Erste Hilfe.

Icke so neulich, früh morgens:

Fotomotiv zwischen zwei Dörfern gesucht (und gefunden).

Auto mit Warnblinke an den Randstreifen geklemmt.

Mit gesenktem Kopf und Kamera in der Hand übers Feld gestolpert.

rauhreif

 

Nähert sich langsam ein Transporter mt einem jungen Kerl am Steuer. Nie zuvor gesehen.

Alles in Ordnung? Oder brauchen Sie Hilfe?

 

Zu Beginn meines Landpomeranzendaseins habe ich das für eine besonders dämliche Form der Anmache gehalten.

Aber die meinen das ernst.

Die sind hier so.

 

 

Wildes Treiben.

Freund Klaus war seit heute früh eingeschlossen in den eigenen vier Wänden. Ein Gefangener im eigenen Haus. Der Aussiedlerhof umstellt von bewaffneten Männern. Die Straßen ringsherum gesperrt, kein Durchkommen. Ich wollte auf einen Kaffee zu ihm und seiner Frau. Zu gefährlich, bleib bloß weg, sagt er am Telefon. Wir sind hier im Auge des Orkans, überall Geballer und Gebelle.

Foto: Klaus Hilger, ausm Vorgarten heraus, sozusagen.

Foto: Klaus Hilger, ausm Vorgarten heraus, sozusagen. Die Herren warten auf die Sau.

Treibjagd im Odenwald. Muß wohl sein, hin und wieder. Wer – wie wir – den Speisezettel voller Wildfleisch hat, muß sich mit sowas arrangieren. So oder so.

Es ist schon ein paar Jahre her, da war ich zum ersten Mal selber zu einer Treibjagd eingeladen. Naja, was heißt „eingeladen“ – sie brauchten noch ein paar Mann Fußvolk, und in ihrer Not nahmen sie auch eine Frau. Die Not muß groß gewesen sein, denn bis dato hatte es noch nie eine Frau gegeben, die bei einer Treibjagd rund ums Dorf als Treiberin dabei war.

Ein historischer Moment also sozusagen, als ich in dicker Hose, dicker Jacke und mit dicken Schuhen am Ausgangspunkt auftauche. Als ich mich – ganz Großstädterin – höflich vorstelle und erkundige: „Ich gehöre zu den Treibern – wo muß ich hin?“: Geraune und Geglotze, aber leider keine Auskunft.

Die Lage ist trotzdem schnell durchschaut am Anfang dieser Treibjagd damals. Auf dem einen Haufen stehen die Jäger, ältere Herren zumeist, in feinem Loden, schwere Waffe um die Schulter. Kläffende, ungeduldige Hunde, die als ordinärer Dackel durchgehen würden, aber in Wirklichkeit alpenländische Bracken sind oder niederösterreichische Schweißhunde.

Die Herren wärmen sich an diesem eisigen Morgen schon mal auf und glühen vor. In die Tassen fließt die Jägerschorle, halb Kaffee, halb Cognac. Morgens um Acht. Ob die nachher noch gut zielen können? Naja, egal, jetzt kann ich nicht mehr kneifen.

Auf der anderen Seite des Hofes das Fußvolk. Die Treiber. Die Landwirte aus dem Dorf, die den Sauen mal so richtig den Appetit auf ihren Mais verderben wollen. Für sie ist die Treibjagd eine Art Schadensbegrenzung. Feindesabwehr im Voraus. Zum Vergnügen machen sie hier nicht mit, eher aus Notwendigkeit. In Gummistiefeln und Anoraks sind sie angerückt, bekommen grellgelbe Schutzwesten, damit die Jäger auch nach Jägerschorle noch Keiler von Treiber unterscheiden können. Auf den einen sollen sie schießen, auf den anderen bitte nicht, lautet die Anweisung.

Was sie mit mir anfangen sollen, wissen die Treiber jetzt noch nicht so recht. Ob ich überhaupt schon mal im Wald war? Ja, war ich. Gut. Ob ich brüllen kann? Kann ich auch, mach ich mit meinem Mann fast jeden Tag, haha. Der Punkt geht an mich. Und Ausdauer? Hab ich, keine Sorge. Na, dann.

Im Hänger eines Traktors geht es für die Treiber rumpelnd an den Start, alles schaukelt durcheinander, so kommt man sich trotz Wind und Kälte näher. Und die ersten Rufe, gegen den Motorenlärm: „Paßt mir uff die Fraa Kroitzsch uff!!“ Der Treiber-Chef befiehlt, und alle passen auf. Helfen mir am Ziel sogar gentlemanlike vom Hänger runter. Die Jäger fahren derweil in ihren Range-Rovern mit Sitzheizung an ihre vorher festgelegte Position.

In den kommenden fünf Stunden stolpere ich durchs Odenwälder Unterholz und bearbeite mit einem langen Stock wild brüllend die Bäume, die sich mir in den Weg stellen. Das erste und letzte Mal in meinem Leben so laut gebrüllt habe ich als Teenie auf einer Schülerdemo am Wittenbergplatz. Ging damals wahrscheinlich gegen Atomkraft. Heute gehts gegen Odenwälder Schweinereien. Durch unseren Höllenlärm sollen die Sauen aufgeschreckt und den Jägern vor die Flinte getrieben werden. Wir laufen, stolpern und kriechen nach einer unsichtbaren Choreografie durchs Dickicht, immer da lang, wo die Sauen vermutet werden.

Sehen kann ich die Mit-Treiber nicht. Nur hören. Irgendwo rechts neben mir: ein Baß: Hooooo, hoooo! Zack!, kracht der Stock gegen den Baum. Hooo hoo! Zack! Von links hinten ein dünner Tenor: oioioioioiiiiii! Zack! Oioioioiiiiii! Zack! Dazwischen immer wieder die fernen Rufe des An-Treibers: „Is die Fraa noch do??“. Irgendeiner aus meiner Nähe brüllt dann zurück in den Wald „Jooo!! Do isse!!“ Das erste mal eine Frau dabei – und die dann auf Nimmerwiedersehen im Wald verschollen, ein Albtraum für die Jagdgesellschaft, offensichtlich.

Nach zwei, drei Stunden werden wir uns schon vertrauter, obwohl – oder vielleicht grade weil keiner den anderen sieht: „Is des Mädle noch do???“, brüllt inzwischen der Chef durch den Wald, und ich denke „meint der mich??“, brülle vorwitzig „JA“ zurück, zwischen hohohooo! und oioioioiiiii! und Zack!

Am Ende geht es noch durch ein regendurchweichtes Rapsfeld. Die Pflanzen locker 2 Meter hoch. Alles voller Wasser, der Blick reicht keine 20 Zentimeter weit. Da liegen sie sicher drin, bestimmt der An-Treiber den Einsatz, ich mache mir vor Angst fast in die klatschnassen Hosen, mime aber die erfahrene Treiberin. Am Ende angekommen, sehe ich aus wie nach einer Schlammschlacht und damit so, wie alle anderen auch. „Gut gemacht, Mädle“ adelt mich der 16jährige mit der oioioiii-Fistelstimme, der die ganze Zeit in meiner Nähe war.

Geschossen wurde seinerzeit nichts. Vielleicht waren die Sauen einfach schlauer als wir. Ich ertappe mich, daß ich mich in solchen Momenten heimlich freue. Für die Sauen. Mädle halt.

Ich war seitdem noch auf ein paar Treib- und Drückjagden, dann nicht mehr als bestaunte Exotin, sondern als ganz normales Mitglied der jeweiligen Jagdgesellschaft. Vor ein paar Monaten wurde in der Nähe ein Treiber erschossen, von einem Querschläger. Ich bleibe jetzt erstmal zuhause.

 

 

 

Eine Frage der Ehre.

Friedhof

Das Grab auf dem Friedhof liegt ein bißchen abseits, zwanzig Schritt von den Gräbern der Einheimischen entfernt. „Hanka  Szandzielerz“ steht auf dem schlichten Stein, geboren 1920 irgendwo in Polen, gestorben 1945, hier im Odenwald. Eine junge Zwangsarbeiterin, unmittelbar vor Kriegsende im Nachbardorf getötet, bei einem Schusswechsel zwischen amerikanischen Soldaten und ortsansässigen Deutschen.

 

Das Grab der Polin sieht zu jeder Jahreszeit gepflegt aus, immer steht eine frische Topfpflanze, eine Vase mit frischem Blumen in der Einfassung. Die Frauen aus dem Dorf teilen sich seit fast 60 Jahren die Arbeit. Der Grabstein –  so abseits von den anderen – , die Grab-Pflege als Ehren-Amt: Das rührt mich.

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Dabei habe ich mich mit dem Wort „Ehre“ lange schwergetan. Klingt so allzu deutsch. „Ehren-Amt“? Noch schlimmer. Klang nach Vereinsmeiern und Wichtigtuerei.

Bis ich aufs Land, in den Odenwald, gezogen bin. Jetzt klingt es anders.

 

Ohne Ehrenamt ginge hier gar nichts mehr“, sagt manchmal unser Bürgermeister, und es wirkt, als wisse er nicht so genau, ob er darüber traurig sein soll oder stolz. Zu wenig Geld fließt in die Region, der Bürgermeister muss jeden Euro, den er ausgibt, zweimal umdrehen. „Der Staat zieht sich zurück aus der Fläche“, wie es immer so schön heißt. Da hilft auch alles Protestieren nicht, sagt die Erfahrung.  Die Gemeinden sind hier deswegen schon lange auf  Helfer angewiesen. Und das sind dann die Ehren-amtlichen.

 

Und die langen, wenn es sein muss, richtig hin. Da werden ganze Dorfplätze neu gestaltet, Feuerwehrgerätehäuser saniert und Sporthallen renoviert, alte Scheunen zum Dorfmuseum oder Vereinsheim ausgebaut. „Aufruf: Freiwillige Helfer gesucht!“ steht dann in kleinen Anzeigen im Amtsblatt, „Kuchen- und Getränkespenden willkommen!“. Männer und Frauen schuften und wuchten, hämmern und sägen, streichen und tapezieren, Bauunternehmer spenden Baumaterial, die Installationsfirmen Waschbecken und Kloschüsseln, die Transporteure transportieren ehrenamtlich. Maler, Verputzer, Fliesenleger, Gärtner, Hausfrauen und Mütter verbringen ihre Freizeit auf der Baustelle. Wochenlang. Monatelang.

 

In einem Dorf ganz in der Nähe haben sie ein altes, verfallenes Wasserschloss wieder hergerichtet, zum neuen Dorfmittelpunkt gemacht, mit Museum und Jugendraum. Mehr als 10.000 Arbeitsstunden haben die Männer und Frauen des Dorfes geleistet, ehrenamtlich. Unbezahlbar. Auf den Staat wartet man in solchen Dingen schon lange nicht mehr. Nicht mal hier, im tiefschwarzen Odenwald.

Foto: Rike/pixelio

Foto: Rike/pixelio

Ein paar Kilometer entfernt von uns haben die Dorfbewohner sich per Schaufel und Bagger ehrenamtlich bis ins www gebuddelt. Der Ort war digitales Niemandsland, zu aufwändig war der Anschluß den Netzbetreibern. Zu wenig User, zu viele Kilometer Kabeltrasse wären nötig. Der Profit bliebe da ja auf der Strecke. Wie überall hier auf dem Land. Ein, zwei Treffen im Dorfgemeinschaftshaus, die obligate Anzeige im Dorfblättchen, und es konnte losgehen.

Nach drei Wochen ehrenamtlicher Plackerei bei Wind und Wetter war die Kabeltrasse fertig, das kleine Dorf konnte ans global village angeschlossen werden. Die Geschichte ging durch alle Medien, logisch. Ehre, wem Ehre gebührt.

 

Ich sage inzwischen (frei nach John F. Kennedy) auch:  Ich bin eine Ehrenamtliche. Klingt ziemlich bescheuert. Zugegeben. Macht aber Sinn. Auf jeden Fall mehr, als zuhause zu sitzen und darüber zu maulen, daß alles den Bach runtergeht.

 

 

 

 

Mampf.

Ist immer blöd, wenn der Urlaub zuende geht. Aber als Landpomeranzen haben wir ja etwas, worauf wir uns freuen können. In dieser Jahreszeit: auf den blühenden Herbst-Zier-Garten daheim.

Wenn aber drei Deutsche Riesen beschließen, Muttis Abwesenheit mal für ausgedehnte Grabungsarbeiten zu nutzen – aus dem Gehege raus Richtung Vatis Ziergarten –  , dann is leider essig mit Blütenpracht. War aber sicher lecker. Und um das Fallobst müssen wir uns derzeit auch nicht kümmern. Ist alles im Deutschen Riesen-Magen drin.

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Wenigstens hat das Tor zum Gemüsegarten den RiesenAngriffen standgehalten. So haben wir jetzt zwar nichts mehr zu gucken, aber immerhin noch was zu essen. Mein Geo hätte sonst vermutlich einen Weinkrampf bekommen.

So hatte in den vergangenen knapp zwei Wochen nur die diensthabende Nachbarin Streß. Die hat den Riesen beim Blumen-Knabbern zuschauen müssen. Immerhin: Als die lieben Großen sich anschickten, auch den BlumenGarten zu verlassen und auf der Dorfstraße den Verkehr zu regeln, musste sie eingreifen. „Die waren dann schlußendlich aber froh, als ich sie irgendwie wieder in den Garten verfrachtet habe!“. Glauben wir sofort. Bei dem Nahrungsangebot.

Brandbekämpfung

Drei Uhr nachts in Kubach. Der Himmel rabenschwarz, ein paar Sterne, kein Mond. Sämtliche Straßenlaternen im Dorf sind schon seit vier Stunden abgeschaltet. Das Dorf duckt sich schlafend in die Nacht, die Häuser in der Nachbarschaft kann man nicht mehr sehen, nur noch ahnen.

Wir liegen in tiefen Träumen, als plötzlich die Sirene heult. Langsam und satt schwillt der Ton an, hängt sekundenlang über dem schlafenden Dorf, schwillt wieder ab.

„Fliegeralarm!“, ruft Geo, springt aus dem Bett, um die feindlichen Flugzeuge zu orten, ortet in der Finsternis zunächst aber nur die wuchtige Kommode auf dem Weg zum Fenster. Mit dem Knie.

Während er noch allerlei unchristliche Flüche ausstößt und einbeinig durch das Dunkel hüpft, ertönt die Sirene von neuem, schwillt an, hält den Ton, schwillt ab. „Nix Fliegeralarm – Feueralarm!“, sage ich, ganz erfahrene Landfrau.

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Schon hören wir im Ort die ersten Autotüren schlagen, die Rufe der freiwilligen Feuerwehr-Männer, die sich – oben Schlafanzug, unten Feuerwehrhose – hektisch auf den Weg zum Feuerwehrgerätehaus machen. Kurz darauf eine Kolonne von rasenden Autos, Spritzenwagen, knatternden Traktoren mit Wasserfässern, vorbei an unserem Haus, unterwegs zum Einsatzort, der irgendwo nördlich, hinter dem Wald liegen muss.

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Geo schaut wehmütig aus dem Fenster in die Nacht, den Wagen, den Männern mit ihren refektierenden Westen und Helmen hinterher. „Toll! Feuerwehr!“ sagt er stupide, „Wär’ ich auch gerne!“. „Na, ist doch prima“, murmele ich verschlafen aus dem warmen Bett, „Freiwillige Feuerwehrmänner brauchen sie hier immer.“

Geo legt sich wieder hin, in seinem landerfahrenen Großstädterhirn arbeitet es hörbar. „Meinst Du, ich könnte das?“ „Klar“, murmele ich jetzt schon leicht genervt, weil ernsthaft gewillt, den Nachtschlaf fortzusetzen.

Als ich eben in den nächsten Traum sinken will, wieder ein Motorengetöse vor dem Fenster. Wieder springt Geo auf, umgeht die wuchtige Kommode diesmal mit einem sportlichen Ausfallschritt, lehnt sich aus dem Fenster in die kalte Nacht. Wieder eine rasende Fahrzeugkolonne, lauter Mittelklassewagen, wieder Richtung Wald nach Norden. „Nachschub!“, brüllt Geo am Fenster begeistert gegen den Motorenlärm. Im Haus gegenüber schaltet jemand ein Licht an.

„Nachschub ja, – aber nicht so, wie Du meinst“, sage ich, jetzt schon in der Gewissheit, dass die Nacht zu Ende ist. „Das sind die Feuerwehr-Gattinnen. Mit warmem Tee und belegten Broten für die Männer. Wenn Deine Frau da nicht dabei ist, hast Du als Feuerwehr-Mann im Dorf nicht viel zu melden.“ Geo starrt mich durch die Dunkelheit entgeistert an: „Na, dann ist es ja eh essig mit meiner Feuerwehrkarriere.“

Wo er recht hat, hat er recht.

Blaumanns Erzählungen

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Am Anfang habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, mir eine Kittelschürze anzuschaffen. Eine knisternde Poly-Kittelschürze, Modell „Odenwald“, hellrosa oder himmelblau, mit undefinierbarem Muster und ohne Ärmel. Eine, in der ich ordentlich schwitzen könnte, selbst wenn ich drunter nur einen Lycra-Büstenhalter tragen würde.

Die Frau von nebenan trägt auch so eine, wenn sie auf allen Vieren das Unkraut aus dem Gehweg vor dem Haus kratzt, und unsere ausladende Nachbarin Else Bungenstab sowieso, wenn sie bei 32 Grad Raumtemperatur an ihrem alten Feuerherd steht und riesige Mengen Kohl für die riesige Familie dämpft. Kittelschürze und Kopftuch als Insignien der tüchtigen Landfrau im Odenwald.

Als vor einiger Zeit Jahrmarkt war, in der kleinen Stadt ganz in der Nähe, und zwischen Achterbahn und Autoscooter auch die Fliegenden Händler ihre wackligen Buden für den Bedarf der Landfrau aufgebaut hatten, bin ich an einem der Stände um die neusten Kittelschürzen-Modelle herumgeschlichen.

Als die Verkäuferin unvermittelt hinter mir stand und bellte „Wollen Sie mal eine anprobieren?“, habe ich vor Schreck eine Vorzugspackung Wollsocken erstanden.

Irgendwann habe ich mir dann also im Raiffeisen- Markt für 19 Euro den Blaumann gekauft, mit Latz und Gummiträgern. Der Raiffeisen Markt ist das KaDeWe für Landwirte: vom Dünger bis zum Güllefass, vom Futterautomaten bis zur Ferkelzange gibt es hier alles, was des Bauern Herz begehrt. Blaumänner führt unser Raiffeisen nur für Herren, in den Größen 52 bis 72. Nicht eben das figurbetonte Modell für eine 38 wie mich, aber praktisch.

„Arbeiten und Leben in einem Kleidungsstück“ ist mein Motto, wenn ich nach Feierabend die Büro- und Interview-Termine des Tages hinter mir lasse, Bundestagsabgeordnete Bundestagsabgeordnete – und Minister Minister sein lasse, wenn ich smartphone und Laptop ausschalte, Rock und Schühchen ausziehe und zur After-Work-Party in den Blaumann steige.

„Blue hour“ auf dem Lande, Existenzsicherung und Daseinsvorsorge in Blau. Im Blaumann verschieben sich plötzlich die Prioritäten, die Wichtigkeiten dieser Welt.

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Ob ich durch den Garten krieche und die Kartoffeln für den Spätsommer setze, ob ich den Zaun winterfest anstreiche, ob ich Holz säge für den Ofen, Marmelade für den Winter einkoche oder Geos Komposthaufen umhebe, damit er sich eines Tages in schwarz-glänzende, duftende Erde verwandelt – mein Blaumann macht alles mit. Und ist inzwischen auch schon gar nicht mehr blau, sondern farblich undefinierbar. „Der starrt ja schon vor Dreck!“ sagt Geo anerkennend. „Kannste bald ne Suppe von kochen!“

Samstags laufen mein Blaumann und ich zu Hochform auf: Gemeinsam misten wir den Hühnerstall aus, schrubben Futterkästen und spritzen Kotbretter ab, harken Bodenstreu und richten neue Nester, kämpfen uns mit der Schubkarre zum Komposthaufen und zurück, schleppen schwitzend Futtertonnen.

 

„Sie sehen ja süß aus!“, sagt der Bürgermeister aus dem Nachbarort mit einem Blick auf meinen Blaumann und die Gummistiefel grinsend. Wir kennen uns von dienstlichen Terminen hier im Odenwald, – Blazer, Nagellack, Hochsteckfrisur -, aber in diesem Aufzug hat er mich noch nie gesehen. Kann ich ahnen, dass er samstags plötzlich hier vor unserem Haus vorbeifährt? „Wie – ‚süß’? Was soll denn das heißen?“, frage ich zurück, „ich schrubbe gerade den Hühnerstall! Sehe ich nicht aus wie eine echte Landfrau?“. Er taxiert mich von oben bis unten. „Nö.“, sagt er. „Aber süß.“

Ich sollte ihm mit den lackierten Fingernägeln die Augen auskratzen. Oder vielleicht doch auf die Kittelschürze umsteigen?

Landeshauptstadtwahnsinn

Dienstag war es mal wieder so weit: Termin im Funkhaus. Ich musste in die Landeshauptstadt. Schnell noch die Morgenrunde drehen….

Himmel

…dann geht’s los. Kleine Landpomeranze auf großer Fahrt. Vom Odenwald in die große, weite Welt.

„Willst Du etwa mit dem Auto fahren?“, fragt mein Geo besorgt. Ich habe im Berliner Großstadtdschungel meine Fahrprüfung bestanden, sechsspuriger Kreisverkehr rund um die Siegessäule gleich in der dritten Fahrstunde, da werde ich mich doch wohl in einer süddeutschen Provinzhauptstadt zurechtfinden! Endlich mal wieder rein ins pulsierende Großstadtgetümmel.

„Pulsierendes Großstadtgetümmel?“ fragt Geo zögernd. „Darf ich mit?“. Klar darf er. Nach meinem Termin stürzen wir uns endlich mal wieder ins pulsierende Getümmel.

Pulsierend!

Stoßstange an Stoßstange schleichen wir mit gefühlten 1,6 Millionen anderen Fahrzeugen Richtung Süden, riesige LKW, Reisebusse, voll besetzte PKW. Wollen die etwa alle in die Landeshauptstadt? Durch das geöffnete Fenster wabern Motorenlärm und Benzingestank ins Auto.

Endlich angekommen. In der Innenstadt Straßenbahnen rechts und links, rasende Taxen, brüllende Lastwagen, Fahrradfahrer, die uns mit atemberaubendem Tempo in Einbahnstraßen entgegenkommen. „Vorsicht!“ schreit mein Geo alle zwanzig Sekunden und hält sich am Armaturenbrett fest, dauernd hupt es irgendwo, klingeln Fahrradklingeln, tröten die Straßenbahnen, jaulen Feuerwehrsirenen.

„Gelernt ist gelernt!“, beruhige ich Geo betont lässig und lenke den Wagen durch das organisiert-motorisierte Chaos. Dass ich schon jetzt schweißgebadet bin, muss Geo ja nicht wissen.

Irgendwie schlagen wir uns zum Funkhaus durch. „Jetzt bloß noch schnell einen Parkplatz finden!“ keucht Geo mit Blick auf die Uhr. „Und wenn’s geht, einen zum Vorwärtseinparken“, denke ich heimlich. Rückwärts-Einparken war noch nie meine Stärke, und seit wir im Odenwald wohnen, bin ich noch nie in die Verlegenheit gekommen. Begriffe wie „Parkplatzsuche“ oder „Parkplatznot“ kommen im Odenwälder Sprachgebrauch nicht vor. Im ganzen, großen Landkreis mit seinen 27 Gemeinden und 145.000 Einwohnern gibt es nur in einer einzigen Kommune kostenpflichtige Parkplätze und Tiefgaragen. Ansonsten parkt man, wo man will, – und immer vorwärts.

Nach dem Termin im Funkhaus ab ins pulsierende Großstadtgetümmel. „Aber das Auto lassen wir hier!“, bestimmt Geo, „Den Parkplatz geben wir nicht mehr her!“ Also mit der Straßenbahn rein in die Innenstadt, zum Bahnhof, in die Fußgängerzone.
Straßenbahn

Ein lauer Sommernachmittag, Straßencafés, Restaurants, kleine Espressobars. Elegante Schmuckgeschäfte, teure Raumausstatter, Kaufhäuser, Ramschläden. Ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen, überall duftende Anzug-Herren mit feinen Leder-Aktentäschchen, Mütter mit chromblitzenden High-Tech-Buggys, gackernde Teenager in angesagten Klamotten.

Kurzzeitig verliere ich Geo im Getümmel aus den Augen. „Immer schön an den Händen halten!“, befehle ich als erfahrene Großstädterin, „damit uns im Gedränge keiner trennen kann!“ Aneinandergeklammert wie weiland Hänsel und Gretel kämpfen wir uns durch die Menschen-Masse, schieben und drücken, auf Tuchfühlung mit sommerlich schwitzenden Leibern, lassen uns zwangsläufig und wider Willen treiben. „Ich will aber mal da hinten in den Laden gucken!“ nörgelt Geo und fuchtelt mit dem freien Arm in unbestimmte Richtung. „Geht jetzt nicht! Du siehst doch, was hier los ist!“. Um meinen Geo muss ich mich manchmal kümmern wie eine Mutter um ihr Kind.

Nachher gönnen wir uns ein selten gewordenes Vergnügen: Rolltreppe fahren. Rein in ein Kaufhaus, Rolltreppe rauf, Rolltreppe runter. Die schönen Damen in der Parfümerieabteilung gucken komisch. „Arrogante Großstadt-Kühe!“, sagt Geo bloß.

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Durchs Gedränge schieben wir uns wieder Richtung Ausgang, vorbei an Schals und Mützen, Lederkoffern, Beautycases, Armbanduhren, Süßigkeiten, Haarshampoo und Körpercreme. Brauchen wir noch was? „Nee, bloß raus hier!“ stöhnt Geo. Vor dem Kaufhaus preist plärrend ein Mann eine neuartige Küchenmaschine an, hobeln, häckseln, schneiden, reiben – alles auf einmal möglich, und das auch noch zum Mega-Hammer-Super-Sensationspreis. Als Geo sich durch die Menge interessierter Hausfrauen drängeln und den Hobel-Mann fragen will, ob man mit dem Ding denn auch entsaften kann – „Wir haben doch bestimmt dieses Jahr wieder irre viele Äpfel!“ -, bekommen wir ernsthaft Streit.

Durch das lärmende pulsierende Großstadtgetümmel schlagen wir uns zur nächsten Straßenbahnhaltestelle durch, Fahrtrichtung Funkhaus. Überall riecht es nach Döner und nach Fritten, nach billiger Bockwurst und teurem Großstädter-Parfüm. „Ich will nach Hause“, nörgelt Geo wie ein kleiner Junge. „Nur noch ins Auto, ein paar Staus, und dann sind wir daheim!“, verspreche ich tapfer.

Schweigend fahren wir am Abend über die Autobahn Richtung Heimat. Schweigend über Landstraßen, die immer kleiner, immer schmaler werden. Je holperiger das Gelände wird, desto mehr hellt sich unsere Laune auf.

Haben wir heute noch was Wichtiges vor? Ja, haben wir: Ich muss noch den Hühnerstall zumachen. Und dann den Glühwürmchen beim Tanzen zuschauen.

Selbstversorger, die Zweite

Kartoffeln, Äpfel, Pflaumenmus, Erdbeermarmelade, Holunderblüten- und Zitronenmelissesirup, Pfefferminz- und Salbeischnaps, italienischer Likör aus Odenwälder Walnüssen, getrocknete Kräuter, Wiesenchampignons, Steinpilze.

Manchmal wird es eng im Keller.

In meinem früheren Leben habe ich selbst im Bett noch stern und Focus, taz und FAZ studiert. Alles sehr wichtig, aber wenig nachhaltig. Außerdem konnte einem da der Appetit vergehen.

Inzwischen gehört das Standardwerk der Landfrau, „Einwecken und Haltbarmachen – jetzt ganz leicht!“ zu meiner regelmäßigen Nacht-Lektüre.

 

Wenn ich mich in der gärtnerischen Hochsaison mal wieder schlaflos im Bett hin- und herwälze, Kohlkopf- und Möhrenarmeen auf mich zumarschieren sehe, wenn ich im Traum auf einem Erdbeerberg stehe oder es Knoblauchknollen regnet, nehme ich zur Beruhigung „Einwecken und Haltbarmachen – jetzt ganz leicht!“ zur Hand und lese und schaue mir die bunten Bilder an.

Manchmal ramme ich dem schlafenden Geo morgens um Drei meinen Ellenbogen in die Seite: „Hast Du gewusst, dass man sogar Gänseblümchen einlegen kann?“, frage ich entgeistert in die Nacht hinein. Geo macht dann meistens nur ein undefinierbares Geräusch und dreht sich auf die andere Seite. Mit dem beneidenswert-gelassenen Grundvertrauen, das allen Selbstversorgern eigen ist.

Nie wieder Knöllchen.

Bremer Ordnungshüter fahren dieser Tage bei Verkehrssündern eine „bürgerfreundliche Strategie“. Statt Knöllchen gibts ein freundliches Vier-Augen-Aufklärungsgespräch. Das wirke manchmal mehr als tausend Worte, heißt es. Die Aktion – das am Rande bemerkt – ist gleichzeitig als stummer Protest gegen die Sparpolitik des Landes gedacht, die auch die Ordnungshüter bitter trifft. Und weil die nicht streiken dürfen, machen sie ihrem Unmut eben auf diese Weise Luft.

Die Meldung erinnert mich an einen Ausflug dieser Tage nach Ulm:

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Mein Landpomeranzen-Auto (Drei-Buchstaben-Kennzeichen, logo) mitten im absoluten Halteverbot am Bahnhof. Es nähert sich aufreizend-langsam ein Ordnungshüter. „Wo kommen Sie denn her?“ fragt er mit wichtigem Blick erst auf das Verbots-, dann auf mein Nummern-schild. „Aus dem Odenwald.“ Kurze Pause seinerseits. Dann: „Aus dem Odenwald?? Ach so!…na, dann.“.

Weg ist er. Ohne freundliches Gespräch. Ohne un-freundliche Verwarnung. Ohne Knöllchen. Einfach: „Aus dem Odenwald?? Ach so! Na, dann.“

Und weg.

Noch Fragen?