Weil dieser Blog hier auch einen expliziten Serviceauftrag hat, war ich für Sie im Wald. Bei Regen und Nebel. Stellvertretend quasi, dann müssen Sie schon mal nicht raus. Ich finde das ausgesprochen nett und aufopferungsvoll von mir, Sie hoffentlich auch.

Alle Fotos: Wald hinter Wagenschwend Richtung Mülbener See, naja, Sie wissen schon.

Zugegebenermaßen hat das aber auch die freundliche Hausärztin geraten, viel schlafen, regelmäßig essen, viel Bewegung an der frischen Luft, dann wird der Kopf wieder frei, hat sie gesagt.

Also raus in den Wald. Wetter egal. Der Stille zuhören und dem leisen Knistern der Regentropfen auf den Blättern, sich zwischen den alten Bäumen geborgen fühlen, und auf dem sattgrünen Moos, dem rostroten Laub und den kleinen Blaubeerzweigen zuhause. Immer wieder anhalten, rumschauen, Kamera einstellen, die Eindrücke festzuhalten versuchen. Die Zeit verfliegt und bleibt gleichzeitig stehen, die Jacke wird nass und nasser, aber ich merke es nicht. Ein Eichelhäher schimpft, und ganz in der vernebelten Ferne fliegen schnatternd Enten vorbei, Richtung See.

Mit dem überfüllten Kopf ist es wie mit dem Abflussrohr im Haus. Weil das seit Tagen verstopft ist, gibt es merkwürdige Geräusche und Gerüche, manchmal fängt es an zu blubbern, und dann kommt die ganze trübe Brühe oben aus der Spüle wieder raus; es ist, als würge der übersättigte Siphon die Essensreste der vergangenen zwei Wochen und das ganze Elend dieser Welt wieder hoch, in der stinkenden Brühe schwimmen kleine Bröckchen, und fröhliche Fettaugen drehen sich um sich selbst. Da kannste ja eine Suppe draus kochen, sagt der Gatte und glotzt in die graue Flüssigkeit wie seinerzeit Narziss in das klare Wasser einer Quelle; mir vergeht der Appetit.

Weil alles nichts hilft und wir schon sämtliche Hausmittel durchgespielt haben, rufen wir die Rohrfrei-Firma unseres Vertrauens, zwei freundliches Kerle kommen sofort und unterziehen das gesamte Rohrsystem im Haus einer genauen Untersuchung mit digitaler Kamera und analoger Stocherei mit einer metallenen Spirale. Dann irgendwann Wasser marsch!, mit hohem Druck, es gurgelt und müffelt und blubbert und schmatzt, und Zack!, alle Rohre wieder frei.

Da hat sich über die Jahre ja ganz schön was angesammelt, sagt der eine Rohrmann fachmännisch. Ein Satz, der das Zeug zur Lebensphilosophie hätte, befinde ich ich insgeheim. Und stehe staunend und ein bisschen neidisch daneben.

Aber Waldspaziergänge helfen auch. Glauben Sie mir.

4 Kommentare zu “Verstopfungsphilosophie.”

  1. Da muss oben ein Warntext drüber, dass die nachfolgenden Bilder Depressionen auslösen können. Regen, Nebel, nasse Jacke: Da retten der Häher und die Enten den Tag auch nicht mehr. Wär’s bei solchen Themen vielleicht möglich, am Ende ein Sommerfoto aus dem Archiv zu bringen? So als kleinen Lichtblick.

  2. Ah! So schöne Fotos! Danke dafür! Bei mir lösen sie bestimmt keine Depressionen aus, weil Nebel in der großen Stadt praktisch nicht vorkommt und ich das sehr gerne auch mal wieder sehen und erleben und vor allem auch riechen würde!

  3. Ich sage immer: Ohne meine tägliche Zeit im Wald würde ich verrückt werden. (Sah übrigens heute hier tief im Westen des Odenwalds ganz ähnlich aus).
    Ich habe sogar den nahen Trommrücken mit einem Doktortitel geadelt und gesagt, wenn es hart auf hart kommt, helfen immer ein paar Stunden bei Dr. Tromm.
    Inzwischen hat es diese Idee schon in die örtliche Sagenwelt geschafft und wird in Mundart auf dem Trommturm verkündet. („Mer gajin zu de Fraa Drumm zum Kraft toange und die Soije vergesse“, siehe https://www.youtube.com/watch?v=189W19vlEyM)
    Bin ein bisschen stolz auf mich, auch wenn ich dabei als Ideengeberin verloren gegangen bin.
    Und mit dem Rohrsystem im Haus und denen in meiner Gefühlswelt ziehe ich auch manchmal Parallelen – besonders dann, wenn alles verstopft ist oder aber alles mal wieder überläuft.

    Liebe Grüße
    Katja

Schreibe einen Kommentar zu Karo Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert