Die liebe Frau im Walde.

Ich wandere ja dieser Tage dauernd durch die Gegend, mal hier, mal da, es ist meine Art, das Neue Jahr halbwegs ruhig zu beginnen, ohne Telefongeklingel, ohne Termine, ohne dauernde Erreichbarkeit.

Eine kleine Flucht aus dem Alltag, dazu braucht man ja keinen Reisekatalog, bloß vernünftige Wanderkarten, ich wiederhole mich, naja, Sie wissen schon. Außerdem entdeckt man so immer was Neues, das will ich Ihnen doch nicht vorenthalten. Kein Tag ohne Horizonterweiterung!, pflegt eine Freundin von mir zu sagen, und ich halte das geradezu für ein geniales Lebensmotto.

Heute habe ich die Kapelle Zu Unserer Lieben Frau Im Walde gesucht und gefunden, ich weiß gar nicht, wie ich darauf kam, aber das ist ja letzten Endes auch völlig wumpe. Die Ruine liegt irgendwo zwischen Hardheim und Dornberg im Wald, wie der Name schon erahnen lässt.

Der lange und zähe Aufstieg von der (empfehlenswerten, Klick!) Wohlfahrtsmühle her kommend ist nervig, der steile und moddrige Abstieg (fast) am Ende der knapp dreistündigen Tour dafür umso nerviger, aber der Weg lohnt sich. Außerdem können Sie auch von Dornberg da hin, falls Sie nicht so der Ultra-Wanderer sind.

Mitten im Wald erhebt sich also plötzlich wie aus dem Unterholz die stattliche Ruine einer Kapelle. 1418 wird das gar nicht so kleine Gotteshaus zum ersten Mal schriftlich erwähnt, das ist also mal satte 600 Jahre her. Regelmäßige Messen haben die katholischen Christen hier zunächst gefeiert, die Kapelle erlebt die Hoch-Zeit des Katholizismus, die Reformation, dann die inbrünstige Gegenreformation, sie sieht Wallfahrer kommen und gehen, betende Pilger niederknien, sie hört die Gesänge Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade und greinende, knötternde Säuglinge, die zur Taufe hier hochgeschleppt werden.

Und schließlich merkt die kleine Kapelle, die inzwischen Katharinenkapelle im Tale heißt, – schließlich also merkt sie vielleicht, wie es immer stiller wird, weil die Pfarrer und das Geld fehlen, und als es dann gar nicht mehr geht, kommen auf Geheiß der Kirchenleitung Bauarbeiter und demolieren mit Hammern und wüsten Schlägen das Dach. 1791 ist das.

Seitdem hat der liebe Gott, haben Maria, Sonne, Mond und Sterne zwar uneingeschränkten Einblick in das Innere der Kirche, aber leider lassen sich auch Regen, Schnee und Stürme nicht mehr aussperren. Seit mehr als 200 Jahren verfällt das Gebäude. Aber es tut das mit Anmut und einer gewissen Größe, will mir scheinen, wie ich mutterseelenallein um die Ruine herumgehe. Sie hält sich wacker, auch noch nach all der Zeit. Wohl wissend, dass sie für die Volksfrömmigkeit der Bewohner hier oben weiterhin von großer Bedeutung ist.

Die Sache mit der beneidenswerten, mir aber immernoch fremden Volksfrömmigkeit ist das Eine, das Andere ist die Geschichte hinter der Geschichte, für die ich ja immer ein besonderes Faible habe. In diesem Fall ist es die Einsiedelei, die direkt neben der Kirche lag, über Jahrhunderte hinweg, mindestens seit 1479.

In irgendeiner zusammengezimmerten Hütte hat hier seitdem jeweils über Jahre und Jahrzehnte hinweg ein Eremit gelebt und die Kirche betreut. Morgens aufgeschlossen, abends zugeschlossen, Blumen arrangiert, den Altarraum geputzt, vielleicht auch das Glöckchen geläutet, wenn es denn eines gab. Die Einsiedelei hatte einen eigenen Brunnen, den man vor ein paar Jahren wieder freigelegt hat.

1750 wird von einem Georg Käch berichtet, der hier oben, fernab des Dorfes lebt und arbeitet, 42 Jahre alt ist der Eremit, ein Franziskaner-Mönch offenbar, über den nur Gutes, Liebes und Löbliches gesagt werden kann. Als Gegenleistung für seine Arbeit wird der Eremit von den Junkern von Hardheim versorgt, sie bezahlen ihn auch mit Naturalien, wenn er mal krank oder sonstwie arbeitsunfähig ist, bezahltes Nichtstun, würde Frau Nahles das nennen. Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Ich stelle mir vor, wie so ein Georg Käch, wie seine Vorgänger und Nachfolger hier oben wohl gehaust haben. Mitten im Wald, mutterseelenallein, tagelang vielleicht ohne Ansprache, ohne jeden sozialen Kontakt. Ohne Telefon und Fernseher. Ohne Wlan oder auch mobiles Netz. Mit den Tieren des Waldes als Nachbarn und Untermieter. Im Winter, wenn die Region Badisch-Sibirien ihrem Namen monatelang alle Ehre macht. Wenn der Schnee alle Geräusche verschluckt, die Tage kurz sind, und die finstren Nächte umso länger.

Wenn man zu anderen Jahreszeiten tagelang vielleicht nur das Knistern und Knacken im Unterholz hört, das Gepiepse der Vögel, die bellenden Rufe aufgeschreckter Rehe. Nur die eigenen Schritte auf dem Waldboden, nur den eigenen, gleichmäßigen Atem. Niemand da, mit dem man sprechen könnte. Niemand, der einem irgendwas erzählen will. Im Kopf und im Ohr nur die eigenen Gedanken, die mal laut – und mal ganz leise sind.

Leider finde ich dazu im Internet nichts. Vielleicht gibt es dazu was im kleinen Museum in Hardheim, ich werde da mal schauen müssen. Jedenfalls stelle ich mir das heute, zwei Tage, bevor am Montag der Berufsalltag wieder anfängt, durchaus reizvoll vor, so ein Leben in der Einsiedelei, als Eremitin. Ja, das wäre schön. So ganz alleine für sich sein, unerreichbar für andere.

Naja, vielleicht muss ich aber nochmal drüber nachdenken.

Falls Sie da in der Ecke auch mal wandern gehen möchten, finden Sie (Klick!) hier mal die ersten wichtigen Infos. Ich bin von der Wohlfahrtsmühle aus den Rundweg Nummer 4 gelaufen, das dauert mit kleiner Verweile an der Kapelle insgesamt rund drei Stunden.

Und hier noch die passende Marienmukke dazu. Ein Lied, das ich sehr liebe.

6 Kommentare

  1. Danke für den tollen Bericht! Ich finde es sehr interessant, wie solche Orte sich im Laufe der hier ja schon Hunderten von Jahren verändern.
    Spontan fällt mir da auch noch die Ruine der St. Martins-Kapelle in Meckesheim ein und, das ist jetzt schon ordentlich weiter weg, aber sehr eindrucksvoll: die Anhäuser Mauer bei Wallhausen/Satteldorf, die mich extrem berührte, wie sie die einfach so unvermutet zwischen Feldern steht und nichts mehr drum herum von dem ehemals sehr großem Komplex ahnen lässt. Danke auch für’s Lied.
    Mit liebem Gruß,
    Ev

  2. Pingback: Jetzt ist schon wieder nichts passiert | Buddenbohm & Söhne

  3. Danke für die Worte und das Lied. Sehr schön! Oft finde ich diese Eremit*innenidee lohnenswert und dann merk wir wichtig mit Austausch ist. Beste Grüsse

  4. Bemerkenswert finde ich den Hinweis auf die Zecken – und das die Bank bestehen bleibt.
    Das Ambiente spricht für sich. Gerade in schwarz-weiß.

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