Eine Frage der Ehre.

Friedhof

Das Grab auf dem Friedhof liegt ein bißchen abseits, zwanzig Schritt von den Gräbern der Einheimischen entfernt. „Hanka  Szandzielerz“ steht auf dem schlichten Stein, geboren 1920 irgendwo in Polen, gestorben 1945, hier im Odenwald. Eine junge Zwangsarbeiterin, unmittelbar vor Kriegsende im Nachbardorf getötet, bei einem Schusswechsel zwischen amerikanischen Soldaten und ortsansässigen Deutschen.

 

Das Grab der Polin sieht zu jeder Jahreszeit gepflegt aus, immer steht eine frische Topfpflanze, eine Vase mit frischem Blumen in der Einfassung. Die Frauen aus dem Dorf teilen sich seit fast 60 Jahren die Arbeit. Der Grabstein –  so abseits von den anderen – , die Grab-Pflege als Ehren-Amt: Das rührt mich.

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Dabei habe ich mich mit dem Wort „Ehre“ lange schwergetan. Klingt so allzu deutsch. „Ehren-Amt“? Noch schlimmer. Klang nach Vereinsmeiern und Wichtigtuerei.

Bis ich aufs Land, in den Odenwald, gezogen bin. Jetzt klingt es anders.

 

Ohne Ehrenamt ginge hier gar nichts mehr“, sagt manchmal unser Bürgermeister, und es wirkt, als wisse er nicht so genau, ob er darüber traurig sein soll oder stolz. Zu wenig Geld fließt in die Region, der Bürgermeister muss jeden Euro, den er ausgibt, zweimal umdrehen. „Der Staat zieht sich zurück aus der Fläche“, wie es immer so schön heißt. Da hilft auch alles Protestieren nicht, sagt die Erfahrung.  Die Gemeinden sind hier deswegen schon lange auf  Helfer angewiesen. Und das sind dann die Ehren-amtlichen.

 

Und die langen, wenn es sein muss, richtig hin. Da werden ganze Dorfplätze neu gestaltet, Feuerwehrgerätehäuser saniert und Sporthallen renoviert, alte Scheunen zum Dorfmuseum oder Vereinsheim ausgebaut. „Aufruf: Freiwillige Helfer gesucht!“ steht dann in kleinen Anzeigen im Amtsblatt, „Kuchen- und Getränkespenden willkommen!“. Männer und Frauen schuften und wuchten, hämmern und sägen, streichen und tapezieren, Bauunternehmer spenden Baumaterial, die Installationsfirmen Waschbecken und Kloschüsseln, die Transporteure transportieren ehrenamtlich. Maler, Verputzer, Fliesenleger, Gärtner, Hausfrauen und Mütter verbringen ihre Freizeit auf der Baustelle. Wochenlang. Monatelang.

 

In einem Dorf ganz in der Nähe haben sie ein altes, verfallenes Wasserschloss wieder hergerichtet, zum neuen Dorfmittelpunkt gemacht, mit Museum und Jugendraum. Mehr als 10.000 Arbeitsstunden haben die Männer und Frauen des Dorfes geleistet, ehrenamtlich. Unbezahlbar. Auf den Staat wartet man in solchen Dingen schon lange nicht mehr. Nicht mal hier, im tiefschwarzen Odenwald.

Foto: Rike/pixelio

Foto: Rike/pixelio

Ein paar Kilometer entfernt von uns haben die Dorfbewohner sich per Schaufel und Bagger ehrenamtlich bis ins www gebuddelt. Der Ort war digitales Niemandsland, zu aufwändig war der Anschluß den Netzbetreibern. Zu wenig User, zu viele Kilometer Kabeltrasse wären nötig. Der Profit bliebe da ja auf der Strecke. Wie überall hier auf dem Land. Ein, zwei Treffen im Dorfgemeinschaftshaus, die obligate Anzeige im Dorfblättchen, und es konnte losgehen.

Nach drei Wochen ehrenamtlicher Plackerei bei Wind und Wetter war die Kabeltrasse fertig, das kleine Dorf konnte ans global village angeschlossen werden. Die Geschichte ging durch alle Medien, logisch. Ehre, wem Ehre gebührt.

 

Ich sage inzwischen (frei nach John F. Kennedy) auch:  Ich bin eine Ehrenamtliche. Klingt ziemlich bescheuert. Zugegeben. Macht aber Sinn. Auf jeden Fall mehr, als zuhause zu sitzen und darüber zu maulen, daß alles den Bach runtergeht.

 

 

 

 

Mampf.

Ist immer blöd, wenn der Urlaub zuende geht. Aber als Landpomeranzen haben wir ja etwas, worauf wir uns freuen können. In dieser Jahreszeit: auf den blühenden Herbst-Zier-Garten daheim.

Wenn aber drei Deutsche Riesen beschließen, Muttis Abwesenheit mal für ausgedehnte Grabungsarbeiten zu nutzen – aus dem Gehege raus Richtung Vatis Ziergarten –  , dann is leider essig mit Blütenpracht. War aber sicher lecker. Und um das Fallobst müssen wir uns derzeit auch nicht kümmern. Ist alles im Deutschen Riesen-Magen drin.

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Wenigstens hat das Tor zum Gemüsegarten den RiesenAngriffen standgehalten. So haben wir jetzt zwar nichts mehr zu gucken, aber immerhin noch was zu essen. Mein Geo hätte sonst vermutlich einen Weinkrampf bekommen.

So hatte in den vergangenen knapp zwei Wochen nur die diensthabende Nachbarin Streß. Die hat den Riesen beim Blumen-Knabbern zuschauen müssen. Immerhin: Als die lieben Großen sich anschickten, auch den BlumenGarten zu verlassen und auf der Dorfstraße den Verkehr zu regeln, musste sie eingreifen. „Die waren dann schlußendlich aber froh, als ich sie irgendwie wieder in den Garten verfrachtet habe!“. Glauben wir sofort. Bei dem Nahrungsangebot.

Brandbekämpfung

Drei Uhr nachts in Kubach. Der Himmel rabenschwarz, ein paar Sterne, kein Mond. Sämtliche Straßenlaternen im Dorf sind schon seit vier Stunden abgeschaltet. Das Dorf duckt sich schlafend in die Nacht, die Häuser in der Nachbarschaft kann man nicht mehr sehen, nur noch ahnen.

Wir liegen in tiefen Träumen, als plötzlich die Sirene heult. Langsam und satt schwillt der Ton an, hängt sekundenlang über dem schlafenden Dorf, schwillt wieder ab.

„Fliegeralarm!“, ruft Geo, springt aus dem Bett, um die feindlichen Flugzeuge zu orten, ortet in der Finsternis zunächst aber nur die wuchtige Kommode auf dem Weg zum Fenster. Mit dem Knie.

Während er noch allerlei unchristliche Flüche ausstößt und einbeinig durch das Dunkel hüpft, ertönt die Sirene von neuem, schwillt an, hält den Ton, schwillt ab. „Nix Fliegeralarm – Feueralarm!“, sage ich, ganz erfahrene Landfrau.

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Schon hören wir im Ort die ersten Autotüren schlagen, die Rufe der freiwilligen Feuerwehr-Männer, die sich – oben Schlafanzug, unten Feuerwehrhose – hektisch auf den Weg zum Feuerwehrgerätehaus machen. Kurz darauf eine Kolonne von rasenden Autos, Spritzenwagen, knatternden Traktoren mit Wasserfässern, vorbei an unserem Haus, unterwegs zum Einsatzort, der irgendwo nördlich, hinter dem Wald liegen muss.

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Geo schaut wehmütig aus dem Fenster in die Nacht, den Wagen, den Männern mit ihren refektierenden Westen und Helmen hinterher. „Toll! Feuerwehr!“ sagt er stupide, „Wär’ ich auch gerne!“. „Na, ist doch prima“, murmele ich verschlafen aus dem warmen Bett, „Freiwillige Feuerwehrmänner brauchen sie hier immer.“

Geo legt sich wieder hin, in seinem landerfahrenen Großstädterhirn arbeitet es hörbar. „Meinst Du, ich könnte das?“ „Klar“, murmele ich jetzt schon leicht genervt, weil ernsthaft gewillt, den Nachtschlaf fortzusetzen.

Als ich eben in den nächsten Traum sinken will, wieder ein Motorengetöse vor dem Fenster. Wieder springt Geo auf, umgeht die wuchtige Kommode diesmal mit einem sportlichen Ausfallschritt, lehnt sich aus dem Fenster in die kalte Nacht. Wieder eine rasende Fahrzeugkolonne, lauter Mittelklassewagen, wieder Richtung Wald nach Norden. „Nachschub!“, brüllt Geo am Fenster begeistert gegen den Motorenlärm. Im Haus gegenüber schaltet jemand ein Licht an.

„Nachschub ja, – aber nicht so, wie Du meinst“, sage ich, jetzt schon in der Gewissheit, dass die Nacht zu Ende ist. „Das sind die Feuerwehr-Gattinnen. Mit warmem Tee und belegten Broten für die Männer. Wenn Deine Frau da nicht dabei ist, hast Du als Feuerwehr-Mann im Dorf nicht viel zu melden.“ Geo starrt mich durch die Dunkelheit entgeistert an: „Na, dann ist es ja eh essig mit meiner Feuerwehrkarriere.“

Wo er recht hat, hat er recht.

Blaumanns Erzählungen

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Am Anfang habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, mir eine Kittelschürze anzuschaffen. Eine knisternde Poly-Kittelschürze, Modell „Odenwald“, hellrosa oder himmelblau, mit undefinierbarem Muster und ohne Ärmel. Eine, in der ich ordentlich schwitzen könnte, selbst wenn ich drunter nur einen Lycra-Büstenhalter tragen würde.

Die Frau von nebenan trägt auch so eine, wenn sie auf allen Vieren das Unkraut aus dem Gehweg vor dem Haus kratzt, und unsere ausladende Nachbarin Else Bungenstab sowieso, wenn sie bei 32 Grad Raumtemperatur an ihrem alten Feuerherd steht und riesige Mengen Kohl für die riesige Familie dämpft. Kittelschürze und Kopftuch als Insignien der tüchtigen Landfrau im Odenwald.

Als vor einiger Zeit Jahrmarkt war, in der kleinen Stadt ganz in der Nähe, und zwischen Achterbahn und Autoscooter auch die Fliegenden Händler ihre wackligen Buden für den Bedarf der Landfrau aufgebaut hatten, bin ich an einem der Stände um die neusten Kittelschürzen-Modelle herumgeschlichen.

Als die Verkäuferin unvermittelt hinter mir stand und bellte „Wollen Sie mal eine anprobieren?“, habe ich vor Schreck eine Vorzugspackung Wollsocken erstanden.

Irgendwann habe ich mir dann also im Raiffeisen- Markt für 19 Euro den Blaumann gekauft, mit Latz und Gummiträgern. Der Raiffeisen Markt ist das KaDeWe für Landwirte: vom Dünger bis zum Güllefass, vom Futterautomaten bis zur Ferkelzange gibt es hier alles, was des Bauern Herz begehrt. Blaumänner führt unser Raiffeisen nur für Herren, in den Größen 52 bis 72. Nicht eben das figurbetonte Modell für eine 38 wie mich, aber praktisch.

„Arbeiten und Leben in einem Kleidungsstück“ ist mein Motto, wenn ich nach Feierabend die Büro- und Interview-Termine des Tages hinter mir lasse, Bundestagsabgeordnete Bundestagsabgeordnete – und Minister Minister sein lasse, wenn ich smartphone und Laptop ausschalte, Rock und Schühchen ausziehe und zur After-Work-Party in den Blaumann steige.

„Blue hour“ auf dem Lande, Existenzsicherung und Daseinsvorsorge in Blau. Im Blaumann verschieben sich plötzlich die Prioritäten, die Wichtigkeiten dieser Welt.

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Ob ich durch den Garten krieche und die Kartoffeln für den Spätsommer setze, ob ich den Zaun winterfest anstreiche, ob ich Holz säge für den Ofen, Marmelade für den Winter einkoche oder Geos Komposthaufen umhebe, damit er sich eines Tages in schwarz-glänzende, duftende Erde verwandelt – mein Blaumann macht alles mit. Und ist inzwischen auch schon gar nicht mehr blau, sondern farblich undefinierbar. „Der starrt ja schon vor Dreck!“ sagt Geo anerkennend. „Kannste bald ne Suppe von kochen!“

Samstags laufen mein Blaumann und ich zu Hochform auf: Gemeinsam misten wir den Hühnerstall aus, schrubben Futterkästen und spritzen Kotbretter ab, harken Bodenstreu und richten neue Nester, kämpfen uns mit der Schubkarre zum Komposthaufen und zurück, schleppen schwitzend Futtertonnen.

 

„Sie sehen ja süß aus!“, sagt der Bürgermeister aus dem Nachbarort mit einem Blick auf meinen Blaumann und die Gummistiefel grinsend. Wir kennen uns von dienstlichen Terminen hier im Odenwald, – Blazer, Nagellack, Hochsteckfrisur -, aber in diesem Aufzug hat er mich noch nie gesehen. Kann ich ahnen, dass er samstags plötzlich hier vor unserem Haus vorbeifährt? „Wie – ‚süß’? Was soll denn das heißen?“, frage ich zurück, „ich schrubbe gerade den Hühnerstall! Sehe ich nicht aus wie eine echte Landfrau?“. Er taxiert mich von oben bis unten. „Nö.“, sagt er. „Aber süß.“

Ich sollte ihm mit den lackierten Fingernägeln die Augen auskratzen. Oder vielleicht doch auf die Kittelschürze umsteigen?

Landeshauptstadtwahnsinn

Dienstag war es mal wieder so weit: Termin im Funkhaus. Ich musste in die Landeshauptstadt. Schnell noch die Morgenrunde drehen….

Himmel

…dann geht’s los. Kleine Landpomeranze auf großer Fahrt. Vom Odenwald in die große, weite Welt.

„Willst Du etwa mit dem Auto fahren?“, fragt mein Geo besorgt. Ich habe im Berliner Großstadtdschungel meine Fahrprüfung bestanden, sechsspuriger Kreisverkehr rund um die Siegessäule gleich in der dritten Fahrstunde, da werde ich mich doch wohl in einer süddeutschen Provinzhauptstadt zurechtfinden! Endlich mal wieder rein ins pulsierende Großstadtgetümmel.

„Pulsierendes Großstadtgetümmel?“ fragt Geo zögernd. „Darf ich mit?“. Klar darf er. Nach meinem Termin stürzen wir uns endlich mal wieder ins pulsierende Getümmel.

Pulsierend!

Stoßstange an Stoßstange schleichen wir mit gefühlten 1,6 Millionen anderen Fahrzeugen Richtung Süden, riesige LKW, Reisebusse, voll besetzte PKW. Wollen die etwa alle in die Landeshauptstadt? Durch das geöffnete Fenster wabern Motorenlärm und Benzingestank ins Auto.

Endlich angekommen. In der Innenstadt Straßenbahnen rechts und links, rasende Taxen, brüllende Lastwagen, Fahrradfahrer, die uns mit atemberaubendem Tempo in Einbahnstraßen entgegenkommen. „Vorsicht!“ schreit mein Geo alle zwanzig Sekunden und hält sich am Armaturenbrett fest, dauernd hupt es irgendwo, klingeln Fahrradklingeln, tröten die Straßenbahnen, jaulen Feuerwehrsirenen.

„Gelernt ist gelernt!“, beruhige ich Geo betont lässig und lenke den Wagen durch das organisiert-motorisierte Chaos. Dass ich schon jetzt schweißgebadet bin, muss Geo ja nicht wissen.

Irgendwie schlagen wir uns zum Funkhaus durch. „Jetzt bloß noch schnell einen Parkplatz finden!“ keucht Geo mit Blick auf die Uhr. „Und wenn’s geht, einen zum Vorwärtseinparken“, denke ich heimlich. Rückwärts-Einparken war noch nie meine Stärke, und seit wir im Odenwald wohnen, bin ich noch nie in die Verlegenheit gekommen. Begriffe wie „Parkplatzsuche“ oder „Parkplatznot“ kommen im Odenwälder Sprachgebrauch nicht vor. Im ganzen, großen Landkreis mit seinen 27 Gemeinden und 145.000 Einwohnern gibt es nur in einer einzigen Kommune kostenpflichtige Parkplätze und Tiefgaragen. Ansonsten parkt man, wo man will, – und immer vorwärts.

Nach dem Termin im Funkhaus ab ins pulsierende Großstadtgetümmel. „Aber das Auto lassen wir hier!“, bestimmt Geo, „Den Parkplatz geben wir nicht mehr her!“ Also mit der Straßenbahn rein in die Innenstadt, zum Bahnhof, in die Fußgängerzone.
Straßenbahn

Ein lauer Sommernachmittag, Straßencafés, Restaurants, kleine Espressobars. Elegante Schmuckgeschäfte, teure Raumausstatter, Kaufhäuser, Ramschläden. Ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen, überall duftende Anzug-Herren mit feinen Leder-Aktentäschchen, Mütter mit chromblitzenden High-Tech-Buggys, gackernde Teenager in angesagten Klamotten.

Kurzzeitig verliere ich Geo im Getümmel aus den Augen. „Immer schön an den Händen halten!“, befehle ich als erfahrene Großstädterin, „damit uns im Gedränge keiner trennen kann!“ Aneinandergeklammert wie weiland Hänsel und Gretel kämpfen wir uns durch die Menschen-Masse, schieben und drücken, auf Tuchfühlung mit sommerlich schwitzenden Leibern, lassen uns zwangsläufig und wider Willen treiben. „Ich will aber mal da hinten in den Laden gucken!“ nörgelt Geo und fuchtelt mit dem freien Arm in unbestimmte Richtung. „Geht jetzt nicht! Du siehst doch, was hier los ist!“. Um meinen Geo muss ich mich manchmal kümmern wie eine Mutter um ihr Kind.

Nachher gönnen wir uns ein selten gewordenes Vergnügen: Rolltreppe fahren. Rein in ein Kaufhaus, Rolltreppe rauf, Rolltreppe runter. Die schönen Damen in der Parfümerieabteilung gucken komisch. „Arrogante Großstadt-Kühe!“, sagt Geo bloß.

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Durchs Gedränge schieben wir uns wieder Richtung Ausgang, vorbei an Schals und Mützen, Lederkoffern, Beautycases, Armbanduhren, Süßigkeiten, Haarshampoo und Körpercreme. Brauchen wir noch was? „Nee, bloß raus hier!“ stöhnt Geo. Vor dem Kaufhaus preist plärrend ein Mann eine neuartige Küchenmaschine an, hobeln, häckseln, schneiden, reiben – alles auf einmal möglich, und das auch noch zum Mega-Hammer-Super-Sensationspreis. Als Geo sich durch die Menge interessierter Hausfrauen drängeln und den Hobel-Mann fragen will, ob man mit dem Ding denn auch entsaften kann – „Wir haben doch bestimmt dieses Jahr wieder irre viele Äpfel!“ -, bekommen wir ernsthaft Streit.

Durch das lärmende pulsierende Großstadtgetümmel schlagen wir uns zur nächsten Straßenbahnhaltestelle durch, Fahrtrichtung Funkhaus. Überall riecht es nach Döner und nach Fritten, nach billiger Bockwurst und teurem Großstädter-Parfüm. „Ich will nach Hause“, nörgelt Geo wie ein kleiner Junge. „Nur noch ins Auto, ein paar Staus, und dann sind wir daheim!“, verspreche ich tapfer.

Schweigend fahren wir am Abend über die Autobahn Richtung Heimat. Schweigend über Landstraßen, die immer kleiner, immer schmaler werden. Je holperiger das Gelände wird, desto mehr hellt sich unsere Laune auf.

Haben wir heute noch was Wichtiges vor? Ja, haben wir: Ich muss noch den Hühnerstall zumachen. Und dann den Glühwürmchen beim Tanzen zuschauen.

Selbstversorger, die Zweite

Kartoffeln, Äpfel, Pflaumenmus, Erdbeermarmelade, Holunderblüten- und Zitronenmelissesirup, Pfefferminz- und Salbeischnaps, italienischer Likör aus Odenwälder Walnüssen, getrocknete Kräuter, Wiesenchampignons, Steinpilze.

Manchmal wird es eng im Keller.

In meinem früheren Leben habe ich selbst im Bett noch stern und Focus, taz und FAZ studiert. Alles sehr wichtig, aber wenig nachhaltig. Außerdem konnte einem da der Appetit vergehen.

Inzwischen gehört das Standardwerk der Landfrau, „Einwecken und Haltbarmachen – jetzt ganz leicht!“ zu meiner regelmäßigen Nacht-Lektüre.

 

Wenn ich mich in der gärtnerischen Hochsaison mal wieder schlaflos im Bett hin- und herwälze, Kohlkopf- und Möhrenarmeen auf mich zumarschieren sehe, wenn ich im Traum auf einem Erdbeerberg stehe oder es Knoblauchknollen regnet, nehme ich zur Beruhigung „Einwecken und Haltbarmachen – jetzt ganz leicht!“ zur Hand und lese und schaue mir die bunten Bilder an.

Manchmal ramme ich dem schlafenden Geo morgens um Drei meinen Ellenbogen in die Seite: „Hast Du gewusst, dass man sogar Gänseblümchen einlegen kann?“, frage ich entgeistert in die Nacht hinein. Geo macht dann meistens nur ein undefinierbares Geräusch und dreht sich auf die andere Seite. Mit dem beneidenswert-gelassenen Grundvertrauen, das allen Selbstversorgern eigen ist.

Nie wieder Knöllchen.

Bremer Ordnungshüter fahren dieser Tage bei Verkehrssündern eine „bürgerfreundliche Strategie“. Statt Knöllchen gibts ein freundliches Vier-Augen-Aufklärungsgespräch. Das wirke manchmal mehr als tausend Worte, heißt es. Die Aktion – das am Rande bemerkt – ist gleichzeitig als stummer Protest gegen die Sparpolitik des Landes gedacht, die auch die Ordnungshüter bitter trifft. Und weil die nicht streiken dürfen, machen sie ihrem Unmut eben auf diese Weise Luft.

Die Meldung erinnert mich an einen Ausflug dieser Tage nach Ulm:

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Mein Landpomeranzen-Auto (Drei-Buchstaben-Kennzeichen, logo) mitten im absoluten Halteverbot am Bahnhof. Es nähert sich aufreizend-langsam ein Ordnungshüter. „Wo kommen Sie denn her?“ fragt er mit wichtigem Blick erst auf das Verbots-, dann auf mein Nummern-schild. „Aus dem Odenwald.“ Kurze Pause seinerseits. Dann: „Aus dem Odenwald?? Ach so!…na, dann.“.

Weg ist er. Ohne freundliches Gespräch. Ohne un-freundliche Verwarnung. Ohne Knöllchen. Einfach: „Aus dem Odenwald?? Ach so! Na, dann.“

Und weg.

Noch Fragen?

Selbstversorger, die Erste

„Jetzt sieh sich das einer an!“, flüstert Geo tonlos beim sonntäglichen Morgenspaziergang durch den Odenwald. Ich folge mit den Augen seinem stieren Blick ins Unterholz. Rehe? Wildschweine? Vielleicht ein putzig-Häschen?

Schon steigt Geo über Äste und Zweige, durch ein Brombeergestrüpp, bückt sich über einen karamellfarbenen Steinpilz.

 

Da hinten: noch einer. „Und hier!“, stöhnt Geo. Landleben kann kulinarische Verzückung sein. Wir sammeln unser Abendessen. „Tagliatelle alla porcini”, flötet Geo durch den Wald. Wie einen Goldschatz tragen wir unsere Beute Richtung Kubach.

An einer Wegbiegung plötzlich ein Getrappel und Geschnaufe, rhythmisch knarrend und holpernd nähert sich eine Kutsche mit zwei schwarz-glänzenden Pferden. Jeden Sonntagmorgen, wenn die Odenwälder in die Messe gehen, fährt Gemüsegroßhändler Erwin Kohl mit der Kutsche durch den Wald.

Der Odenwald als Selbstbedienungsladen

„Was haben Sie denn da?“, fragt er mit einem Blick auf unser potentielles Abendessen. „Steinpilze – eben gefunden!“, sagt Geo stolz. Erwin Kohl guckt verständnislos. „So was muss man doch nicht mühsam sammeln – das kann man doch kaufen!“.

Geo ist beleidigt.

Steinpilze aus dem Odenwald

„Wir sind doch schließlich Selbstversorger! Wozu leben wir denn sonst im Odenwald?“. Wenn Geo das Wort „Selbstversorger“ ausspricht, klingt es wie eine Art Auszeichnung, wie ein Adelstitel. Stundenlang könnten wir täglich im hauseigenen Nutzgarten zubringen, Geo sät und pflegt, hackt und harkt, zupft und erntet. Salate und Kartoffeln, Blumenkohl und Rosenkohl, Erbsen, Möhren, Bohnen. Dazu Knoblauch und Zwiebeln, Thymian, Rosmarin, Basilikum, Salbei und Melisse. Kräuter, von denen ich bis dato nie etwas gehört habe.

Egal, ob März oder September, Februar oder Oktober: irgendwas schleppt Geo abends immer aus dem Garten an, auf dass es in Töpfen und auf Tellern lande. Unser Blumenkohl hat was von pygmäischen Schrumpfköpfen, unsere Erbsen die Größe von Stecknadelköpfen, die fettesten Möhren werden allenfalls bleistiftdick. Aber: „Wie das schmeckt!“.

Wenn Geo beim Essen nur laut genug spricht, hört man auch nicht den Salat-Sand an den Zähnen knirschen.

Neue Heimat?

Wer nicht lesen will, kann hören:

 

 

Ist das jetzt also meine neue Heimat? Auf dem Weg durchs Dorf setze ich mein sonnigstes Gesicht auf. Freundlich lächele ich dem fleißigen Bauern zu, der mit dem Traktor Richtung Acker brummt. Keine Reaktion. Kein Lächeln, nicht mal ein Blick. Ein paar Minuten später nähert sich das nächste Fahrzeug. Eine Mutter, die ihre zwei Kinder zum Schulbus chauffiert. Und wieder das Gleiche: kein Blick, keine Reaktion. Mit meiner zum Gruß erhobenen Hand kratze ich mir den Kopf. Muss ja nicht  gleich jeder merken, dass ich mich offenbar zum Trottel mache.

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Frustriert schleiche ich nach Hause. „Geo“, sage ich sachlich, „Geo, – hier werden wir nie heimisch!“. Aber Geo kann nur müde lächeln. Mein Mann ist land-erfahren. Lange Jahre in der hessischen Provinz haben ihn gestählt für alle Unbill, die das deutsche Landleben bereithalten kann.

Wie ein armer Schwiegersohn, bricht auch der Städter in eine Art Familie ein, wenn er aufs Dorf zieht. In eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich seit Generationen zusammengerauft hat. Jeder kennt jeden, man mag sich – oder eben nicht. Jeder weiß sehr viel vom anderen. So wird der Fremde auf Schritt und Tritt unbemerkt beäugt, beobachtet und eingeschätzt. Immer enger ziehen sich die Kreise um den Neuen. Alle wissen alles, nur der Fremde, der weiß gar nichts. Weiß nicht, wer der Chef ist und wer der Dorf-Depp, weiß nicht, wo er sich hinzusetzen hat, im Gasthaus oder in der Kirche, kennt keines der ungeschriebenen Gesetze der Dorfgemeinschaft. Der weltgewandte Großstädter macht erstmal alles falsch.

„Na prima!“ stöhne ich, als Gatte Geo mit seinen Ausführungen am Ende ist. „Und jetzt?“, frage ich, während ich gleichzeitig vor meinem inneren Auge schon wieder die Umzugslaster bestelle. Aber Kneifen gilt nicht: Diesen Sieg wird Renate nicht davontragen.  „Wir müssen uns eben erstmal bewähren!“ verkündet Geo strahlend. Und schiebt seinen zweiteiligen Leben-auf-dem-Lande-Masterplan gleich hinterher: „Erstens: früh aufstehen! Zweitens: hart arbeiten!“

 

„Na, Sie sind aber morgens immer schon früh auf den Beinen!“, ist eine Woche später der erste zusammenhängende Satz, den die freundliche, aber bislang wortkarge Bäckersfrau hörbar beeindruckt an mich richtet, während ich noch zwischen Plunderteilchen und Butterhörnchen abwäge. Dass ich vor Tau und Tag verschlafen durch das stockfinstre Haus  in die Küche getappt bin und dort demonstrativ und weithin sichtbar das Licht angeschaltet habe (um mich danach noch ein Stündchen ins Bett zu legen), das hat seine Wirkung offenbar nicht verfehlt.

 

Wenn die Bäckersfrau es weiß, wissen es morgen alle. Schon am nächsten Tag fährt der Ortsvorsteher nicht mehr grußlos an uns vorbei, sondern bremst auf der Straße ab, lässt das Fenster heruntersummen und begrüßt uns lachend mit den Worten „Ihr seid aber auch immer ganz schön zeitig auf – wie?“.

 

„Aber was ist mit dem hart-arbeiten?“, frage ich Geo verzweifelt und verweise sogleich darauf, dass ich ohnehin ziemlich hart arbeite, zehn Stunden am Tag, nur leider in einem Redaktions-Büro in der Kreisstadt, unsichtbar also für alle Kubacher Mitbürger. „Kein Problem!“, sagt mein allwissender Mann mit einer gönnerhaften Handbewegung, „Wir warten einfach auf den Samstag!“

Samstag, Ruhetag. Seliges Ausschlafen bis in den späten Vormittag.  Geo stellt den Wecker mit großer Geste auf halb sieben.  „Wir müssen noch das kleine Regal zusammenschrauben“, murmelt er wichtigtuerisch. „Ausgerechnet am Samstag? Morgens früh um Sieben?.“ Das Entsetzen steht mir ins Gesicht geschrieben, aber Geo lässt sich nicht aus der morgendlichen Ruhe bringen. Über den nackten Oberkörper zieht er ein altes Unterhemd (angegrautes Feinripp, ein verhasstes Überbleibsel aus längst vergangenen Junggesellentagen), trägt zwei Regalbretter und zwanzig Schrauben auf die Veranda zur Straße hin, räumt und schiebt theatralisch, misst und schätzt und hämmert, lässt schlussendlich den Akkuschrauber jaulen, als die Turmuhr gerade Sieben schlägt. Nach einer halben Stunde ist das Regal im Rohzustand fertig. „Jetzt noch anstreichen?“, frage ich, immer noch verschlafen. „Blödsinn! Jetzt noch Rasenmähen!“. Zwei Stunden lang schiebt Geo den uralten Benzin-Mäher kreuz und quer durch den Garten, laut-knatternd und blubbernd zieht er seine Bahnen, bis das Feinripp-Hemdchen nass verschwitzt ist.

 

Am Montag drauf wieder die Qual der Wahl: Plunder oder Butterhörnchen? Kleie- oder Weizenvollkornbrot? Vier Weckle – oder sechs? Die riesige Bäckersfrau hinter der Theke hat plötzlich alle Zeit der Welt. „Ihr Mann kann aber ganz schön was schaffen!“ sagt sie anerkennend und strahlt mich an wie eines der Hefeteigrosinenmännchen in ihrer Auslage.

Wenn sie es weiß, wissen es morgen alle. Auf dem Heimweg nähert sich brummend der knallrote Traktor, dem ich in den vergangenen Wochen schon so oft begegnet bin. Der Alte auf dem Traktor lächelt, hebt die Hand zum Gruß, ein kurzer Wink, schon ist er vorbei.

 

Wir haben die Probe bestanden.