Aufs Land oder lieber auf die Insel?

Von Berlin aufs Land ziehen… Ist es total bescheuert? Würde ich es tun? Darüber habe ich mir die
letzten Tage Gedanken gemacht, nachdem mich Friederike vom Landleben-Blog gefragt hat, ob ich
Lust habe, einen Gast-Artikel zu schreiben.

 
Ich bin in Berlin geboren, aber ich gebe zu, dass ich an der Stadt nicht wirklich hänge. Es beginnt
schon beim Dialekt. Ich kann berlinern, aber vermeide es tunlichst. Allein schon weil meine Mutter
dazu immer sagt: „Das klingt wie „Prenzlauer Berg, dritter Hinterhof!“. Auch wenn DAS
mittlerweile wohl eher ein Kompliment wäre, stammt dieser Ausspruch noch aus Zeiten, als der
Prenzlauer Berg eher eine Art MV war. Vom Publikum her.
Die berühmte Berliner Schnauze ist für mich auch ein Grauen. Jedes Mal, wenn ich in
Süddeutschland bin, denke ich „die sind alle so freundlich hier, was ist los?!“.

 

 
Wegziehen wäre prinzipiell gut vorstellbar, aber aufs Land?
Da ich sehr viel in Berlin unterwegs bin, kenne ich mittlerweile fast jede Ecke. Überall bin ich
schon einmal gewesen, habe ich die letzten Jahre auch so manche ungeahnt schöne Gegend
gefunden, aber es bleibt dabei: ich hänge nicht an dieser Stadt. Sie ist dreckig, arm und schon seit
Jahren nicht mehr sexy.
Wenn ich in der Innenstadt unterwegs bin, rollen die Rollkoffer um mich herum. In meinen
Lieblingsclub, in dem ich einst jedes Wochenende verbrachte, sind nur noch Touristen. Im
Friedrichshain und Prenzlauer Berg wird man umzingelt von Ü40-Müttern mit grauem Haar, die
Kinderwägen mit integriertem Fellhandschuhen herumrollen und selbst (!) Smalfolk-Mützen tragen.
Im gleichen Apfel-Design wie der Body des Babys.
Und der Rest der Stadt… der wirkt oft sehr alt. Oder grau. Oft beides gleichzeitig.
Mich hält hier nichts. Eigentlich.

 

 

 


Im letzten Jahr hat für mich die Chance bestanden, aufs Land zu ziehen. In einen kleinen Ort nahe
Heidelberg. Dort lebten meine Schwiegereltern und als klar war, dass sie dort nicht mehr allein
leben können, stellte sich die Frage: ziehen wir hin oder sie nach Berlin? Alte Leute sollte man nicht
„verpflanzen“, andererseits kannten sie in ihrem Ort eh kaum jemanden. Obwohl sie dort über 40
Jahre gewohnt haben, waren sie in der „Dorfgemeinschaft“ nicht wirklich angekommen und lebten
zurückgezogen. Das Klischee, in einem Dorf würden alle aufeinander irgendwie achten, hat sich
nicht bestätigt.
Und wir alle aufs Land, damit sie dennoch dort bleiben können?
Eigentlich haben mich immer schon die Besuche auf dem Land immer nach kurzer Zeit genervt.
Mehrfach bin ich nach wenigen Tagen abgereist, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe – was nur
zum Teil an der Verwandtschaft, zum großen Teil aber an der Umgebung lag. Vermutlich wäre es
wirklich nichts für mich gewesen. Mir fehlt dort vieles.
Es fängt bei der Infrastruktur an. Ich fahre nicht gerne Auto, aber auf dem Land ist man ohne völlig
aufgeschmissen. In manchen Orten gibt es nicht einmal einen Supermarkt. Und überall immer mit
dem Bus oder Bahnen hinfahren? Im Ort meiner Schwiegereltern fährt immerhin alle halbe Stunde
ein Bus. Das empfinde ich bereits als relativ wenig. Zumal abends irgendwann gar nichts mehr geht.
Gut, die Tram bei uns fährt nachts auch nicht, aber dann gibt es einen Taxi-Service. Ich würde nie
stranden. Dort schon.

 

 

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Rainer Strurm/pixelio.de

 

 

 

Mir würden auch die Bahnhöfe und Flughäfen fehlen. Dass ich nach Tegel mit dem Fahrrad fahren
kann, finde ich großartig. Und dass ich mit einem günstigen Bahnticket durch die Gegend fahren
kann, finde ich auch super. Und der Bahnhof ist leicht erreichbar und alle Züge halten in Berlin.

 

 

 

Und was ich auf dem Land auch nicht mag: dieses ständige Beobachten der Mitmenschen. Im Ort
meiner Schwiegereltern hatte ich immer den Eindruck, unter Dauerbeobachtung zu stehen. Läuft
man die Straße herunter, wird gehupt und gewunken. Während man noch grübelt, wer das denn jetzt
war, ist derjenige auch schon weiter. Das finde ich unheimlich.

 

 

 

 

Auch die soziale Kontrolle ginge mir zu weit. Eine Freundin von mir lebt auf dem Land in Bayern.
Einmal habe ich mit ihr geskypt. Plötzlich meinte sie, sie müsse sich mal kurz unter dem Tisch
verstecken, der Pfarrer schleiche ums Haus und sie mag gerade nicht mehr ihm reden. Ich saß
damals in unserer Wohnung im dritten Stock und konnte mir nicht ansatzweise vorstellen, dass ein
Pfarrer durch die Fenster schaut, suchend, ob man denn zu Hause ist.

 

 

 

Aber auch andere Formen der Kontrolle gibt es mehr auf dem Land. Ich habe sie selbst erlebt: man
geht mit den Kindern auf den Spielplatz. Es ist menschenleer. Man denkt, nirgendwo kommt jetzt
jemand daher, der der Ansicht ist, einem seine Meinung aufzudrücken. Aber dann, nachdem man
schon eine Stunde dort war, dann geht plötzlich ein Fenster auf und jemand brüllt einem
Erziehungstipps wie „ziehen Sie dem Kind etwas wärmeres an!!“ über die halbe Straße.

 

 

 

DAS war für mich im letzten Jahr das Schlüssel-Erlebnis, dass ich niemals aufs Land ziehen
möchte. Ich werde da vermutlich paranoid und bekomme Verfolgungswahn – vor Pfarrern vor
Fenstern, vor fremden Leuten, die anscheinend immer an Fenstern stehen und Autos, die wegen mir
hupen. Und vor Leuten, deren Dialekt ich überhaupt nicht verstehe.

 

 

 

Aber letzte Woche hat mich jemand auf eine andere Idee gebracht. Sie erzählte, dass sie nach La
Réunion (denn es ist in der EU) ziehen wird, sobald ihre Kinder erwachsen sind. Da sie
alleinerziehend und teilzeitarbeitend ist, wird ihre Rente so niedrig sein, dass sie hier ¾ ihres Geldes
für Heizung und Strom ausgeben würde– das will sie mit einem Umzug in nicht so heizintensive
Gebiete verhindern. Das ist gar nicht mal so eine schlechte Idee… Allerdings ist so eine kleine Insel
ja irgendwie auch ganz schön ländlich…

 

 

Gastbeitrag von Amelie aus Berlin. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie eigentlich noch in der Stadt hält. Obs auf dem Land nicht viel schöner wäre.

 

 

Berlin, Berlin.

Ich liebte Berlin schon, bevor ich das erste Mal dort war. Allein der Name, mit der langgezogenen zweiten Silbe, war mir Verheißung und Versprechen. Berlin, das war eine Insel im fernen Osten, über der eine andere Sonne schien als über der Stadt am Main, in der ich aufgewachsen war.
Die Schwester meiner Großmutter hatte hier Erfolge als Kammersängerin gefeiert und ein wildes Leben voller Streit und Liebe mit ihrem Mann, dem Komponisten, geführt. Die beiden bewohnten eine riesige 7-Zimmer-Wohnung mit Stuck, Flügeltüren und Intarsienparkett in Charlottenburg, in einem ebenso prächtigen Altbau, der neben einem herrschaftlichen Entrée auch über einen vergitterten Aufzug in der Mitte des Treppenhauses verfügte, wie ich ihn nur aus französischen schwarz-weiß-Filmen kannte.

 

 

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Später überließen sie die Wohnung ihrem Sohn, einem Musiker und Marxisten, der dort eine Kommune gründete, in der ein Raum ganz und gar dem Andenken und der Lektüre Karl Marx gewidmet war: der Boden mit rotem Teppich ausgelegt, an den Wänden Regale mit marxistischer Literatur und in der Zimmermitte eine Säule mit der Büste des Verehrten. Das war Berlin.
Berlin war aber auch der Zufluchtsort für Wehrdienstverweigerer, es war die Stadt hinter der Mauer, die Künstler und Kreative aus aller Welt anzog und inspirierte. Selbst geteilt war sie die größte Stadt der Republik und nicht nur wegen ihrer Lage, als Enklave in einem mir fremden Land, ganz anders als alle anderen Städte in Deutschland, die ich kannte. Wilder, rauer, cooler, und außerdem gab es Doppeldeckerbusse.

 

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Irgendwann war es dann soweit: ich durfte nach Berlin fahren, ganz alleine, mit dem Zug, durch den gefährlichen Osten. Die ganze Fahrt über starrte ich aus dem Fenster und versuchte mir ein Bild von der deutschen demokratischen Republik, dem grauen Unrechtsstaat mit Autos aus Pappmaché, zu machen. Was ich sah, war jede Menge herbstliche Landschaft, nebelverhangen, ohne Hügel, ohne Berge, ohne Menschen.
Wie aufgeregt ich war, als der Zug schließlich am Bahnhof Zoo einfuhr! Der Moment, in dem ich ausstieg und den ersten tiefen Atemzug der weltberühmten und vielbesungenen Berliner Luft tat, bleibt mir unvergessen. Yeah!
Bahnhof Zoo, das war nicht einfach irgendein Bahnhof, sondern Schauplatz des Lebens von Christiane F., deren Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mich derart fasziniert hatte, dass eine Drogenkarriere mir außerordentlich erstrebenswert erschien und fest eingeplant war. Frankfurt war dafür zwar auch bestens geeignet, aber für meine Bedürfnisse viel zu klein. Ich wollte Anonymität, ein Häusermeer, Abstand zu meiner Familie, in deren Nähe ich nicht glücklich werden konnte. Ich wollte in der gleichen Stadt leben, in der schon David Bowie und Iggy Pop, beide Ikonen meiner frühen Jugend, ein paar Jahre verbracht hatten.

 

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Einige Jahre später war es dann soweit: ich packte meinen Hausrat zusammen, mietete einen Wagen und fuhr nach Berlin, um zu bleiben. Das düstere Instrumentalstück Neuköln (tatsächlich nur mit einem `l´geschrieben) und die Geschichte der Christiane F., in Gropiusstadt aufgewachsen, führten zu der Entscheidung, mir in Neukölln eine Bleibe zu suchen. Im Sommer 1994 hatte ich endlich den Sprung in die Hauptstadt aller Totalitarismen geschafft und stürzte mich mit voller Wucht und mit Anlauf in mein neues Leben. Die ersten Jahre waren nichts als taumeln und leiden. An einer Stadt, in der der Grundton ein aggressiven Bellen oder ein nasales Schnarren zu sein scheint. Ein Ham wa nich, kriejn wa ooch nich, Atze, icke und Alta-Mißklang. Hack hier Auskunft zu stehn?
Der Reichstag wurde verhüllt, der Potsdamer Platz bebaut, der Osten schrittweise mit Zuckerguss verkleistert, die Love Parade wummerte durch die Stadt, die Linden dufteten, die Sommer waren heiß, die Liebe flüchtig und der Himmel so weit. Nach fünf langen Jahren im tiefsten Neukölln, zog ich schließlich in die ehemalige Luisenstadt, nach Kreuzberg Süd-Ost, wo ich im Geiste schon längst Zuhause war. Mein Bäcker, meine Stammkneipe, mein Kino, meine Parks, mein Friseur, meine Bekannten, meine Freunde, mein Dorf.
Und hier bin ich nun, erfüllt von einer nicht enden wollenden, innigen Hassliebe, in die sich zunehmend auch Trauer mischt, denn das Berlin, das ich lieben gelernt habe gibt es nicht mehr. Ausverkauft, verprenzelbergt, zugebaut, uffjerüscht und immer fremder. Brache für Brache wird mit luxuriösem aber einfallslosem Eigentum zugebaut, Altbauten saniert und entmietet. Die Hobrecht´sche Mischung, die Berlin so einzigartig gemacht hat, gibt es nur noch in wenigen Ecken der Stadt.
Spielten früher die Arbeiterkinder mit dem Sohn des Studienrates im gleichen Hausgang, so haben wir inzwischen die gleichen Verhältnisse wie überall: Reiche verdrängen die Armen aus dem Innenstadtbereich und lassen sich beim Delikatessenfressen bewachen. Subkultur weicht Monokultur, Vielfalt weicht Ödnis. Der Neoliberalismus hat Berlin fest im Griff und verändert das Gesicht der Stadt und damit das Lebensgefühl rasant.

 

 

Berlin, dein Gesicht hat keine Sommersprossen mehr.

 

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Manchmal, wenn die Sehnsucht nach der Trauminsel von früher sehr groß wird, fahre ich nach Charlottenburg, Tegel oder an den Plötzensee. Da ist es noch so, wie ich es kenne, mein Berlin.
Und immer mal wieder trage ich mich mit dem Wunsch oder vielleicht auch nur der Idee, Berlin den Rücken zuzukehren und an einen Ort zu ziehen, an dem die Landschaft schöner, die Menschen freundlicher, die Wege kürzer, die Luft besser und das Leben stressfreier ist. Zum Beispiel nach Franken, in den Odenwald. Wo die Winter weiß und nicht schwarzgrau sind, wo kein eisiger Ostwind dir in die Knochen fährt, wo keine Hipster mit Fusselbärten und keine Biomütter mir auf den Zeiger gehen, wo diese ganze Großmäuligkeit einer Hauptstadt ganz weit weg und die Provinz so unprätentiös und freundlich ist.
Kein selbstherrliches Getue – be like Berlin– und keine Geldsäcke aus aller Welt. Kein Elend am Kotti , keine Junkies, keine Horden von Alkis am U-Bahnaufgang. Kein Lärm, kein Schmutz, abgesehen von den Traktoren und der fruchtbaren Erde. Ruhe.
Das wäre doch schön!
Aber ich kann hier nicht weg. Ich gehöre doch hierher. Je konkreter der Gedanke wird, Berlin zu verlassen, umso klarer wird mir, wie wenig mir das möglich ist, wie tief ich hier verwurzelt und wie sehr ich Großstädterin bin. Ich brauche das Häusermeer, die Vielfalt, den Lärm. Den Stress, den schnellen Wandel, die Anonymität, street art, Hundebesitzer an jeder Ecke, U-Bahn, S-Bahn, zahllose Museen, Kinos, Vielfalt, Theater und Parks. Schwimmbäder, Kneipen, Punks, internationale Restaurants und Imbisse, türkische Geschäfte, Moscheen und Synagogen. Die Spree, die Havel, die Kanäle, die Seen. Die großen Prachtstraßen: Kaiserdamm, Karl-Marx-Allee. Die Spuren jahrhundertelangen Imperialismus. Die Laubenpieper, Schultheiss und Molle.

 

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Ich kann nicht ohne diese Stadt sein, die mich genau so belebt, wie sie mich martert.
Was sollte ich auf dem Land? Spazieren gehen, Gemüse pflanzen, mich einem Lesezirkel anschließen, in den Kirchenchor gehen? Kann ich auch hier.
Das einzige Argument, das für ein Leben auf dem Lande sprechen würde, ist die Ruhe. Die Stille, die nur manchmal unterbrochen wird vom Tuckern der Landmaschinen und dem Ruf eines Milans. Ab und an vielleicht noch der Schuss eines Jägers oder das Brummen einer Biene. Das war´s. Stille. Ruhe. Entspannung. Ein weiter Blick. Nicht immer gleich mit dem Auge an der nächsten Häuserwand kleben bleiben. Der Geruch von Heu und Erde. Geodelte Felder, kühler Wald und sanfte Hügel. Grün.
Aber kann ich dafür all das aufgeben? Würde mich nicht die Langeweile schnell im Schraubgriff haben, würde mich die soziale Kontrolle nicht zu sehr einengen, die Überschaubarkeit der Möglichkeiten innerlich verkümmern lassen? Die Stille mich erschlagen und allein die schiere Existenz einer freiwilligen Feuerwehr oder eines Schützenvereins mich deprimieren? Würde ich mich nicht unendlich einsam fühlen in der Idylle, die mir fremd bliebe?
Ich befürchte, dass das Land für mich nur taugt, um mich von der Stadt, von Berlin zu erholen und Kraft zu sammeln. Runterkommen, ruhig werden um dann in die nächste Runde zu gehen.

 

 

Manchmal wünschte ich, es wäre anders. Ich könnte mich darauf einlassen. Eine alte Schule kaufen, oder einen Bahnhof, es mir schön machen und mit der Ruhe, meinen Gedanken und mir selbst glücklich werden. Aber ich kann nicht. Berlin ist für mich das Lebenselixier, das mein Blut am Fließen und die Glut am Glühen hält.

 

 

Solange die Gentrifizierung mich nicht zwingt, an den Stadtrand zu ziehen, bleibe ich hier und träume von der Ruhe auf dem Land.

 

 

 

 

 

Gastbeitrag von kreuzbergsüdost. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, ob und was sie in Berlin hält. Ob nicht manchmal die Provinz lockt. Ob sie es nicht machen wollen wie ich: abhauen, aufs Land gehen. Auslöser war dieser Beitrag über das, was mal meine Heimat war: Ach, Berlin.

 

 

 

 

Mensch, Wowi.

Mensch, Wowi, altet Haus, wat machste denn? Jetzt, wo Du nix mehr zu tun hast in Berlin?

 

Deine Abschiedsrede war ja sehr bewegend, und Langeweile setzt Kräfte frei, sollst Du gesagt haben, aber ich frage mich nun wirklich, wie man sich in Berlin langweilen will. Glaubt man Euren großmäuligen Sprüchen, kommt man in Berlin nicht einmal minutenweise zum Verschnaufen, so viel ist da los: Wieso also Langeweile? Naja, muß ich nicht verstehen.

 

 

Ist auch letzten Endes völlig wurst. Ich habe mir da nämlich etwas ausgedacht. Kommste erstmal her zu uns in‘ Odenwald. Kennst Dich ja hier aus, schließlich ist der Gatte aus der Gegend. Du hast ja jetzt Zeit.

Und staunen wirst Du: ja, es gibt ein Leben außerhalb Berlins.

 

 

Mit mir kannste auch berlinern, passt schon, und vielleicht wird unsere Begegnung auch ein bißchen anregender als unser erstes Treffen hier, seinerzeit im Rathaus zu Walldürn. Unerwartet grottenlangweilig war unser smalltalk, aber wenn Langeweile Kräfte freisetzt, solls mir recht sein.

 

 

Als erstes (damit der Absturz in die Langeweile nicht so schlimm wird) gehen wir mal am kommenden Wochenende zum Video- und Kunstspektakel Adelsheim leuchtet. Das ist kulturell so ziemlich das Schärfste, was wir hier zu bieten haben. Den roten Teppich mußt Du Dir dazudenken.

 

 

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Hier drängelt sich am manchen Tagen sogar die politische Prominenz, ein Landrat und ein Bürgermeister, ein bis zwei Abgeordnete vom Landtag, bis zu zwei Vertreter aus dem Bundestag. An den internationalen Showsternen und – sternchen arbeiten wir noch, aber das kriegen wir bis dahin hin. Und mit ein bißchen Glück treffen wir in dem Getümmel auch ein oder zwei Sozis, aber garantieren kann ich nix, das ist ja hier ein bißchen schwierig mit den Roten. Sollte aber auch egal sein. Nur bei dem Blitzlichtgewitter weiß ich ehrlich nicht, wie ich das stemmen soll, aber irgendwas wird mir einfallen. Du sollst Dich schließlich wohlfühlen.

 

Und dann machen wir so eine Mischung aus Exchangeprogramm und Schüleraustausch: Du lernst was von uns, wir lernen was von Dir.

 

Als erstes machen wir mal eine Rundfahrt. Landeplatz Walldürn, Landeplatz Lohrbach. Chakka. Da geht was. Ich meine, das muß man sich mal vorstellen: da starten und landen Flugzeuge. Soetwas hast Du noch nicht gesehen.

 

Dann ein paar Schlösser. Barock, Mittelalter, lauter so Zeug. Alles echt alt, echt fertig, echt bezahlt, echt sinnvoll, weil bewohnt.

 

Burg Guttenberg Ansicht Schildmauer Konrad Plank, Querformat

 

Dann gucken wir mal ein paar Wohngebiete an. Aktueller Baulandpreisrekord: 18 Euro der Quadratmeter. Da ist Platz für alle. Und nicht nur für die kreativen Reichen und die Hipster. Du wirst staunen.

 

Dann: Besichtigung von ein paar Firmen: Damit mal klar wird, wer das ganze Geld erwirtschaftet, das Ihr da in Berlin mit vollen Händen ausgebt. Nur so als Wink mit dem Zaunpfahl. Mit schönen Grüßen an den Nachfolger.

 

 

 

Aber in der Hauptsache könnten wir ja was von Dir lernen. Über einen Beratervertrag müssten wir dann noch verhandeln. Wir sind allerdings arm. Wären aber gerne sexy. Zumindest ein bißchen.

 

Sexy Wälder, sexy Felder und sexy weiten Himmel haben wir genug, sexy klitzekleine Industriegebiete und eine theoretischsexy Wirtschaftsförderung, aber irgendwie kommt es nicht so richtig rüber in der Welt. Noch ein paar Touristen wären schön. Noch ein paar mehr Firmen, die den Standort Odenwald so richtig hip finden. Kreativwirtschaft, Filmindustrie, Medienhäuser, was weiß denn ich? Vielleicht könntest Du da etwas machen.

 

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Ein bißchen mehr Selbstbewußtsein wäre auch nicht schlecht. Davon haben wir Berliner ja mehr als genug und könnten etwas abgeben. So als Entwicklungshilfe der anderen Art. Ich beiße mir seit Jahren hier in dieser Angelegenheit die Zähne aus, aber mit Dir könnte sowas klappen. Das Berliner Modell auf den Odenwald übertragen. Be Berlin? Be Odenwald! Ich kenne Ex-OBs, die jetzt im Kongo helfen, warum also nicht Du im Odenwald?

 

Wowi, wir zählen da auf Dich. Schließlich biste ja, siehe oben, der Gegend eh verbunden. Ich meine, Berlin, alles schön und gut, aber das wäre doch mal eine wirkliche Herausforderung. Boomtown Balsbach. Wirtschaftswunder Waldhausen. Megaaufschwung Mosbach! Klingt alles ziemlich langweilig? Ja, eben. Setzt Kräfte frei, und das ist unsre Hoffnung.

 

 

Wir müssten jetzt nur noch einen Termin finden, gib doch einfach ein paar Daten durch. Zeit haste ja genug jetzt. Anreise und Unterkunft ist kein Problem, zur Not holen wir Dich an der S-Bahn Mosbach-Käfertörle ab.

 

Alles weitere denn.

 

 

 

 

 

Dass ich gehe, steht fest.

 

 

 

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„Wir haben jetzt auch gekauft.“

 

„Man muss doch jetzt kaufen.“

 

„Die Zinsen. Bei den Zinsen.“

 

„Wer jetzt nicht kauft ist blöd.“

 

Sie haben meinen Bezirk aufgekauft. Fast ganz. Ein paar Ecken noch, ein paar Zwerge sind noch da, ein paar letzte Verwegene harren noch aus, haben eine Initiative gegründet, jene aus den letzten unsanierten Plattenbauten, die noch nicht aussehen wie Disneyland, wie sonst überall, schicke Glaskästen, gleichförmige Townhäuser oder diese traurigen gequälten Altbauten, Jugendstil, neuer Kitsch, neuer Biedermeier, türkis, rosa, pastell, befriedende Farben schaffen befriedete Bewohner, wehr dich nicht, sei still, leide still, geh still wenn du nicht mehr kannst, nach Hohenschönhausen, nach Hellersdorf, Springpfuhl, Friedrichsfelde. In die Plattenbauten, die wir so lustig angemalt haben und aus denen sich trotzdem jede Woche einer aus dem Fenster wirft.

 

 

Man filmt sie noch. Man interviewt sie noch. Die Letzten. Wildwest im Thälmannpark. Ihre Häuser sind das Letzte, das mich hier in der Gegend noch an eine Zeit erinnert, in der Berlin noch nicht an die Oberschicht verscheuert wurde wie eine Hafennutte an durchfahrende Seeleute. Jeder Spaziergang am alten Thälmannpark vorbei fühlt sich an wie ein vorweg genommener Abschied.

 

Nebenan bauen sie jetzt Luxusquartiere, ein paar hundert Meter weiter östlich am S-Bahnhof Storkower Straße steht jetzt schon die grässliche Townhousewüste, sie gebären sie jetzt überall in die letzten Brachen, diese Apokalypse der Eintönigkeit, eines wie das andere, parzelliert, der Garten 17,56 qm, jedem das Seine, jedem sein Vorgarten, sein Kleinwagen, 350.000 €, hey, das lässt sich doch locker finanzieren. Haben Sie denn Eigenkapital?

 

 

Die wackere Initiative der letzten Geringverdiener des Bezirks wird keine Chance haben, es ist das letzte Gefecht derer, die sie bald abgestoßen haben werden wie einen Fremdkörper, weil sie nicht mehr in die Zeit passen, nicht mehr hierher gehören. Sie werden sie kleinmachen, spalten, kaufen, marginalisieren. Und dann betten sie die ollen Platten in ihr neues Hochpreisquartier ein. Thälmannhöfe. Thälmanngärten. So werden sie es nennen. Genießen Sie luxuriöse Ruhe in zentrumsnaher Lage. Lebensqualität. Investieren Sie in Ihre Zukunft. Wenn Sie es nicht tun, tut es ein anderer.

 

 

Meine Stadt ist es nicht mehr. Der letzte Nachbar, mit dem ich gerne geredet habe, ein alter Mann, den sie systematisch kleingemacht haben, hat vor vier Jahren seine Koffer gepackt, humpelnd ist er die Treppe runtergeschlichen, gebeugt, kein Vergleich zu vor 20 Jahren, als ich ihn kennengelernt habe und wir ekelhaften Metaxa aus seinem Wandschrank zusammen gesoffen und über die ersten Schnösel gelästert haben, die die ersten Einheiten im Objekt zusammengekauft haben. Er hat mir am Schluss Tschüss gesagt ohne mir in die Augen zu schauen. Sie haben ihn aus seinem Mietvertrag herausgelöst, abgefunden, sie hätten ihn sonst abfindungslos raussaniert, den Frührentner, den Nichtleister. Er hat einen Namen. Er heißt Herr Bernd. Und Herr Bernd wohnt jetzt woanders.

 

 

Über mir leben jetzt blutjunge SUV-Fahrer, mit Klischee-Bugaboo, und zwei verhaltensgestörten Bratzen, die Sonntags früh um sieben das Treppenhaus abreißen, weil sich keiner findet, der ihnen sagt, dass sie das nicht tun sollen. Dafür fragen sie mich, ob es sein muss, dass auf meinem Balkon geraucht wird. Es sind Bioladenkäufer, die mit ihren Naturfliesen aus Peru angeben, die sie in ihrer Küche verbaut haben, Bio-Parkett, handgeölte Balkongarnitur, Fietsfabrik-Fahrrad, um die Bratzen auf der vorne montierten Kiste durch den Bezirk zu fahren, damit sie nicht laufen müssen. Manufactum-Katalog auf der Anrichte. Das alles erzählen sie sehr freimütig, in ihren braun-grünen Klamotten, indische Mode von Chapati, Sri Chinmoy, Chisibubikaio, was weiß ich denn, sieht aus wie Filz, Jägermode, Survival, Into the Wilderness. Oder Moppelkotze. So ein Rock mit Oberteil kostet locker 300 Ocken in der verschnöselten Boutique um die Ecke, 300 Flocken, scheiße wofür, es ist die schlammfarbene Mode der Gewinner, hier wohnen nur noch Gewinner, Gewinner können das alles bezahlen, Dachgeschoss, Jack Wolfskin, Bugaboo, Infiniti-Vans, die teuren Boutiquen vom Kollwitzplatz, Privatkinderärzte, Privatorthopäden, Privat-Hals, Nasen, Ohren, Urologe. Sie sind privat? Sehr schön, Sie können gleich heute abend kommen wenn Sie mögen. Passt Ihnen 18:30?

 

 

Die neue Oberschicht segregiert sich. Manifestiert sich. Zeigt sich. Gated. Gerne mit Concierge. Der aus dem prekären Märkischen Viertel angereist kommt, um den neuen Reichen zu dienen. Hier kommt sonst keiner mehr her, der nicht mehr als sieben Euro für sein Mittagessen bezahlen kann. Naturgesichter. Naturschaf. Naturwolle. Naturbernstein, aus denen dürre bärtige Designer Knöpfe für die Jacken formen. Und immer diese selbstgezogene Kresse auf der 20qm-Dachterrasse, zu der sie mit dem Fahrstuhl fahren, den außer ihnen keiner benutzen kann, weil sie in die anderen Etagen, in denen noch die Reste des Pöbels wohnen, erst keinen Zugang gebaut haben. Hofpfisterei. LPG. Handgeschöpfte Kosmetika. Das gute Gewissen wird heute mit Geld aufgewogen. Wer zieht die beste Kresse? Die wilden Tomaten sind aber auch gut dieses Jahr. Ja, die Sonne, die Sonne, ich habe einen Sonnenbalkon, natürlich, Sie nicht? Nein? Oh. Das ist aber schade. Bitte, sagen Sie: Haben Sie auch Sojamilch? Sagen Sie: Der Dinkelkeks ist doch glutenfrei, nicht? Und gibt es den Ingwertee auch mit Rohrzucker? Ich spreche ihre Sprache nicht mehr. Habe nicht ihre Probleme. Esse nicht ihr Essen. Sitze nicht in ihren Cafés. Kaufe nicht ihre Möbel. Ich verstehe die Dinge nicht mehr. Da steht ein Dinosaurier im Bezirk herum.

 

 

Ich mag es wenn es hier kalt wird. Dann kotzt mir kein Tourist mehr in den Hauseingang und die Türe stinkt nicht mehr nach Urin, die gelangweilten Mütter können ihren verdammten handgemörserten Kaffee nicht draußen trinken und kein Fahrradnazi rodet mich auf dem Bürgersteig. Früher habe ich den Winter gehasst und den Sommer gefeiert, mit billigem Bier auf der Stargarder Straße, ich habe Till Lindemann kennengelernt als noch keiner wusste wer bitteschön Till Lindemann ist, ich habe vor der Kommandantur gesungen, gelacht, geknutscht, jeden Tag neue Brüder und Schwestern kennengelernt, wir haben die ganze Welt umarmt und die Welt hat bei mir auf dem Sofa übernachtet, Litauer, Polen, Kroaten, Spanier, Kurden, irgendwelche Idioten aus irgendeinem idiotischen Provinznest, die hier das Abenteuer ihres Lebens gefunden haben, wir waren jung, wir waren wild, wir waren junge Wilde in einer unendlich wilden Stadt. Niemand von uns hätte gedacht, dass es einmal enden wird. Die Jugend denkt nie, dass die Dinge irgendwann enden. Doch sie tun es.

Die Dinge.

Enden.

 

 

Kinder. Karottenkuchen. Boutique. Bioladen. Holzspielzeug. Holzklettergerüst. Das ist der Kosmos der Bewohner der Stargarder Straße heute. Ich. Ich. Mein. Mein. Von denen, die früher die Kommandantur ausgemacht haben, sind einige tot. Und der Rest weggezogen. Weitergezogen. Untergegangen. Ich sah kürzlich einen von ihnen in seiner eigenen Kotze liegen. Lichtenberg. Weitlingstraße. Auch ein Kiez, der im Kommen ist, auch ein Kiez, in dem es bald so aussehen wird wie überall. Alnatura. Veganz. Trockenobst. Chapati. Sexymama. Oil & Vinegar. Albrechts Patisserie. Und die ganzen Gurus. Yoga. Meditation. Lebenshilfe. Heilsteine. Klangschalen. Weil sie sich selbst nicht mehr genügen. Lichtenberg. Weitlingstraße. Da lag er rum, bei den anderen letzten Pennern der Gegend, gegen die sich sicher bald auch eine Bürgerinitiative der Etablierten bilden wird wie am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg, die Kinder, die Kinder, denkt denn keiner an die Kinder, die Penner müssen weg hier, wir brauchen Vorbilder, schafft ein, zwei, viele Oil & Vinegars. Die selbstoptimierte so kerngesunde wie stinklangweilige Jugend, die nachwächst, entsorgt die, die nicht mehr passen.

 

Eigentlich wäre es längst Zeit zu gehen. Irgendwoanders hin. Warschau. Bratislava. Ljubljana mit großer Freude. Gdansk ist wunderschön. Oder Athen, wenn sie Athen nicht kaputt gemacht hätten. Istanbul, wenn Istanbul noch so entspannt wäre wie vor zehn Jahren noch. Vilnius. Riga. Barcelona wegen mir. Zu gerne Lissabon. Das goldene Krakau ist auch schon ausgelutscht, die Künstler dort haben dafür gesorgt, dass die Immobilienpreise durch die Decke geschossen sind so wie die Künstler überall dafür sorgen, dass sich mittelfristig jeder Wohnraum drei- bis vierfach vergolden lässt. London scheidet aus. Paris auch. München sowieso. Schon aus Preisgründen. Und für die Provinz werde ich wohl nie gelassen genug werden, um dort neugierige Nachbarn länger als eine Woche ertragen zu können ohne ihnen den Hals umzudrehen. Anonymität. Der Ort, an dem ich lebe, muss mir Anonymität gewähren und Prenzlauer Berg tut das immer weniger je mehr Kontrolleure, Pedanten und Missionsbeseelte die Dachgeschosse aufkaufen und die Aura des Ortes kontaminieren, den ich einmal sehr geliebt habe.

 

 

Nein, eigentlich wäre es längst Zeit zu gehen, es ist überfällig, aber ich kann nicht gehen, ich habe nichts gespart, ich habe nie etwas gespart, eigentlich war der Plan, spätestens mit Mitte 30 an der eigenen Kotze im Alkoholrausch zu ersticken oder im Speedwahn den Wagen gegen die nächstbeste Wand zu donnern. Das hat alles nicht geklappt, die Verantwortung kam dazwischen. Und jemand, der es gut mit mir meint. Ich bin jetzt so wie ihr alle. Karottenkuchen. Flatscreen. Maultaschen-Manufaktur. Ich habe VDSL zuhause. Und LTE für unterwegs. Ein pervers geiles Tablet. Auf die 128 GB-Speicherkarte passt meine ganze Musiksammlung. Slime. Fliehende Stürme. Type O Negative. Nick Cave. New Model Army. Fields of the Nephilim wenn es mir mal nicht so gut geht. Oder gleich den großen Veljanov für die Depression Deluxe. Diese ganze Musik, die das Gegenteil von dem symbolisiert, was ich nun bin. Überstunden. Urlaubssperre. Weihnachtsfeier. Kita. Kuchen kaufen. Ein paar Freunde. Ein guter Anzug für gute Gelegenheiten. Geputzte Schuhe fürs Meeting. Ich bin gefangen in dieser Stadt, die ich eigentlich gar nicht mehr mag, mit ihren affigen Touristen, mit ihren Neureichen, den Schnöseln, den Fanmeilenwichsern, den Biospießern, den Fahrradsalafisten, den neuen Glaskästen, der ganzen abgrundtief hässlichen Investorenarchitektur, die sie in jede Baulücke koten und den verdammten Bundespolitikern und ihrem fürchterlichen Karnevalsumzug, den sie importiert haben.

 

 

Dass ich gehe steht fest. Ich brauche noch Zeit. Ich brauche noch Mittel. Ich muss noch Verantwortung tragen. Ich brauche noch eine Idee. Eine Inspiration. Ein Konzept. Eine Weile. Doch dass ich gehe, steht fest.

 

 

 

 

Gastbeitrag vom Kiezneurotiker. Ich hatte von ihm und anderen Berliner Bloggern wissen wollen, ob und was ihn in Berlin hält. Ob nicht manchmal die Provinz lockt. Ob sie es nicht machen wollen wie ich: abhauen, aufs Land gehen. Auslöser war dieser Beitrag über das, was mal meine Heimat war: Ach, Berlin.

 

 

 

 

 

Stoßverkehr.

Ich fahre jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit. Es bleibt einem wenig anderes übrig auf dem Land, zumal, wenn man wie ich, immerzu und jederzeit beweglich sein muß. Rasende Reporterin, Sie wissen schon.

 

 

Wie dem auch sei. Ich fahre also zuhause los, durch Wald, Wald, Wald, dann durch ein Dorf, durch Wald, Wald, Wald, noch ein Dorf, und dann: die Bundesstraße. Die eine von den zwei Bundesstraßen im ganzen großen Landkreis. Anderthalb mal so groß wie die Republik Malta. Zwei Bundesstraßen. Ampelanlagen, deren Zahl sich (sehen wir mal von der Kreisstadt ab) an einer Hand abzählen läßt.

 

 

Das ist nur ein Symbolbild. Und bloß eine vielbefahrene Landesstraße. Aber die Bundesstraße sieht morgens manchmal ähnlich aus.

Das ist nur ein Symbolbild. Und bloß eine vielbefahrene Landesstraße. Aber die Bundesstraße sieht morgens manchmal ähnlich aus.

 

 

Ich stehe also an der ampellosen Bundesstraßenkreuzung. Und stutze. Nicht selten. Äh, …hab ich mich im Tag geirrt? Ist heute vielleicht Fronleichnam? Oder Ostersonntag? Ein Atomangriff, den ich verpennt habe?

 

 

Der Blick geht kilometerweit nach links: kein Auto weit und breit. Nach rechts: Kein Auto zu sehen. Stille. Leerer Asphalt, so weit das Auge reicht.

 

Meistens stehe ich dann ein paar Sekunden und checke gedanklich den Kalender und die Datumsanzeige im Armaturenbrett. 7 Uhr 50, Dienstag. Passt. Kein Feiertag. Also: beherzt losfahren. Bevor sich womöglich in der Ferne noch ein Auto nähert.

 

Zugegeben: Das ist nicht immer so. Manchmal nähern sich von rechts vier Autos, von links bis zu zehn. Manchmal sogar ein LKW.

 

Was für ein Verkehr.

 

Morgens schon dieses Gedrängel unterwegs.  

 

 

 

 

So. Und als Kontrapunkt lesen Sie jetzt bitte (klick:) diesen Artikel aus der Großstadt. Berliner BerufsverkehrSardinenbüchsensinfonie. Allmorgendliches Quetschkommodenkonzert in der S-Bahn.

Ich würde schreien, jeden Morgen. Ein Magengeschwür bekommen. Oder mich gleich vor den Zug werfen.

Aber das würde in dem Geschiebe vermutlich eh niemanden interessieren.

 

 

 

 

 

Ach, Berlin.

 

Ach, Berlin, ich liege hier herum, in einem Dorf am vermeintlichen Ende der Welt, und seit Tagen sitzt Du auf der Bettkante. Ich höre Features aus dem Podcast, und immer wieder quellen icke, dette, oder kiekma aus den Lautsprechern, und mir treibt es die Tränen in die ohnehin verquollenen Augen. Grippaler Infekt. Zuviel Zeit zum Radiohören, zuviel Zeit, die Gedanken auf die Reise zu schicken nach Berlin. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Heimatstadt.

 

Foto: Gordon Gross/pixelio

Foto: Gordon Gross/pixelio

 

 

Berlinerisch weckt Heimweh. Nach einer Stadt, die es es heute nicht mehr gibt. AltBerliner Sehnsucht. Nach dieser alten Tante, die ein bißchen ruppig war, aber eben auch sehr warmherzig. Die sich aus dem Fenster lehnte und die Welt kommentierte, weil sie die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Die zu allem einen kessen Spruch drauf hatte, auch wenn ihr der Kalte Krieg manchmal die Sprache verschlug. Die stadt-gewordene Wilmersdorfer Witwe, mit Hut und Handtasche in der U-Bahn, abends schnell nach Hause in den kleinen kuscheligen Kiez, spießig, provinziell und bieder. Eine Stadt wie Eberhard Diepgen.

 

Der Puls der Zeit schlug überall, nur ganz bestimmt nicht in Berlin. In Berlin ratterten die Herzschrittmacher, eingebaut in diese kleine Exklave im Feindesland, ummauert, aber trotzig. Ein völlig unnormaler Ort, für den das Unnormale ganz normal war.

 

Die Touristen kamen und wir empfingen sie mit einer Mischung aus Abscheu und Gleichgültigkeit, die Wessis, die sich stadtfein machten und den Ku’damm rauf und runterlatschten oder staunend auf die Mauer glotzten. Wenn die Mutter abends fragte Und? Wie wars im Kino und am Tauentzien?, antworteten wir bloß augenrollend, alles voller Wessis wieder. Man ließ sich ungern stören in Berlin, im kuscheligen Kiez.

 

 

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Foto:Sven L./pixelio.de

 

 

Heute kommt Berlin mir vor wie eine von den Jacob-Sisters. Im Grunde ihres Herzens immernoch beschaulich, brav und bieder. Ein bißchen in die Jahre gekommen, fast überrollt von der Zeit. Aber irgendwann ist irgendwer gekommen und hat geflüstert Dich bringen wir jetzt nochmal ganz groß raus. Er hat ihr Botox in die Lippen  gespritzt und in den Busen, hat die angegrauten Haare aufblondiert, er hat der Stadt eine überdimensionierte Frisur verpasst und sie in hautenge Glitzerklamotten gezwängt, damit es richtig sexy aussieht, mit einem Touch ins Ordinäre. Er läßt sie mit schriller Stimme unpassende Lieder singen und mit einem Pudel tanzen.

 

 

Die olle Bretterbühne hat er ordentlich gebohnert, in jede Ecke Requisiten reingeknallt, immer größer, immer höher, es soll ja nach was aussehen. Hier noch einen Klotz hin, da noch einen Klotz, immer ruff damit, allet voll, daß die Dimensionen lange nicht mehr stimmen: scheißegal, Hauptsache, es sieht nach Glamour aus. Was nicht auf die Bühne passt, wird weggefegt. Und die Leute kommen in Scharen und wollen mehr sehen von diesem schrillen Frolleinwunder vor der glitzernden Kulisse.

 

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Foto: Armin Bothur_pixelio.de

 

War ich gut?, will die atemlose Stadt am Ende jedes Tages wissen.  Ja, Schätzchen, sagt der Manager und tätschelt ihr das Knie, Du warst richtig gut. Du könntest noch ein bißchen lauter singen, nächstes Mal, und das Bein ein bißchen höher schwingen, aber Du warst heute wirklich gar nicht schlecht. Die Leute lieben Dich und bringen Geld, das ist die Hauptsache. Und wer kein Geld dabei hat, der muß leider draußen bleiben.

 

 

 

Niemand gräbt noch Fluchttunnel in dieser Stadt, schreibt der Kiezschreiber, der nach Jahren als Kiezschreiber im Berliner Wedding nun wieder in der Provinz lebt, aber manchmal möchte man einen Fluchttunnel in die Vergangenheit graben.

 

 

 

 

 

 

 

P.S. Ich habe mal ein paar Berliner angeschrieben und gefragt, was sie in Berlin hält. Ob es sie noch wirklich in Berlin hält. Warum sie nicht aufs Land ziehen, zum Beispiel, gefälligst, endlich. Vielleicht können wir hier demnächst Antworten in Gastbeiträgen lesen.

 

 

(Nein, dieses coole youtube-Video ist nicht von 1975, sondern angeblich von 2002. In mancher Hinsicht bleibt Berlin dann eben doch die Alte.)

 

 

 

Immer dieser Osten.

Oder: Warum ich 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mit manchen Dingen immer noch auf Kriegsfuß stehe. 

 

Wenn Sie mich mal richtig in Verlegenheit bringen wollen (oder in Rage), dann halten Sie mir bei einer gemeinsamen Wanderung durch den finstren Tann einfach einen Kompass unter die Nase und bitten mich, den Weg zu finden.

Ich finde den. Bloß nicht mit dem blöden Kompass. Ich hasse Kompasse. Kompässer. Ich verstehe sie nicht. Habe sie nie verstanden. Ewig dreht sich die doofe Nadel hin und her, ich drehe und wende das Ding in der Hand und blicke gar nichts.

Und wie das mit den Himmelsrichtungen so funktioniert, das habe ich auch nie begriffen. Du wirst doch aber jetzt gerade wissen, wo von hier aus Süden ist, sagt mein Geo dann oberlehrerhaft und fuchtelt mit den Armen Richtung Sonnenstand. In solchen Momenten riskiert er seine körperliche Unversehrtheit.

Foto: Harald Lapp/pixelio.de

Foto: Harald Lapp/pixelio.de

Ja, ja, die Großstädterin: keine Ahnung wieder mal!, sagen die Landmenschen dann. Die können wahrscheinlich auch alle Kompass lesen. Logo. Ich kann es nicht. Das hat aber nichts damit zu tun, daß ich aus irgendeiner Stadt komme. Auch Städter sollten Kompass lesen können. Der Grund bei mir liegt daran, daß ich aus der Stadt schlechthin komme. Aus Berlin. Aus West-Berlin. Eine Art Kindheitstrauma. West-Berliner werden mich verstehen.

Alle anderen müssen sich das in etwa so vorstellen:

Als es darum ging, dem Kind die Welt und auch das Leben zu erklären, stand meine Mutter mit mir auf dem höchsten Berg des großen, kleinen West-Berliner Universums, dem Teufelsberg. Einhundertirgendwas Meter erhebt er sich majestätisch über die Ebene. Oh! und Ah!, schnauften Eltern und Kinder nach dem Aufstieg, und: tollvon hier aus kann man ja in alle Himmelsrichtungen gucken!

Meine Mutter also blickte mit dem Kompass in der Hand in unbestimmte Ferne und sprach Da ist Süden. Da war doch aber Osten, dachte ich für mich. Sie blickte nach Norden, da war der Osten, meiner Meinung nach. Die Kompassnadel zeigte Richtung Westen: wieder Osten. Und schließlich –   da waren wir uns endlich alle einig – nach Osten, da war Osten.

Die Sonne ging im Osten auf, im Osten unter. Wieso der Kompass etwas Gegenteiliges behauptete, blieb unklar. Wir fuhren zu den Ostgroßeltern in den Süden, Richtung Sachsen, also: in den Osten. Nach Norden, Richtung Rostock – also Osten. Ja, was denn nun?

Bei einem Besuch neulich im ehemaligen Zonenrandgebiet bekam ich wieder schlechte Laune, kompassbedingt:  Ich tat unter Anleitung der freundlichen Gedenkstättenführerin einen Schritt Richtung Mittagssonne (also gen Süden, behaupteten der blöde Kompass und der gesunde Menschenverstand) und überwand damit die ehemalige Grenze zwischen Ost und West. Das verstehe nun, wer will.

Mein Geo will sich leider nicht damit abfinden, daß ich in Sachen Kompass komplett unbelehrbar bin. Ich werde dann mitunter – siehe oben – sogar ausfallend, wenn er wieder einmal versucht, mir Ost und West und Nord und Süd näherzubringen. Man könnte mich in dieser Hinsicht für völlig ungeeignet für das Leben auf dem Lande halten, zumindest aber für geistig etwas eingeschränkt. Ich selber erkläre meine kompassologische  Unfähigkeit inzwischen mit einem deutsch-deutschen Trauma. Und das hat ja fast schon wieder was.

Der Mauerfall heute genau vor 25 Jahren hat leider auch in dieser Hinsicht nichts geholfen. Er hat im Gegenteil die Sache noch ein bißchen komplizierter gemacht. Denn jetzt ist überall da, wo früher Osten war, plötzlich Westen.

Wo man hinguckt: Alles Westen.

Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

 

 

 

Lebensqualität.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitarbeiter des Institutes der Deutschen Wirtschaft,

 

 

ich sehe Sie förmlich vor mir, wie Sie jetzt jahrelang nichts anderes getan haben, als auf allen Vieren durch Deutschland zu kriechen. Jeden Stein haben Sie umgedreht, ob in der Uckermark oder in München, in Märkisch-Oderland oder in Waldshut, in Stuttgart und Berlin, in Leipzig oder Kiel, in der Grafschaft Bentheim oder im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Jeden Stein umgedreht, und nichts ist Ihren kritischen Blicken verborgen geblieben.

 

 

NeckarUferKieselSteine

NeckarUferKieselSteine

 

Ob es um Schulabgänger ohne Abitur geht, oder um naturnahe Flächen, ob um Steuerkraft oder Überschuldung, ob um Straftaten oder Lebenserwartung, alles haben Sie in Ihre schicken Laptops getippt und daraus nun das sogenannte Regionalranking gebastelt. Eine Hitparade aller 402 Städte und Landkreise in Deutschland sozusagen. Wo sind die Wirtschaftsstarken und die Lebenswerten, wo die Loser und Zurückgebliebenen? Das kann man aus Ihrem Regionalranking aufs Feinste herauslesen. Wenn man will.

 

 

Auch der Odenwald:  Unter die Lupe genommen.

Auch der Odenwald:
Unter die Lupe genommen.

 

 

 

Die Odenwälder wollen allerdings nicht so recht. Maulen irgendwas von roter Laterne und Schlußlicht. Und das in einem Bundesland, das (gemeinsam mit den Bayern) mit Abstand die meisten der Top-100-Kommunen und Kreise stellt. Eigentlich. Nur der Odenwald stinkt da etwas ab, zugegeben.

 

 

Wirtschaftskraft sieht anders aus.  Angeblich.

Wirtschaftskraft sieht anders aus.
Angeblich.

 

 

Mir macht das alles nichts. Ich freue mich über Ihr Regionalranking 2014.

Gibt es mir doch endlich die handfesten Antworten auf meine Lebensfrage. Die da lautet:

Ach, Du liiiebe Zeit. Wie kann man nur?

 

 

Wie kann man nur von Berlin in den Odenwald ziehen? Aus der schillernden Metropole an der Spree nach badisch-Sibirien im finstren Tann? Ausgerechnet! Diese Frage bekomme ich ja  mantraartig jedes Mal gestellt, wenn ich hier im Odenwald auf mir noch fremde Einheimische treffe. Und ich kann Ihnen sagen: mir sind hier noch viele Einheimische fremd. Die Frage kommt also nahezu täglich. Wöchentlich mindestens. Und das seit nunmehr 13 Jahren.

 

 

 

Ich stelle mir diese Frage, zugegeben, ja manchmal auch selber. In schwachen Stunden. Wenn ich hier in der Provinz verzweifle, an diesem oder jenem. Wie konnte ich nur. Coole Cafes und Kneipen eintauschen gegen Gastwirtschaft mit Fremdenzimmer, 50er Jahre ahoi. Sensationelles Nahverkehrsangebot gegen Schulbus, zweimal täglich. Hippe Szeneviertel gegen Nullachtfuffzehneinfamilienhäuser. Superschlaue Akademiker gegen biederbrave Landbevölkerung. Den weltstädtischen Atem der Spree gegen den morgendlichen Güllemundgeruch des Dorfes. Undsoweiter, undsoweiter.

Klischee komm raus, Du bist umzingelt.

 

 

Foto: pogobuschel/pixelio

Foto: pogobuschel/pixelio

 

 

Da kommt mir Ihr Regionalranking also gerade recht. Jetzt weiß ich,was ich insgeheim schon ahnte. Daß es tatsächlich richtig war, der alten Tante Berlin den Rücken zu kehren. Daß es sich hier im tiefen Wald nämlich nicht schlechter lebt, auch, wenn einem das dauernd irgendeiner einflüstern will.  Im Gegenteil. Man muß den Blick halt nur auf die entscheidenden Werte richten.

 

 

Wie war das noch mit der Lebensqualität?

Heute früh im Odenwald:
Wie war das noch mit der Lebensqualität?

 

Lebensqualität ist so ein Wert, und was auch immer sich genau dahinter verbergen mag: der Odenwald bekommt von Ihnen die Gesamtnote Drei. Be-frie-di-gend. Anders gesagt: Platz 152 von 402. Nicht schlecht. Heißt unter anderem: Viel Natur, wenig Straftaten, wenig Überschuldung.

Besser als Berlin allemal. Die schillernde Metropole hat sich zum Thema Lebensqualität bei Ihnen eine Vier eingefangen, oder Platz 290. Ätsch. Heißt unter anderem: Weniger Natur, jede Menge Kriminelle, viele Leute überschuldet.

 

Foto: Armin Bothur/pixelio

Foto: Armin Bothur/pixelio

 

 

Daß der Odenwald dafür unter den Stichworten Arbeitsmarkt und Wirtschaft schlecht abschneidet (wenngleich noch immer besser als Berlin, hört, hört), liegt nicht zuletzt an der hohen Zahl von Schulabgängern ohne Abitur, an der niedrigen Akademikerquote und den wenigen Firmengründungen. Was allerdings das eine mit dem anderen zu tun hat, offenbar zwangsläufig, das erschließt sich mir noch nicht. Das werden Sie mir eines Tages noch erklären müssen. Wenn Sie mal zum Urlaub hier sind, oder so. Lohnt sich, siehe oben.

 

 

Was allerdings tatsächlich grottenschlecht ist hier im Landkreis , das ist die sogenannte Dynamik, also die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre, ob zum Guten oder Schlechten. Da hat sich im Odenwald nicht viel bewegt. So ziemlich gar nichts, genau gesagt.

Aber sehen Sie uns das doch bitte nach, der Odenwälder an sich lebt nicht dynamisch, sondern, – nun, wie soll ich sagen – , nachhaltig. Solide. Oder wie auch immer Sie das nennen wollen. Dynamik ist hier mitunter sowas wie ein Fremdwort.

Wir haben das schließlich schon immer so gemacht. Seit 150 Jahren. Basta. Aber wir arbeiten dran. Versprochen.

 

Berlin dagegen entwickelt sich so schnell, – wohin auch immer – , daß einem fast die Luft wegbleibt. Schnappatmung als Lebensphilosophie. Gesünder klingt das aber auch nicht.

 

 

Foto: ©Rainer-Sturm/pixelio

Foto: ©Rainer-Sturm/pixelio

 

A propos Luft, und a propos gesund:  Was ich ein bißchen vermisse in Ihrem Ranking, ist die Luftqualität. Andersrum gesagt: Der Feinstaub. Der ist ja derzeit grade doch in aller Munde. Oder in aller Lungen, wie man will. Bundesweiter Spitzenreiter: die Messstelle an der Berliner Silbersteinstraße, dicht gefolgt von der Frankfurter Allee, ebenda.

Ich würde Ihnen zur Ergänzung Ihres Rankings ja gerne die Daten aus dem Odenwald durchgeben, allein: wir haben nicht mal eine Messstelle.

Die Luft ist einfach zu gut hier.

 

 

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In diesem Sinne: nochmal herzlichen Dank für Ihre Mühe.

 

 

Mit freundlichen Grüßen aus der Provinz,

 

usw usw.

 

 

 

 

 

Ausgekotzt.

 

 

Sehr geehrte Frau Baum,

liebe Kollegin,

 

mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag im Feuilleton der ehrwürdigen FAZ gelesen.

Da haben Sie sich ja mal so richtig ausgekotzt. Einmal volle Pulle drauf auf die Landkarte, mittig,  auf den Odenwald. Den es so im Übrigen gar nicht gibt, meiner Meinung nach, es gibt verschiedene Odenwalde, einen hessischen und einen badischen und einen fränkischen zum Beispiel. Aber seis drum.

 

Wer suchet, der findet.

Wer suchet, der findet.

 

Und ich gebe Ihnen ja recht: die Eternit-Architektur mancherorts, die Straßendörfer, die Strukturschwäche, das ist nun nicht der Brüller, zugegeben. In unserem Teil, dem badischen, sieht das allerdings auch  anders aus. Finde ich. Aber ich bin ja auch nur zugezogen. Aus Berlin im Übrigen.

 

Außerdem machen Sie ja keinen Unterschied. Odenwald ist Odenwald und Hölle ist Hölle und Eternit ist überall.  Einmal mittig draufgekotzt. Immer raus damit. Sowas soll ja reinigend sein.

Und: Volltreffer. Wobei ich mir  das Todesurteil sogar selbst gegeben habe. Bin als Berlinerin freiwillig in die Odenwaldhölle gegangen. Man stelle sich das vor. Und Sie, der Odenwaldhölle entkommen, Sie sind jetzt die echte Großstädterin, die Journalistin aus Berlin. Wow. Da könnte ich fast neidisch werden.

 

Aber ich freue mich lieber. Ich bin froh und dankbar über Ihren Artikel. Ja, ehrlich. Sie haben mir die Augen geöffnet. Endlich.

 

Die Jugendlichen hier sind alles arme Seelenkrüppel, abgeschnitten von der Welt. Kiffen, rauchen, saufen, huren. Alles heimlich. Die tun nur so, als wären sie glücklich auf dem Land. Reiner Selbstschutz.

Ich meine (nur als aktuelles Beispiel), daß die dieser Tage als zehn, zwölf, vierzehn Heilige Drei Könige verkleidet durch die Dörfer ziehen! Hallo? Dazu werden die sicher gezwungen. Von ihren ewigkochenden, selber unterdrückten Müttern. Und natürlich von der Kirche (mir fällt auf, Sie haben gar nicht auf die Kirche gekotzt, auf die verlogene Frömmigkeit und die bigotten Pfarrer, das gehört in so einen Artikel einer coolen Berliner Autorin aber unbedingt mit rein!).

 

 

Und daß die Jugendlichen morgens an der Haltstelle zu mir nicht „Fick Dich, Alte“ sagen, sondern „Guten Morgen“ oder „Hallo“ – das kann doch nicht normal sein. Das Ergebnis schwerster frühkindlicher Provinztraumata, wenn ich es recht bedenke. Aber es kommt noch besser: die sind hier so dämlich, so verbogen und verknetet, die gehen sogar ohne Waffe in die Schule.

Daß ich das bisher nicht bemerkt habe.

 

Auch die Vereinsmeierei. Sie haben ja recht. Das hat nichts mit Verbundenheit und Freundschaft und Heimat zu tun (gleich zwei so peinliche Wörter), sondern vermutlich bloß mit Alkoholkonsum. Der sich hier tarnt als Sozialleben. Wie dämlich ist das denn? Sozialleben findet bei facebook statt, aber doch bitte nicht im Dorfgemeinschaftshaus.

Daß ich das früher nicht bemerkt habe.

 

Lesen? Nein, lesen kann hier niemand, wenn ich recht darüber nachdenke. Die Menschen können allenfalls erzählen, Geschichten von früher, Oder solche über die Nachbarn. Weil man die halt kennt. Und sich hin und wieder um die kümmert. Soziale Kontrolle der übelsten Art!, sonst nichts. Und das allerschlimmste: auf dem Land gibt es Männer, die ihre Frau anbrüllen. Sie legen! den Finger! in die Wunde! Treffender kann man die deutsche Provinz nicht beschreiben.

Daß ich das früher nicht bemerkt habe.

Von Ihnen kann ich noch viel lernen.

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Und dann überall die Felder und die Ställe. Langeweile pur, bei Lichte besehen. Romantischer Quatsch, und stinken tut es obendrein. Wo man sich Obst und Gemüse doch im Bioladen kaufen kann. Was soll der Blödsinn mit der Landwirtschaft? Naja, den Provinznasen fällt halt nichts Besseres ein.

Daß ich das früher nicht bemerkt habe.

 

(und jetzt auch noch die häßlichen Windräder überall – ich meine, wer? will? Biostrom? Noch so ein Humbug. In Städten wie Berlin liegt die Energie ja förmlich in der Luft, was brauchen wir da eine Steckdose?).

 

 

Und ewig das Gequassel von Familie. Wer will schon Kontakt zu Oma und zu Opa, Cousinen und Cousins? Wer cool sein will, muß ein heimatloser Lonesome Rider sein. Oder ein Schlüsselkind. So nannte man das früher in Berlin. Ich war ein Berliner Schlüsselkind, und wenn ich recht darüber nachdenke, war das vielleicht doch ziemlich lässig, immer allein zu sein und nirgends einen nervigen, erwachsenen Ansprechpartner zu haben.

Daß ich das früher nicht bemerkt habe.

Gut, daß ich das jetzt mal aus Sicht einer großstädtischen Autorin aus Berlin sehe.

 

 

Verbretter, vernagelt, eingesperrt und dumm. Jawoll.

Verbrettert, vernagelt, eingesperrt und dumm. Jawoll.

 

 

Ach so, wo wir grade bei Berlin sind. Da ist ja vieles besser. Eigentlich alles. Die Luft, das Grün, die Lebensqualität. Die Offenheit der Menschen. Die Toleranz. Der Intellekt. Die Kultur allüberall. Die Architektur sowieso.

Besonders so Ecken wie Marzahn haben es mir immer schon angetan, Marzahn oder die Gropiusstadt, oder auch Reinickendorf und Lichtenrade oder Spandau. Da gibt es keine häßlichen Häuser und keine Spießer; und Männer, die ihre Frau anbrüllen, muß man mit der Lupe suchen. Nehme ich an. Sie werden das besser wissen. Falls Sie jemals schon in diesen Ecken waren.

 

Wenn nicht: Ich lade Sie herzlich ein: bei meinem nächsten Besuch in Berlin machen wir mal eine kleine Stadtrundfahrt. Damit Sie mal was von der Welt kennenlernen. Offensichtlich ist Ihr Blick bislang noch etwas – Sie verzeihen den Begriff – provinziell.

 

Herzliche Grüße aus dem Odenwald!

 

P.S. Was ich noch vergessen habe: die Weschnitztalbahn. Die ist wahrscheinlich heute noch genauso klapperig wie früher. Im Vergleich zu schicken Sprinter-ICEs. Wie die Madonnenlandbahn und die Frankenbahn letzten Endes auch. Wie alle diese kleinen Regionalbahnen in der Provinz.

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Foto: Gärtner.

 

 

Auch häßliche Bahnhöfe gibt es immer noch zuhauf. Dafür haben Sie ja jetzt aber in Berlin den schicken teuren Hauptbahnhof. Dieses Prachtstück aus Stahl und Chrom und Glas.

Vielleicht kotzen sie beim nächsten Mal einfach dort, von der obersten Etage einmal schwungvoll bis in die Tiefebene, quer durch Stahl und Chrom und Glas. Mir jedenfalls ist immer danach, wenn ich dieses Bauwerk sehe und gleichzeitig an die kaputtgesparte Infrastruktur in der Provinz denke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heim.Weh.

Manchmal überkommt mich die Sehnsucht, und dann denke ich darüber nach, ob es nicht vielleicht doch besser wäre, wieder in die Großstadt zu ziehen. In die einzige Großstadt, die diesen Namen verdient: nach Berlin. Und dann mache ich mich wenigstens virtuell auf den Weg dahin und streife durch die Blogs der Hauptstadt.

Foto: Jim Pfeffer/pixelio

Foto: Jim Pfeffer/pixelio

 

Gestern bin ich in der Auguststraße gelandet, Berlin-Mitte.  Und bei der neuen Klientel, die sich jetzt auch diesen Teil der Stadt unter die manikürten Nägel reißt.

Und dann merke ich: sie ist inzwischen verdammt weit weg, meine Heimatstadt. Und verdammt anders, als ich sie in Erinnerung habe. Berlin war irgendwie warm damals, immer ein bißchen miefig-piefig, ein bißchen behäbig, manchmal bierselig, aber nicht un-freundlich. Manchmal vergriff sich die Stadt im Ton, wurde ein bißchen grob, aber das gehörte in Berlin dazu.  Und immer und fast überall konnte man sich wieder aussöhnen mit dieser Stadt.

 

Heute würde ich aggressiv werden in Berlin. So unterschwellig aggressiv, wie diese Stadt selber mir vorkommt, die sich nach außen hin so schick und glitzernd gibt.

Da bleibe ich lieber auf dem Dorf. Ohne Aggression. Nur manchmal mit dieser merkwürdigen Sehnsucht.