Wir leben in aufregenden, nachgeradezu historisch zu nennenden Zeiten hier in der vermeintlichen Provinz. Am kommenden Sonntag wird in der Gemeinde ein neuer Bürgermeister gewählt, das wäre jetzt noch nicht so irrsinnig aufregend, es gibt aber keinen einzigen offiziellen Kandidaten. Seit Menschengedenken hat es sowas im Landkreis nicht gegeben, man wundert sich.

Wir werden nun also am Wahltag auf einen komplett leeren Stimmzettel irgendeinen Namen schreiben, von irgendeiner Person, die wir für geeignet halten, für das Amt des Bürgermeisters. Eine sogenannte „Wilde Wahl“, die angeblich aber nichts mit der ähnlich klingenden Wilden Jagd zu tun hat. Die zieht, so kann man es im Internet nachlesen, mit einem fürchterlichen Gerassel unter Schreien, Johlen, Heulen, Jammern, Ächzen und Stöhnen durch die Gegend, und wir gehen mal davon aus, dass es bei der wilden Bürgermeisterwahl am Ende etwas gesitteter zugeht und es vielleicht sogar einen Wahl-Gewinner gibt, man soll die Hoffnung nicht verlieren.

Jedenfalls erinnert mich die bevorstehende Wahl an ein Thema, an dem sich seit Jahrhunderten die Geister scheiden. Zieht man beim Besuch in einem fremden Haus die Schuhe aus – ja oder nein? Man munkelt nämlich in der kommunalpolitisch interessierten Szene, dass durch diese Frage schon Wahlen, auch Bürgermeisterwahlen, entschieden worden sind. Jahahaaa, da staunen Sie!

Kandidaten, die im Wahlkampf bei Hausbesuchen zumindest anbieten, die Schuhe auszuziehen, bevor sie die gute Stube betreten, hätten darüber schon die ersten 100 Bonuspunkte gesammelt, und manch ein konsequenter Schuh-Auszieher habe so am Ende auch die ganze Wahl gewonnen. Man kann das statistisch nicht wirklich belegen, diese Ursache-Wirkungs-Geschichte, aber egal.

Ich selber hasse es übrigens, die Schuhe auszuziehen. Ich würde das auch niemals von Besuchern und Besucherinnen erwarten. Ich lasse auch im eigenen Haus in der Regel die Straßenschuhe an. Diese Angewohnheit ist nicht besonders schlau, und trägt auch nicht wirklich zu einem sauberen Zuhause bei. Naja, so ist es eben.

Mein Geo ist da deutlich anders gestrickt, vorbildlich geradezu. Er zieht zwar auch bei anderen Menschen im Haus die Schuhe nur ungerne aus, dafür im eigenen Zuhause umso lieber. Nach Hause kommen, Straßenschuhe gegen Hausschuhe wechseln: er ist da konsequent, und ich bewundere das sehr.

Seine Konsequenz geht so weit, dass er die Hausschuhe nicht mal dann auszieht, wenn er quer durch den matschigen Garten zum Komposthaufen läuft, oder bei Tiefschnee zum Briefkasten. Die Hausschuhe werden angelassen, komme da, was wolle. Hinterher sagt er dann Du, ich war am Kompost, wahlweise Du, ich war am Briefkasten, und ich sage dann mit leicht verzerrtem Gesichtsausdruck Ja, das sehe ich. Im ganzen Haus. Überall Schlammbröckchen, Erdklumpen, nasse Tapsen, manchmal verklumpter Schnee oder olles Laub; in der Küche, im Wohnzimmer, im Flur. Ich wiederhole mich: Konsequenz kann er, mein Geo.

Und sonst so: es schneit und schneit und schneit. Und taut und friert und taut und friert und schneit und regnet und schneit. Es ist eine gewisse Sauerei und damit also eigentlich das perfekte Wetter für Geo und seine Hausschuhe. Naja, Sie wissen schon.

5 Kommentare zu “Schuhe aus!”

  1. Ach, was für eine Erleichterung, dass es woanders auch nicht schier aussieht. Hier ist es der Hund, der sich Scheit nach Scheit aus dem Holzkorb zieht und jeden mal ausprobiert. Ziemlich willkürlich wird mal die Rinde großflächig abgekruspelt und verteilt und mal der Scheit verschmäht, nachdem er durchs Wohnzimmer getragen wurde. Ich bitte Besucher inständig, die Schuhe anzulassen, und halte für ganz Hartgesottene Hausschuhe parat. Herzliche Grüße aus dem hohen Norden und die besten Wünsche für die wilde Wahl!

  2. Die Bürgermeisterwahl verspricht tatsächlich Spannung – da bin ich neugierig.
    Es gibt auch noch andere interessante Ideen, warum man jemanden wählt oder auch nicht: Ob jemand fesch ist oder nicht, kann eine Rolle spielen. Das traut man sich auch noch laut zu sagen. Das erzeugt bei mir ebenfalls ganz tiefe Stirnfalten.
    Schuhe ziehe ich immer aus, wenn’s draußen nass und matschig ist, zudem viel Rollsplit herumliegt. Möchte ich weder in meine Wohnung noch in eine andere Wohnung hineintragen, der Holzboden leidet da nämlich darunter.
    Tiefenentspannt bin ich, wenn die Gehwege sauber und trocken sind, dann dürfen auch die Gäste die Schuhe anlassen – was sie aber nicht tun. Da habe ich natürlich auch nichts dagegen ;-)
    Jedenfalls ein spannendes Thema,
    liebe Grüße

  3. Ich bin beeindruckt: Das ‚Schuhe an den Füßen lassen bzw. sie ausziehen‘ besitzt eine thematische Qualität, die ich ihm nie zugetraut hätte.
    Meine Lösung: Ich überlasse allen Besucher’innen die Entscheidung und habe ein Set an ‚Filz-Latschen‘ im Angebot, falls Bedarf besteht.
    Schönen Abend und liebe Grüße!

  4. Eine wilde Wahl, so etwa ist mir noch nie gesehen untergekommen. Bin gespannt wie sich das ausgeht.
    Genauso gespannt warte ich auf Neiigkeiten zur Vergesellschaftung des Zwerghahns …
    LG
    mhs

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