Putologie.

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Auf der HundeRunde an einem Putengehege vorbeigekommen. Und mit dem Bauern geschwätzt. Der Sohn hat in seiner Ausbildung zum Metzger mit großen Putenbetrieben zu tun gehabt. Und da hat er sich geschworen: Niemals. Jetzt ist der Sohn halb Metzger, halb Freilandputenhalter. Die kriegen Sojaschrot und Weizen zugefüttert, alles genfrei, wir wollen das schon richtig machen. Wenn schon, denn schon.

 

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Jeden November wird geschlachtet. Bis dahin stehen die Puten und die Puteriche auf der Weide, obs regnet oder schneit. Das hier ist die amerikanischew Ur-Rasse, die sind robust. Werden 15, 20 Kilo schwer. Neun Euro kostet am Ende das Kilo, küchenfertig verpackt und beschriftet. Wir hatten schon immer Vieh, und wir haben schon immer Fleisch vermarktet. Aber mit den Puten und dem Schlachten tue ich mich schwer. Man entwickelt ja doch irgendwie Gefühle.

 

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Werbung? Oh, gehn Sie fort. Wir haben so schon viel mehr Kunden, als wir überhaupt beliefern können. Die Kundschaft kommt aus Stuttgart und aus Ludwigsburg, aus Heilbronn und Mannheim. Neulich kam sogar einer mit Münchner Kennzeichen. Irgendwie hat sich das rumgesprochen.

 

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Und die Leute aus den Dörfern drumherum? Die einheimischen Nachbarn?

Die kaufen in der Regel nichts bei uns. Die kaufen Putenschnitzel vielleicht dann doch noch lieber im Discounter.

 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Bei uns bestimmt Frau Thun das Tun im Garten. Nicht, weil wir wirklich an das glauben würden, was sie sagt. Oder weil sie so gewinnend aussähe. Sondern weil ja irgendwer schuld sein muß, wenn mal was nicht wächst, sagt Geo.

 

Das leuchtet sogar mir ein.

 

Also: vergangenes Wochenende Kartoffeln gesetzt. Wurzeltag, sagt Frau Thun, (oder sagt sie Knollentag? Was weiß denn ich.) Also abends gegen 20 Uhr (sagt auch Frau Thun) raus in den Modder. Andere Leute sitzen da vor der Glotze und gucken einen schönen Film. Rosamunde Pilcher oder so.

 

 

Blaumännchen in Aktion.

Blaumännchen in Aktion.

 

Furchen ziehen, Erde auflockern, Rudi-Steiner-Kompost rein (befiehlt Geo, Frau Thun sagt dazu gar nichts, glaube ich. Die setzt das einfach so voraus.),  Kartoffeln oben drauf.

 

 

Rudi-Kompost.

Rudi-Kompost.

 

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Erde wieder drüber. Und immer schön häufeln!, schnauft der schippende Geo durch die Abendstille.

 

 

Gehäufelt. Na, bitte.

Gehäufelt. Na, bitte.

 

 

Am Ende der Plackerei ruhen wir aus und lauschen dem Gesang meiner Bandscheiben. Im vergangenen Jahr haben sie deutlich lauter gesungen, also immerhin.

 

 

Und weil Geo es ja immer ganz genau wissen will, schaut er nochmal bei Mutter Thun nach, welche Sternenkonstellation denn unsere Kartoffeln nun wohl brauchen in den nächsten Wochen. Irgendjemand muß ja schuld sein, wenns nix wird, sagt mein Geo weise. Und stellt kurz darauf fest, sehr un-weise, daß er sich leider wohl vertan hat. Der Frau Thun ihr Wurzeltag ist erst an diesem Wochenende. Also heute oder morgen, sozusagen.

Wir waren sieben kosmisch unkorrekte Tage zu früh. Die grimmige Frau Thun hätte schön geschimpft. (Falls Antroposophen überhaupt schimpfen. Wahrscheinlich eher nicht.)

 

 

Die blöden Kartoffeln buddeln wir jetzt aber nicht wieder aus, sagt Geo.

Nö, sage ich. Aber irgendwer wird dann schon schuld sein, wenns nix wird.

 

 

 

 

 

 

Waidmannsheil und Zahnarztdank.

 

 

Gehste zum Zahnarzt, und zwischen Betäubungsspritze, kreischendem Bohrer und würgereizendem Knetmassenabdruck hält der Gute plötzlich nachdenklich inne.

Oh weh, jetzt kommts, denkste. Alles muß raus, oder so.

Was das wieder kostet. Brücken, Kronen, Implantate.

 

Foto:  ©Michael Horn/pixelio

Foto: ©Michael Horn/pixelio

 

Hatten Sie nicht mal erwähnt, Sie würden auch mal ein Stück Wild probieren wollen?, tönt es in Dein ägnstliches Nachdenken hinein dumpf hinter dem Mundschutz.

Hm-Hm, sagste laut und deutlich und erleichtert, in dem aussichtslosen Bemühen, den röchelnden Spucke-Sauger zu übertönen.

 

Na, dann: Moment!

 

Zwei Minuten später liegste schon nicht mehr alleine auf dem Behandlungsstuhl. An Deiner Seite, besänftigend und friedlich mit Blick auf Spritzen, Bohrer, Wattestäbe: ein kleines Hirschkalb. Eingeschweißt und küchenfertig. Zum Vorzugspreis. Von wegen treue Kundschaft und so weiter.

 

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Und da sage noch einer was gegen Zahnarztbesuche.

Ich liebe sie.

(zumindest die im Odenwald.)

 

 

 

 

 

Ausgeschlachtet.

Dürfen wir vorstelen? Gerlne Gertraud und Trudi. Oder so ähnlich.

Dürfen wir vorstellen? Gerlinde, Gertraud und Trudi. Oder so ähnlich.

 

Wir kannten die Damen persönlich. Gestern abend haben sie dann ihre letzte große Reise angetreten, per PKW aus dem Nachbardorf Richtung unserer Kühltruhe. Das wars jetzt aber für diesen Winter, sagt unser freundlicher Hühnerlieferant, der die Tiere erst mit Hingabe großzieht, um sie dann ganz unsentimental um die Ecke zu bringen. Hat sich aus-geschlachtet für dieses Jahr.  Drei Hühner a jeweils 3 Kilo, damit müssten wir über die nächsten Monate hinkommen.

Küchenfertig zubereiten müssen wir sie selber. Ist nicht immer lecker. Hilft aber nix, wenn man nun mal Fleisch essen will.

Hähnchenklein. Sauerei.

Innenansichten vom Huhn. Eine Sauerei.

 

Am Anfang habe ich mich schwergetan. Mit der Zubereitung,  vorallem aber mit dem Geschmack. Ich kannte  nur Hähnchenfleisch, das – 1,99 fürs Kilo  –  auf der Zunge zerging wie Mehlbrei. Das hier schmeckt nach frischer Luft und viel Bewegung. Eine Herausforderung für die großstädtisch geprägte Kaumuskulatur.  Gewöhnungsbedürftig zunächst. Heute würde ich etwas anderes nicht mehr essen wollen, und selbst im Restaurant mache ich einen Bogen um Geflügelgerichte, wenn ich nicht weiß, wo und wie das Tier aufgewachsen ist. Nicht nur wegen bio und öko und schlechtem Gewissen und erhobenem Zeigefinger, sondern auch und vorallem wegen des Geschmacks.

 

Das sind meine eigenen. Die werden nicht gegessen. Sentimentale Großstädterdoppelmoral.

Das sind meine eigenen. Die werden nicht gegessen.
Sentimentale Großstädterdoppelmoral.

 

 

Wildfleisch und Geflügel bestimmen unseren Speiseplan. Reh und Wildsau vom Jäger, die Hühner, siehe oben, aus der Nachbarschaft. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Braten bei einem Metzger gekauft habe.

 

Während mir der Jäger hier das Reh verzweifelt hinterherwirft, für 5 bis 10 Euro das Kilo, küchenfertig zubereitet, verpackt und ordentlich mit Abschuß-Datum versehen, müsste ich in München auf dem Viktualienmarkt aktuell 40 Euro für das Kilo Rehrücken hinblättern. Immer noch 18 Euro für ein Kilo Gulasch. Und wüsste dann noch nicht einmal, ob es sich um ein weißrussisches, tschechisches oder deutsches Reh handelt. Womöglich eines aus dem Aufzucht-Gehege, ungenießbar inzwischen für unsereinen.

Für das glückliche drei-Kilo-Huhn aus dem Nachbardorf zahle ich 20 Euro. Sieben Euro fürs Kilo. Ein Bioland-Hühnermann in der Stadt verlangt derzeit so um die 11 Euro fürs ganze Huhn, wer nur die Brust haben will, ist dann schon mit 28 Euro fürs Kilo dabei.

Landleben als absoluter Luxus. Ein Luxus auch fürs ökologischethische Gewissen. Einer, den ich mir zugegebenermaßen so nicht erlauben könnte, wenn ich noch in der Stadt leben würde.

 

Und die Moral von der Geschichte? Keine Ahnung. Alles furchtbar kompliziert. Seitenfüllend. Abendfüllend. Unbefriedigend. Und ich muß jetzt eh in die Küche, nach dem Hühnerfond schauen, den wir stundenlang simmernd  aus Getrudes, Gerlindes und Trudis Resten dann auch noch machen. Für den Winter.

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

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Urlaubsfaulenzerei endgültig vorbei.

Gehegelöcher gestopft und das Areal in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt. Würden die in Stadelheim schön gucken. „Sieht richtig italienisch aus“ sagt Geo mit Blick auf das… naja …..etwas Provisorische der Konstruktion, und man weiß dann nie, ob er es anerkennend oder abfällig meint. Weil er aber selber 16 Jahre lang Bauer in Italien war, nehme ich es mal als Kompliment.

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Ende Gelände. Fluchttunnel beseitigt.

 

Die Deutschen Riesen sind beleidigt, aber wir haben schon die nächste Blaumannbaustelle: Die Krönung eines jeden Gärtnerjahres: Kartoffelernte. Da können nicht mal wir viel falsch machen. Und es gibt tatsächlich nichts Schöneres, als auf dem Boden herumzukriechen und in der feuchten schwarzen Erde zu wühlen und die goldgelben Kartoffeln da rauszubuddeln, eine nach der anderen, Geo schippt und stemmt mit dem Spaten, ich sammle und putze grob ab und werfe in die Körbe und komme gar nicht hinterher. Der Rücken singt mir derweil das Lied vom doppelten Bandscheibenvorfall, aber wir übertönen es einfach mit entzückten „Ooooh!“ und „Aaaah!“-Rufen.

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Im Garten unsere besten Freunde.

 

Am Ende haben wir aus zwei kleinen Reihen knapp 50 Kilo Kartoffeln geerntet. Das dürfte eine Zeitlang reichen. Wenn nicht, müssen wir halt was anderes essen. Gekaufte Kartoffeln aus dem Supermarkt kommen definitiv nicht auf den Tisch. Wegen der Gärtnerehre. Und wegen dem Geschmack. Ich frage mich mal wieder, wie es so lange dauern konnte, bis ich endlich wußte, wie eine echte Kartoffel schmeckt.

 

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Blaumanns Erzählungen.

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Stall geputzt, Futtertröge geschrubbt.

Hühnerfuttermischung angesetzt.

Die Schnecken gelobt. Saubere Arbeit! Anerkennung geheuchelt und die Löcher im Wirsing bestaunt.

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Schöner Mist. Und die sind vermutlich auch noch stolz drauf, die blöden Viecher.

 

 

Pflaumen geerntet. Bei strömendem Regen. Ein Fünftel des Baumes ist schon geschafft. Knapp zehn Kilo. Na, also. Geht doch.

 

 

Entsteinen, teilen, einfrieren. Ist rasch gemacht. Sind nur 1 354 924 Handgriffe.

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Im Wald Tick, Trick und Track getroffen. Gefragt, ob sie mitkommen wollen. „Zu Fremden steigen wir nicht ins Auto!“. Wißt Ihr was? Ihr könnt mir mal in die Tasche steigen.

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Lacht Ihr nur.

Stilleben mit kleiner Zitrone.

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Dieses Exemplar unserer Rekord-Möhrenernte Zwanzig-Dreizehn ist natürlich ein Ausreißer. Etliche waren deutlich kleiner. Die haben wir den Hasen gegeben. Für die Zahnlücken, die sie nicht haben.

Die meisten waren aber deutlich (deutlich) größer. Siehe da:

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(Ja, Ja. Lacht Ihr nur.)

„Aber wie die schmecken!“ Genau!

Das nächste mal nix Bio-Dünger a la Rudi Steiner. Das nächste mal haun wir da Chemie rein, daß es kracht, habe ich beschlossen.

Rudolf Steiner kann mich mal. Der war vermutlich nie im kargen Odenwald.

Außerdem habe ich eine Anfrage beim Guiness book of records gestellt. Wer weiß, vielleicht gewinnen wir ja einen Möhren-Ein-trag, wenn wir schon keinen Möhren-Er-trag haben.

(Ja, ja. Lacht Ihr nur.)

Blaumanns Erzählungen

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Echte Landpomeranzen müssen sogar in den Blaumann steigen, um das Abendessen vorzubereiten.

Um der Natur etwas Eßbares abzutrotzen.

So, wie die Neandertaler früher.

(Oder zumindest so ähnlich.)

Den ganzen heiligen Sonntag hat es geschüttet wie aus Kübeln. Heiliger Wassersack.

Also: Gummistiefel an und in die Outdoor- Speisekammer. Erbsenbüsche aus dem aufgeweichten Boden reißen. Schlammcatchen im Dienste der Enährung. Wir haben schließlich Hunger.

 

Ja, es gibt Momente, da wünscht man sich eine Konservendose. Klack! Zing! Ratsch! Fertig! Rein in Topf!

Aber wir sind ja schließlich Selbstversorger.

Und Öko. Und Bio. Brennnesseljauchengedüngt.

Dumm nur, daß von den 165.493 Erbsensamen nur 20 das naßkalte Frühjahr überlebt haben.

(Naja, Schicksal der Selbstversorger.)

Das blödsinnige Gepule dauert trotzdem eine knappe Stunde.

(Naja, Beschäftigungstherapie für Selbstversorger.)

Man hat ja sonst kaum Zeit, sich mal zu unterhalten.

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Erbsenzählen? Sieht jedenfalls so aus, als könne man damit zwei Monate lang ein eingeschneites Odenwald-Dorf versorgen. Die Erbsenernte 2013 war aber tatsächlich nur eine Handvoll.

(Naja, Frustrationsbewältigung der Selbstversorger.)

 

Die dreifache Menge Tomaten dazu, Basilikum und Thymian, Knoblauch und Zwiebel, alles aus eigenem Anbau, Farfalle aus Italien – wir sind zumindest satt geworden.

Nur von den Erbsen hat man nicht sehr viel geschmeckt. Das machen wir im nächsten Jahr irgendwie anders. Wenn wir wieder so eine reiche Erbsenernte einfahren.

Ähem.

Der wilde Odenwald

Dieser Tage mal wieder bei Freund Henner vorbeigeschaut. Und wieder bekommt er dieses heimliche Grinsen und sagt „Komm mit, ich zeig Dir was“. Ich weiß dann in der Regel, wo es hingeht. In Henners Kühlkammernschatztruhe:

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Wild im Odenwald

Dieses Bild vom Landleben im Odenwald lassen wir jetzt vorsichtshalber erstmal klein. Es gibt ja immer noch genug Menschen, die soetwas nicht sehen können. Aber mein Sonntagsbraten ist gesichert. Und außerdem kann man es ja großklicken.

Seit ich im Odenwald lebe, gehört Wild regelmäßig auf den Speiseplan. Glücklich gelebt, gut ernährt – bis es plötzlich, kurz und meistens schmerzlos (je nach Jäger), „Peng!“ macht.

Früher fand ich Jäger natürlich auch das Allerletzte. Jagen armes kleines Bambi. Ich hätte mich stundenlang darüber aufregen können, während ich ein schönes Schweinschnitzel aus dem Supermarkt in der Pfanne wendete, bis auch der letzte Liter Wasser irgendwie verdampft war. „Das Kilo heute neunundneunzig Cent!“, brüllten die Reklameschilder beim Discounter.

Das Wild im Odenwald gibt’s auch im Sonderangebot. Weil es keiner will. Die Jäger – Abschußpflicht im Rücken – werfen einem die besten Teile förmlich hinterher. Das Kilo, mit Haut und Knochen gewogen, für zwei Euro.

Aber Landmenschen wollen modern sein. Omas Rehbraten war un-modern und schmeckte auch noch scheußlich. Er hing: erst, so lange bis die Fliegen kamen (von wegen dem hautgout) –, dann den Landmenschen zum Halse raus. Jetzt also lieber Schweinefleisch vom Metzger oder aus dem Supermarkt. An Feiertagen darf es manchmal auch ein Hirschbraten sein. Aus Neuseeland.