl gerne die nicht ganz geleerten Schnapsgläschen der Gäste meiner Eltern fröhlich erkundet habe.
    Liebe Grüße, C Stern

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