Was schön war.

10. Juni 2020

In der Mittagspause war ich mit Frau Lieselotte unterwegs, erst den Bach entlang, vorbei am Schulgelände, dann über die Sportanlagen, und in einem Bogen Richtung Bäckerei. Unterwegs auf dem Gehweg eine alte Frau, sie sitzt rücklings auf ihrem Rollator, ihrem Rolls Royce, wie sie es nennt. Ich frage, ob sie nur ausruht oder ob sie Hilfe braucht, nein, Danke, alles in bester Ordnung, sagt sie lächelnd, sie macht nur eine kleine Pause auf ihrer Einkaufstour durchs Städtchen.

Wir plaudern ein bißchen, über das Städtchen, über das Alter, über Hunde natürlich, Wir hatten auch einen, so einen riesigen Schäferhundrüden, und dann über den Krieg. Wie sie den in Koblenz erlebt hat, wie einmal Tiefflieger sie ins Visier genommen haben, ich bin gerannt wie blöd, sie haben mich nicht erwischt. Wie nach den Bombenangriffen in Koblenz ihre Mutter in Heidelberg saß und nicht wußte, ob die Tochter da in Koblenz überhaupt noch lebt, ein halbes Jahr lang hatten sie keinen Kontakt, es gab keine Telefone, die Post funktionierte ja nicht, meine Mutter wusste nichts von mir. Sechs Monate später schlug sie sich endlich irgendwie nach Heidelberg durch, klingelte bei der Mutter und stand dann also leibhaftig vor ihr. Na, die ist erstmal kreidebleich geworden!

Während wir so sprechen, müssen wir immer mal wieder Platz machen, einer Mutter mit Kinderwagen, die vorbei möchte, einem Radfahrer; ich trete zur Seite, die Alte rollert mit dem Rollator ein bißchen aus dem Weg, und gleichzeitig sprechen und sprechen wir. Irgendwann war der Krieg vorbei, ich war gesund und am Leben, sagt sie. Aber Krieg ist ja immer noch, nur anderswo. Gar nicht so weit weg von uns, irgendwo ist immer Krieg, das ist schrecklich.

Feinkostverkäuferin ist sie später gewesen, bis sie Mitte der Siebziger in Rente gegangen ist. Da war ich ja gerade mal in der Grundschule, sage ich, und sie lacht laut Ach, Du liiiiebe Zeit! Aber ich werde in zwei Jahren eben auch schon 100. Dann fachsimpeln wir noch ein bißchen über Hunde, während meine Lieselotte ängstlich daneben sitzt. Ich mache mich jetzt mal wieder auf den Weg, bevor es noch anfängt zu regnen, sagt die Frau. Aber ich mache langsam mit meinem Rolls Royce, nicht, dass der Hund noch Angst kriegt vor mir, und dann lacht sie zum Abschied. Vielleicht treffen wir uns mal wieder, das wäre schön.

(P.S. Ein paar Minuten später wurde ich im Bäckerei-Cafe von einem Gast vergleichsweise un-freundlich angegangen, ich will für einen Moment Frau Lieselotte zwischen den Tischen parken, während ich Cappucchino und Brötchen to go an der Kasse bezahle. Ekelhaft sei sowas, in einem Lebensmittelbetrieb, er wolle das nicht akzeptieren, nicht mal für die drei Minuten, sagt er, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Also schnappe ich mir Frau Lieselotte wieder und verlasse das Cafe. Berechtigt oder nicht, sein Verhalten hätte mich noch gestern vermutlich den ganzen Tag lang beschäftigt und verärgert. Jetzt aber denke ich mir Weisste was, ich habe eben so angeregt mit einer fast Hundertjährigen über dies und das geplaudert, und über das Leben allgemein, – da werde ich mir von sowas doch jetzt nicht die Laune verderben lassen. Das war auch schön. )

  • 3 Kommentare
  • Gabi 10. Juni 2020
    Antworten

    Ach das hört sich gut an. Diese kleinen Alltagsbegegnungen weiß ich auch zu schätzen, sie helfen einem, an das Gute im Menschen zu glauben. Ich frage mich manchmal, warum eine negative Begegnung mich oft soviel mehr beeinflusst, als eine nette und unterhaltsame…. da muss ich den Fokus noch anders setzen! Liebe Grüße Gabi

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  • nina. aka wippsteerts. 11. Juni 2020
    Antworten

    Negative Erlebnisse bleiben uns stärker im Gedächtnis, weil unser Steinzeitgedächtnis uns so beim Überleben geholfen hat, wie so oft arbeitet diese uralte Evolutionsbiologie immer noch in unserem Hirn im Hintergrund. Wie man sieht, sind manche Menschen anderweitig biologisch weiter und werden freundliche Mitmenschen und andere müssen sich immer noch wie Deppen benehmen.
    Liebe Grüße
    Nina

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