Tiefer Winter im Odenwald; und am Katzenbuckel, dem höchsten Berg in eben jenem Odenwald, ist die sprichwörtliche Hölle los. Der Rodelhang ist überfüllt, die Straße hinauf verstopft, die Leute rodeln, als gäbe es kein Morgen. Bis die Grasnarbe rausguckt.

Aus der Ferne sieht es aus wie ein bunter Ameisenhaufen, kleine rote, grüne, gelbe Pünktchen sausen kreuz und quer von oben nach unten, andere hellblaue, rote und buntgemusterte Pünktchen bewegen sich wie eine kleine Karawane stapfend von unten nach oben, der Wind trägt spitze Schreie und Gelächter herüber, piepsige Stimmchen und die dunkleren Stimmen von besorgten oder genervten Vätern und Müttern.

Ich erinnere mich an viele Berliner Winter mit Schnee, und an den Rodelhang vor der Haustür. Der Brixplatz in Berlin-Westend war wie gemacht zum Rodeln, ein trichterförmiges grünes Gelände mit schräg abfallenden Hängen, die auf zwei kleine Seen zuliefen. Wer mit ordentlich Karacho die Hänge runterfuhr, landete auf der zugefrorenen Wasserfläche, auf der sich die Schlittschuhläufer tummelten, oder unser Nachbar, der Zahnarzt, mit uns Eishockey spielte. Wenn man mit ordentlich Karacho die Hänge runterfuhr und die Wasserfläche nicht zugefroren war, hatte man Pech oder ließ sich rechtzeitig vom Schlitten fallen, bevor der im Wasser landete. Was uns nicht umbrachte, machte uns stark.

Ich erinnere mich an durchnässte Schuhe und Strümpfe, an klamme Handschuhe, an kratzende Wollmützen, die auf nassgeschwitzten Haaren klebten. Die Kinder aus besserem Hause hatten Schneeanzüge, die schick und teuer aussahen und bei jeder Bewegung raschelten; wir anderen fuhren in Jeans mit warmer Unterwäsche drunter. Die Kinder aus besserem Hause hatten moderne Plastik-Rennschlitten in Signalfarben, manche sogar mit einem Lenkrad, wir anderen hatten die alten Holzdinger mit Kufen.

Ich erinnere mich an die Fahrten in Kolonne, wenn wir drei, vier Schlitten mit den Schnüren aneinanderknüpften, an Zusammenstöße, Gelächter, Geschrei und wilde Flüche, und an den Heimweg, wenn wir – manchmal schon lange nach Einbruch der Dunkelheit – mit hochroten Köpfen erschöpft den Schlitten durch den Schnee und über den freigeräumten Fußweg nach Hause zogen und im Keller des Mietshauses deponierten, weil Muttern mit dem Abendessen wartete.

Die Könner fuhren natürlich nicht im Sitzen, sondern bäuchlings auf dem Schlitten, mit dem Kopf vorneweg. Mein großer Bruder brachte mir das eines Tages bei, ich war damals noch sehr klein, aber offenbar schon todesmutig. Und so begeistert von meinen neuen Fähigkeiten, dass ich vor lauter Aufregung gar keine Ruhe fand beim mütterlicherseits verordneten Mittagsschlaf.

Ich kletterte stattdessen aus dem Gitterbett (ich muss tatsächlich noch sehr klein gewesen sein), vorbei an der mittags-schlafenden Mutter, und machte mich in Feinripp-Unterwäsche und mit dem im Keller abgestellten Schlitten auf die Socken, Richtung Rodelhang. Ja, auf die Socken, ich hatte nicht mal Hausschuhe an. Und Mittagsschlaf wurde meiner Meinung nach ohnehin völlig überbewertet.

Das verlassene Gitterbett sorgte daheim jedenfalls bereits nach kurzer Zeit für eine gewisse Aufregung, um es mal vorsichtig zu formulieren. Jedenfalls schickte man, warum auch immer, wiederum meinen großen Bruder, der einem Instinkt folgend als erstes am Rodelhang nach mir suchte und mich dort durchnässt, aber glücklich und mit rotglühendem Kopf einsammelte.

Daran muss ich denken, wenn ich all die kreischenden Kinder am Katzenbuckel sehe. So viel Begeisterung, so viel Glück. Vielleicht mal wieder rodeln gehen? Erstmal einen Schlitten organisieren, ich besitze sowas gar nicht mehr. Dann los, keuchend da hochstapfen, und dann runtersausen und für einen Moment alles andere vergessen. Muss ja nicht in Feinripp-Unterwäsche und auf Socken sein.

So tun, als wäre man noch mal Kind. Als bestünde die einzige Herausforderung im Leben darin, möglichst schnell und möglichst heil den Rodelhang runterzusausen. Als bestünde die ganze Welt nur aus Schnee, einem Hang und einem Schlitten.

Naja, Sie wissen schon.

10 Kommentare zu “Schlitten fahren.”

  1. Einen Moment lang dachte ich nach dem Lesen, dass wir uns kennen könnten. Genauso lief nämlich auch meine Kindheit ab. Doch dann war mir schnell klar, dass wohl alle Kinder damals diese Fahrten mit aneinander gehängten Schlitten machten. Hunderte von Metern ging es einen Wanderweg mehr oder weniger steil abwärts, immer am Rande der abfallenden Böschung. Angst? Pfffft…. Danach wurden die Schlitten wieder hochgezogen und die Fahrt begann von neuem.
    Heute ist da ein Wohngebiet, keine Chance mehr zum Rodeln.
    Danke für die schönen Erinnerungen.

  2. Meinem Vor-Schreiber schließe ich mich inhaltlich in vollem Umfang an. Und: Danke für die wunderbare Sprache und die Begriffe!

  3. Als Kind hatte ich den Luxus von zwei Rodelhängen direkt neben unserem Haus und einem etwas anspruchsvolleren gegenüber. (Ja, der Odenwald – Hügel und Hügelchen hat es (zumindest hier im vorderen Teil) ja massenweise.) Diese Hänge sind nicht mehr befahrbar: Auf einem hatte Anfang der 2000er unser heutiger Nachbar gebaut, auf der anderen Seite wurde auch irgendwann gebaut, und den Rest bedecken heute Büsche und Bäume. Und gegenüber sind inzwischen nicht mehr Kuhwiesen, die im Winter leer standen, sondern alljährlich genutzte Pferdewiesen. Schade, denn der Hang gegenüber hatte eine beeindruckende Bodenwelle, die schöne Sprünge erlaubte. Für Nervenkitzel sorgte der Stacheldrahtzaun am unteren Ende.

    Weniger gerne erinnere ich mich daran, dass wir in der 5. oder 6. Klasse unsere Schlitten auf Geheiß der damaligen Klassenlehrerin unserer Schlitten von der Schule bis auf die Tromm hochziehen mussten – immerhin mehr als 400 Höhenmeter. Dann sollten wir die schmaleren Wege runterbrettern, heute sind das Mountainbike-Strecken, also steil und mit vielen Wurzeln und Steinen, die im Weg lagen. Das hat keinen Spaß gemacht.

  4. Ich lach mich weg. Ach wunderbar, vielen Dank für die herrliche Erzählung.
    Ich erinnere mich an einen (den einzigen…) Winterurlaub mit Mutter und Freunden im verschneiten Schwarzwald und die Erwachsenen hatten Schlitten VERGESSEN. Wir haben den Tisch einer Biertischgarnitur aufgeklappt, umgedreht und sind die Hänge zwischen Bäumen mit tollen Bodenwellen (boah, das würde ich heute nicht mehr wollen/können/trauen) runter und kurz vorm Bach rollte einer rechts, eine links runter und der Tisch stand hochkant unten im Wasser. Wieder hochzerren und wieder von vorne….. Rodeln ist klasse. Kicherige Grüße vom verregneten Rhein. Eva

  5. Alsi wenn Du unbedingt rodeln möchtest: Ich hätte noch 2 Holzschlitten mit Kufen. Mit denen kann man sogar noch fahren ;-)

  6. Man muss die Schneefeste schließlich feiern, wie sie fallen.
    An Tagen wie diesen überlege auch ich, ein schneefahrtaugliches Teil zu kaufen. Ein bisschen Kindsein hat, das sehe ich ebenfalls so, noch nie geschadet. Doch da sich der Winter in Tallagen ansonst eher auf wenige Tage reduziert, lass ich es bleiben und erfreue mich lieber am bunten Treiben der Kinder.
    In ein bisschen mehr gehüllt als in Feinripp und Socken, bestens ausgerüstet mit wärmender Hose und gutem Pullover, grüße ich herzlich ins Nachbarland!

  7. Holzschlitten sind die Besten! Sag Bescheid, wenn du rodeln gehst, ich komme sofort mit! 🛷 und hinterher bauen wir einen Schneemann ⛄️

  8. Mein späterer Mann und ich haben uns auf dem Rodelschlitten (mit Kufen) verliebt. Kohlhof in Heidelberg. Es war schon Mitternacht und wir Anfang 30. Das waren Zeiten…

    Herzliche Grüße aus dem winterlichen Nordschwarzwald,
    Beate

  9. Den Kufenschlitten aus Kindertagen habe ich immer noch, der ist irgendwo ganz hinten im Schuppen. Und der Rodelhang, auf dem wir als Kinder rodelten, endete unten in einem Wäldchen. So mancher ist da ins Unterholz gerauscht, wenn er nicht bremsen konnte. Ist mir natürlich niemals nie nicht passiert, war ja von Anfang an schon Profi…

  10. In den Fünfziger- /Anfang Sechzigerjahren hatten wir noch dünne Winterschuhe ohne Futter. Wenn wir stundenlang gerodelt hatten, waren die Füsse fast abgefroren. Mein Vater öffnete uns die Haustür und fragte immer als Erstes: „Wer traut sich barfuß durch den Schnee zum Nachbarn zu laufen?“ Alle schrien „ICH!“ und rasten nochmal los. Mit heißen Füßen saßen wir dann um den Abendbrottisch und schliefen oft beim Essen ein. Glück der Kindheit!

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