Rückzug VII

28. März 2020

Keine Experimente!, warnte die CDU schon im Bundestagswahlkampf 1957, und weil dieser Slogan verdammt (Klick:) erfolgreich war seinerzeit, hat ihn jetzt auch die hiesige Frisör-Innung aufgegriffen. In unserer Lokalzeitung gibt sie hilfreiche und angeblich idiotensichere Tipps zum Haareschneiden und -färben daheim, weil die Salons erstmal geschlossen bleiben. Aber, eben: Keine Experimente! Außerdem verweist die Innung nochmal eindringlich darauf, das Frisöre sich strafbar machen, wenn sie heimlich Hausbesuche tätigen. Ich lese das alles, und dann schaue ich mir im Spiegel schnell mal meine Frisur an, und jetzt weiß ich auch nicht. Da blüht uns noch einiges, ich kann Ihnen sagen!

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Für ein paar Stunden in den Wald vor der Haustür zurückgezogen. Von morgens bis zum Mittag mit Frau Lieselotte da herumgelaufen, mutterseelenalleine. Nur von ferne ein paar holzende Männer gesehen und gehört, und ein paar fröhliche Zitronenfalter getroffen. Bekannte und unbekannte Wege gegangen und miteinander kombiniert, und mich dann tatsächlich schön verlaufen. Ja, schön. Es gibt wenig, was mich mehr entspannt als das Sich-verlaufen im Wald.

Wenn man sich davon nicht stressen lässt, ist es das beste Mittel gegen Stress. Weil ich dann nur noch konzentriert auf den Weg achte, nach unauffindbaren Wegweisern suche, zwischendurch stehenbleibe, um vor dem geistigen Auge die rudimentäre innere Wanderkarte abzurufen. Für nichts anderes ist mehr Platz im Hirn, – ein wunderbarer Zustand. Nach vier Stunden war ich dann doch wieder zurück, glücklich, verschwitzt, müde – und dankbar: Was für ein Privileg, auf dem Lande zu leben.

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Gestern mittag sehr spontan eine kleine Aktion gestartet und dem Traditionsbäcker im Städtchen ebenso spontan einen 500-Euro-Auftrag in wirtschaftlich schwierigen Zeiten erteilt. Schluck. Aber in dem Wissen, das allerbeste Netzwerk der Welt zu haben. Heute früh waren die Kosten bereits gedeckt und das Spendenkonto voll, Leute, Ihr seid so großartig, danke!, der Bäcker legt los, und jetzt fängt die Arbeit richtig an. Eine Freundin will die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Alten- und Pflegeheimen der Region mit Gebackenem und ein paar Zeilen des Dankes erfreuen. Ja!, wir wissen, dass das bloß eine hilflose Geste ist, und dass das nicht reicht, und wir müssen alles dafür tun, dass die wirklich relevanten Jobs in diesem Land endlich adäquat bezahlt werden.

Es kann nicht sein, dass hierzulande Menschen, die für Menschen da sind, immernoch deutlich schlechter bezahlt werden als Menschen, die für Maschinen da sind. Gilt im Übrigen nicht nur für das Pflegepersonal in Heimen. Naja, Sie wissen schon. Es gibt dazu schon etliche Petitionen, suchen Sie mal im Internet und unterschreiben da. Nicht, dass wir alle das wieder vergessen haben, kaum, dass die Krise irgendwann rum ist. Und denken Sie daran, beim Bäcker einzukaufen, bevor der auch noch dichtmachen muss. Gefälligst. Sie müssen ja nicht gleich 500 Euro auf einmal da lassen.

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Im Nachbardorf haben sie einst den Kinderschlafsack erfunden, also weltweit seinerzeit, sowas gabs bis dato nirgendwo. Ja, da staunen Sie. Wenn Sie Kinder haben, haben Sie auch so ein Teil zuhause oder kennen es zumindest, jede Wette. Daraus ist dann ein ziemliches Erfolgsunternehmen geworden, Kinder, die in Kinderschlafsäcken schlafen wollten oder sollten, gabs eigentlich immer genug. Gibts jetzt auch noch genug, aber das Material für die Produktion kommt nicht bei, 25.000 (fünfundzwanzigtausend) Meter bestellte Stoffe liegen in Italien und niemand kümmert sich, wie auch? Und die Geschäfte, die sonst in rauen Mengen Kinderschlafsäcke bestellen, um sie weiterzuverkaufen, die haben alle zu.

Also hat das Familienunternehmen zum ersten Mal in der fast 100jährigen Firmengeschichte die 70 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen heimgeschickt, die meisten davon Näherinnen. Was das für einen Unternehmer bedeutet, kann ich nur ahnen. Wenn Sie selber ein Familienunternehmen führen, so richtig mit Herzblut, dann wissen Sie das umso besser. Es ist zum Heulen. Oder es war zum Heulen. Denn es gab in den vergangenen Tagen plötzlich Anfragen von Pflegediensten und Reha-Einrichtungen.

Aktuell nähen die Näherinnen nun aus den kinderbunten Stoffreserven im Lager Mundschutze, keine medizinisch zertifizierten Teile, betont der Firmenchef, aber das Bedürfnis nach zumindest gefühlter Sicherheit ist riesengroß, und wenn ich es richtig verstanden habe, läuft es derzeit in der Näherei. Lichtstreif am Horizont und so, Naja, Sie wissen schon. Und der befreundete Arzt in der Klinik sagt Wenn uns diese Mundschutze helfen, die Engpässe bei den medizinischen Mundschutzen für den Operationssaal und die Intensivstation zu vermeiden, soll es uns mehr als recht sein. Wenn der Mediziner im Supermarkt an der Gemüsetheke gleich mehrere Erwins und Ernas Piependeckel mit einem hochprofessionellen (aber an der Gemüsetheke völlig überflüssigem) OP-Mundschutz sieht, wird er jedes Mal ganz blass vor Neid.

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Und ansonsten? Die Hunde bringen jede Menge Zecken mit nach Hause, die ich jeden Abend mit großer Hingabe (aber ohne Mundschutz) aus ihnen herauspule. Nein, schön ist das nicht. Aber wenigstens ein kleines Stück Normalität in diesen ver-rückten Zeiten.

  • 8 Kommentare
  • Waltraud Kessler-Helm 28. März 2020
    Antworten

    Ich liebe Deine Geschichten <3

  • Jutta Kupke 29. März 2020
    Antworten

    BRAVO !

  • Pingback:Corona Tagebuch – Tag 14 | Au fil des mots

  • Croco 30. März 2020
    Antworten

    Ich glaube nicht, dass es hilflose Gesten gibt. Wir werden erst im Nachhinein sehen, dass es genau die waren, die uns Mut gemacht haben, den brauchen wir nämlich. Danke für‘s Erzählen.

    • LandLebenBlog 30. März 2020
      Antworten

      Ok, das macht mir wiederum Mut. Danke!

  • Angelika 30. März 2020
    Antworten

    Danke für deine Beiträge, gerade jetzt in dieser Zeit!
    Hast du schon mal was gegen die Zecken bei den Hunden ausprobiert?
    Mein einer Hund ist immer total besiedelt, gestern hat er über 20 neue Zecken mitgebracht, jetzt überlege ich doch mal was chemisches auszuprobieren.

    Frühligsgrüße
    Angelika

    • LandLebenBlog 30. März 2020
      Antworten

      Ich habe in den vergangenen Jahren auch schon immer mal wieder Chemie eingesetzt, weil einfach nichts anderes half. Gibt da beim Tierarzt so Halsbänder, ziemlich teuer, aber sehr effektiv. Nicht zu vergleichen mit denen aus dem Laden.

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