Volksfrömmigkeit.

21. Juni 2017

Das Wort von der „Volksfrömmigkeit“ kenne ich auch erst, seit ich auf dem Lande lebe. Und was sich dahinter verbirgt, habe ich im Lauf der Jahre Stück für Stück verstanden. Zumindest erahne ich es, so ganz nachempfinden kann man es vielleicht gar nicht, wenn man nicht mit dieser tiefen Volksfrömmigkeit aufgewachsen ist.

Und so nehme ich einmal mehr, halb staunend, halb neidisch, zur Kenntnis, welche Aufregung der Brand einer winzigen Kapelle verursacht hat, dieser Tage in Walldürn. Die kleine Kapelle hat die Ausmaße einer geräumigen Bushaltestelle, vier Kniebänke haben darin Platz, eine Mutter Gottes steht da, an den felsenartigen Wänden viele kleine Bilder, und irgendwo ein Rosenkranz. Ganz Walldürn scheint in heller Aufregung, die Zeitungen sind voll von der Geschichte, das Feuer in der Wallfahrtstadt schlägt solche Wellen, dass die Story es sogar bis zu spiegel-online schafft.

Als ich als rasende Reporterin an den Ort des Geschehens gerast bin, ist das Feuer längst gelöscht, nicht einmal zwei Stunden dauerte der Einsatz, dann liegt der Wallfahrtsplatz wieder still und menschenleer in der Morgensonne. Oben, ein paar hundert Meter von der großen Wallfahrtsbasilika entfernt, an der kleinen ausgebrannten Kapelle, schauen Anwohner durch die Absperrungen der Feuerwehr auf die verrußte Mutter Gottes und den zerstörten Andachtsraum, mit betroffenen Gesichtern und einem tiefen Seufzen.

Noch gar nicht lange her, da wurde die kleine Kapelle saniert, viele in Walldürn haben dafür Geld gespendet, die Kapelle gehört zum Leben in Walldürn dazu, 365 Tage im Jahr, sagt ein Mitarbeiter des Rathauses. Als Ort der stillen Andacht, des Gebetes. 

Unglaublich, dass die Mutter Gottes das Feuer überstanden hat, sagen die Leute. Sie sei aus Porzellan, steht in der Zeitung. Nein, sie ist aus Gips, flüstert mir einer zu, und jetzt, mit all dem Löschwasser im Körper, wird sie vielleicht ein bißchen dicker. Und dann lächelt er verlegen, weil er auch nicht so recht weiß, was er davon halten soll.

 

 

  • 2 Kommentare
  • ina 21. Juni 2017
    Antworten

    In einem Landstrich, der sich selbst als Madonnenländle bezeichnet geht das gar nicht anders.
    Ein großer Verlust. Das ist fast wie ein Brexit für die Dürener…

  • Rosi 21. Juni 2017
    Antworten

    oh jee..
    jeder Brand ist schlimm
    und etwas was man selber mit finanziert und gestaltet hat ist einem dann noch mehr ans Herz gewachsen
    nun müssen sie wieder Spenden sammeln um das Kapellchen herzurichten
    hoffentlich war es keine Brandstiftung
    leider muss man heut zu Tage auch so etwas in Betracht ziehen

    liebe Grüße
    Rosi

  • Antworten auf ina Abbrechen

Vorheriger Artikel Unterwelt.
Nächster Artikel Flaschenkinder.