Es gibt Tage, an denen gehe ich nicht etwa spazieren oder mit den Hunden raus, sondern Himmel knipsen. Gestern war wieder so ein Tag, und deswegen habe ich Ihnen ein bisschen Odenwälder Himmel mitgebracht. Der wirkt auf mich immer stimmungsaufhellend, falls es Ihnen auch so geht, bitte sehr, umso besser.


Und wie ich da so herumgestolpert bin, zwischen Himmel und Wolken, musste ich an den 2. Oktober 1990 denken, und damit ja irgendwie auch an den 3. Oktober 1990, den Tag der Deutschen Einheit, in den wir damals reingefeiert haben in Berlin.
Ich war in dieser denkwürdigen Nacht nicht am oder vor dem – , sondern im Reichstagsgebäude, der damalige Mann an meiner Seite war offiziell als Gast dort und nahm mich netterweise mit. Mich, die ich seit jeher eine glühende Anhängerin der Deutschen Wiedervereinigung war – und es tatsächlich bis heute bin. (Sie kennen Radio Eriwan: Im Prinzip ja. Aber…)

Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an diese denkwürdige Nacht, in der um 0 Uhr also die Wiedervereinigung besiegelt war und eine Fahne vor dem Reichstag gehisst wurde, gefühlte 50 qm groß. Na, hoffentlich verheddert sich da nix, das würde jetzt ja grad noch fehlen, dachte ich beim Anblick des schwarz-rot-goldenen Stoffes und sah vor meinem geistigen Auge schon einen der Fahnenträger stolpern und fallen, er zieht die Fahne mit sich zu Boden und alle anderen Fahnenträger purzeln nacheinander übereinander, und die ganze schöne Fahne im Dreck, oder der Fahnenmast kippt um mit Getöse, – ich habe jedenfalls in historischen Momenten immer einen besonderen Hang zu unpassenden Gedanken.
Willy Brandt und Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker sangen Einigkeit und Recht und Freiheit, ich sah sie nur entfernt von hinten, weil ich ja im Gebäude war und sie draußen standen, vor einer gigantischen glücklichen Menschenmenge. Alles jubelte, und dann gab es ein Feuerwerk.
Ich verfolgte das alles nur so am Rande, durch die geöffneten Fenster und Türen, denn ich war ja – wie viele der geladenen Gäste – im Gebäude geblieben und stand da nun so herum, in diesen historischen Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990.

Mit mir herum standen der Herr Eppelmann und der Herr Thierse, einer von beiden im grünen Parka, das ist mir im Gedächtnis geblieben. Auch Rita Süßmuth stand drinnen herum, die fand ich toll. Wir kamen alle miteinander ein bisschen ins Gespräch über Belanglosigkeiten. Als würden wir das eigentliche Thema des Abends vermeiden wollen. Die Stimmung fühlte sich für mich an wie Na, wenn das mal alles gutgeht, während draußen vor dem Reichtags frenetisch gefeiert und gejubelt wurde und zwei deutsche Staaten sich in einen verwandelten.
Auch Chris de Burgh stand irgendwann neben mir herum, er war für die Musik zum Einheits-Fest zuständig und deshalb auch zum Einheits-Festakt eingeladen. Ich war maximal beeindruckt, denke aber seit diesem historischen Tag vor nunmehr 36 Jahren darüber nach: Wieso ausgerechnet Chris de Burgh?
Gestern beim Wolkenknipsen – und beim Nachdenken über das historische Datum – dann ein Gedankenblitz aus heiterem Himmel. Chris de Burgh, sein Welthit und die Wiedervereinigung. Don’t Pay The Ferryman. Gib bloß dem Fährmann kein Geld, bevor er Dich nicht sicher ans andere Ufer gebracht hat. Leg nicht mal einen Preis fest! Don’t Pay The Ferryman – don’t even fix a price!, before he gets you to the other side!
Wer weiß, was einem bei dieser Fahrt über den Fluss erwartet? Wie wird das Wetter, und wo sind die gefährlichen Strömungen? Am Ende geht das Boot unter, und wir ertrinken alle jämmerlich. Oder landen glücklich am anderen Ufer, in blühenden Landschaften, und freuen uns des Lebens? Tja, wenn man das nur vorher wüsste!
Können Sie meiner Chris-de-Burgh-Wiedervereinigungs-These folgen?? Jahahaaaa, ich glaube, ich bin da etwas ganz Großem auf der Spur.
Ich erinnere mich noch gut an den 9.11.1989. Da hatte ich gerade die Premiere unseres Mittelstufentheaterstücks „Jenseits des Regenbogens“ überstanden – irgendwas mit ökologischen und biblischen Untertönen und Anklage der Konsumgesellschaft etc. pp. Meine Mutter holte mich ab, und während ich einstieg, sagte sie: „Katja, die Mauer ist gefallen!“ Ich schnitt mir die entsprechende Meldung am nächsten Tag aus der Zeitung aus und klebte sie mir ins Tagebuch. An den 3.10.90 erinnere ich mich spontan nicht. Aber ich muss gestehen: 15-16 sein war damals irgendwie noch viel spannender als die Wiedervereinigung.
Bitte weiter Himmel knipsen. Wunderschön! Wir brauchen alles, was Herz und Auge erfreut.
Vielen Dank für die Himmelfotos und vielen Dank für Ihre Erinnerungen an den 3.10.1990.
Herzliche Grüße aus dem Norden.
Andrea