Sonntagmorgen, 6 Uhr 30, ich sitze mit dem Kaffee bei Kerzenschein im dunklen Zimmer, vor dem Fenster brummt der erste Traktor durch die Dämmerung. Wenige Minuten später kommt er wieder vorbei, in entgegengesetzte Richtung, mit einem riesigen Heuballen auf der Gabel, der – wie von Zauberhand – erhaben und scheinbar schwerelos an meinem Fenster vorbeigleitet. Wie so eine etwas rundliche Ballerina, die der Tanzpartner mit seinen starken, ausgestreckten Armen hoch über seinen Kopf hebt und eilig über die Bühne trägt, Freunde des klassischen Balletts kennen das. Allerheiligen hin oder her, wenn das Vieh im Stall Hunger hat, sind die Viehhalter die Allereiligsten.
(Wenn ich das richtig verstanden habe, mussten sich die Landwirte früher die Arbeit an Sonn- und Feiertagen von der Kanzel herab erstmal genehmigen lassen, aber ich glaube, diese Zeiten sind vorbei.)
Vor Allerheiligen ist Halloween, aber weil das seit vielen Jahren im Dorf keine Rolle mehr zu spielen schien, sind wir nicht vorbereitet. In der Vergangenheit hatte ich immer ein kleines Lager mit Gummibärchen und Schokokram angelegt, um gewappnet zu sein, und am Ende aß ich den ganzen Kram alleine, weil weder kleine noch große Monster und Schreckgestalten geklingelt hatten.
Diesmal also: nix Gummibärchen, nix Schokokram, und prompt klingelt es zu vergleichsweise später Stunde an der Tür. Davor stehen zwei Jungs, halb jugendlich, halb Kind, ohne jede furchterregende Verkleidung, ganz und gar in harmlosem Zivil, mit den Händen in den Hosentaschen und murmeln irgendwas von wegen Süßes oder Saures.
Ich entschuldige mich wortreich, weil wir nix da haben, nach all den Erfahrungen der letzten Jahre, und ich denke gleichzeitig bei mir Also, echt, Leute, Ihr hättet Euch ja wenigstens die Mühe des Verkleidens machen können, aber vielleicht ist das auch die vielzitierte Work-Life-Balance der Jugend von heute, und vielleicht ist das auch irgendwie beneidenswert, Naja, Sie wissen schon.
Im Prinzip lehne ich Halloween natürlich ab, amerikanische Geschäftemachererei, Konsumkommerz undsoweiterundsoweiter, und im ersten Jahr im Dorf habe ich den klingelnden Monstern und Gestalten mit streng-protestantischem Blick erklärt, dass in diesem unserem Haus nicht Halloween, sondern Reformationstag gefeiert werde; aber das war ja nun auch wirklich saublöd von mir, das sehe ich inzwischen ein. Also: im nächsten Jahr wieder Gummibären und Schokokram bereithalten. Lektion gelernt.
Ja, an Halloween geht kein Weg mehr vorbei, egal wie man dazu steht! In unserem kleinen Dorf auf der anderen Seite des Neckars ist es inzwischen so, dass die Kinder nicht mehr an den Türen klingeln, um das vorgespielte Erschrecken der Türöffner zu genießen und ihr Sprüchlein zu sagen. Nein, seit ein paar Jahren kündigt man in der Dorf-WhatsApp-Gruppe an, wo etwas für die Kinder vor der Türe steht, so als wolle man sich nicht beim gemütlichen Fernsehabend stören lassen und den Kontakt zu den furchterregenden Gestalten vermeiden. Schade eigentlich. Bei uns, die wir nicht angekündigt hatten, dass wir entspr. „Proviant“ parat hatten, kam genau eine kleine Kindergruppe vorbei (und hinterließ die hastig geöffnete Verpackung eines Schokoriegels).
Das Foto gehört zu den besten, die ich hier bei Dir gesehen habe. Farben, Linien, Komposition, Lichtstimmung, alles top!!
Ja, das Bild ist einfach Klasse — mir gefallen ganz besonders die Farben des Himmels.
Schönen Sonntag-Abend!