Rückzug XI

1. April 2020

Hätte man sich ja auch nicht träumen lassen, dass man Menschen, die man unterwegs trifft, mal so fragen würde Und? Hast Du noch Arbeit, verdienst Du noch Geld?, und dass ein Gutteil dieser Menschen dann antwortet, nein, im Moment geht gar nichts, Kurzarbeit, Umsatzeinbruch, Laden dicht, Leute heimgeschickt. Und hier nochmal mein Appell: Wo Geschäfte noch geöffnet sind, kauft! da! ein! Beim Bäcker, beim Metzger, beim Gärtner. Völlig unklar, warum denen jetzt Umsätze einbrechen, dass es grade so kracht. Und bei allen anderen: schaut nach online-shops, oder bestellt Gutscheine, für die Zeit danach. Und sei es nur als kleines Zeichen. Die Einzelhändler im kleinen Städtchen haben einen gemeinsamen online-shop mit der Stadtverwaltung auf die Beine gestellt, und anderswo geht sowas auch, also: einkaufen, jetzt.

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Wenn die Hunde nicht wären, käme ich vermutlich derzeit gar nicht mehr raus auf die Felder, in den Wald. So aber: morgens, mittags, abends eine Zwangspause, die den Kopf freimacht. Ansonsten den ganzen Tag, von berufs wegen: Corona, Corona. Für kein anderes Thema ist Platz im Hirn. Von morgens um Acht bis abends um Sechs oder Sieben. Ich habe schon immer viel gearbeitet, aber so viel noch selten. Wir hauen die Meldungen, die Beiträge, die Töne im Akkord auf den Äther, die Geschichten auf die Website, das Bedürfnis nach (auch und besonders regionaler) Information ist ungebrochen. Und ich will mich nicht beklagen, siehe oben.

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Morgens oder abends bediene ich die Freunde bei Twitter mit einer kleinen Meditation aus der Provinz, so oft es geht, zum Runterkommen. Für uns alle.

Selten war ich dankbarer für das Leben auf dem Lande als im Moment. Die Vorstellung, jetzt in einem Hochhauskomplex in einer Großstadt zu leben, oder jeden Tag mit der U-Bahn irgendwo hinfahren zu müssen, die finde ich nicht lustig. Noch un-lustiger finde ich allerdings, dass es jetzt in den Sozialen Netzwerken schon wieder losgeht mit dem Ätschi-Bätschi-Scheiß. Wir leben auf dem Land und haben gute Luft und einen großen Garten und viel Platz, ätschibätschiiii! Und von gegenüber so: Wir leben in der Stadt und können nach der Krise zu Fuß in die Kneipe und ins Museum und ins Theater und in die Oper, und besseres Internet haben wir auch, ätschibätschiiii. Ich war ja vor Jahren auch schon durchaus zwischendurch so ätschibätschi-mäßig drauf, habe es mir aber abgewöhnt. Solltet Ihr auch.

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Der Regensburger Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft, Gunther Hirschfelder, – wer kennt ihn nicht? – der sagt jedenfalls, dass man gerade in der Krise den Humor nicht verlieren soll. Aprilscherze und anderes, naja, Sie wissen schon. Ich nehme das sehr ernst mit dem Humor, und ich habe heute schon mehrfach lauthals gelacht, hier in meinem kleinen Provinzbüro, lauthals gelacht und Lachtränen in Strömen vergossen, ich bin jetzt in diesem Stadium, wo vorübergehend Verzweiflung und Erschöpfung in hysterischen Humor umschlagen. Stört hier auch keinen, in einem Radius von etwa 80 Metern rund um mein Korrespondentenbüro ist seit Wochen kein menschliches Wesen, das sich an unmäßigem Gelächter stören könnte. Mehr social distancing geht nicht. Aber das hat halt auch seine Vorteile. Wenn Sie auch mal völlig unpassend und übertrieben hysterisch lachen wollen, bitte sehr:

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Die hiesigen Kreis-Kliniken schauen nach Ausweichquartieren. Nach Gebäuden, in denen man zur Not Patienten unterbringen könnte, wenn es in den Krankenhäusern selber zu eng werden sollte. Das klingt wiederum gar nicht lustig und trägt nicht zu meiner Beruhigung bei. Und wenn diese Ausweichquartiere dann hoffentlich gar nicht gebraucht werden, höre ich sie schon schreien, – die, die immer alles besser gewusst haben Siehste! Alles bloß Panikmache gewesen, war doch sowieso klar! Und (Klick!) Klinik-Mitarbeiter wollte ich jetzt auch nicht sein.

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Eben erfahren: Der erste Tote im Bekanntenkreis. Er hat es nicht geschafft. Das kann doch alles nicht wahr sein. Wenn mir jetzt noch einer unterkommt und was von Vorerkrankungen oder Altersgruppe oder jetzt stellt Euch nicht so an faselt, schlage ich ihm links und rechts ins Gesicht. Den Blogbeitrag hier lasse ich trotzdem so stehen, so lief das heute halt, tagebuchartig. Lachtränen am Vormittag und Tränen des Entsetzens am Nachmittag. Und die, die um ihn trauern, die dürfen sich jetzt nicht mal gegenseitig besuchen und fest in die Arme nehmen.

  • 4 Kommentare
  • Hauptschulblues 1. April 2020
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    H. hat auch Angst, dass eine Meldung eintrifft, der/die erste …

    Im Übrigen kauft er immer noch ein, bei Geschäften, die offen haben, allerdings mit Handschuhen und Mundschutz. Und kauft auch Dinge, die er eigentlich gar nicht dringend braucht: Nudeln z.B. Da könnte er schon aushelfen damit. Oder: 21 Mundschutze bei einer kleinen Änderungsschneiderei bestellt, die werden als Geschenke in der kleinen Sackgasse verteilt. Jede/r kriegt einen. Zum Schutz der anderen.

  • Waltraud Kessler-Helm 1. April 2020
    Antworten

    Passt bitte auf Euch auf, wenn ich Dir was helfen kann, Nummer haste….Dein Blog ist genial….

  • Jürgen 1. April 2020
    Antworten

    Es schwingt mit und überträgt sich. Vom Lachen zum Weinen gibt es derzeit kaum eine Lücke. Nahtlos geht es ineinander über. Viel Glück und guten Mut!

  • Rosi 2. April 2020
    Antworten

    das tut mir so Leid
    wie so oft liegt lachen und weinen dicht beieiander
    passt gut auf euch auf

    Rosi

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