Blogparade: Ich war fremd.

Ich war fremd. Überall und immer wieder. Schon als Kind in Berlin war ich fremd und fühlte ich mich fremd, es war, als lachten die anderen immer über andere Witze als ich, sie hörten andere Musik, sie lasen andere Bücher und sprachen über andere Themen. Ich kam so angepasst daher und gab mir wirklich Mühe, aber ich gehörte nie dazu, so fühlte es sich an.

Für ein halbes Jahr ging ich in England auf die Schule, die Klassenkameraden machten jeden Tag den Hitlergruß und fanden das sehr lustig, und am allerletzten Tag, nach einem halben Jahr, fragte mich der Sitznachbar, wie ich denn hieße.

Dann kamen die Jahre des Umherziehens, Berlin, Heidelberg, München, wieder Berlin, dann wieder Heidelberg, Mannheim, Ludwigshafen, dann dorthin in den Odenwald, dann dahin, dauernd packte ich die Umzugskisten und zog fort, bevor ich angekommen war. Das Sich-fremd-fühlen zog mit, von einem Ort zum anderen, wie eine alte Jacke, die man eigentlich schon lange nicht mehr haben, nicht mehr tragen möchte, von der man sich dann aber doch nicht trennen kann.

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Jetzt lebe ich seit fast 10 Jahren in dem selben Haus im selben Ort, ein völlig ungewohnter Zustand. Die Berlinerin im 360-Seelen-Dorf, die hochdeutsche Preußin in Badisch-Sibirien, die Evangelische im Katholikenland. Verwurzelt bin ich hier noch nicht, vielleicht ein bißchen festgewachsen, wie Efeu, der sich an die Hauswand klammert. Vieles ist vertraut inzwischen, vieles immer noch und immer wieder fremd.

Manchmal gibt es diese Momente, wenn die Fremdheit weicht und man diese alte Jacke ausziehen und hinter sich auf die Stuhllehne hängen kann, für einen Augenblick, für einen Abend lang. Wenn man sich plötzlich zurücklehnt und denkt: Jetzt bin ich angekommen, jetzt bin ich zuhause, ganz ungeübt, für einen Augenblick, für einen Abend lang. Meistens sind es irgendwelche Winzigkeiten, ein Lächeln im richtigen Moment, eine freundliche Nachfrage, ein Essen mit Menschen, die sich langsam zu Freunden entwickeln.

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Ich war oft fremd, sagt mein Geo, aber ich habe mich nie fremd gefühlt, keinen Tag lang. Am ersten Abend nach seinem Hauskauf in Italien zum Beispiel, da ist er am Ende der italienischen Welt in irgendein verstecktes Restaurant gestolpert, hat sich in eine Ecke gesetzt und ein Buch gelesen. Weit kam er nicht, denn die Männer am italienischen Stammtisch forderten den Fremden aus Deutschland mit Händen und Füßen auf, sich zu ihnen zu setzen. Wir haben uns dann unterhalten, erinnert sich Geo, die halbe Nacht ging das so, keine Ahnung, wie, ich sprach ja noch kaum Italienisch. Und eine Woche später holten sie ihn mit dem Auto ab, er war bereits vollwertiges Mitglied ihres Stammtisches geworden. Mit ein paar dieser Männer hat Geo bis heute Kontakt, sie telefonieren miteinander, Geo brüllt dann Italienisch ins Telefon, als gelte es, die Strecke zwischen dem Odenwald und der Emilia Romagna allein mit der Stimme zu überwinden, sie tauschen sich aus, über Fußball, das Wetter und die Familien.

Wenn ich in diesen Wochen wie erstarrt vor dem Computer sitze und das Gerät mir im Minutentakt die FlüchtlingsNeuigkeiten dieser Welt auf den Bildschirm vor die Augen spuckt und irgendeine Reaktion von mir erwartet, dann denke ich viel nach über das Fremdsein und das Sich-fremd-fühlen. Darüber, was es braucht, von außen und von innen, daß ein Fremder sich nicht fremd fühlt. Darüber, ob jemand, der sich niemals fremd gefühlt hat, nachempfinden kann, was Fremdsein heißt.

 

Leben, Land, Familie oder Job: Wann und wo wart oder seid Ihr fremd? Habt Ihr Euch je fremd gefühlt? Was hättet Ihr Euch gewünscht und wer oder was hat Euch geholfen?

Schreibt Eure persönliche Geschichte: Ich war fremd. Ich rufe hiermit offiziell zu einer Blogparade auf. Vielleicht hilft das Schreiben und das Lesen auch, um Dinge neu zu sehen. Wer mitmachen will, verlinkt seinen Beitrag hier unten in den Kommentaren. Die Parade endet am 30. September, danach verlinke ich hier auf dem Blog in einer Zusammenfassung alle Beiträge.

 

Wer nochmal nachlesen will, was das ist und wie das geht, eine Blogparade, der kann (klick!) hier schauen.

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Und wer sonst noch was tun will, der schaut mal hier vorbei, bei den Bloggerkollegen, die die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge aus der Taufe gehoben haben.

 

 

 

76 Kommentare

  1. Hach je, kommt das jetzt täglich, diese Aufforderung von dir für neue Blogposts? Gerade habe ich die Antworten auf deine Fragen gepostet…Ich schau mal, ob ich was dazu schreibe, war ich doch damals vor 54 Jahren auch fremd nach der Vertreibung aus dem badisch – sibirischen Kinderparadieses ( und hat Folgen für meinen Umgang mit der Welt nach sich gezogen ).-
    Deine Gefühle, nicht dazu zu gehören, kenne ich gut. Aber ganz so Krasses wie dein Englanderlebnis habe ich dann doch nicht erlebt.
    Einen guten Tag!
    Astrid

  2. Sich fremd fühlen war für mich der Umzug vom badischen, lebensfrohen Breisgau in’s erzevangelische, pietistische Reutlingen. Mit 8 Jahren.
    Als es Fasnetszeit wurde und ich schon voller Vorfreude meine Klassenkameraden ansprach, jetzt gäbe es ja wieder Schulferien, zwecks Fasnet und so, und ich nur verständnislose Blicke erntete.
    Weil im Breisgau ist Fasnet schon was geiles, eine Woche Ausnahmezustand in einem kleinen Dorf, alle dicht, überall Narren im “ Häs“ und, wie gesagt, Schulfrei.
    Seit dem habe ich eine Faschingsphobie.
    Und die habe ich auch nie wieder weggekriegt.

  3. Wunderbare Idee – wenn ich tagtäglich die Nachrichten höre, kommt mir nämlich das kalte Grausen. Warum nur widerholt sich immer wieder das eine: Angst vor dem Fremden, der dann so schnell in Ablehnung und Hass umschlägt.
    HG
    Birgit

  4. Fremdfühlen, oh ja das kenne ich, seit ich auf der Welt bin, hier diese Gegend
    ist mir nach 45 Jahren immer noch fremd. Fahre ich aber in den Norden oder
    Osten ist das für mich wie heimkommen. Ich muss wohl doch die Berliner
    Gene meines Vaters in mir haben.
    Dieser Menschenschlag hier macht mich fix und alle, fremd im eigenen
    Bundesland sozusagen, diese Empfindlichkeiten, Stuhrheit, Starrsinnigkeit,
    das gibt es im Norden nicht, da kommt es auf den Tisch wenn was nicht
    gut ist, hier darf man keinen direkt auf irgendwas ansprechen, nur hinten
    rum darf man das – über andre Tratschen.
    Jedes mal wenn ich aus dem Urlaub komme, wird es schlimmer mit dem
    Fremdfühlen.
    Vor 20 Jahren als wir eine der Neuen in einem Wohnblock waren, haben wir
    bald Nachbar bekommen, Pfälzer! Die haben wir dann kurz nach dem Einzug
    eingeladen, damit sie sich nicht so fremd vor kommen und wir trafen uns oft.
    Er hat uns genau das beschrieben, was ich oben aufgezählt habe, man kommt
    an die Badner nicht ran, er fühlte sich fremd, er kenne das so nicht wie hier.
    Das sagt so einiges.
    Tja und mit dem was da gerade so passiert, fühlt man sich auch fremd, fremd
    im eigenen Land, man versteht die eigenen Leute und ihre Einstellungen
    teilweise nicht mehr….traurig aber wahr.

  5. Eine schöne Idee, deine Blogparade! Ich poste auf meinem Lokalblog über Elmshorn häufiger über die Arbeit des Willkommensteams für Flüchtlinge. Kürzlich habe ich mir Gedanken über sprachliche und kulturelle Missverständnisse gemacht, die im Umgang mit Flüchtlingen so passieren können (und dann oft sogar ziemlich lustig sind). Ich freue mich über neue Leser! https://elmshornblog.wordpress.com/2015/08/29/willkommensteam-deutsche-sprache-schwere-sprache/

  6. Ein schöner Text, melancholisch aber doch zufrieden, der mir wirklich sehr gut gefällt. Ich habe ihn auf der Facebook Seite meines Blogs geteilt. Ich denke, ich werde auch an Deiner Blog Parade Teilnehmen. Die Parade – eine gute Idee.

    Viele Grüße Thomas

    • Ich habe das schon manchmal gedacht: die Berliner und die „Schwaben“ – wenn schon da mitunter soviel Aggression drin ist – hallo??

  7. Eine liebe Freundin hat mir den Link zu Deinem Blog geschickt und was soll ich sagen? (rhetorische Frage) Super Idee!

    Ich blogge, WEIL ich immer fremd war auf der Welt und langsam fühle ich mich etwas heimischer, auch durchs Schreiben. Ich suche mal nach einer passenden Geschichte, oder schreibe eine.

    Herzlich
    Karin (von nun an: Fan)

  8. Ich habe mich auch mal am Thema versucht. Dein Beitrag hat mich sehr angesprochen, und gerade zur Zeit vergleicht man ja doch unwillkürlich manchmal die eigene, satte Situation mit der Derer, die sich auf lebensgefährliche Reisen ins Ungewisse begeben, nur um in völlig fremden Kulturen, dankbar für eine Matratze und ein Essen, froh zu sein, überlebt zu haben….
    https://fjonka.wordpress.com/2015/09/06/fremd/

  9. Pingback: Fremd sein in der Stadt - Autorenexpress

  10. Pingback: Auch ich war ein Fremder › Mente et Malleo › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  11. Pingback: Fremd sein… | Gute Stube

  12. Ich bin in meinem Leben mindesten 20 mal umgezogen! Wenn jemand mich fragt wo ich herkomme lautet meine Standardantwort – In Heidleberg geboren, in Konstanz meine Kindheitszeit verbracht, meine Jugendzeit im Schwarzwald Peterzell und sonst durch meine Berufung durch die Weltgeschichte gezogen. Einmal habe ich über diesen Zustand ein Gedicht geschrieben.

    Ich bin ein Zugvogel
    der an einem fremden Ort geboren
    doch eine geheimnisvolle Unruhe empfindet
    wenn der Winter naht
    einen Ruf des Blutes
    Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat
    die ich nie gesehen habe
    und zu der ich aufbreche
    ohne zu wissen
    wohin
    Ich habe den Ruf des gelobten Landes vernommen
    die meine Stimme der Geliebten die ruft:
    „Mein Freund ist mein,
    und ich bin sein,
    der unten in den Lilien weidet.“
    (Hohelied 6,3)

  13. Pingback: Stille Selbstverfremdung | ZG Blog

  14. Hallo Friederike,
    Vor einiger Zeit habe ich auf dem neuen Blog, den meine Freundin und ich schreiben einen Beitrag über Identität geschrieben, da meine Mutter aus Ehemals-Jugoslawien kommt und ich häufig nicht weiß, wo und ob überhaupt ich mich einordnen will. Vielleicht passt das ja zu diesem Thema? Mein Beitrag ist: http://sssonderbar.de/identitaet/
    Liebe Grüße
    Vi

  15. Ich habe nur ein kleines Elternblog, wollte aber trotzdem unbedingt mitmachen! Das Thema ist großartig!
    Noch etwas: ich will mit meinem Artikel nicht das Landleben in ein schlechtes Licht rücken. Es war nur für mich persönlich absolut nicht das Richtige- auch wenn ich die Vorzüge ebenfalls sehe und weiß, dass nicht jede Dorfgemeinschaft gleich gestrickt ist. Der Artikel spiegelt nur meine Erfahrungen wieder und soll keine Kritik sein!
    Hier ist mein Text: http://boese-biene.blogspot.de/2015/09/blogparade-ich-war-fremd.html

  16. Pingback: Fremdgefühle #Blogparade - Mamirocks

  17. Pingback: Fremdsein in Deutschland

  18. Pingback: Die Nomadin | sunflower22a

  19. Wir leben seit 5 Jahren auch in einem kleinen Dorf. Nicht in badisch Sibirien, aber im badischen Grenzland. Gerade noch so bei den Schwaben auch wenn mein Gatte zuerst dachte er hätte mich ins Badische entführt.
    Es gibt da so eine Zipfel, der wie Gallien ins Badische ragt und fest in Schwäbischer Hand ist. Dort auf einer Anhöhe haben wir unseren neuen Wohnsitz mit Pferden, Ziegen, Schafen, Enten, Hühnern, Hund und Katz

    http://meckerblock.bildplustext.de/?p=303

    Heidi grüßt in den Odenwald

  20. Danke für deinen ehrlichen bewegenden Artikel!
    Ich bin gnadenlos zu spät, aber finde die Idee dieser Blogparade einfach toll. Es geht nicht darum, sich zu überlegen wie sich Flüchtlinge fühlen könnten sondern darum, wie man sich selbst schonmal gefühlt hat. Ganz anderer Ansatz und doch geht’s irgendwie in die gleiche Richtung. Ich hab den Beitrag einfach geschrieben, weil es mich inspiriert hat!
    Vielleicht hat ja trotzdem noch jemand Lust, ihn zu lesen! Hier geht’s zu meiner Fremdfühl-Erfahrung:
    https://rausmitdirbaby.wordpress.com/2016/09/20/wieso-die-fremde-mich-ungluecklich-machte/

    Liebe Grüße

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