Dresche.

War ja nicht so schön, wennet früher immer Dresche jab. Meistens von den Kindern ausse Westendallee, die hatten unsereiner aufm Kieker.

 

Naja, umso schöner heute, wenns hier im Odenwald was zu Dreschen gibt.

Und wenn man an einem UrlaubsFreitagAbend der Nachbarschaft bei der Arbeit zugucken – und gleich noch ein bißchen mit der neuen Kamera rumspielen kann.

 

 

 

 

 

Und dem schwarzgelockten jungen Herrn mit dem roten Traktor, der zu Fuß über das ganze idiotisch große Stoppelfeld latschen musste, um der dämlichen zugezogenen Großstadttusse ihr unbemerkt heruntergefallenes Händi zu bringen, bevor es vom New Holland zermalmt wird – ihm gebührt mein ewiger innigster Dank.

 

Wenn Sie ihm das bitte ausrichten wollen.

 

 

 

 

 

 

Steinreich.

 

 

Viele Landwirte hier in der Region sind steinreich. Sagt man hier so, und wenn man das sagt, lachen die Leute etwas gequält.

Ha, ha, ha.

 

steinreich.

 

Genauso gequält, wie vermutlich die Bandscheiben singen, wenn man tagelang seine Felder abläuft, gebückt, Hektar um Hektar, und Stein um Stein mit den Händen aufheben, hochstemmen und wegschleppen muß.

 

Oder genauso gequält, wie das bei mir immer klang, wenn ich auf dem Klavier den Fröhlichen Landmann aus Schumanns Album für die Jugend zum Besten gab. Fröhlicher Landmann, von der Arbeit zurückkehrend, heißt das im Original. Frisch und munter, wie vom Schumann-Robbie vorgeschrieben, klang da bei mir gar nichts. Maulte mein Klavierlehrer.

 

Aber vielleicht habe ich es einfach damals schon besser gewußt.

 

 

 

 

 

 

Gib Gummi.

 

 

Der Weihnachtsmann – Sie erinnern sich: das ist der Typ mit dem Rauschebart, der vor ein paar Wochen wieder weltweit für Aufregung gesorgt hat – also, der Weihnachtsmann liest ja nun glücklicherweise auch das LandLebenBlog. Und ließ mir dieser Tage, wenn auch etwas verspätet, das beste Weihnachtsgeschenk ever zukommen.

 

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Französische Haut-couture für die Füße. Handgemacht, logo.  Naturkautschuk.  Wie Handschuhe. Nur quasi für das entgegengesetzte Ende des Körpers.

 

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Ergänzt meine Gummistiefel-Kollektion. Ergänzt sie? Krönt sie.

 

 

Es ist schon erstaunlich, womit man einer ehemaligen Großstädterin eine echte Freude machen kann.

 

 

 

P.S. Lieber Weihnachtsmann, richte Deinem Kumpel Petrus doch bitte aus, daß er jetzt noch ein bißchen Dauerregen schickt. Von mir aus auch ollen Schneematsch. Ich nehme alle Tiefdruckgebiete, die er hat. Dann ist meine Welt perfekt.

Alles, nur bitte keine Sonne.

 

 

 

Schwarz-Rot.

Leitete die Vertragtsverhandlungen: Jo Hahn von den Schwarz-roten.

Leitete die Vertragsverhandlungen: Jo Hahn von den Schwarz-Roten.

 

Balsbach. (dpa) Führende Vertreter der schwarz-roten Koalition haben bereits am Vormittag eine Vereinbarung mit der Balsbacher Oppositionsgruppierung „Wir sind das Volk“ (WsdV) unterzeichnet. „Zukünftig entscheiden wir„, so der WsdV-Vorsitzende Geo im Gespräch mit dem LandlebenBlog. Die oppositionelle WsdV hatte in der Vergangenheit mehrfach beklagt, im Zusammenhang mit dem bundesdeutschen Gesetz zur Regelung der Stallöffnungszeiten am Gängelband der Schwarz-Roten zu hängen. „Damit ist jetzt Schluß“, so Geo.

Lange Jahre Stein des Anstoßes Die Stallöffnungszeiten bei SChwarz-Rot.

Lange Jahre Stein des Anstoßes:
Die Stallöffnungszeiten bei Schwarz-Rot.

 

Möglich wird die neue Vereinbarung durch Umbaumaßnahmen an der Parteizentrale der schwarzroten Koalition. Ein hochmoderner batteriebetriebener Motor, der über eine 4.503 kW-Leitung mit einer Zeitschaltuhr verbunden ist, regelt die Öffnung und Schließung der Zentrale künftig eigenständig.

 

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Motorensystem „Geo WGB 210342“.
Kandidat für den Nobelpreis?

 

„Die Uhrzeiten bestimmen wir„, heißt es dazu bei der WsdV-Gruppe, die durch diesen technischen Eingriff erheblich an Mitbestimmung gewonnen hat. „Die Zeiten, in denen wir nachts um Drei mit der bangen Frage „Ham wir auch die Hühner zugemacht??“ aufgeschreckt sind, sind damit ein- für allemal vorbei!“, so Geo in einer Pressekonferenz nach der Vertragsunterzeichnung.

 

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Klappe zu, Affe tot.
Und Hühner hoffentlich alle drin.

 

Der studierte Atomphysiker Geo hatte seit 1968 an einer entsprechenden Lösung geforscht und will den neuen Stallklapperatismus nun auf der Weltausstellung 2018 in Bergisch-Gladbach auch einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Das wetter- und hühnerstaubresistente Motorensystem hat dabei offenbar auch bereits das Interesse des Nobelpreis-Kommittees in Stockholm geweckt.

 

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Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

 

Von den schwarz-roten war zunächst keine Stellungnahme zu der neuen Vereinbarung zu erhalten, allerdings heißt es aus Regierungskreisen, man werde sich mit der Neuregelung zu arrangieren wissen. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Irgendwann ist die Tür nämlich zu“, so ein Mitarbeiter der Koalition. Wie im richtigen Leben.

 

Erfrischung nach zähen Verhandlungen: Jo Hahn.

Erfrischung nach zähen Verhandlungen: Jo Hahn.

 

 

(Oder was hatten Sie gedacht, was ich hier zum Stichwort Schwarz-Rot heute erörtere??)

 

Strukturwandel.

 

Bauer Edwin: wenn ich morgens um Sechs an seinem Kuh-Stall vorbeikomme, ist er mit dem Melken schon fertig. Und auf dem Weg zur Arbeit. Zu seiner richtigen Arbeit, zu der, die ihm halbwegs anständiges Geld einbringt.

 

Edwins Söhne winken schon ab, wenn sie das Wort „Landwirtschaft“ nur hören. Der eine ist Mechatroniker in einer großen Firma, der andere leitet eine Versicherungsagentur in der nächsten Kreisstadt. Was ihr Vater mit den Kühen hat, darüber können sie nur den Kopf schütteln.

Kühe gruppe

„Übernehmen Sie denn mal den Hof?“, hat Geo den Älteren gefragt, als wir ihn neulich im Gasthaus am Stammtisch getroffen haben. „Oh, liiiebe Zeit!“, hat der bloß lachend gesagt, und das ‚iii’ dabei so lang gezogen, als habe Geo nun wirklich die allerdämlichste aller dämlichen Fragen dieser Welt gestellt. Die Männer  am Stammtisch haben bloß gegrinst, die jüngeren wegen der dämlichen Frage, die älteren – ein bisschen bedauernd – wegen der Antwort.

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Hier im Landkreis, einst eine der Hochburgen der regionalen Landwirtschaft, halten gerade noch 800 Bauern wacker ihre Fahne hoch. 550 im Nebenerwerb wie Bauer Edwin, 260 im Haupterwerb, als Vollzeit-Job. 1979 gab es im Kreis noch dreitausend landwirtschaftliche Betriebe.

Traktor Reifen

Immer größer wird der Preisdruck, immer mehr diktiert der Weltmarkt das Handeln, immer mehr Landwirte geben auf, immer weniger Söhne und Töchter wollen das Erbe der Alten antreten.

Der  Strukturwandel in der Landwirtschaft verändert auch das Landschaftsbild: Immer weniger Kühe, immer weniger sattgrüne Weiden, immer weniger blühende Wiesen. „…und deswegen auch immer weniger Touristen, immer weniger Geld“, folgern Kommunalpolitiker mit finstrer Miene. Eine Strukturwandel-Rolle-rückwärts könne nur herbeiführen, wer mit „Messer und Gabel“ abstimmt – also mit seinen täglichen Einkäufen die Erzeuger vor Ort unterstützt: Brot vom Bäcker nebenan, Fleisch direkt ab Hof, Äpfel und Birnen vom Obstbauern hinter den Hügeln. Manchmal Bio, immer regional. (fordern die Kommunalpolitiker, deren Frauen beim Discounter kaufen. Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.)

 

Foto. Klaus Hilger

Foto. Klaus Hilger

 

Das entsprechende Bauernhof-Adressverzeichnis hat Geo bei Fahrten übers Land immer griffbereit im Handschuhfach liegen. Leider ist es ziemlich dünn und übersichtlich, aber immerhin.

„Schau mal, was ich mitgebracht habe!“ brüllt er schon ins Haus, bevor er überhaupt die Tür hinter sich zugezogen hat. In solchen Momenten fühlt Geo sich wie ein verwegener  Neandertaler, der seiner Neandertalerin einen besonders fetten Fang in die Höhle bringt. „Ein Kaninchen!“ Und tatsächlich: auf dem Arm trägt Geo ein komplettes, nacktes Kaninchen.  „Gibt’s gar nicht weit von hier! Sogar glücklich!“ Ich bestaune mit einer Mischung aus Bewunderung und großstädtischem Ekel das tote Tier. Sieht nicht wirklich glücklich aus. Aber bitte. „Um die Füße und den Kopf kümmere ich mich“, sagt Geo. Mein Neandertaler-Gentleman.

 

Landpartie.

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Ein Stück hinterm Haus weiden braun- weiße Kühe. Wabernd steigt der Dampf vom Misthaufen empor, mischt sich in das letzte Abendrot. Im Stall zwei Dutzend Tiere. Gleichmäßiges Kauen und Schnaufen in der warmen Luft, unterbrochen nur vom leisen Klirren der Gitterstäbe an den Futterraufen. In einer abgelegenen Ecke säugt eine Katze ihre Jungen. Ein paar Spatzen suchen schimpfend zwischen den dunklen Holzbalken ihr Nachtquartier. Man fragt sich, wo der Fotograf der LandLust bleibt, bei so viel Beschaulichkeit.

 

Die LandLust-Reporter waren noch nicht da, aber manchmal kommen uns unsere großstädtischen Freunde Ilka und Ben mit ihren Kindern auf dem Dorf besuchen. Dann müssen wir immer auch zu Bauer Edwin nebenan. „Ach, ist das hier idyllisch“, rufen Ilka und Ben enthusiastisch  und betrachten staunend die Tiere und den Stall, stehen ehrfürchtig vor dem stinkenden Misthaufen wie vor einem Gemälde von Rembrandt. „Pferd!“, schreit Sohn Rafael und zeigt mit dem Finger auf eine dicke Kuh. In seinen Wimmel-Bilderbüchern seien die Pferde allesamt so füllig-rund abgebildet, dass eine Verwechslung schon mal passieren kann, sagt Ilka entschuldigend zu Bauer Edwin.

 

Der taxiert kurz die versammelten Großstadtschuhe an den Füßen. „Sind Sie hier auf Urlaub?“ fragt er. Nein, nur ein Zwei-Tages-Ausflug, von der großen Stadt in die Provinz. „Mallorca!“ krächzt Klein-Marie in Erinnerung an den diesjährigen echten Urlaub. Den Opa haben sie besucht, mit 65 hat er sich eine kleine Rentnerresidenz auf Mallorca gegönnt, dort genießt er nun den Ruhestand.

 

Auf Mallorca war Bauer Edwin noch nie. Überhaupt ist „Urlaub“ für den 60jährigen so etwas wie ein Fremdwort. Nur einmal, damals, vor 15 Jahren, hat er sich und seiner Gerda ein paar Tage in Italien gegönnt, das erste und das letzte Mal im Ausland. „Beim ersten Expresso  meines Lebens habe ich gedacht, die wollen uns vergiften“, sagt er.

 

Die Kühe müssen 365 Tage im Jahr versorgt werden, da ist das mit dem Urlaub eher nichts. „Aber morgens und abends füttern – das kann doch mal ein andrer für sie übernehmen“, schlägt Ben staatsmännisch vor. Bauer Edwin schaut in die großstädtische Runde, als habe er arme Irre vor sich. „Füttern? Futter säen, düngen, ernten, Futter richten, Füttern, Melken, Milch vermarkten, Stall säubern, Mist fahren… da kommt ein bißchen mehr zusammen“, erklärt er, nachsichtig.

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Das alles  macht Edwin vor oder nach Feierabend, denn hauptberuflich schuftet er bei einem großen Autobauer. „Naja, aber dann verdienen Sie ja wenigstens jeden Monat richtig ordentlich Geld!?“ Zwei Vollzeitjobs pro Tag – Geschäftsmann Ben ahnt in Bauer Edwins Augen schon die Dollarzeichen. Allein die Milchmenge!: 270 Liter geben Edwins Kühe Tag für Tag. Was kriegt man für den Liter? Sicher einen Euro oder sowas.

 

Ha, ha, lacht Edwin etwas unschlüssig. 26 Cent bekommt er von der Molkerei pro Liter. In guten Zeiten auch mal 28, manchmal sogar 30 Cent. Steigende Energiekosten, steigende Futterpreise, „mein Aufwand liegt bei 40 Cent pro Liter, Minimum“, rechnet Edwin vor und stützt sich auf die Mistgabel. Die Viecher sind ein teures Hobby.  „Und warum geben Sie den ganzen Kram nicht einfach auf?“ fragt die solargebräunte Ilka verständnislos. „Weil es hier halt immer so war“, sagt Bauer Edwin. Fürs erste muss das als Erklärung reichen.  Der Kuhstall ruft, und es wird langsam finster. Irgendwann will Edwin auch mal Feierabend machen.