„Du bist da wirklich ganz alleine.“

28. Juni 2020

Sollten wir nicht mal über Rassismus reden?, habe ich mich vor einiger Zeit gefragt. Über Rassismus auf dem Lande, hier in der Region? So kam ich auf Jamila aus der kleinen Stadt im Odenwald. Die Mutter, Elisabeth, ist eine Badenerin mit preußischen Wurzeln, Jamilas Vater kommt aus Nigeria.

Jamila sagt, grundsätzlich ist sie immer bereit, über das Thema Rassismus zu reden. Einerseits. Andererseits: Ich will Spaß haben und mein Leben unbeschwert genießen, so wie alle anderen Jugendlichen auch. Ich will mich nicht gezwungenermaßen mit Diskriminierung auseinandersetzen müssen.

Die 16jährige ist dann ins Gespräch gekommen mit Mutter Elisabeth. Darüber, dass Rassismus überall gleich ist, ob nun in der Großstadt oder in der vermeintlichen Provinz. Dass es aber eben doch einen Unterschied gibt: weil die Opfer und Zielscheiben von Rassismus auf dem Lande mitunter mutterseelenallein sind – und sich meistens auch so fühlen.   

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Ich wusste gar nicht, was das bedeutet: ‚Negerkind‘

Jamila: Früher waren es immer die Eltern von anderen Kindern, die einen irgendwie komisch angeguckt haben. Wenn ich rausgekommen bin zum Spielen, dann mussten die anderen Kinder ganz  plötzlich schlafen gehen oder rein zum Essen, und das jedes Mal. Wo ich mir schon so dachte: ok…? Woran liegt das jetzt??

Elisabeth: Im Kindergarten wurdest Du nie zum Spielen eigeladen von anderen Kindern, nie zum Geburtstag, und an Deinem Geburtstag sind Kinder, die eingeladen waren, oft gar nicht gekommen. Das hat mir auch wehgetan. Irgendwann hatten wir dann mit den sogenannten  „Biodeutschen“ gar nicht mehr so viel zu tun, sondern hauptsächlich mit Leuten mit Migrationshintergrund. Die hatten ja  ähnliche Probleme wie wir.

Jamila: Ich selber habe das ja als Kind ja nie wirklich gesehen, dass ich anders bin. Erst durch andere Menschen. Wenn einer zu seinem Kind gesagt hat: Spiel nicht mit dem Negerkind! Und ich dann dachte: Krass! Ich wusste ja gar nicht, was das bedeutet: Negerkind.

Elisabeth: Als ich schwanger war mit Dir, hab ich mich sehr gefreut. Ich bin nicht im Traum drauf gekommen, dass es irgendwie schlecht sein könnte, ein dunkelhäutiges Kind zu bekommen. Ich war überrascht über die Reaktionen, die dann kamen. An meinem Arbeitsplatz, im Privaten. Ich wurde zeitweise wirklich angefeindet, bei einer Weihnachtsfeier hieß es Da kommt se mit ihrem Negerbalg. 

An meiner Schule bin ich die einzige Dunkelhäutige bei 700 Schülern. Das fällt auf, klar.

Jamila: Aber noch schlimmer ist es doch, wenn Leute ihre Ablehnung nicht mal offen aussprechen. Wenn Du  einfach spürst, dass sie aufgrund meiner Hautfarbe so oder so reagieren. Und wenn ich das dann anspreche, dann heißt es, hey, das war doch nicht so gemeint, Du bist da überempfindlich und willst Dich doch nur wichtigmachen. Dabei ist das letzte, worüber ich mich profilieren will, meine Hautfarbe. Ich habe ja gerne Aufmerksamkeit, aber doch nicht über sowas.

An meiner Schule bin ich die einzige Dunkelhäutige bei 700 Schülern, das fällt auf, klar. Da gibt’s eben auch niemanden, der da mitfühlen oder das nachempfinden kann. Du bist da wirklich alleine. Alle anderen können das einfach nicht nachvollziehen.

Elisabeth: Wenn man die Einzige ist, die in so einer Situation ist, dann findet man nur selten Leute, die einen verstehen. Wenn ich das Thema ansprechen wollte, hieß es immer: Das hast Du Dir doch selber eingebrockt, nun mußt Du Dich nicht auch noch wichtig machen!  Und auch später hatte ich niemandem zum Reden, es hieß immer, Du hast es so gewollt, jetzt mußt Du die Suppe selber auslöffeln! Und alle, die gesagt hatten, dass die Beziehung zu Deinem Vater nicht funktionieren würde, die haben am Schluß nur gesagt: Siehste, das haben wir ja von Anfang an gewußt. Selber schuld. Ich musste meine Probleme da immer mit mir selber ausmachen.

Jamila: Ich hab immer das Gefühl, dass ich mich mehr anstrengen muß als alle anderen. Wenn ich mich wie ein Arschloch verhalte, dann ist es richtig, dass die anderen mich wie ein Arschloch behandeln, ok. Aber meine Hautfarbe sollte nie der Grund dafür sein, dass ich behandelt werde, als wäre ich eins. Das verstehen viele nicht. Ich will ja nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, und ich vertrage auch Kritik, aber ich kann das alles doch nicht mit der Hautfarbe begründen. Oder damit, aus welchem Land die Eltern von jemandem kommen. Ja, die ist halt schwarz!, das ist verletzend und nicht nicht in Ordnung. Ich erlebe das hauptsächlich in der Schule, und ich wünsche mir da mehr Rückhalt von Lehrern.

Es ist so ätzend, weil ich immer so alleine bin.

Es gibt da immer so kleine Situationen in der Schule: Wir gucken einen Film im Unterricht, und auf dem Bildschirm taucht jemand Dunkelhäutiges auf, und die ganze Klasse dreht sich um, Ey, guckma, der sieht aus wie Jamila! Oder wir reden im Geschichtsunterricht über Sklaverei. Und alle drehen sich zu Dir um und glotzen Dich an. So, als hätte ich darüber was zu erzählen, als wäre ich da vor 400 Jahren dabei gewesen und könnte dazu was sagen. Ich habe dazu genauso wenig oder so viel zu sagen wie alle anderen. Ich versuche meistens, das mit Humor zu nehmen. Aber es ist so ätzend, weil ich immer so alleine bin, und ich finde das so unangenehm. Alle Lehrer bekommen das mit, und keiner sagt dazu was. Das passiert mir echt oft, und das stört mich.

Manchmal raffe ich irgendwas nicht, irgendein Verständnisproblem, und dann heißt es lautstark ja, die ist halt eh schwarz. Bei vielen ist das pure Provokation, aber ich glaube, manche Leute denken das wirklich: die meinen, die Hautfarbe hat Einfluß darauf, ob ich bestimmte Fähigkeiten habe oder nicht. Das ist doch traurig.

‚Die Rapper sagen doch auch Nigga‘.

Wieviele Leute wollen mit mir darüber diskutieren, ob es nun ok ist, mich Nigger zu nennen oder nicht. Das sagen die Rapper doch auch in ihren Songs: Nigga, sagen die dann, und meinen, das können sie dann auch übernehmen. Wenn die mal in der Schule lernen würden, was für eine Bedeutung dieses einzelne Wort hat, dann würde das kein Mensch mehr sagen wollen. Dann müsste man diese Diskussionen nicht dauernd führen. Aber die fehlende Bildung macht es halt echt schwer, sich darüber zu unterhalten. Ich wünschte mir, dass Lehrer da auch mehr Bildung vermitteln. Auf eine 16jährige wie mich hört doch niemand.

Elisabeth: Ich bekomme nur selten diese direkten Anfeindungen mit, nur einmal auf dem Maimarkt in Mannheim hat jemand neben uns auf den Boden gespuckt und gesagt Du Niggerhure. Ich weiß aber noch, wie Du morgens im Zug zur Schule immer wieder angegangen worden bist von einem Schulkameraden, und ich bin dann irgendwann zu dem Jungen hin und hab ihm gesagt, Lass doch die Jamila in Ruhe. Die Mutter hat mir daraufhin mit dem Rechtsanwalt gedroht, und gesagt, ich hätte doch eh keine Freunde, sondern nur „soziale Kontakte“.

Das größte Problem ist doch die Aussage, es gebe keinen Rassismus.

Jamila: Das größte Problem ist doch die Aussage, es gebe keine Rassismus, das ist so falsch. Mir ist das nochmal so sehr aufgefallen, als wir neulich auf der Black-lives-Matter-Demo in Mannheim waren. Da waren unterschiedlichste Menschen, die ihre Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland geteilt haben, und ich habe da gestanden und gedacht, wow, fast alles davon kenne ich und habe ich selber schon erlebt. Das ist so merkwürdig, die wohnen ganz woanders, die haben völlig andere Lebensläufe, völlig andere andere Kontakte als ich, aber komischerweise machen sie alle die selben Erfahrungen wegen dieser einen einzigen Gemeinsamkeit: unsere Hautfarbe.

Wie oft werde ich gefragt, ob ich aus Afrika komme. Und ob ich Afrikanisch spreche. Wie es da ist, in Afrika, und wann ich zurück in mein Land gehe. Mein Land ist Deutschland, ich bin hier geboren, ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft. Und Afrikanisch? Das gibt es überhaupt nicht als Sprache. Und ich war überhaupt noch nie in Afrika. Den Leuten ist oft gar nicht klar, wie dumm das ist. Ich frage doch auch nicht Menschen mit weißer Hautfarbe, ob sie Europäisch sprechen.

Elisabeth: Afrika hat mich immer fasziniert, schon als Kind und Jugendliche, ich war oft da, und ich hatte immer Kontakte mit Menschen auf diesem Kontinent. Und immer wird das reduziert auf so eine sexuelle Ebene, die Schwarzen sind halt eine Wucht beim Sex, oder so ein Blödsinn. Ich habe sogar schon die entsprechenden Fragen gestellt bekommen hier in Deutschland. Was mich wirklich an diesem Kontinent reizt und fasziniert, das will irgendwie niemand wissen, das interessiert offenbar niemanden.

In einer größeren Stadt hätte ich mehr Gleichgesinnte. Ich müsste nicht immer alleine kämpfen.

Jamila: Ich habe ja gar keinen Bezug dazu. Ich habe ja auch keinen Kontakt zu meinem Vater, aber ich bin zur Hälfte aus Nigeria. Das ist ein Teil von mir, das interessiert mich auch. Deswegen ist es nochmal schwerer hier in der Region: ich habe hier einfach niemanden, der vielleicht in meinem Alter ist und dessen Eltern oder Vater auch aus Afrika oder sogar aus Nigeria kommt. Wenn ich in einer größeren Stadt wäre, hätte ich vielleicht auch mehr Gleichgesinnte, ich würde dann nicht immer alleine dastehen und alleine kämpfen müssen, das ist hier ein bißchen schwer.

Ich habe tolle Freunde, die unterstützen und verteidigen mich, aber die können natürlich nie ganz verstehen, wie sich das alles anfühlt, weil sie es eben nicht erleben. Dabei ist Rassismus hier ja wirklich nicht nur etwas, was schwarze Menschen betrifft. Meine beste Freundin ist aus Polen. Wie oft die sich anhören muß, dass sie ja gut im Klauen ist…oder Achtung, versteckt Eure Taschen, die Polin klaut Euch alles weg, – das ist auch Rassismus. Das ist überhaupt nicht witzig, darüber redet aber niemand, das wird so als running Gag hingestellt.

Oder Leute, die mich mit irgendeinem Zungenschnalzen begrüßen, weil sie meinen, ich verstehe doch bestimmt afrikanische Klick-Sprache. Das ist respektlos und herablassend.

Elisabeth: Als Du klein warst, haben Leute in den Kinderwagen geschaut und gesagt Oh, wie süß, das sieht ja aus wie ein Äffle! Die dachten, das wäre nett, aber ich fand es irgendwann nur noch krass. Ich hatte immer das Gefühl, hier hat sich niemand einfach an diesem hübschen Kind gefreut. Ich hatte immer das Gefühl: dieses Kind gehört sich nicht. Als ich mit Dir mal in Berlin war, habe ich das ganz anders erlebt, da fanden die Leute Dich süß, weil Du ein süßes Baby warst, aber doch nicht, weil Du dunkle Haut hattest und wie ein Äffle aussahst.

Wir suchen übrigens im Moment eine Wohnung, nach 40 Jahren müssen wir hier aus der Wohnung raus, wir haben schon einiges angeguckt, aber bisher noch keine Zusage. Die eine Vermieterin hat gesagt, Jamila wäre bestimmt zu laut. Vielleicht haben die Vermieter die Sorge, dass das ganze Haus voller Schwarzer ist, kaum, dass wir eingezogen sind. Komischer Besuch und so. Wir haben mit der Suche noch ein bißchen Zeit, aber ich bin gespannt, ob wir was finden.

  • 8 Kommentare
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  • Ev 28. Juni 2020
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    Danke für dieses Interview, das mich auf so vielen Ebenen fassungslos macht. Ich kann all das Negative, mit dem Jamila und Elisabeth konfrontiert werden, für mich als Mensch nicht nachvollziehen, es ist für mich so völlig abwegig, mein Gegenüber so zu behandeln, zu beleidigen, so zu missachten. Ich kann mir nur vorstellen, was für ein immer wieder neuer, unendlicher Schmerz es sein muss, weil es nicht aufhört. Weder für Mutter, noch für Tochter.
    Ich wünsche beiden alles Glück der Welt für ihre Wohnungssuche und noch mehr dafür, dass sich endlich etwas in den Köpfen ihrer Mitmenschen ändert!
    Herzlichst, Ev

  • Ines Spott 28. Juni 2020
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    Ihr zwei Lieben, wir finden euch toll. Linda hat immer sehr gern mit Jamila gespielt und erinnert sich heute noch gern an die Zeit bei euch. Fühlt euch fest gedrückt. Bis bald mal wieder zum Cafe. Ines mit Familie ❤❤

  • Roswitha 28. Juni 2020
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    Ein bewegender Bericht über zwei starke Frauen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass nach ihrer Oma und ihrer Mutter nun auch Jamila sich engagiert, sie ist Mitglied des Jugendgemeinderates. Es macht mich traurig, dass Menschen so bösartig sein können, oder auch der alltägliche Rassismus auf dem Land.

  • Hauptschulblues 28. Juni 2020
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    Danke für diesen Beitrag.

  • Siewurdengelesen 30. Juni 2020
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    Ein Spiegel nicht nur unserer Gesellschaft!

    Ausgrenzen hat Tradition und einer hat bekanntlich immer Schuld an irgendetwas. Wenn er/sie dann noch offensichtlich aus irgendwelchen „Normen“ fällt, kann er/sie sich gleich Looser irgendwo hin schreiben.

    Mich ko… das so an, dass jemand qua Herkunft oder Aussehen ausgegrenzt wird, für das bekannterweise niemand etwas kann.

    Im Neuen Deutschland gab´s dazu mehrere lesenswerte Artikel.

  • Provinzei 16. Juli 2020
    Antworten

    Erstens : Mein Gott ist Sie schön !!
    Zweitens: Hätte nie gedacht, daß es so schlimm ist !!
    Bin entsetzt, daß die Leute auch im 3ten Jahrtausend noch so reagieren.
    Sehr entfernte Freundin von mir hat 3 so Kinder.
    Ich war immer hellauf begeistert, wenn die mit dem Opa auf dem Trecker durch das Dorf gefahren sind.
    Was die nebenher so erlebt haben hab ich nie mitgekriegt. Wahrscheinlich die gleiche Sch…..

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