Frischlinge.

14. Februar 2020

Sehe ich tatsächlich so verzweifelt und verwaist aus?, fragt er mich erstaunt. Natürlich nicht!, antworte ich. Aber ich fühle mich ertappt. Kaum habe ich herausgehört, dass er neu hier ist, habe ich tief in meinen unsichtbaren Missionarskoffer gegriffen und mein ganzes Repertoire auf den Tisch geknallt, ungefragt. Wir Zugezogenen, die alten und die jungen, wir müssen doch zusammenhalten. Das ist meine Mission. Naja, Sie wissen schon.

Das volle Erste-Hilfe-Programm knalle ich den Leuten vor den Latz: Ich gebe allerlei Hinweise zur hiesigen Gastro-Szene, Ausflugstipps, Ansprechpartner, Supermarkt-Leitfaden, Öffnungszeiten, Ärzte-Wegweiser, Kulturkalender, Netzwerkarbeit. Und ich lade Neue gerne mal direkt zum Kaffee ein. Wer ist denn das überhaupt?, fragt mein Geo dann in einer Mischung aus Verwunderung und ehrlichem Interesse. Ich habe doch keine Ahnung, wer das ist, aber der ist neu hier, reicht das nicht?, frage ich in schöner Regelmäßigkeit zurück. Doch, sagt dann mein Geo.

Ich gehe immer ganz automatisch davon aus, dass Zugezogene erstmal verzweifelt und verwaist sind. Frischlinge, ganz neu, in welcher vermeintlichen Provinz auch immer. Vielleicht nicht gleich wirklich verzweifelt und verwaist, aber doch mutterseelenallein. Oder?

Nun gibt es ja Leute, die sind gerne mutterseelenallein. Ich gehöre gottlob zu dieser Spezies, ich liebe das Alleinsein und die Einsamkeit, zumindest die selbstgewählte, zumindest manchmal. Aber was, wenn einer gerne unter Leuten ist, privat, und auch mal was unternehmen möchte? Immer alleine ist ja auch doof.

Wir haben auch eine Bringschuld, wenn wir irgendwo neu hinkommen, pflegte eine Freundin zu sagen. Also rüber zum Nachbarn gehen und sagen Hallo, da bin ich, Alter, was geht? Oder bei der Damengymnastik im Nachbardorf aufschlagen, im Leibchen auf die Turnmatte setzen und schüchtern-lächelnd winken Hey, ich bin die Neue, und eigentlich bin ich ganz nett? Puh. Naja, Sie wissen schon.

Oder einfach an den Stammtisch im Wirtshaus setzen, forsch Tach auch! sagen und eine Runde ausgeben? Und insgeheim zu Gott beten, dass man nicht ausgerechnet auf dem Platz sitzt, da hinten links, den der griesgrämige Piependeckel-Schorsch schon seit 63 Jahren für sich beansprucht, ohne Wenn und Aber. Wenn der nicht nur griesgrämig ist, sondern auch noch einflussreich, dann ist die Dorfkarriere beendet, bevor sie überhaupt angefangen hat, aber sowas von.

Als ich ganz neu war auf dem Land, da kam eines Tages der Pfarrer an die Tür. Er war der erste, der klingelte, ich konnte das scheppernde Geräusch erst gar nicht einordnen, noch nie hatte jemand an dieser Tür geklingelt. Er wollte mich willkommen heißen, drückte mir ein Gemeindeblättchen mit Gottesdienstzeiten und gesellig-evangelischen Angeboten in die Hand und wollte über dies und jenes plaudern. Ein sehr sympathischer Mann.

Trotzdem litt unser Gespräch, denn der Herr Pfarrer hatte mich aus der Dusche herausgeklingelt, und ich stand triefnass und mit verlaufenem Augen-Make-Up vor ihm wie ein trauriger Panda-Bär, mit wirrem Haar und in den hässlichsten Bademantel der Welt gewickelt, also schickte ich ihn alsbald wieder fort. Aber ein Kontakt war geknüpft, zumindest war er angeboten worden.

Wenn ich Bürgermeister wäre, oder Ortsvorsteher oder Vereinsvorsitzende – all das möge der liebe Gott zum Wohle der Menschen verhindern – also, wenn ich aber doch irgend so ein Amt innehätte, würde ich das auch so machen. Kleine Mappe vorbereiten, alle wichtigen Infos rein, alle Vereine auflisten, inklusive Trainingszeiten, Ansprechpartner, alle Schulen, alle Kindergärten, alle Supermärkte, alle Gasthäuser. Zu den Neuen hintippeln, klingeln, willkommen heißen, persönlich. Kann ja nicht so schwer sein. Und wird hoffentlich sicher vielerorts schon längst gemacht. Holschuld und Bringschuld und so, naja, Sie wissen schon.

Oder wir machen es so wie die Amis. Wenn da einer neu zugezogen ist, marschiert die gesamte Nachbarschaft in sein Haus, bepackt mit Salaten und Kuchen und Sandwiches, irgendeiner rollt einen gigantischen Grill herbei, und ein anderer schleppt Bierkästen und eine Musicbox an, und dann wird ein Willkommensfest gefeiert. Ich habe mal irgendwo gehört, dass die das so machen. Ich bin ja kein großer Fan der USA, aber das scheint mir tatsächlich mal nachahmenswert.

  • 6 Kommentare
  • schneck 14. Februar 2020
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    Ja, so muss das! Bei mir war’s die Pfarrerin. Und jetzt bin ich verheiratet mit ihr.

  • Ruth 15. Februar 2020
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    Na, nicht ganz. Fast. Früher gabs mal den welcome Wagon, die erschienen mit all den Infos, die sie anbieten möchten, schön verpackt in einem Körbchen, aber ob es die noch gibt, weiß ich nicht, da ich bereits 40 Jahre hier wohne. Und meine Nachbarschaft ist ein bisschen zu nahe an der berühmten Großstadt. Man versucht’s, und so wie sie es beschrieben haben, auch, mehr in kleineren Orten. Dafür haben wir Rehe und fuchse und Eichhörnchen im Garten, das gelegentliche stinktier,und ab und zu mal einen oder zwei schwarze Bären im Garten. Und heute unser Wahrzeichen, den bald eagle, über der Arbeit kreisen gesehen. Aber ich schweife ab, sie wissen schon.

  • ingrid 15. Februar 2020
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    anfangs war es ein wenig so. und jetzt bin ich froh, dass ich keine kontakte habe. ganz andere welt.

  • Sabine 16. Februar 2020
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    In unserer Gemeinde in der Schweiz gibt es jedes Jahr den „Neuzuzügeranlass“. Da werden alle, die neu in der Gemeinde wohnen, begrüsst und mit allen Infos versorgt. Alle wichtigen Personen der Gemeinde sind ebenfalls vor Ort, es gibt sogar eine Kinderbetreuung, was zu trinken und zu knabbern. Wir haben uns sehr aufgenommen gefühlt!

  • Barbara Jentzsch 18. Februar 2020
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    Das war wohl mal so in Amerika.Auf dem Land in Virginia kommen nur die Vierbeiner vorbei.Baeren,Rehe,Waschbaeren,Opossums,Eichhoernchen.
    Fuechse,groundhogs…Ich fuetter Opossums,weil sie Zecken fressen,en masse.Trotzdem haven sie mich erwischt.

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