Must-haves.

Es gibt Dinge, von denen wusste ich damals, als ich noch in der Großstadt lebte, nicht einmal, dass sie existieren. Geschweige denn, wofür man sie verwenden sollte. Dinge, ohne die ein Überleben auf dem Lande aber schlechterdings unmöglich ist.

Heute: Fliegenklatschen.

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Ich erinnere mich an eine elegante Freundin meiner Großmutter in Berlin. Die Dame trug im Sommer stets einen Fächer bei sich, was mich sehr beeindruckte. Der bunt bestickte Fächer war, so schien es mir, ununterbrochen im Einsatz, er wurde gewedelt und geschwenkt, und wenn er einmal nicht gebraucht wurde, dann baumelte er friedlich und mit einem Kettchen festgemacht am runzeligen Handgelenk der alten Dame.

So in etwa müssen Sie sich das im Odenwald auch vorstellen, nur müssen Sie Fächer durch Fliegenklatsche ersetzen. Heiß genug für einen Fächer ist es in normalen Jahre eher selten, Badisch-Sibirien trägt seinen Namen nicht umsonst, dafür erleben wir hier sommers eine Invasion der Fliegen. Und wenn wir Invasion sagen, meinen wir auch Invasion.

So wird die Fliegenklatsche zum unentbehrlichen Accessoire des Landmenschen. Ich habe auch in dieser Hinsicht viel von der alten Else Bungenstab gelernt. Die dicke Frau in ihrer Kittelschürze, Gott hab sie selig, Else Bungenstab also saß völlig regungslos am Küchentisch, wie versteinert sah sie aus, in der Hand die Fliegenklatsche, die zwischen Mai und September an ihr festgewachsen schien. So regungslos saß die alte Bungenstab, dass nur das leichte Zucken, das geradezu aufreizende, winzige Wippen der Fliegenklatsche einen ahnen ließ, dass die Frau am Leben war und hellwach am Treiben in der Küche teilnahm. Es war die Ruhe vor dem Sturm, die sie so sitzen ließ.

Und plötzlich, ZACK!, schnellte die Fliegenklatsche auf den Tisch, auf Teller, Tassen, Tortenstücke. Und nochmal ZACK!, ZACK, ZACK!, Rückhand, Vorhand, Serve and Volley, die Klatsche sauste hernieder und erinnerte an die Glanzzeiten der Steffi Graf, die Trefferquote der Frau Bungenstab war dabei absolut bewundernswert, ich habe, wie gesagt, von ihr sehr viel gelernt. Wortlos wurden nach einer letzten geschmetterten Vorhand die Fliegenleichen mit einem Wisch vom Tisch gewischt, mit einem Gesichtsausdruck, der eiskalte Entschlossenheit ausdrücken sollte, hunderte von Leichen kamen so zusammen, was sage ich: es waren vermutlich tausende.

Auch bei uns liegen die Fliegenklatschen im Sommer immer in erreichbarer Nähe, und eine immer auf dem Esstisch. Ich gebe zu, in alten Berliner Zeiten wäre mir das – wie soll ich sagen – zumindest befremdlich vorgekommen, eine Fliegenklatsche auf dem Mittagstisch, die Reste der Fliegenbeine, Fliegenköpfe kleben in den Ritzen, wir können schließlich nicht nach jedem Mord die Fliegenklatsche putzen. Sie liegt da also neben Tafelsilber und Kristall, die Mordwaffe neben dem Essbesteck. Zimperlich darf halt nicht sein, wer auf dem Land lebt.

Den echten Landmenschen – das noch als Tipp zum guten Schluss – erkennt man übrigens daran, dass er die ganze Klatscherei mit keinem Wort erwähnt. Sie gehört einfach dazu im Sommer, nicht der Rede wert. Kommen Sie also jemals in die Verlegenheit, hierzulande an einem Tisch mit mehreren Personen zu sitzen, die sich unterhalten, dann ignorieren sie das DauerKlatschen und das Morden einfach ganz gelassen. Sprechen Sie ruhig weiter, als wäre nichts geschehen. Meine Frau hatte ja jetzt ZACK! diese böse Zahnoperation ZACK!…ZACK! und die Medikamente KLATSCH! hat sie nicht vertragen, wir mussten sie ZACK! mit dem Notarzt PATSCH! in die Klinik fahren. 

Überreagieren Sie auch nicht, wenn Sie selbst zum Ziel der Fliegenklatsche werden. Die Umsitzenden wollen nur Ihr Bestes und handeln im Übrigen wie aus einem angeborenen Reflex heraus.

Reden Sie einfach ZACK! weiter. So, PATSCH!, als wäre nichts geschehen.

 

 

 

P.S. Diesen Beitrag habe ich hier vor zwei Jahren schon mal veröffentlicht, ich musste ihn jetzt aus dem Archiv wieder hervorkramen. Aus Gründen. Naja, Sie wissen schon.

*klatschend und mordend ab*

 

 

 

 

24 Kommentare

  1. Ein klasse Fliegenklatscheaufsatz, sah mich gerade beim Essen im Omas Küche
    Sitzen, warst du auch dabei???? Wir müssen heute eine kaufen gehen, liegt
    Keine bereit in der Ferienwohnung…..

  2. Klasse beschrieben, ich lach mich scheckig…
    Ja, so ist es wohl.
    Wir wohnen hier auch dörflich und besitzen Fliegenklatschen.
    Da wir diese aber nicht am Handgelenk festbinden,
    ist meistens keine zur Hand, wenn wir wirklich eine PATSCH brauchen.
    Dann sind wir wohl so eine Mischform aus Stadt- und Landmensch?
    Liebe Grüße!

    • Ja, das ist so eine Art Anfängerfehler, täte ich sagen. Ihr habt vielleicht noch nicht genug Klatschen, um sie wirklich überall verteilen zu können.

  3. Kennst Du die elektrische Variante ?

    In Belgien werden die sogar ohne das Sicherheitsgitter verkauft und sie sind höllisch wirksam, ohne die doofen Flecken und das ganze andere Zeugs zu hinterlassen. Sie heißen dort ´Foetsies´ und sind angeblich(?) in Deutschland verboten.

    Bei Amazon gibt es welche. ACHTUNG! Die Kommentare (mehr als 260) zu dem Artikel sind nicht ganz ohne …

    • Ja, das habe ich neulich schon mal bei irgendwem gesehen… aber es hat mich noch nicht überzeugt. Außerdem mag ich das Knistern nicht, wenn die Fliege usw. Aber die Kommentare werde ich mal durchlesen.

  4. Sehr schön beschrieben, ich sehe die Situation direkt vor mir!
    Wir haben bei der Großtante in den Sommerferien die gemordeten Fliegen immer an das jeweilige Küken oder Entchen mit dem gebrochenen Beinchen verfüttert. Ich glaube, es wurde nicht gut vertragen, vielleicht zu viel Protein? Jedenfalls überlebten es die gehätschelten Tierchen nicht lange.

  5. Ach was. Fliegenklatsche. Eine zusammengerollte Zeitung, ein Buch, der Prospekt der Pizzeria, bei der sowieso niemand etwas bestellt, der Schlappen, schnell vom Fuß gestreift und – Patsch. Siehste. Und: Mein Vater fängt bis heute die Fliegen gerne im Flug. Zeigt sie dann stolz. Erlegt. Und wirft sie schnöde auf den Boden, auf dass meine Mutter mit dem Besen etwas zu fegen habe.

        • Das können nicht nur Männer! Meine Tante Marri hat das auch nur so gehandhabt und es mir beigebracht. Leider bin ich in der Stadt etwas aus der Übung gekommen, und es klappt nur noch ab und an…
          Diesjahr gibt es nur sehr viel weniger Fliegen. Sind die alle bei euch?
          LG
          Astrid

  6. Super geschrieben! !! Einzige Anmerkung: Auf dem Land- und hier lebe ich- gibt es keine Fliegenklatsche. „Des sind Muggebadscha! “ ;)

      • Bi uns sind des „fliagedätscha“, ich erkundige mich mal, ob es hier
        Einen speziellen norddeutschen Audruck für diese Mordwaffe gibt.
        Habe gestern hier eine gekauft mit Lilablumenklatschmotiv und grünem
        Griff, finde es mordet sich leichter mit. Mein Mann hat sie im Laden
        Gleich ausprobieren müssen – Männer!

  7. Toll, wir haben uns amüsiert über den Text. Sind seit Jahren stolze Besitzer einer plastikfreien Fliegenklatsche mit Holzstiel und Lederlappen vorne dran, gab es mal auf dem Weihnachtsmarkt/Kunsthandwerkermarkt(?). Gibt erstaunlich wenig Flecken am Leder, so ein Vieh hat halt nicht viel Blut…

  8. Ich hab hier auf dem Schreibtisch eine Mini-Klatsche. Steckt bei den Stiften mit im Köcher und ist *PATSCH* schnell zu Hand. Manche Fliegen haben aber offenbar Erfahrung mit der Gattung Mensch – sobald ich Richtung Klatsche greife, entmaterialisieren sich die schlaueren Exemplare in Rauchwölkchen.

  9. grins…gab es im letzten Jahr als Sommer-Geschenk von der Apotheke. Wir brauchen aber keine…haben Fliegengitter an den Fenstern ;-)

  10. Ja, absolut notwendig, die Teile. Der Psycho-Hund hat nämlich eine Fliegen/Mücken/Wespen/Bienen/Spinnen-Phobie, daher muss das Haus vor dem abendlichen Nachhausekommen erstmal fliegen-/mücken-/etc.-frei gemacht werden. Und Fliegengitter, -netze, -vorhänge haben wir nun auch in diversen Ausführungen.

  11. Pingback: Tag der Arbeit. – LandLebenBlog

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