Moderne Moderne.

Mit Tipps zu moderner Architektur oder mit Hinweisen auf Ausstellungen international renommierter Künstler kann ich ja im Odenwald eher selten dienen, um es mal vorsichtig zu formulieren, deswegen fahre ich hin und wieder woanders hin, um Sie dann auf dieses oder jenes hinzuweisen. Schließlich ist das hier auch ein Service-Blog, also bitte.

Wenn Sie also demnächst mal wieder irgendwo in Holland unterwegs sind, dann sollten Sie das nigelnagelneue Voorlinden-Museum bei Den Haag besuchen, das liegt völlig in der Pampa und doch sehr zentral, wie ja in Holland eigentlich fast alles. Wenn Sie spannende Architektur und ebensolche moderne Kunst suchen, sollten Sie da wirklich hin.

Drinnen gibt es klassische moderne Kunst zu sehen und moderne moderne Kunst, bei ersterer bin ich noch ganz dabei, bei letzterer hin- und hergerissen zwischen Verarschen-kann-ich-mich-selber und Aha, aha, sehr interessant, hmmm....ähem.  Dabei hatte ich mir wirklich vorgenommen, nicht mit dem Blick der selbsternannten Landpomeranze zu schauen, sondern mit dem ach so geschulten Auge der ach so weltläufigen offenen Berlinerin.

Da stockt das Herz der Hühnerhalterin. Ich habe mich beherrschen können, mal dagegenzutippen.

1000 bunte Brokkolihälftenstempeldrucke

In diesem Zusammenhang muss der Künstler der aktuellen Sonderausstellung genannt werden, Martin Creed, immerhin Turner-Preisträger, und damit eine ganz heiße Nummer in der Szene. Einer seiner künstlerischen Leitsprüche steht auch auf hübschen Stoff-Täschchen, die Kunstinteressierte im Museumsshop erwerben können, um sie dann bei der nächsten Vernissage unauffällig in die Kameras der anwesenden Kultur-Reporter zu halten. Oder um damit Brokkoli auf dem Markt für den nächsten VHS-Kunstkurs zu kaufen, was weiß denn ich: Art is shit. Art galleries are toilets. Curators are toilet attendants. Artists are bullshitters. Wie das jetzt mit der – bereits mehrfach auf internationalen Schauen gezeigten – Klosettpapierrollenpyramide zusammenzubringen ist, weiß ich aber auch nicht.

Ich habe mich aber nach wenigen Metern in diesem Teil der Ausstellung entschieden, das alles nicht gesellschaftskritisch oder auf der Metaebene interpretieren zu wollen, wie ich es ja sonst eigentlich immer und überall tue, Landpomeranze hin oder her, sondern die Sache mit Humor zu nehmen, man kommt auf diese Weise wirklich auf seine Kosten und am Ende mit einem breiten Grinsen aus dem Museum heraus, das ist doch was.

Keine Frage der Perspektive – die Dame mit den roten Hosen ist extrem nah an dem Paar dran.

Keinesfalls auslassen sollten Sie in der ständigen Sammlung den Koloss von Richard Serra, open ended, ich nehme ja an, der steht dauerhaft da, ich habe mich dabei erwischt, wie ich darüber nachdachte, mit was für einem Gerät sie das Teil hier wohl hineinmanövriert haben, mit einem Lanz oder einem JohnDeere oder einem Schollkran, und ich habe heimlich nach Schweißnähten und Spuren auf dem Fußboden gesucht, alles leider vergeblich, es ist und bleibt ein Rätsel.

Vielleicht wurde das Museum auch drumrum gebaut, möglich wäre das, und verdient hätte das Stück es allemal. Sie ahnen, ich bin ein großer Serra-Fan, wenn Sie mal einen treffen, grüßen Sie ihn und verlaufen Sie sich nicht darin, es ist nicht ganz einfach, cool zu bleiben, wenn man zu Anflügen von Beklemmungen neigt, aber ich habe ja wieder herausgefunden, sonst könnte ich das hier ja gar nicht schreiben.

Und nun stellen Sie sich bitte einen solchen Serra mal auf einem grünen Odenwald-Hügel vor, mit weitem Blick ins Land, das wäre wie ein Paukenschlag und ein Tourismus-Kracher noch dazu. Die Leute kämen in Scharen, glauben Sie mir. Serra zieht immer. Oder gleich ein ganzes Museum, ein richtig feines? Warum bauen reiche Privatiers dauernd Museen in Holland und sonstwo, aber nie im Odenwald? So richtig cool, mit einem Skulpturenlandschaftspark drumherum? Das wäre mal was. Aber ob die Odenwälder da mitziehen? Ich werde mich mal darum kümmern müssen.

 

 

 

Hedwig.

Es fängt jetzt wieder diese Jahreszeit an, in der ich hierzulande nichts mehr verstehe. Also, fast gar nichts. Is so. Seit Jahren. Lässt sich nicht ändern. Also, bitte fragen Sie mich nicht.

In diesem Fall weiß ich allerdings inzwischen sogar, worum es geht. Oder zumindest, wer Hedwig ist. Ich musste aber auch erst wieder fragen.  Ich kannte Hedwig bislang nur mit Nachnamen. Aber ich fänds auch cool, wenn sie Sitzungspräsidentin würde.

Oder Bundespräsidentin, Hedwig, gell, Hedwig?, – das täte mir fast noch besser gefallen.

 

 

 

 

Wider das Vergessen.

Wir sind da neulich in einem Café, der Gatte und ich, an einem Werktag am helllichten Vormittag, und es sitzen dort, wie erwartet, nur Menschen oberhalb der Pensionsgrenze. An einem langen Tisch hocken gar acht Frauen im Alter von Siebzig-plus beieinander, sie haben Kaffee und Piccolöchen vor sich, nippen mal hier und mal da, sie quasseln und lachen munter quer über den Tisch miteinander, es geht um Früher, und um Weißt Du noch, sie quasseln und lachen, und zwischendurch senkt sich immer mal wieder ein kleines Schweigen auf den Tisch herab, eines von der Art, das man miteinander gut aushalten und teilen kann, wenn man sich seit Jahrzehnten schon kennt.

Wo ist eigentlich die Martha? fragt eine in die Stille hinein, die weiß doch, dass wir uns Freitags immer hier treffen.

Ach je, sagt eine andere, das hat die bestimmt vergessen. Die Martha ist so vergesslich geworden, ganz schlimm. Ich glaube manchmal, die ist nicht mehr dicht, da oben im Oberstübchen. 

Naja, sagt die Dritte versöhnlich, wir werden vielleicht alle vergesslich, so alt wie wir sind, deswegen ist man ja noch nicht gleich bekloppt. 

Hin und her geht die Frage, wie vergesslich, wie bekloppt man wohl wird mit dem Alter, jede hat ihre eigene Meinung, ihre eigene Erfahrung dazu. Also, so vergesslich wie die Martha sind wir hier jedenfalls noch lange nicht, fasst eine die Diskussion pragmatisch und mit resoluter Stimme zusammen. Dann legt sich wieder das kleine Schweigen über den Tisch, die Frauen nippen an Kaffee und Sekt und denken nach.

Foto: Klicker/pixelio.de

Und wieder in die Stille hinein sagt eine Ich weiß zum Beispiel alle Telefonnummern auswendig, die ich so brauche. Und gleich legt sie los.

Die Stefanie hat die Sieben-Zwo-Acht-Fünf-Null-Drei. Und im Büro die Acht-Acht-Fünf-Drei-Vier-Sieben-Null. Ihr Mann hatte früher dienstlich die Zwo-Sieben-Zwo-Drei-Acht. Aber neuerdings hat er die Zwo-Sieben-Zwo-Drei-Neun. Und die Nummer von der Krankengymnastik weiß ich natürlich auch, Neun-Fünf-Zwo-Sieben-Acht-Vier-Drei.

Die anderen Frauen wollen nicht nachstehen, jeder fällt plötzlich ein, wie viele Telefonnummern sie auswendig kennt und gibt sie sogleich zum Besten. Lange, komplizierte Zahlenreihen, manche aktuell, manche seit Jahren nicht mehr gültig. Der Erwin im Büro, der hatte immer die Vier-Vier-Acht-Zwo-Sieben-Vier-Neun, bis zu seiner Pensionierung 1985. Die Schwiegertochter hat die Null-Eins-Sieben-Eins-Fünfundzwanzig-Siebzehn-Dreißig, der Enkel die Null-Eins-Fünf-Null-Achtzehn-Achtzehn-Fünzig-Zwölf. 

Foto. Michael Grabscheit/pixelio.de

Schließlich werfen die Frauen nur noch mit Zahlen um sich, die Telefonnummern fliegen über den Tisch, Neun-Vier-Drei-Acht-Sieben, hin und her, die Frauen klauben immer mehr Telefonnummern aus ihrem Gedächtnis hervor und präsentieren sie wie der Zauberer im Zirkus das Kaninchen im Zylinder, keine hört mehr der anderen zu, Sieben-Sieben-Fünf-Acht-Drei-Zwo-Vier, die Zahlen fliegen durch das ganze Café, immer lauter werden die Stimmen, die Frauen schlagen sich Vorwahlen, Rufnummern Durchwahlen um die Ohren, Null-Sechs-Zwo-Zwo-Eins, immer schneller werden die Zahlenkolonnen heruntergerattert, minutenlang geht das so, bis selbst der Letzten am Tisch keine Telefonnummer mehr einfällt, die sie noch aufsagen könnte.

Und wieder senkt sich das kleine Schweigen auf den Tisch hinunter, die Frauen gucken in Kaffeetassen und Sektgläser, Nee, so vergesslich sind wir noch nicht, sagt eine in die Stille. Dann rufen sie die Kellnerin und bezahlen Kaffee und Piccolo, sie ziehen umständlich ihre dicken Mäntel an und machen sich auf den Weg.

Im Rausgehen sagt eine zur anderen Wir müssen nächste Woche der Martha bescheid geben, dass wir uns treffen. Sonst vergisst die das wieder. Schlimm, wenn man so vergesslich wird. 

 

 

 

Cinema, Cinema.

Und nun sage noch einer, es täte sich nichts beim Buchener Kino. Also bitte: Vorher. Nachher.

Die Wandfarbe ist aber in Wirklichkeit die Gleiche wie vorher. Über Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte den automatischen Weißabgleich meines smartphones.

 

 

 

 

Sehnsucht nach dem Mehringdamm.

Ich habe da ja diesen extrem süssen Hund, Tante Lieselotte mit Namen, ein wahres Goldstück, das ich vor gut einem Jahr von einer Tierschutzorganisation übernommen habe. Lieselotte führte in früheren Zeiten angeblich ein Lotterleben auf südspanischen Strassen; als ich sie kennenlernte, saß sie bereits auf der Pflegestelle eines hiesigen Tierheimes, sie hatte ein paar unerfreuliche Macken, und wickelte aber mit ihren Cherry-eyes in Sekundenschnelle alle um den Finger, die ihr nahe kamen.

Nun hat es sich also ausgelottert, und Lieselotte zieht mit mir durch den Odenwald. Das mit dem Ziehen ist in diesem Fall leider nur allzu wörtlich zu nehmen, denn Tante Lieselotte zieht an der Leine wie der sprichwörtliche Ochse, es geht ihr nie schnell genug auf Wiesen und Feldern.

Dabei wird nahezu alles gejagt, was sich bewegt oder irgendwelche olfaktorischen Spuren hinterlassen hat, Mäuse, Hasen, Füchse, Rehe, Wildsauen, selbst die Vögelein am Himmel, Lieselotte rastet in freier Wildbahn komplett aus, bekommt den Tunnelblick und Schaum vorm Mund und rennt mit gefühlten 218 Stundenkilometern in die Schleppleine und zerrt und hört und sieht ansonsten nichts mehr. Und wenn ich sage nichts, meine ich nichts.

Wenn sie nicht gerade zerrt und jagen möchte, buddelt sie an jedem zweiten Quadratzentimeter, sie buddelt so närrisch und wildentschlossen, als gelte es, zum Erdkern vorzudringen, oder noch darüber hinaus, bis nach China, was weiss denn ich. Vor lauter Buddelei hat sie sich schon eine blutige Nase geholt, das dürfte beim Buddeln brennen wie die Sau, macht aber alles nichts, sie hat eine Mission und buddelt, Richtung China, Richtung Honolulu, in Sachen Ehrgeiz ist sie unübertroffen.

Ich kann derweil mit Schinken winken und mit allerlei anderen Leckereien, die ich in meiner Not mit mir herumschleppe und ihr feilbiete, ich kann ihr lustige Spielchen anbieten oder dahergelaufene Hundekumpel, es hat alles keinerlei Effekt, sie zerrt und buddelt und buddelt und zerrt, sie würdigt mich und ihr soziales Umfeld keines Blickes; es wäre zum Verzweifeln, wenn ich nicht schon jahrzehntelange Hundeerfahrung hätte und wenn Lieselotte nicht so ein Charmebolzen wäre, dem man am Ende doch wieder alles verzeiht.

Tante Lieselotte sei ja nun tatsächlich mal eine echte Granate, sagt mit gequältem Lächeln selbst die erfahrene Trainerin meines Vertrauens, die mir schon bei manch einem jagdlich motivierten Hund mit Rat und Tat beigestanden hat. Und das will ja nun was heißen. Ich übe und übe also weiter mit dem Berserker, ich wälze Fachliteratur und konsultiere die Trainerin, ich unterhalte mich mit Leidensgenossen und stoße mit schöner Regelmäßigkeit immer und immer wieder auf den gleichlautenden, entsetzlichen Rat: Trainieren Sie zunächst alles, aber wirklich !alles! in ablenkungsfreien Gebieten. 

Auf Deutsch heißt das: Gehen Sie an einen Ort, wo es weder Hasen, noch Mäuse, keine Rehe, keine Wildsauen oder Vogelschwärme gibt. Ich lese und höre das immer wieder, dann muss ich hysterisch lachen, ablenkungsfreie Gebiete!, lieb Heimatland!, im Odenwald!, ich werfe mich aufs Sofa und weine in die Kissen.

Und dann bekomme ich Sehnsucht nach dem Mehringdamm. Ich sehe mich dann mit Tante Lieselotte durch die Straße gehen, mitten in Berlin, ganz entspannt an lockerer Leine, wir schlendern von Hundehaufen zu Hundehaufen, von vollgepullertem Baum zu vollgepullertem Baum, vorbei an Currywurstbuden und Dönerbutzen, über ausgerotzte Kaugummis und weggeworfene Kippen, es gibt hier und da ein bißchen was zu schnüffeln, Pippi, Hundehaufen, Currywurst und Autoabgase, wir schnüffeln und schlendern, gucken und horchen, schlendern und schlendern in friedlicher Eintracht. Am Ende der Hunderunde über den Mehringdamm habe ich zwar Hundescheiße am Schuh, aber Lieselotte die Nase befriedigend voll und keinerlei Schaum vorm Maul, wir sind beide glücklich und zufrieden, und wenn wir nicht gestorben sind, dann schlendern wir noch heute.

So. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß mit dem Hund raus.

(*packt weinend Sicherheitsgeschirr, Ruckdämpfer und Handschuhe, Schinken, Hähnchenmägen, Trillerpfeife und Fachliteratur ein und verlässt schluchzend das Haus*)

 

 

 

12 von 12.

Am Zwölften des Monats zwölf Bilder zeigen, die den Tag beschreiben, das wünscht sich heute mal wieder die freundliche Frau mit den Kännchen.  Also, bitte. Heute ist Sonntag, erwarten Sie also nicht zuviel.

 

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Ortstermin.

Wir wollten mal wieder ins hessische Ausland, und wir wollten mal wieder auf einen schönen Wochenmarkt, und so hat es uns nach Hirschhorn verschlagen, zur Perle am Neckar. Gut, das mit dem hessischen Ausland hat ohne Probleme und Grenzkontrollen funktioniert, das mit dem Wochenmarkt war eher eine gewisse Pleite, oder wir hatten mal wieder was Falsches erwartet, das kommt hierzulande manchmal vor.

Der Wochenmarkt ist übersichtlich, wie auf dem Lande leider häufig üblich, das Städtchen ist es auch. Aber hübsch. Sie sollten sich aber besseres Wetter heraussuchen. Und ich werde das nächste mal nicht nur das smartphone, sondern eine echte Kamera bemühen.

 

 

 

Der Bieber wieder.

Wir hatten es hier auf dem Blog ja schon ein paar mal vom Biber, dem größten europäischen Nagetier, und davon, dass der auch hier im hintersten Odenwald inzwischen für Furore sorgt. Sogar mit einem Biber-Berater war ich in dieser Sache ja eben erst unterwegs, hier: Klick!, Sie erinnern sich vielleicht.

Heute nun bin ich im Wald auf ein Schild gestoßen, das die ganze Sache in ein völlig neues Licht rückt, und ich frage mich, ob ich vielleicht bei all meinen blödsinnigen Biber-Geschichten nicht einem blödsinnigen Irrtum aufgesessen bin.

Ich habe natürlich sofort auf der Website von Herrn Bieber recherchiert, was es mit diesem Schild auf sich haben könnte – und tatsächlich: Die Region Balsbach-Wagenschwend-Scheidental findet sich bislang nicht im Tourneeplan für 2017, ja, nicht ein einziges Konzert im ganzen großen Odenwald ist vorgesehen. Dabei wäre dieser Wald ja wie gemacht für eine große Open-Air-Show, siehe Foto, aber nein, der feine Herr Bieber gastiert in New York und in Cardiff und Paris und Mexico-City und Rio den Janeiro, und die Fans im Odenwald (falls es die denn gibt) glotzen wieder in die Röhre.

Aber die Odenwälder wären keine Odenwälder, wenn sich nicht Protest regen würde, das Schild im Wald spricht ja für sich. Oder haben Sie eine Ahnung, was es ansonsten damit auf sich haben könnte?

 

 

Update: Ich erfahre bei facebook, dass es eine Art Baumerntemaschine namens Biber/Bieber gibt. Das könnte eine Erklärung sein. Und nun sage noch einer, facebook diene nicht der allgemeinen Volksbildung.