Rückzug XVI

6. April 2020

Eines Tages werden wir unseren Kindern und Enkeln und Urenkeln von dieser grässlichen Zeit erzählen, von den Sorgen und dem Kummer und dem Leid, weltweit, von Ausgangbeschränkungen, von Isolation und Einsamkeit, von Krankheit und Tod. Sie werden mit großen Augen stumm zuhören, die Enkel und die Urenkel.

Und dann erzählen wir ihnen noch, wie das damals war, als in der Krise auch eigentlich völlig gesunde Menschen durchdrehten, wie sich unser Alltag völlig veränderte, wie sich Nervosität, Ungeduld, Aggression, ja, sogar Handgreiflichkeiten breit machten, auch und besonders im Zusammenhang mit dem hochsensiblen Themenkomplex Klopapier. Wenn die Enkel und Urenkel im entsprechenden Alter sind, werden sie die Frage stellen, die Kinder im entsprechenden Alter immer stellen, seit Jahrhunderten, nämlich Waruuuuuuum? Und wir werden sagen müssen Ich weiß es nicht, mein Kind. Ich weiß es wirklich nicht.

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Ich habe dieser Tage mit einem offiziell vereidigten Sachverständigen für Trinkwasserhygiene telefoniert, sowas macht man ja sonst auch viel zu selten. Jedenfalls habe ich von dem Herrn aus Höpfingen gelernt, dass der Stillstand und die Leere allüberall uns demnächst noch ein weiteres Problem bescheren könnten: Legionellen in den Trinkwasserleitungen. Nicht lustig, vorallem für Leitungswasserfans wie mich. Ich trinke das Zeug ja gerne literweise. So lange die Leitungen im Haus und im Büro regelmäßig durchgespült werden, ist das kein Problem, aber überall dort, wo derzeit nix läuft, weil nix läuft, sollten Sie da ein Auge drauf haben. Alle 72 Stunden spätestens müssen Sie es rauschen lassen, mit der Klospülung oder dem Wasserhahn, mal ein paar Minuten lang und gerne mit knalleheißem Wasser. Sonst: böses Erwachen am Ende der Krise. Das nur mal als kleiner Service-Hinweis. (Klick!) Hier können Sie das auch nochmal nachlesen und nachhören. Sagen Sie hinterher nicht, Sie hätten es nicht gewusst.

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Überall wird man derzeit mit Tipps versorgt, was man gegen die Langeweile tun kann. Ich kenne allerdings zugegebenermaßen kaum jemanden mit Langeweile. Ich kenne Menschen, die noch mehr als sonst arbeiten müssen und/oder solche, die jetzt zuhause unzufriedene Teenager versorgen oder quengelnde Grundschulkinder beschulen müssen, ich kenne auch Leute, die in ernstzunehmende Existenzangst geraten und denen es dabei garantiert auch nicht langweilig wird. Aber, um bei der Wahrheit zu bleiben, ich kenne mit Bewusstsein ein oder zwei Leute, die die Beschränkungen und den Stillstand derzeit halbwegs genießen können, aber das scheint mir eher die Ausnahme als die Regel zu sein.

Falls Sie aber tatsächlich ein bisschen Zeit und Ruhe haben und etwas Sinnvolles tun möchten, es gibt da jede Menge Möglichkeiten, auch kontakt-los, und hier ist eine davon, ganz aktuell: Und, mal unter uns: wann haben wir das letzte mal einen Brief oder eine Postkarte geschrieben? So analog, und mit einem richtigen Stift? Also, los!

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Mittagshunderunde im Städtchen gemacht. Inklusive Sonnenbad auf dem Spielplatz vor dem Redaktionsbüro, mit dem, was von den Spielgeräten übrig ist. War auch schon mal belebter hier.

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Und noch eine Palmsonntags-Impression von gestern. Aus Buchen-Götzingen. Wenn die Gläubigen nicht so recht an Palmzweige kommen, kommen die Palmzweige zu den Gläubigen. Piaggo-Palmsonntag, sozusagen. Ton-anstellen nicht vergessen. (Danke nach Götzingen, dass ich das veröffentlichen darf! Bin gespannt, was Ihr Euch zu Ostern einfallen lasst!)

  • 5 Kommentare
  • Folkhard Krall 6. April 2020
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    Ganz schön clever, die begrünten Bläser! Sogar beim Nummernschild richtig kreativ gewesen: „BKM – Balmsonndag Kerchemusik Mobil“!

  • Hauptschulblues 6. April 2020
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    Die Enkel und Urenkel wird das wahrscheinlich gar nicht so beeindrucken, denn sie kämpfen ja mit den Problemen des Klimas, des Wassers und der weltweiten Migration.

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  • Alexandra 7. April 2020
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    Danke für den Wasserleitungslink! Ich bin von dem Thema täglich betroffen, nicht nur in Coronazeiten, weil ich in einem Zwanzig-Parteien-Haus eine von den vier letzten Parteien bin, die hier noch wohnen. Auf meiner Seite vom Treppenhaus – und das ist die größere Hälfte des Gebäudes- bin ich im fünften Stock allein. Das Thema beschäftigt mich schon länger und es gibt wenig Konkretes dazu. Also nochmal Danke!!

  • Fjonka 7. April 2020
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    Seltsam. Ich werde den nicht vorhandenen Urenkeln ganz andere Geschichten erzählen: vom gemeinsamen lachen über diese albernen Klopapierhamster. Davon, daß es recht angenehm ist, daß nicht so viel los ist auf den Straßen und davon, daß in meiner „Filterblase des realen Lebens“ all die medialen und virtuellen Horrorgeschichten, die da draußen verbreitet werden, nicht ankommen (also die vom gräßlichen Alltagsmiteinander meine ich. Die gesundheitlichen kommen bei uns allen an)
    Allerdings ist alles, was wir momentan schreiben, nur eine Zwischenmeldung. Wer weiß, was noch kommt und unsere vorweggenommene Rückschau verändern wird.

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