Wirtschaftsflüchtlinge.

Die Geschichte des badischen Odenwaldes ist auch eine Geschichte der Wirtschaftsflüchtlinge. Ja, das Wort kommt einem doch verdammt bekannt vor, nicht nur von damals, und nicht nur in diesem Landstrich, der seinem Beinamen Badisch-Sibirien eben durch die Jahrhundert hinweg alle zweifelhafte Ehre gemacht hat.

Die Böden schlecht, das Wetter auch, die Leute hatten nichts zu beißen und machten sich dann auf den Weg in die sogeannte Neue Welt, rüber, nach Amerika. Zu Hunderten. Zu Tausenden. Manche freiwillig und auf der Suche nach dem Glück, manche eher gegen ihren Willen. Manche sind da drüben froh und reich geworden, andere hat das Heimweh schier zerissen, man kennt das ja.

Vom Schicksal dieser Odenwälder Wirtschaftsflüchtlinge erzählt am kommenden Wochenende das Gottersdorfer Freilandmuseum noch mal sehr lebendig. Living history nennt sich das Ganze, eine Mischung aus Geschichtsunterricht und Schauspiel, die Besucher tauchen ein in arme Zeiten und erleben alles hautnah mit und finden sich plötzlich wieder als Teil der Geschichte. Ein Ansatz, den ich durchaus spannend finde. Was genau da so abläuft, können Sie hier auf der Webseite des Museums nochmal nachlesen, ich kann Ihnen den Besuch nur sehr empfehlen. Das Wetter soll zwar etwas gräßlich werden, aber dann bekommen Sie umso mehr eine Ahnung, wie das damals hier so war, in der guten alten Zeit im Odenwald. Außerdem wird sich vieles in den Häusern des Freilandmuseums abspielen, da werden Sie dann auch nicht naß.

Und wenn Sie dann schon da sind, sollten Sie ein paar Meter außerhalb des eigentlichen Museumsgeländes das Haus Bär begucken, von den Wirtschaftsflüchtlingen zum Wirtschaftswunder, sozusagen. Im Haus Bär nämlich geht es um die 50er Jahre im Odenwald, da macht man sowas wie eine Zeitreise in das eigene Familienfotoalbum, selbst, wenn man nicht vom Lande ist. Und dauernd rufen aus allen Räumen Besucher Nein! und Guck mal da, das hatten wir ja auch! und Gott, wie häßlich, und das fanden wir mal schön?! und man hört allerlei spitze Schreie, eine Mischung aus Entzücken und Verzweiflung. Ein Besuch im Haus Bär ist also eine wahre Wonne, auch das kann ich Ihnen nur ans Herz legen.


So. Und nun sagen Sie nicht, Sie hätten keine Ahnung, was Sie mit dem bevorstehenden Wochenende anfangen sollten. Also bitte.

Und warum ich Freilandmuseen und so Zeug inzwischen wirklich schätze, können Sie hier nochmal nachlesen.

 

 

 

 

Ein Kriegserlebnis.

Ich hatte neulich ein Kriegserlebnis, mitten im Wald. Das mag nun etwas merkwürdig klingen, im Jahr 2016, tief in der deutschen Provinz, aber es fühlte sich so an. Und es war einer dieser Momente, wo einem plötzlich etwas ganz glasklar wird, wo man etwas tatsächlich spürt, was man bislang zwar im Kopf gewußt, aber eben nie so richtig erfahren hat. Sie können diese Geschichte jetzt lächerlich finden oder nicht, vielleicht ist sie tatsächlich lächerlich, aber ich wollte sie nun doch loswerden.

Ich war da also unterwegs in einem Wald bei Altheim, das gehört zu Walldürn, und die Leute hier legen Wert darauf, dass sie nicht mehr zum Odenwald gehören, sondern zum Bauland, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Jedenfalls hat der Altheimer Heimatverein einen kleinen Lehrpfad angelegt, hier im lauschigen Wald, einen Pfad, der mehrere Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg miteinander verbindet.

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Die Bombenabwürfe über dem Wald bei Altheim sind mehr als 70 Jahre her, das ist nun wirklich eine lange Zeit, und tatsächlich sind die Bombentrichter so gesehen reichlich unspektakulär. Ein Zeitzeuge hatte den Heimatverein auf die Idee gebracht, die Bombentrichter dennoch wieder zugänglich zu machen; jener Mann war am 9. September 1944 als Kind auf den Altheimer Feldern unterwegs gewesen, als sich von Richtung Mannheim/Ludwigshafen dröhnend und brummend um die 500 Kriegsflugzeuge näherten, Bomber und Jagdflugzeuge.

Die Amerikaner hatten den Rangierbahnhof in Mannheim bombardiert und waren nun auf dem Rückflug. Irgendwas bewog sie, Ladung abzuwerfen, übriggebliebene Bomben, die beim Flug nur Ballast waren. Also ließen sie die Bomben fallen, bei Altheim, über dem Wald.

All das hat der Heimatverein akribisch recherchiert und dokumentiert, zunächst etwas widerwillig, dann mit steigendem Interesse und Begeisterung, und nun ist also in vielen freiwilligen Arbeitsstunden der kleine Lehrpfad entstanden, 70 Jahre nach dem Kriegsgeschehen. Am Startpunkt gibt es eine kleine Tafel, da ist von Krieg und Frieden die Rede, und davon, wie wichtig der Frieden auf der Welt ist, so pädagogische und irgendwie rührende Sätze auch für Kinder und für Jugendliche, naja, man kennt das ja.

Da oben bin ich also unterwegs an einem herrlichen Nachmittag, die Sonne blitzt durch die noch grünen Buchenblätter, die Vöglein piepsen, ein Specht hämmert wild auf einen toten Stamm, sonst hört man nichts im Wald. Ich laufe die elf freigelegten Bombentrichter ab, entdecke zwischendurch im Unterholz noch andere. Große runde Krater in der Erde, vielleicht fünf oder auch mal acht Meter im Durchmesser. Tiefe, aber unscheinbare Löcher, aus denen inzwischen die Bäume herauswachsen, an denen man vermutlich achtlos vorbeigegangen wäre, wenn man nicht wüsste, was es ist.

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Nah beieinander liegen die Trichter, so nah, dass man von einer Kraterlandschaft sprechen könnte. Und plötzlich sehen die Löcher für mich aus wie überdimensionierte Narben, wie in den Waldboden geschlagene riesige Wunden. Die Vöglein piepsen, der Specht hämmert weiter, es könnte nicht friedlicher sein, und ich gehe von einem Krater zum nächsten, schaue hinab in die Löcher und spüre förmlich die Kräfte, die hier und anderswo gewütet haben müssen. Die Zerstörung, die Wucht, die Gewalt, all das ist plötzlich wie in einem Brennglas zu erkennen, hier im spätsommerlich warmen Wald. Und irgendwie bin ich ehrlich ergriffen, das ist ein peinliches Wort, aber mir fällt nun kein besseres ein, der tiefe Friede um mich herum, die piepsenden Vöglein, das raschelnde Laub, der Specht – und die Krater.

Und ich denke darüber nach, dass ich natürlich dauernd ganz entsetzliche Bilder von Kriegen und Bombenangriffen sehe, es gibt ja weiß Gott genug davon auf der Welt, jeden Tag, in jeder Zeitung, auf jedem Kanal, und ich denke an die syrischen Flüchtlinge, von denen ich dieses und jenes gehört habe an grauenhaften Geschichten, die mir allesamt nachgehen. Und die mir doch, so scheint es mir plötzlich, ferner bleiben als diese paar uralten Krater im Wald.

Es gibt da wohl eine psychologische Erklärung, so sagt eine Freundin, und sinngemäß geht die ungefähr so: was ich im Fernsehen sehe, oder auf Bildern, das tägliche Grauen, das wird mir alles durch einen Filter vor Augen geführt, ich erfahre das alles gottlob nur aus zweiter Hand. Mit den Berichten der Flüchtlinge ist es dasselbe, ich bekomme etwas erzählt, aber ich erfahre es, wieder gottlob, nicht selber, ich fühle es nicht in seiner wahren Dramatik.

Und da stolpere ich also durchs Unterholz irgendwo in der süddeutschen Provinz und gehe über den neuen Lehrpfad eines klitzekleinen Heimatvereins und bekomme eine tatsächliche, fast körperliche Ahnung, wie das war und was das ist: Krieg, Zerstörung, Gewalt.

Vielleicht ist das tatsächlich lächerlich, wer weiß das schon. Sie können es ja selber einmal testen, wenn Sie das nächste Mal in der Gegend sind. Dann fragen Sie in Altheim einfach nach dem Lehrpfad am Noledorn und gehen Sie auf eine kleine Zeitreise ins Jahr 1944. Vielleicht macht Sie das noch ein bisschen sensibler für das Heute. So war es bei mir jedenfalls.

 

 

 

Ein Tipp.

Wenn Sie für morgen, Sonntag, noch nichts vorhaben und irgendwo in der Region wohnen, dann könnte ich Ihnen einen Ausflug ins benachbarte Wagenschwend empfehlen. Das ist jetzt nicht wirklich der Nabel der Welt, also nicht vergleichbar mit Barcelona oder München, aber dafür eben umso beschaulicher. Und das Museumsfest in Wagenschwend eines der nettesten Feste weit und breit, so sagt man mir zumindest.

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Ich muss gestehen, dass ich da selber noch nie war, bei einem dieser Feste, Asche auf mein Haupt, irgendwas kam immer dazwischen. Aber diesmal bin ich ganz bestimmt dabei, ich habe nämlich vor einiger Zeit eine Beitrittserklärung für den Museumsverein unterzeichnet, solche Arbeit muß man schließlich unterstützten. Ich war mein Lebtag noch nicht Mitglied in irgendeinem Verein, das wurde nun mal Zeit. Und dass ich seit 15 Jahren Mitglied bei der Buchener FG Narhalla bin (ja, da staunen Sie), das verschweigen wir an dieser Stelle, weil ich mich nicht mehr erinnern kann (und selber staune), wie das wohl zustande kam. Aber austreten gehört sich nicht, Brauchtum undsoweiter, naja, Sie wissen schon.

Jedenfalls bin ich auch im winzigen Wagenschwender Museum gerne Mitglied, die machen eine tolle Arbeit da, vor und hinter den Kulissen, und dem Chef sind wir inzwischen von Herzen sehr verbunden. Und morgen also wird gefeiert, da gibt es allerlei zu sehen und zu lernen und zu trinken und zu essen.

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Der alte Stein-Ofen war heute vormittag schon angeheizt, die ersten Brote sind gebacken, sie können gekauft oder auch gleich verzehrt werden. Ich habe sowohl als auch, heute mittag schon.

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Ich habe da also heute schon ein bisschen rumgestanden und den Vereinskollegen bei den Vorarbeiten zugeschaut und schlaue Reden geführt und zwei, drei Handgriffe geholfen und mich einweisen lassen. Morgen bin ich nämlich eingeteilt zum Soße schöpfen für die Gäste, das ist eine wirklich verantwortungsvolle Aufgabe für so ein Neumitglied wie mich, und man sieht daran, dass ich so langsam ankomme in der Dorfgemeinschaft. Bratwurstsoßeschöpfen als Initiationsritus, ich hoffe, ich bestehe das. Ich meine, sind wir doch mal ehrlich: die Soße auf das Kraut statt auf die Wurst, oder auf die Wurst statt auf die Schupfnudeln, da heulen die Kinder und murren die Väter, man kennt das von sich selber, da ist das ganze Fest doch schon gelaufen. Eben. 

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Also, langer Rede kurzer Sinn: Ich gebe mein Bestes, und Sie kommen halt mal vorbei, wir wollen schließlich Spaß haben und Geld verdienen, beides kann so ein Museum auf dem Dorfe gut gebrauchen. Das mit Ihrer Soße auf den Würsten kriegen wir dann auch noch hin. Und außerdem ist ein Imker da mit Bienen und mit Honig, einer macht Most, und und und, und Kinderschminken gibt es auch, falls Sie darauf besonders spekulieren. Und natürlich gibts das kleine, liebevoll gemachte Museum vom Keller bis zum Dach, alles voller Erinnerungen und Funden aus der guten alten Zeit, die gar nicht immer nur so gut war auf dem Lande.

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Also: Sonntag, 11 bis 18 Uhr in Wagenschwend, das gehört zu Limbach, Ihr Navi weiß dann schon bescheid. Und Limbach (Baden), nicht Limbach-Oberfrohna, falls Sie von weiter weg hierherkommen und Ihr Navi fragen sollte. Is klar. Und hier können Sie nochmal im Internet zum Museum nachlesen.

Hier im Blog haben wir auch schon manches mal über das Engagement des Museumsvereins berichtet, unter anderem über die Forschungen rund um eine polnische Zwangsarbeiterin, die in Wagenschwend erschossen worden war, 1945. Und zuletzt darüber, wie die Geschichte weiterging, hier können Sie das nochmal nachlesen, beachten Sie da auch die Kommentare. Und den Hinweis auf das Büchlein, das können Sie beim Fest natürlich kaufen. 

 

 

Superwoman.

Ich bin ein bisschen entrüstet, denn es stellt sich heraus, dass die blöde Erika im Navi noch tollere Schleichwege kennt als ich selber. Wo ich doch gedacht hatte, ich kenne längst alle Schleichwege im Odenwald, und meinte, es gebe kaum eine Straße und keinen einzigen Gemeindeverbindungsweg, den ich noch nicht befahren habe.

Ein Symbolbild.

Wie dem auch sei, neulich lotst mich also Erika wieder über so eine Straße, die diesen Namen kaum verdient, das Gehoppel und Geschaukel ist eine reine Wonne, die Landschaft und die Aussicht sowieso, und die angebliche Straße so schmal, dass es mit Gegenverkehr gefährlich eng wird. Und weil offenbar alle Erikas der Welt dieses Sträßlein kennen, gibt es tatsächlich fulminanten Gegenverkehr, so etwa alle halbe Stunde kommt einer angetuckelt, ich drücke mich nach rechts in den nicht vorhandenen Randstreifen, verlangsame etwas, und weiter geht die muntere Fahrt.

Das heißt, so munter ist die Fahrt ja gar nicht, denn vor mir schleicht einer mit Anhänger, offenbar auch ein Erika-Opfer wider Willen und leicht verunsichert. Und nun also nähert sich (die halbe Stunde ist schon um) erneut ein Gegenverkehr, ein weißer Transporter kommt angeschossen, das sind mir die Liebsten, er kennt sich hier wohl aus, und verlangsamt allenfalls von 100 auf 95 Stundenkilometer auf der engen Gasse. Mein Vordermann drückt sich nach rechts, bremst ab, der Transporter schießt an uns vorbei, es tut einen Schlag und im Windschatten des weißen Turbomonsters fliegt meiner Kühlerhaube der Rückspiegel des Vordermannes um die Ohren. Der Transporter fährt weiter, is ja klar. Und ich kann seine Nummer nicht erkennen, is auch klar.

Ich halte an und steige aus und stoße wilde Flüche aus und helfe ansonsten dem Vordermann, einem älteren Odenwälder Herrn, die Einzelteile seines Spiegels wieder einzusammeln. Mit vereinten Kräften fummeln wir die zerrissenen Reste aus der Halterung, eine Art Spiegelleichenfledderei, wir zerren und ziehen an elektrischen Drähten und Lüsterklemmen, alles ist hin. Ich biete mich als Zeugin an, das hat ja aber keinen Sinn, des verläuft doch eh im Sande und ich bleib auf dem Schaden sitzen, sagt der Herr, dann fluchen wir noch ein bißchen gemeinsam und ich verabschiede mich kopfschüttelnd.

Und wie ich ins Auto steigen will, ruft der Alte mir hinterher Vunn wo sinn´ Se, wenn ich froge derf? Sie müssen sich das jetzt im schönsten Odenwälderisch vorstellen, ich kann das ja nur so halb. So ä Fraa wie Sie hab´ich mei´Lebdaaach noch net getroffe´.  Dass ä Fraa a´hält und hilft, …sowas hebbich ja noch nie erlebt im Oudewald. 

Hallo? Leute, Frauen, Odenwälderinnen, – sagt, dass das nicht wahr ist.

 

 

Auto-Poser.

Es gibt Probleme, über die Männer nur ungerne sprechen. Aber merkwürdigerweise fahren sie genau diese Probleme offen auf der Straße herum, pflegte meine Großmutter selig zu sagen, eine eigentlich ganz elegante Frau. Sie sagte diesen Satz immer dann, wenn irgendwer sie und ihren ollen hellblauen Käfer mit lautem Motorengebrüll überholte und von hinten nur noch sein gigantischer doppelter Auspuff zu sehen war. Naja, Sie wissen schon.

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Foto: Kurt/pixelio.de

Wie dem auch sei: jedenfalls hat die Polizei im nahen Mannheim derzeit häufig mit röhrenden Motoren und doppelten Auspüffen zu tun, junge Männer sind in der Innenstadt unterwegs, besonders gerne abends und häufig nur im Schritttempo, trotz 200 Pferdestärken, sie röhren und jaulen und heulen an den Ampeln und in den engen Straßen und erregen damit allerlei Aufmerksamkeit. Von Auto-Posern sprechen genervte Anwohner und Psychologen, von pubertierenden Schraubern und Bastlern, die erstens irgendein Problem mit den Hormonen haben, und zweitens zeigen wollen, was sie können.

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Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

So einleuchtend der sexualpsychologische und hormonbasierte Ansatz auf den ersten Blick erscheinen mag: Ich halte ihn in diesem Fall für völlig falsch. Das motorisierte Röhren, Jaulen, Heulen ist eine uralte Tradition, die – wie so vieles – ihren Ursprung auf dem Lande hat. Rural roaring könnte man das nennen, wenn man Soziologe wäre. Eine Tradition, die nun, Landflucht undsoweiter, ihren Weg auch in die Städte findet und dort als solche – wie so vieles – nicht erkannt wird.

Manchmal sieht man sie ja hier noch, die ländlichen Urväter der Motorisierung, die mit VW-Jetta oder altem Benz über Land schleichen, im kreischenden 1. Gang. Männer, denen man zurufen möchte Schalt hoch, der Wagen hat auch einen 2. Gang, vielleicht auch einen 3, Du schaffst das!, aber nein, sie hören nicht und schleichen jaulend weiter. Die für eine Dreipunkt-Wendung 26 Punkte brauchen, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück,  vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück,  vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, vor, zurück, mitten auf der Gass am liebsten, heulend und kreischend, aber immer mit der Ruhe. Zentimeter für Zentimeter, das Steuerrad mit beiden Händen fest umfasst und nach Fahrschul-Lehrbuch drehend, komme da, was wolle. Gelernt ist gelernt. Die sich auch nicht umdrehen beim Rückwartsfahren oder Ausparken, das wäre ja noch schöner, sich verrenken für eine Maschine und die Mitmenschen, sollen die doch aus dem Weg gehen, Zeit genug ist immer. Mit Hormonen hat das nichts zu tun, es ist die alte-Väter-Sitte, unumstößlich.

Diese Urväter der ländlichen Mobilität also haben natürlich auch kräftige Söhne gezeugt, irgendwann einmal, zwischen zwei aufwändigen Wendemanövern vielleicht, und diese Söhne haben bei den Vätern das Fahren gelernt. Und sind dann aber, das leidige Thema, in die Stadt abgewandert. Mit ihrem neuen Auto und der alten Fahrweise. Und Sie ahnen, was jetzt kommt.

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Foto: Uschi Dreiucker/pixelio.de

Und nun schleichen die Landsöhne also abends durch die Mannheimer Innenstadt, traditionsbewußt heulend und jaulend, sie suchen verzweifelt einen Parkplatz, sie wollen rasch ein Eis essen und eine Feierabend-Limonade trinken, vielleicht auch eine warme Milch, sie sind verunsichert von all der Raserei um sie herum und von den Flüchen der Anwohner, und plötzlich kommt dann auch die Polizei und nimmt sie an den Haken. Statt sich um die interkulturelle Verständigung zu kümmern, schleppt man sie ganz einfach ab. Klassischer Fall von urban-rural-Mißverständnis, falls Sie verstehen, was ich meine. Und der mutwillig herbeigeführte Niedergang einer ländlichen Kulturtechnik. Ja, das ist meine These.

Denken Sie an meine Worte, wenn Sie sich das nächste Mal über einen sogenannten Auto-Poser ärgern. Informieren Sie dann bloß nicht das Mannheimer Ordnungsamt oder gar die Polizei. Melden Sie Ihre Beobachtung lieber dem Odenwälder Freilandmuseum, die werden dafür bezahlt, dass sie alte ländliche Kultur bewahren und beschützen.

 

 

Abschied.

Der Sommer macht sich vom Acker, sichtbar, fühlbar. Er hatte ja nocheinmal zu einem großen Finale geblasen in den vergangenen Wochen. Jetzt also ist es wohl vorbei mit den lauen Abenden im Grünen, aber ich freue mich auch auf den Herbst, zugegeben. Auch wenn man ein bißchen wehmütig werden könnte, wenn man diesen Text vom verehrten Herrn Buddenbohm aus Hamburg liest, da würde man den Sommer und die Wärme gerne noch ein bißchen länger haben.

Manchmal muss es auch ein Sonnenaufgang sein. #odenwald #nofilter

Ein von @landlebenblogger gepostetes Foto am

Ein Bankgeheimnis.

Ich hatte da vor einiger Zeit dieses Ehepaar aus der Schweiz (winke, winke in die Schweiz) zu Besuch. Die machten tatsächlich ein paar Tage in meinem Dorf Urlaub, neugierig geworden durch dieses unbedeutende Blog hier. Sachen gibts. Na gut. Es lastete ein gewisser Erwartungsdruck auf mir, obwohl ich wieder und wieder beteuerte, dass wir hier nichts zu bieten hätten und damit aber eigentlich ja auch nichts schiefgehen könne. Alles nur eine Frage der Betrachtungsweise. Ich fand das sehr clever von mir.

Wie dem auch sei, den beiden gefiel es doch ganz gut, die absolute Ruhe und die Weite, beides gibt es in der Schweiz ja wohl nur selten. Aber eines hatten sie natürlich doch zu bemängeln: Das Nichtvorhandensein von Sitz- und Ruhebänken für die Wanderer. Das Argument: Wer ein gewisses Alter überschritten hat, und die 12-Kilometer-Wanderstrecke bei glühender Hitze noch dazu, der möchte sich doch auch mal ausruhen im Wald. Na gut.

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Laudenberg Richtung Scheringen, do unne.

Die Argumentation der beiden ging an der Sache selbstverständlich ganz vorbei. Es weiß der Landmensch allgemein und auch der Odenwälder: Der Wald ist schließlich nicht zum Wandern da. Der Wald ist Arbeitsplatz und Lebensgrundlage, manchmal sogar Feind, und das schon seit Jahrtausenden. Da geht! man! nicht! spazieren! Denken Sie nur an die Bewohner von Küstenregionen und Inseln. Gehen die vielleicht schwimmen? Eben. Niemals würden sie das tun, schwimmen oder planschen, das Meer ist ja nicht zum Vergnügen da, so lieb war der liebe Gott dann doch nicht, als er sich das mit dem Wasser ausgedacht hat. Und überhaupt: wer in den Wald geht, will was schaffen, sägen, rücken, hacken, siehe oben, nicht dumm rumsitzen und in die Gegend glotzen.

Im Übrigen gibt es ja Bänke. Man muß sie halt nur suchen. Nicht tief im Wald, i wo denn, sondern meist am Waldrand, Richtung Straße, ohne jeden verstörend-schönen Ausblick. Ganz in Ruhe kann man hier über die nächsten anstehenden Arbeiten nachdenken, in stiller Einkehr und ablenkungsfrei, wieder: siehe oben.

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Balsbach Richtung Laudenberg.

Ja, aber der Tourismus, was ist mit dem Tourismus?, fragten also meine beiden Schweizer, und sie dachten, damit können sie mich kriegen, hahaha. Als inzwischen eingefleischte Odenwälderin kann ich da nur sagen: Laßt die Touristen ersteinmal in Scharen kommen, dann sehen wir weiter. Bloß nichts überstürzen. Nur net huddle, wie man hier zu sagen pflegt. Erst kommen die Wanderer, dann die Bänke und die Hütten.

Oder so.