Gardinenpredigt.

Ich war dieser Tage bei den Freunden auf dem Aussiedlerhof, es war der vielleicht letzte schöne Spätsommerabend, am Himmel lachten der Mond und die Sterne, im Stall gegenüber muhten und schnauften die Kühe, ein leichter Wind wehte den Geruch von reifen Äpfeln und Pflaumen und feuchter schwarzer Erde heran, und über allem hing eine friedliche Ruhe.

Aber natürlich täuschte die Bilderbuch-Idylle, aber sowas von, denn es brauchte auch hier wieder nur ein paar Minuten, dann saß, Zack!, zwischen Wein- und Wassergläsern, zwischen Salat und Salzstreuer der Herr Maaßen mit am Tisch, und die Frau Merkel, die Frau Nahles, der Seehofer-Horstl natürlich sowieso, Zack!, Zack!, Zack!, und überhaupt die ganze Große Koalition und alle die da oben. Wir kamen vom Sozi-Hölzchen aufs CDU-Stöckchen, zählten uns gegenseitig sämtliche vermeintlichen Polit-Verfehlungen der vergangenen 10 bis 20 Jahre auf, redeten uns in Rage und schüttelten im Takt dazu die Köpfe über die da oben. Sie kennen das.

Ein Symbolfoto. Von gestern. Bei Waldhausen.

Ach!, seufzte ich ins allgemeine Lamento hinein, – ich seufze das immer, wenn ich nicht mehr weiterweiß -, ach, was soll man denn den Leuten sagen gegen ihre Politikverdrossenheit? Viel fällt mir da bald nicht mehr ein. Dann wurde die Entenbrust aufgetragen, wir versanken eine Weile in gefräßiges Schweigen, wie meine Urgroßmutter zu sagen pflegte, und wechselten danach das Thema.

In den kommenden Tagen habe ich ein bißchen über Politik nachgedacht, vor allem über die da unten. Die vor Ort. Macht man ja vielleicht viel zu selten, sowas. Ich dachte an die vielen kleinen Bürgermeister (und die paar Bürgermeisterinnen hierzulande) in ihren klitzekleinen Rathäusern (wenn ich das so sagen darf, als arrogante Berlinerin, naja, Sie wissen schon), in ihren Amtsstuben, die nicht selten noch den modrigen Charme der 60er und 70er verströmen. Mit einer Handvoll Mitarbeiter und für vergleichsweise moderates Gehalt reißen sie sich jeden Tag den Arsch auf, Sie verzeihen das Kraftwort, aber man kann es gar nicht anders sagen.

Sie kümmern sich um Kläranlagen und um Kindergärten, um Laternen und Latrinen, um Bauanträge, Bürgersteige, Nahversorgung, Grundversorgung, Einzelhandel und Verkehr. Um Kneippbecken und Grünanlagen. Um Flüchtlinge, Glasfaser und Gewerbesteuer, um Friedhof und um Leichenhalle, um Spielplätze und Hundekot. Ja, ich entnehme den ständigen Mahnungen im hiesigen Amtsblatt, dass auch Hundewürste immer wieder ein Thema sind, mit dem man sich im Rathaus herumzuschlagen hat, denken Sie bitte daran, wenn ihr Fiffi beim nächsten Mal seinen Haufen in andrer Leuts Vorgarten oder auf ein Urnengrab (sic) setzt, das kann doch nicht so schwer sein, Himmelherrgottsakranocheemool.

Und noch eines zeichnet die braven Bürgermeister hierzulande aus. Sie treffen ihre Wähler täglich, und das ist manchmal vielleicht auch nur so halb-lustig. Beim Bäcker und beim Metzger sowieso, dazu beim Vereinsfest, bei der Züchterschau, beim Jubiläumsturnen der Damengymnastikgruppe, beim Geburtstag des Pfarrers, bei der Blasmusik, beim Chorfest, auf dem Sportplatz. Überall dort, wo Bürgermeister semi-freiwillig ihre Abende und ihre Wochenenden verbringen, während unsereiner auf dem Sofa hockt und in die Glotze glotzt und über die da oben schimpft.

Von Ortschafts- und Gemeinderäten will ich da noch gar nicht reden, von all jenen, die das auch noch ehrenamtlich machen, sich zur Wahl stellen und dabei riskieren, abgewatscht zu werden, dann Akten wälzen, Sitzungen absitzen, sich sehen lassen, sich beschimpfen lassen.

Sie ahnen, worauf ich hinauswill? Politikverdrossenheit hin oder her – vergessen Sie doch einfach die da oben. Oder von mir aus: empören Sie sich. Aber gucken Sie auch ein paar Etagen tiefer. Richtung Rathaus. Richtung Gemeinderat, Richtung Dorf. Wenn Ihrer Ansicht nach irgendwas grundlegend schief läuft, dann engagieren Sie sich gefälligst. Mikrokosmos im Makrokosmos, Sie wissen schon. Vor Ort. Da, wo man was ändern kann. Kann man, glauben Sie mir. Möglichkeiten gibts genug, nun stellen Sie sich nicht so an. Ortschaftsrat, Gemeinderat, Kirche, Vereine, Sie werden schon was finden. Auf jeden Fall engagierte, motivierte Mitstreiter. Das tut ja schon mal gut genug bei all der Maulerei der 82 Millionen Spitzenpolitiker, die im Moment in Deutschland mitreden, mitmaulen und mitregieren wollen. Und dann: einfach machen.

Botschaft angekommen?

Bitte. Danke. Ende der Gardinenpredigt.

Himmelherrgottsakranocheemool.

 

 

 

 

 

9 Kommentare

  1. dem ist gar nichts hinzuzufügen ..
    meckern ist ja so einfach
    da muss man den Hintern nicht hochbekommen
    selber machen und schauen ob man es besser kann ;)

    toller Beitrag

    liebe Grüße
    Rosi

  2. Als jemand, der das in einer Großstadt und in einer Metropolregion ehrenamtlich macht, finde ich diese Aufforderung naiv. Grundsätzlich würde es mir schon genügen, wenn mehr Menschen mehr als nur die Überschriften läsen, bevor sie sich zu etwas äußern. Oder wenn sie ein grundsätzliches Verständnis für Zusammenhänge, Interessen und Kompromisse jenseits von Verschwörungstheorien entwickelten. Oder einfach mehr gute Fragen stellten.
    Die Funktionsweise von Parteien und Verwaltung macht das effektive Mitmachen schwer und die unehrliche Finanzierung der Parteien durch Abgaben auch der kommunalen Mandatsträger erschwert das Etablieren von neuen. Daran dürfte sich einerseits gern etwas ändern. andererseits hat ein selbststabilisierendes System ja auch seine Vorteile, gerade in Zeiten zunehmenden Extremismusses.
    Und etwas mehr Interesse der Medien jenseits von Bratwurstjournalismus, PR und skandalträchtiger Schlagzeilen könnte in vielen Regionen auch nicht schaden. Zumindest dort, wo es noch Redaktionen gibt.
    Es darf sich also gern jeder an die eigene Nase fassen, aber einfach machen führt nur zu Frust oder Verrat an den eigenen noblen Zielen.

    • Ich kann da nichts Naives erkennen. Zumindest hier auf dem Land ist das nicht naiv, sondern tägliche Praxis. Weil hier aber natürlich auch die Wege kurz, die Türen der Verwaltungen immer und jedem offenstehen. In der Stadt ist das sicher schwieriger. Aber auch da gibts die berühmten niederschwelligen Möglichkeiten, sich einzubringen, in Stadtteilvereinen, irgendwelchen Fördervereinen, was weiß ich wo. Es muß ja nicht gleich etwas auf den ersten Blick Politisches sein. Im Übrigen weiß ich nicht, was Bratwurstjournalismus ist, aber ich kenne wohl den Kaninchenzüchterjournalismus. Den mag man belächeln, aber gleichzeitig stärkt der eben genau das: das ehrenamtliche Engagement ganz Vieler, das dadurch immer wieder ins Rampenlicht gerückt wird, und zwar ohne skandalträchtige Überschriften und Klickschlampenjournalismus.

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