Berlin.

Senioren, die einen schlohweißen Pferdeschwanz, Jeans mit Bügelfalte und eine Schirmmütze mit dem Logo der Denver Broncos tragen.

Die beiden Jugendlichen, die eine alte Backsteinmauer mit ihren Spraydosen dekorieren. Sie grinsen mich an, als ich in einem Park in der Nähe der Yorkbrücken an ihnen vorüberschlendere. Ich grinse zurück.

Jede zweite Kellnerin ist eigentlich Schauspielerin, jeder zweite Kellner Musiker, und alle studieren gerade irgendwas.

Eine steinalte Frau kommt vorüber, sie zieht in Zeitlupe ein bis über den Rand vollgepacktes, »Hackenporsche« genanntes Rollwägelchen hinter sich her, als gelte es, die nächsten sieben Tage im Luftschutzkeller zu verbringen.

Bier wird auf der Straße getrunken, Döner zweifuffzich.

Alte Mietskasernen. Im Vorübergehen sieht man in Fenster und auf Balkone, kurze Szenen des menschlichen Lebens, das sich so offen und ungespielt zeigt wie in Neapel.

Der herrliche Duft von Buletten weht auf den Bürgersteig, bisweilen auch schwere Wirsingwolken. Aus dem offenen Fenster einer Erdgeschosswohnung klingt hell wie ein Glockenspiel das Porzellan, als offenbar ein paar Teller aus dem Schrank genommen werden.

Alte Männer mit schweren Bäuchen und Nachkriegswirrenpomadenfrisur (»Brisk«, kein Wet-Gel), Frauen mit hässlich gemusterten Pullovern und stocksteifgesprayten Dauerwellen, an denen man sich vermutlich schwer verletzen kann.

Wenn die Bäume in den Parks im Wind rauschen, hört es sich an wie Meeresbrandung.

 

Diese Stadt schäumt jede Sekunde über vor Gedanken. Es gibt so viele Ideen – großartige und schnell vergessene -, dass niemand sie jemals festhalten könnte. Und du glaubst, man würde sich ausgerechnet an dich erinnern?

Auf der Straße trifft man schräge Leute, die Selbstgespräche führen. Da gibt es die »Kläffer«, die lautstark unverständliches Zeug herausbellen, die »Agitatoren«, die in endlosen Monologen die politischen Probleme der Welt erörtern, und die murmelnden »Flucher«, die nur »Scheiße, Scheiße« oder »Totschlagen müsste man die« vor sich hin brabbeln.

Verträumte Villenviertel. Verspielte schneeweiße Fassaden.

Überall Baustellen. Die ernsten, konzentrierten Gesichter der Arbeiter.

An der Frittenbude vor der Tankstelle beugen sich unrasierte Gesichter über eine Gekröserolle namens Currywurst.

In der U-Bahn verwelkte Angestelltengesichter, Kopftücher, Einkaufstüten, leises Scheppern aus Kopfhörern und die unvermeidliche Litanei eines Straßenmagazinverkäufers. Eine Frau, um die fünfzig und mit Dauerwelle, füllt mit dem strengen Blick einer Zollbeamtin ein Kreuzworträtsel lückenlos aus. Nur die Studenten und Touristen reden und lachen.

Ein ockerfarbener spiralförmiger Kothaufen, der von grün und blau schillernden Fliegen umkreist wird. Verdauungsrückstände des besten Freundes, den der Mensch angeblich hat.

In ihren Kiezen ist die Stadt ganz bei sich, hier kann sie sich geben, wie sie nun einmal ist: alltäglich, banal, irgendwie gerade beschäftigt, manchmal schlecht gelaunt, manchmal mit einem frechen Grinsen im Gesicht.

Die Fleischereifachverkäuferin in einem ärmellosen Polyesterkittel, die Haut der Oberarme hängt herunter wie Teigfladen. Diese Frauen bekommen nach all den Jahren hinter der Fleischtheke selbst etwas Wurstiges. Gesicht und Hände sehen aus wie rohes Fleisch, korrespondierend zur Hautfarbe das korallenrote Papier, in das die Ware gepackt wird. Eingekittelte Körper wie Presswürste. Ihre unscheinbaren Gesichtszüge – Punkt, Punkt, Komma, Strich – sind in einen speckig glänzenden Fleischbrei eingesunken.

 

Bergmannstraße, Simon-Dach-Straße, Oranienburger Straße: Je beliebter eine Straße ist, desto öder wird das Angebot. Irgendwann ist Gastronomie das Hauptgeschäft, weil die wechselnde Laufkundschaft keine Autos oder Waschmaschinen kaufen will. Dann sitzen Touristen Touristen gegenüber und denken, hier wäre die „Szene“.

Tüten-Paula, die früher inmitten ihrer Plastiktüten und Müllsäcke auf dem Ku’damm gesessen und die Leute angepöbelt hatte.

Eine meterlange Junkie-Spur eingetrockneter Blutstropfen zieht sich am Rand der Treppe entlang, die zur U-Bahnstation hinabführt.

Das „Petrocelli“ in der Motzstraße war in den neunziger Jahren das einzige Restaurant auf der Welt mit drei verschiedenen Toiletten: »Uomini«, »Donne«, »Misti«. Letztere war für den transsexuellen Kellner gedacht, durfte aber auch ausnahmsweise von Behinderten genutzt werden.

Der melancholische Singsang des verschwundenen ostpreußischen Dialekts eines Hausbewohners. „Näi, näi, ich wäiß nich, de Leite sind so komisch jewordn. Komm ich am friehen Morjen ausm Keller, sieht mich de alte Schmittchen und hat se jebrillt. Jebrillt hattse, dabei hab ich se nüscht jetan.“ Das gerollte R, der Tonfall vergeblicher Mahnung und Wehmut, der im Ostpreußischen mitschwingt. „Un de villen junge Leite. Immer nur ihr Tanzvergniejen im Koppe und jläich datt jroße Jeld machen wollen. Ohne Arbäit. Von morjens frieh bis obends ham wir missen arbejten. Mir hatten ja nüschte, als der Russe kam. Jeden Tach Kartoffeln ham wir jejessen. Nu, so is alles jekommen. So is es jewesen.“ Aus seiner Wohnung riecht es nach gekochtem Gemüse und körperlichen Ausdünstungen, so als sei die ganze vorhandene Luft schon mehrfach von tuberkulösen Greisen ein- und ausgeatmet worden.

MyFest in Kreuzberg. Tofuwürste und Unterschriftensammlungen. Erster Mai. Gutmenschenkirmes mit eingebauter Weltverbesserung („der Erlös geht an die feministische Antifa-Kita Bad Oldesloe“). Und anschließend gibt es den unvermeidlichen Demonstrationszug, hennarotgefärbte deutsche Gründlichkeit, Marschordnung und bei Bedarf auch Schlachtordnung, wenn es zum Kampf gegen die Knüppelgarde des Polizeipräsidenten geht.

Berlin steht nicht kurz vor dem totalen Chaos, wie es die Medien gerne berichten, sondern kurz vor der totalen Ordnung.

Eisenwarenladen C. Adolph am Savignyplatz: Das ganze Geschäft scheint nur aus großen dunklen Holzschubladen zu bestehen, in denen sich tausend geheimnisvolle Dinge verbergen. Man wartet am Verkaufstresen und gibt beim Verkäufer seine Bestellung auf, wenn man schließlich an der Reihe ist. Der Verkäufer kennt sich in dem Labyrinth mit der größten Selbstverständlichkeit aus, stellt für Laienohren völlig unverständliche Detailfragen, zieht ein Apothekerschublädchen auf und legt umgehend das gewünschte Ding auf den Tresen. Hier konnte man früher noch einzelne Schrauben und abgezählte Nägel kaufen.

Berlin-Mitte: Menschen, die es eilig haben, Menschen mit bedeutenden Berufen, klaren Meinungen und unerschütterlichen Einstellungen zu allen wesentlichen Fragen. Dazwischen schlendern Touristen, lächelnd und staunend wie Kinder.

 

Nachts ist die Stadt aus Licht, sie wird durchsichtig. Alles ist vergessen, keine Narben mehr zu sehen. Das Licht löscht alles Vergangene aus. Die Preußen, die Nazis, die Mauer. Fahrräder werfen ihre kleinen Lichtflecken auf die Straße, Autos gleiten mit ihren fetten Doppelaugen wie U-Boote über den Asphalt.

Die berühmte Berliner Luft. Sie riecht nach Autoabgasen, die einen Metallgeschmack im Mund hinterlassen, nach dem Bratfett der Imbissbuden, nach billigem Parfüm. Im Sommer riecht die warme feuchte Luft außerdem nach Urin, Hundekot und Verfall. Nach einem Regenschauer ist es besonders schlimm. Man ist froh über eine frische Brise, die den Gestank der Stadt vertreibt. Vom Blumenladen bis zum Müllwagen strömt alles einen eigenen Geruch aus, am Wannsee riecht es nach Kiefern und im Görlitzer Park nach Haschisch. Früher hat Berlin im Winter nach Kohle gerochen.

Jeder Passant schwimmt in einer kleinen Wolke seiner alltäglichen Gerüche vorüber. Ein älterer Herr riecht nach Zigarren, ein Mann Anfang dreißig dünstet sein Deodorant aus, die Kinder duften süß wie Bonbons. In den Kneipen eine säuerlich-muffige Mischung aus Zigarettenqualm, Mundgeruch, abgestandenem Bier und undefinierbaren Gewürzen.

Schwarz gekleidete Rentnerinnen, die an heißen Sommertagen mit ihren Einkäufen keuchend in irgendeinem Hauseingang stehen. Alkoholiker auf Parkbänken, umgeben von leeren Bierdosen und anderem Unrat. Alte und junge Menschen mit Kinderwagen. Gruppen von umherstreifenden Jugendlichen, eine Mischung aus Virilität und Irrsinn, die sich jederzeit und überall plötzlich wie ein Gewitter entladen kann. Die notorischen Jogger, die albernen Walker und die rastlosen Skater. Menschen, die von ihrem Fensterbrett aus die Welt beobachten.

Im Winter verkriecht sich alles Leben hinter die Steine. Aber unsichtbar hinter den leblosen Fassaden pocht das Blut durch Venen und Arterien. Fleisch und Knochen, Schmerz und Wahnsinn, Liebe und Hass, Gier und Mitleid, Stumpfsinn und Apathie.

Spaziergänge am Morgen, wenn die Stadt erwacht und überall geschäftige ernste Menschen unterwegs sind. Läden und Cafés werden aufgeschlossen, Lastwagen entladen, kurze Gespräche geführt.

 

Ich sitze im Doppeldeckerbus oben in der ersten Reihe und betrachte die Stadt. Linie 100. Neben mir hat ein älteres Ehepaar aus Toledo Platz genommen, auf dem Schoß der Frau liegt ein Reiseführer.

Eine große Stadt hat mehr als eine Eigenschaft, sie ist nicht einfach nur hässlich oder nur schön, nur laut oder nur lebendig. Eine große Stadt hat alle Farben und alle Formen, sie lacht und weint zugleich, ohne Zeit für Erklärungen oder Entschuldigungen.

Der Berliner Südwesten, auf charmante Weise überaltert. Hier kommen drei Beerdigungsinstitute und fünf Apotheken auf einen Spielzeugladen.

Es kreischt, es jault, unten rubinrot, oben sandgelb, die Scheiben dank der mühevollen Kleinarbeit vieler Jugendlicher blind gekratzt, und dann steht sie vor dir: die Berliner S-Bahn.

Parkett in den alten Treppenhäusern, dunkelrote Kokosfaser, gedrechselte Geländerpfosten.

Schöne Friedhöfe, hässliche Neubauten. Die Zeit der Ruinen, der Kriegskrüppel und Witwen ist vergessen.

Im Zentrum, am Brandenburger Tor oder am Potsdamer Platz, trifft man schon längst keine echten Berliner mehr. Die Eingeborenen haben sich tief in den Dschungel zurückgezogen.

Das normale Berlin kommt in keinem Reiseführer vor. Die bis auf halber Höhe mit Holz getäfelten und mit historischen Drucken geschmückten Wände eines Gasthauses. Der Mann mit dem Seehundschnauzbart und Halbglatze, der Eisbein mit Erbspüree isst und dazu seine Molle trinkt.

 

Berlin macht es einem anfangs nicht leicht, vor allem im trüben Winter nicht. Hier wird niemand mit offenen Armen empfangen, die Stadt ist Neuankömmlingen gegenüber schon immer gleichgültig gewesen. An die Geschäftigkeit, Spottlust und eilige Oberflächlichkeit muss man sich erst gewöhnen. Es dauert lange, bis man die dicke Haut Berlins durchstoßen hat und zum Kern, „ans Einjemachte“ sozusagen, vordringt, zur proletarischen Behaglichkeit und zur tiefen Lebenslust der Menschen, zu ihrem derben Humor und ihrer zähen Beharrlichkeit. Die Nestwärme, die an Rhein und Donau womöglich in größerem Maße vorhanden ist, stellt sich hier oft erst nach vielen Jahren ein. Wenn man sich aber in Berlin eingelebt hat, wenn man sich die Elefantenhaut der Metropole zu eigen gemacht hat und sich in ihr wohlfühlt, will man die Stadt nie wieder verlassen.

„Entschuldigen Sie vielmals die Störung, aber ich befinde mich leider in der unangenehmen Situation, völlig ohne Bargeld zu sein. Ob Sie mir wohl bitte freundlicherweise mit ein wenig Kleingeld aushelfen wollen?“ Der Mann ist um die Sechzig und spricht mit einem Wiener Akzent. Wer mich mit solch ausgesuchter Höflichkeit anspricht, dem gebe ich gerne etwas. Wenn alle Menschen in Berlin so freundlich wären wie die Bettler, würden wir im Paradies leben.

Rechtsanwalts- und Apothekerkinder aus der ganzen Republik, die in die Hauptstadt kommen und ein paar Jahre Revolution spielen, bevor sie in ihre Heimatstadt zurückkehren und Karriere machen. Millionen Menschen kommen, Millionen Menschen gehen. Sie springen auf der alten Tante Berlin herum wie Kinder auf einem Sperrmüllsofa.

Die Greisin im Café hat eine Haut wie zerknittertes Backpapier, eine zerzauste Perücke, und ihre Unterlippe hängt wie ein Tropfen herunter, während sie mich mit ihren kleinen entzündeten Augen mustert. Die lavendelfarbenen Äderchen auf ihren Wangen sehen aus wie ein Flussdelta.

 

 

 

 

Gastbeitrag von kiezschreiber Matthias Eberling. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie in der Stadt hält. Eberling war lange Jahre in Berlin, lebt heute in der Provinz. 

Was mich in Berlin hält.

Was mich in Berlin hält und warum ich nicht aufs Land ziehe.

 

Friederike hat mich gefragt, ob ich für das Landlebenblog nicht einen Beitrag schreiben will, warum ich in Berlin bin und warum ich nicht aufs Land ziehe. Da ich das Landlebenblog sehr gerne mag, habe ich natürlich gerne zugesagt. Da beginnen allerdings die Probleme schon (Im Folgenden wird es länger dauern, bis ich endlich zum Thema komme. Aber für diesen Sprung braucht man halt ein bisschen Anlauf).

 

 

 

Nach Berlin kam ich 1997. Nach einem Jahr Auslandsstudium musste ich mich zusammen mit meiner Freundin um das berufliche bzw. studentische Weiterkommen kümmern. In Bayern oder Thüringen, unseren Heimatländern, hätten wir beide nichts an einem Ort gefunden. Von einer Mitstudentin kam der Tipp, es doch mal in Berlin zu versuchen. Dort ergab sich tatsächlich für uns beide eine Perspektive. Ich war in den sieben Jahren davor sechs Mal umgezogen und hatte sicher nicht die Vorstellung, dass ich länger als zwei, drei Jahre in Berlin bleiben würde. Little did I know.

 

 

 

Berlin war die erste richtige Großstadt, in der ich wohnte, und es herrschte ein etwas anderer Umgangston, als ich ihn aus Augsburg, Jena oder Edinburgh kannte.* Nun bin ich nicht gerade ein Fan der Unfreundlichkeit, aber ich lernte es bald zu schätzen, dass man zumindest klare und direkte Rückmeldungen bekam.

 

 

Nach den kurzen Jahren in Thüringen war mir auch klar, dass ich wenig Lust hatte, wieder irgendwo im Westen zu wohnen. In Jena hatte ich gesehen, wie praktisch für alle Leute das Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde, zu Hause in Bayern hatte ich nicht das Gefühl, als sei irgendjemand bewusst, was eigentlich gerade geschieht, sondern man zerbrach sich weiter den Kopf über triviales Zeug. In Berlin hat und hatte man allerdings die ganzen sozialen und politischen Probleme immer deutlich und unmittelbar vor Augen. Ich halte das für einen Vorteil. Manche Dinge treffen einen dann zumindest nicht unvorbereitet. Wenn ich ab und zu nach Hause ins Allgäu komme, komme ich mir manchmal vor wie in einem Museumsbauerndorf.

 

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Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich keine richtige Vorstellung von der Stadt, weder Christiane F. noch David Bowie hatten auf mich besonderen Eindruck gemacht; ich hatte insbesondere auch keine irgendwie gearteten großstädtischen Ausstiegsfantasien. Das hatte ich alles schon in der Provinz abgearbeitet. Da ich insoweit keine Erwartungen hatte, konnte ich die Stadt so nehmen wie sie war.

 

 

 

Unser Hochzeitsfoto 2000 zeigt meine Frau und mich vor der Haustür unserer Mietwohnung an der Brunnenstraße, das Haus mit abgeplatztem Putz und Schmierereien an der Tür. War uns beiden gar nicht aufgefallen, führte bei einigen anderen aber zu Stirnrunzeln. Mitte wurde uns dann aber doch irgendwann zu viel, so dass wir 2002 nach Pankow zogen. Für ein Kind vom Dorf wie mich war es dort verträglicher. Nicht umsonst ist der Untertitel meines Blogs „Irrelevantes von den Wegesrändern des kleinstädtischen Berlins“. Über die Jahre haben meine Frau und ich zwar des Öfteren die Arbeitsplätze gewechselt, irgendwie aber den Moment zum Absprung verpasst. Unsere Kinder sind Berliner (Reinickendorfer sogar).

 

 

 

 

Als Zugezogener, insbesondere wenn man aus Bayern oder Schwaben kommt, sieht man sich bald mit der Frage konfrontiert, ob man überhaupt in Berlin wohnen darf. Einige hier sind der Meinung, eher nicht (das ist auch bei Zugezogenen sehr beliebt, man nimmt das eigene Ankunftsdatum, und beschließt nach eingehendem und objektivem Überlegen, dass alle, die nach einem kamen, eigentlich schon zu viel sind). Ich muss zugeben, dass ich da etwas bockig bin, weil ich es vom Allgäu her gekannt habe, dass überall die Berliner waren (bei uns kamen auch die Vorsitzenden vom Trachtenverein aus Berlin).

 

 

Die Änderungen in der Stadt sind sicher beängstigend, aber manchmal frage ich mich, ob den Berlinern klar ist, dass das kein exklusiv Berliner Phänomen ist. Es wird nur wenige geben, die die Orte ihrer Kindheit und Jugend jetzt noch genau so wiederfinden. An meinem Heimatort stehen Neubauten auf den Wiesen, auf denen ich früher Grashüpfer gefangen habe. Der Ort ist inzwischen doppelt so groß, weil nach und nach die München-Pendler immer weiter ins Umland fliehen. Die Bauern bauen jetzt nur noch Biomasse-Mais und Raps an, die Kühe stehen nur noch im Stall und nicht mehr auf der Weide. Auch dort: Es ist nix mehr wies mal war. Um nicht falsch verstanden zu werden: Der Unterschied zu Berlin ist klar: Eine Verdrängung der angestammten Wohnbevölkerung findet dort nicht in dem Maße statt. ,

 

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Ich finde die unfertige und zugemüllte Stadt interessant. Vielleicht auch eine Nachwirkung einer Kindheit in einer Umgebung, die vom Siebziger-Jahre-Zweckbauten-Chic geprägt war.  Auch Natur findet man in Berlin genug; nicht zuletzt das Unkraut, das sich ausdauernd einen Weg bahnt. Meine Kinder kennen wahrscheinlich mehr Tiere als ich in dem Alter, bei uns gab’s eigentlich nur Kühe; in Pankow auf dem Kinderbauernhof gibt’s dazu noch Esel und Schweine. Und wie schon vorher geschrieben, man hat nicht die Möglichkeit, die harte Wirklichkeit der Stadt auszublenden. Wenn man in Berlin regelmäßig S- und U-Bahn fährt, hat man eine klare Vorstellung davon, was so im Land los ist. Und trotzdem muss man der Stadt lassen, dass sie zwar nicht unbedingt gut gelaunt, aber doch recht entspannt und pragmatisch ist und aus den merkwürdigen und manchmal erschütternden Voraussetzungen das Beste macht. Das ist etwas, was mir über die Jahre immer mehr imponiert.

 

 

Ich habe das Gefühl, dass man auf dem Lande bei ähnlichen Problemen mehr zur Überreaktion neigt als in Berlin.

 

 

Natürlich hätte ich gerne etwas mehr Ruhe (und z.B. nicht die Flugzeuge im Landeanflug Tegel 400 m über meinem Dach). Aber wenn ich mich ans Dorf erinnere, erinnere ich mich vor allem auch an die Kreissägen am Samstag um 8 Uhr. Natürlich hätte ich gerne mehr Sauberkeit, etwas mehr Landschaft als in den märkischen Steppen. Trotzdem mag ich nicht mehr aufs Land ziehen. Ich komm da her. Ich kenn das. Das Landleben hat zwar den großen Vorteil, dass es überschaubar ist, dass man von einigen eher unangenehmen Erscheinungen der Neuzeit verschont bleibt. Allerdings sollte man sich nicht täuschen lassen, die paradiesischen Zustände gibt’s vielleicht in der Phantasie und in der „Landlust“, aber nicht in den Gegenden, die ich etwas besser kenne.

 

 

In der Kleinstadt, aus der ich kam, wurde in unserer Straße einmal ein Mord begangen. Es gab einen Feuerteufel, der verschiedene Häuser angezündet hat, der sich dann als Sohn aus dem Haus gegenüber herausstellte. Mir hat einmal jemand ein Messer an die Kehle gehalten, einem Freund von mir jemand eine Pistole an den Kopf. Aus Schul- und Kindergartenzeiten haben viele nicht das 20. Lebensjahr erreicht, weil sie bei Autounfällen umkamen. Harte Drogen waren ohne Weiteres verfügbar. Allgäu, nicht Neukölln. (Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: ich will hier nicht den Eindruck einer alpenländischen Ghetto-Jugend erwecken; meine Jugend war eher wohl behütet. Was ich sagen will: Eine heile Welt gibt es nirgends.)

 

 

Die Fassade auf dem Land  ist sicherlich schöner, die Deliktshäufigkeit geringer, aber die Menschen sind, wie sie sind, egal wohin man geht. Und der größere Zusammenhalt auf dem Land geht gerne einher mit stärkerer Ausgrenzung anderer. Mir ist bewusst, dass diese Erkenntnisse anekdotisch und nicht empirisch sind, aber jeder, der nun tatsächlich paradiesische Zustände irgendwo in der Botanik beschreiben kann, taugt auch nicht zur Widerlegung. Mein Punkt ist lediglich, dass es genauso wahrscheinlich und möglich ist, angenehme Leute und eine glückliche Umgebung in Berlin zu finden wie an irgendeinem anderen Ort. Hängt wahrscheinlich ein bisschen von einem selber ab, wo man Frieden findet. Aber an kaum einen anderen Ort sieht man die Buntheit, Schönheit und auch die Hässlichkeit der Menschen deutlicher als in Berlin. Und das finde ich immer mehr bewundernswert.  Vielleicht gibt es irgendwann einen Grund, wieder einen anderen Ort zu suchen. Aber das wird dann eher weniger mit der Stadt, als mit anderen Dingen zu tun haben.

 

2013-08-08 21.27.16

 

*Zwei Beispiele, die mir vom Beginn im Gedächtnis bleiben: Als wir nach längerer Wohnungssuche fündig wurden, und in den Wedding zu Domäne fuhren, um eine paar Lampen zu kaufen, kam mir beim Möbelhaus ein Typ entgegen, der seinem halbwüchsigem Sohn gerade erzählte: „Det Sofa bringen wir Mama mit – die freut sich dann ein Loch in den Arsch.“ Später habe ich einmal gesehen, wie bei einem Einkaufszentrum ein junger Typ schnell herausrannte, sich hektisch umsehend, hinter ihm mit einigem Abstand der Verkäufer eines Gemüsestandes, der ihm hinterherruft, der junge Typ kommt zu einer Ampel, rennt bei Rot rüber, der verfolgende Verkäufer läuft noch hin, läuft aus und bleibt an der Ampel stehen, der Typ ist entkommen. Der Chor der Berliner, die das alles interessiert angesehen haben: „Mensch, musste schon schneller loofen, wenn du den kriegen willst!“ „So wird das nichts!“ etc.

 

 

 

 

 

Gastbeitrag von Ackerbau Pankow

Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie in der Stadt hält, Ob Landleben nicht cooler wäre.

 

 

 

 

 

 

Aufs Land oder lieber auf die Insel?

Von Berlin aufs Land ziehen… Ist es total bescheuert? Würde ich es tun? Darüber habe ich mir die
letzten Tage Gedanken gemacht, nachdem mich Friederike vom Landleben-Blog gefragt hat, ob ich
Lust habe, einen Gast-Artikel zu schreiben.

 
Ich bin in Berlin geboren, aber ich gebe zu, dass ich an der Stadt nicht wirklich hänge. Es beginnt
schon beim Dialekt. Ich kann berlinern, aber vermeide es tunlichst. Allein schon weil meine Mutter
dazu immer sagt: „Das klingt wie „Prenzlauer Berg, dritter Hinterhof!“. Auch wenn DAS
mittlerweile wohl eher ein Kompliment wäre, stammt dieser Ausspruch noch aus Zeiten, als der
Prenzlauer Berg eher eine Art MV war. Vom Publikum her.
Die berühmte Berliner Schnauze ist für mich auch ein Grauen. Jedes Mal, wenn ich in
Süddeutschland bin, denke ich „die sind alle so freundlich hier, was ist los?!“.

 

 
Wegziehen wäre prinzipiell gut vorstellbar, aber aufs Land?
Da ich sehr viel in Berlin unterwegs bin, kenne ich mittlerweile fast jede Ecke. Überall bin ich
schon einmal gewesen, habe ich die letzten Jahre auch so manche ungeahnt schöne Gegend
gefunden, aber es bleibt dabei: ich hänge nicht an dieser Stadt. Sie ist dreckig, arm und schon seit
Jahren nicht mehr sexy.
Wenn ich in der Innenstadt unterwegs bin, rollen die Rollkoffer um mich herum. In meinen
Lieblingsclub, in dem ich einst jedes Wochenende verbrachte, sind nur noch Touristen. Im
Friedrichshain und Prenzlauer Berg wird man umzingelt von Ü40-Müttern mit grauem Haar, die
Kinderwägen mit integriertem Fellhandschuhen herumrollen und selbst (!) Smalfolk-Mützen tragen.
Im gleichen Apfel-Design wie der Body des Babys.
Und der Rest der Stadt… der wirkt oft sehr alt. Oder grau. Oft beides gleichzeitig.
Mich hält hier nichts. Eigentlich.

 

 

 


Im letzten Jahr hat für mich die Chance bestanden, aufs Land zu ziehen. In einen kleinen Ort nahe
Heidelberg. Dort lebten meine Schwiegereltern und als klar war, dass sie dort nicht mehr allein
leben können, stellte sich die Frage: ziehen wir hin oder sie nach Berlin? Alte Leute sollte man nicht
„verpflanzen“, andererseits kannten sie in ihrem Ort eh kaum jemanden. Obwohl sie dort über 40
Jahre gewohnt haben, waren sie in der „Dorfgemeinschaft“ nicht wirklich angekommen und lebten
zurückgezogen. Das Klischee, in einem Dorf würden alle aufeinander irgendwie achten, hat sich
nicht bestätigt.
Und wir alle aufs Land, damit sie dennoch dort bleiben können?
Eigentlich haben mich immer schon die Besuche auf dem Land immer nach kurzer Zeit genervt.
Mehrfach bin ich nach wenigen Tagen abgereist, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe – was nur
zum Teil an der Verwandtschaft, zum großen Teil aber an der Umgebung lag. Vermutlich wäre es
wirklich nichts für mich gewesen. Mir fehlt dort vieles.
Es fängt bei der Infrastruktur an. Ich fahre nicht gerne Auto, aber auf dem Land ist man ohne völlig
aufgeschmissen. In manchen Orten gibt es nicht einmal einen Supermarkt. Und überall immer mit
dem Bus oder Bahnen hinfahren? Im Ort meiner Schwiegereltern fährt immerhin alle halbe Stunde
ein Bus. Das empfinde ich bereits als relativ wenig. Zumal abends irgendwann gar nichts mehr geht.
Gut, die Tram bei uns fährt nachts auch nicht, aber dann gibt es einen Taxi-Service. Ich würde nie
stranden. Dort schon.

 

 

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Rainer Strurm/pixelio.de

 

 

 

Mir würden auch die Bahnhöfe und Flughäfen fehlen. Dass ich nach Tegel mit dem Fahrrad fahren
kann, finde ich großartig. Und dass ich mit einem günstigen Bahnticket durch die Gegend fahren
kann, finde ich auch super. Und der Bahnhof ist leicht erreichbar und alle Züge halten in Berlin.

 

 

 

Und was ich auf dem Land auch nicht mag: dieses ständige Beobachten der Mitmenschen. Im Ort
meiner Schwiegereltern hatte ich immer den Eindruck, unter Dauerbeobachtung zu stehen. Läuft
man die Straße herunter, wird gehupt und gewunken. Während man noch grübelt, wer das denn jetzt
war, ist derjenige auch schon weiter. Das finde ich unheimlich.

 

 

 

 

Auch die soziale Kontrolle ginge mir zu weit. Eine Freundin von mir lebt auf dem Land in Bayern.
Einmal habe ich mit ihr geskypt. Plötzlich meinte sie, sie müsse sich mal kurz unter dem Tisch
verstecken, der Pfarrer schleiche ums Haus und sie mag gerade nicht mehr ihm reden. Ich saß
damals in unserer Wohnung im dritten Stock und konnte mir nicht ansatzweise vorstellen, dass ein
Pfarrer durch die Fenster schaut, suchend, ob man denn zu Hause ist.

 

 

 

Aber auch andere Formen der Kontrolle gibt es mehr auf dem Land. Ich habe sie selbst erlebt: man
geht mit den Kindern auf den Spielplatz. Es ist menschenleer. Man denkt, nirgendwo kommt jetzt
jemand daher, der der Ansicht ist, einem seine Meinung aufzudrücken. Aber dann, nachdem man
schon eine Stunde dort war, dann geht plötzlich ein Fenster auf und jemand brüllt einem
Erziehungstipps wie „ziehen Sie dem Kind etwas wärmeres an!!“ über die halbe Straße.

 

 

 

DAS war für mich im letzten Jahr das Schlüssel-Erlebnis, dass ich niemals aufs Land ziehen
möchte. Ich werde da vermutlich paranoid und bekomme Verfolgungswahn – vor Pfarrern vor
Fenstern, vor fremden Leuten, die anscheinend immer an Fenstern stehen und Autos, die wegen mir
hupen. Und vor Leuten, deren Dialekt ich überhaupt nicht verstehe.

 

 

 

Aber letzte Woche hat mich jemand auf eine andere Idee gebracht. Sie erzählte, dass sie nach La
Réunion (denn es ist in der EU) ziehen wird, sobald ihre Kinder erwachsen sind. Da sie
alleinerziehend und teilzeitarbeitend ist, wird ihre Rente so niedrig sein, dass sie hier ¾ ihres Geldes
für Heizung und Strom ausgeben würde– das will sie mit einem Umzug in nicht so heizintensive
Gebiete verhindern. Das ist gar nicht mal so eine schlechte Idee… Allerdings ist so eine kleine Insel
ja irgendwie auch ganz schön ländlich…

 

 

Gastbeitrag von Amelie aus Berlin. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie eigentlich noch in der Stadt hält. Obs auf dem Land nicht viel schöner wäre.

 

 

Berlin, Berlin.

Ich liebte Berlin schon, bevor ich das erste Mal dort war. Allein der Name, mit der langgezogenen zweiten Silbe, war mir Verheißung und Versprechen. Berlin, das war eine Insel im fernen Osten, über der eine andere Sonne schien als über der Stadt am Main, in der ich aufgewachsen war.
Die Schwester meiner Großmutter hatte hier Erfolge als Kammersängerin gefeiert und ein wildes Leben voller Streit und Liebe mit ihrem Mann, dem Komponisten, geführt. Die beiden bewohnten eine riesige 7-Zimmer-Wohnung mit Stuck, Flügeltüren und Intarsienparkett in Charlottenburg, in einem ebenso prächtigen Altbau, der neben einem herrschaftlichen Entrée auch über einen vergitterten Aufzug in der Mitte des Treppenhauses verfügte, wie ich ihn nur aus französischen schwarz-weiß-Filmen kannte.

 

 

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Später überließen sie die Wohnung ihrem Sohn, einem Musiker und Marxisten, der dort eine Kommune gründete, in der ein Raum ganz und gar dem Andenken und der Lektüre Karl Marx gewidmet war: der Boden mit rotem Teppich ausgelegt, an den Wänden Regale mit marxistischer Literatur und in der Zimmermitte eine Säule mit der Büste des Verehrten. Das war Berlin.
Berlin war aber auch der Zufluchtsort für Wehrdienstverweigerer, es war die Stadt hinter der Mauer, die Künstler und Kreative aus aller Welt anzog und inspirierte. Selbst geteilt war sie die größte Stadt der Republik und nicht nur wegen ihrer Lage, als Enklave in einem mir fremden Land, ganz anders als alle anderen Städte in Deutschland, die ich kannte. Wilder, rauer, cooler, und außerdem gab es Doppeldeckerbusse.

 

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Irgendwann war es dann soweit: ich durfte nach Berlin fahren, ganz alleine, mit dem Zug, durch den gefährlichen Osten. Die ganze Fahrt über starrte ich aus dem Fenster und versuchte mir ein Bild von der deutschen demokratischen Republik, dem grauen Unrechtsstaat mit Autos aus Pappmaché, zu machen. Was ich sah, war jede Menge herbstliche Landschaft, nebelverhangen, ohne Hügel, ohne Berge, ohne Menschen.
Wie aufgeregt ich war, als der Zug schließlich am Bahnhof Zoo einfuhr! Der Moment, in dem ich ausstieg und den ersten tiefen Atemzug der weltberühmten und vielbesungenen Berliner Luft tat, bleibt mir unvergessen. Yeah!
Bahnhof Zoo, das war nicht einfach irgendein Bahnhof, sondern Schauplatz des Lebens von Christiane F., deren Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mich derart fasziniert hatte, dass eine Drogenkarriere mir außerordentlich erstrebenswert erschien und fest eingeplant war. Frankfurt war dafür zwar auch bestens geeignet, aber für meine Bedürfnisse viel zu klein. Ich wollte Anonymität, ein Häusermeer, Abstand zu meiner Familie, in deren Nähe ich nicht glücklich werden konnte. Ich wollte in der gleichen Stadt leben, in der schon David Bowie und Iggy Pop, beide Ikonen meiner frühen Jugend, ein paar Jahre verbracht hatten.

 

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Einige Jahre später war es dann soweit: ich packte meinen Hausrat zusammen, mietete einen Wagen und fuhr nach Berlin, um zu bleiben. Das düstere Instrumentalstück Neuköln (tatsächlich nur mit einem `l´geschrieben) und die Geschichte der Christiane F., in Gropiusstadt aufgewachsen, führten zu der Entscheidung, mir in Neukölln eine Bleibe zu suchen. Im Sommer 1994 hatte ich endlich den Sprung in die Hauptstadt aller Totalitarismen geschafft und stürzte mich mit voller Wucht und mit Anlauf in mein neues Leben. Die ersten Jahre waren nichts als taumeln und leiden. An einer Stadt, in der der Grundton ein aggressiven Bellen oder ein nasales Schnarren zu sein scheint. Ein Ham wa nich, kriejn wa ooch nich, Atze, icke und Alta-Mißklang. Hack hier Auskunft zu stehn?
Der Reichstag wurde verhüllt, der Potsdamer Platz bebaut, der Osten schrittweise mit Zuckerguss verkleistert, die Love Parade wummerte durch die Stadt, die Linden dufteten, die Sommer waren heiß, die Liebe flüchtig und der Himmel so weit. Nach fünf langen Jahren im tiefsten Neukölln, zog ich schließlich in die ehemalige Luisenstadt, nach Kreuzberg Süd-Ost, wo ich im Geiste schon längst Zuhause war. Mein Bäcker, meine Stammkneipe, mein Kino, meine Parks, mein Friseur, meine Bekannten, meine Freunde, mein Dorf.
Und hier bin ich nun, erfüllt von einer nicht enden wollenden, innigen Hassliebe, in die sich zunehmend auch Trauer mischt, denn das Berlin, das ich lieben gelernt habe gibt es nicht mehr. Ausverkauft, verprenzelbergt, zugebaut, uffjerüscht und immer fremder. Brache für Brache wird mit luxuriösem aber einfallslosem Eigentum zugebaut, Altbauten saniert und entmietet. Die Hobrecht´sche Mischung, die Berlin so einzigartig gemacht hat, gibt es nur noch in wenigen Ecken der Stadt.
Spielten früher die Arbeiterkinder mit dem Sohn des Studienrates im gleichen Hausgang, so haben wir inzwischen die gleichen Verhältnisse wie überall: Reiche verdrängen die Armen aus dem Innenstadtbereich und lassen sich beim Delikatessenfressen bewachen. Subkultur weicht Monokultur, Vielfalt weicht Ödnis. Der Neoliberalismus hat Berlin fest im Griff und verändert das Gesicht der Stadt und damit das Lebensgefühl rasant.

 

 

Berlin, dein Gesicht hat keine Sommersprossen mehr.

 

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Manchmal, wenn die Sehnsucht nach der Trauminsel von früher sehr groß wird, fahre ich nach Charlottenburg, Tegel oder an den Plötzensee. Da ist es noch so, wie ich es kenne, mein Berlin.
Und immer mal wieder trage ich mich mit dem Wunsch oder vielleicht auch nur der Idee, Berlin den Rücken zuzukehren und an einen Ort zu ziehen, an dem die Landschaft schöner, die Menschen freundlicher, die Wege kürzer, die Luft besser und das Leben stressfreier ist. Zum Beispiel nach Franken, in den Odenwald. Wo die Winter weiß und nicht schwarzgrau sind, wo kein eisiger Ostwind dir in die Knochen fährt, wo keine Hipster mit Fusselbärten und keine Biomütter mir auf den Zeiger gehen, wo diese ganze Großmäuligkeit einer Hauptstadt ganz weit weg und die Provinz so unprätentiös und freundlich ist.
Kein selbstherrliches Getue – be like Berlin– und keine Geldsäcke aus aller Welt. Kein Elend am Kotti , keine Junkies, keine Horden von Alkis am U-Bahnaufgang. Kein Lärm, kein Schmutz, abgesehen von den Traktoren und der fruchtbaren Erde. Ruhe.
Das wäre doch schön!
Aber ich kann hier nicht weg. Ich gehöre doch hierher. Je konkreter der Gedanke wird, Berlin zu verlassen, umso klarer wird mir, wie wenig mir das möglich ist, wie tief ich hier verwurzelt und wie sehr ich Großstädterin bin. Ich brauche das Häusermeer, die Vielfalt, den Lärm. Den Stress, den schnellen Wandel, die Anonymität, street art, Hundebesitzer an jeder Ecke, U-Bahn, S-Bahn, zahllose Museen, Kinos, Vielfalt, Theater und Parks. Schwimmbäder, Kneipen, Punks, internationale Restaurants und Imbisse, türkische Geschäfte, Moscheen und Synagogen. Die Spree, die Havel, die Kanäle, die Seen. Die großen Prachtstraßen: Kaiserdamm, Karl-Marx-Allee. Die Spuren jahrhundertelangen Imperialismus. Die Laubenpieper, Schultheiss und Molle.

 

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Ich kann nicht ohne diese Stadt sein, die mich genau so belebt, wie sie mich martert.
Was sollte ich auf dem Land? Spazieren gehen, Gemüse pflanzen, mich einem Lesezirkel anschließen, in den Kirchenchor gehen? Kann ich auch hier.
Das einzige Argument, das für ein Leben auf dem Lande sprechen würde, ist die Ruhe. Die Stille, die nur manchmal unterbrochen wird vom Tuckern der Landmaschinen und dem Ruf eines Milans. Ab und an vielleicht noch der Schuss eines Jägers oder das Brummen einer Biene. Das war´s. Stille. Ruhe. Entspannung. Ein weiter Blick. Nicht immer gleich mit dem Auge an der nächsten Häuserwand kleben bleiben. Der Geruch von Heu und Erde. Geodelte Felder, kühler Wald und sanfte Hügel. Grün.
Aber kann ich dafür all das aufgeben? Würde mich nicht die Langeweile schnell im Schraubgriff haben, würde mich die soziale Kontrolle nicht zu sehr einengen, die Überschaubarkeit der Möglichkeiten innerlich verkümmern lassen? Die Stille mich erschlagen und allein die schiere Existenz einer freiwilligen Feuerwehr oder eines Schützenvereins mich deprimieren? Würde ich mich nicht unendlich einsam fühlen in der Idylle, die mir fremd bliebe?
Ich befürchte, dass das Land für mich nur taugt, um mich von der Stadt, von Berlin zu erholen und Kraft zu sammeln. Runterkommen, ruhig werden um dann in die nächste Runde zu gehen.

 

 

Manchmal wünschte ich, es wäre anders. Ich könnte mich darauf einlassen. Eine alte Schule kaufen, oder einen Bahnhof, es mir schön machen und mit der Ruhe, meinen Gedanken und mir selbst glücklich werden. Aber ich kann nicht. Berlin ist für mich das Lebenselixier, das mein Blut am Fließen und die Glut am Glühen hält.

 

 

Solange die Gentrifizierung mich nicht zwingt, an den Stadtrand zu ziehen, bleibe ich hier und träume von der Ruhe auf dem Land.

 

 

 

 

 

Gastbeitrag von kreuzbergsüdost. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, ob und was sie in Berlin hält. Ob nicht manchmal die Provinz lockt. Ob sie es nicht machen wollen wie ich: abhauen, aufs Land gehen. Auslöser war dieser Beitrag über das, was mal meine Heimat war: Ach, Berlin.

 

 

 

 

Mensch, Wowi.

Mensch, Wowi, altet Haus, wat machste denn? Jetzt, wo Du nix mehr zu tun hast in Berlin?

 

Deine Abschiedsrede war ja sehr bewegend, und Langeweile setzt Kräfte frei, sollst Du gesagt haben, aber ich frage mich nun wirklich, wie man sich in Berlin langweilen will. Glaubt man Euren großmäuligen Sprüchen, kommt man in Berlin nicht einmal minutenweise zum Verschnaufen, so viel ist da los: Wieso also Langeweile? Naja, muß ich nicht verstehen.

 

 

Ist auch letzten Endes völlig wurst. Ich habe mir da nämlich etwas ausgedacht. Kommste erstmal her zu uns in‘ Odenwald. Kennst Dich ja hier aus, schließlich ist der Gatte aus der Gegend. Du hast ja jetzt Zeit.

Und staunen wirst Du: ja, es gibt ein Leben außerhalb Berlins.

 

 

Mit mir kannste auch berlinern, passt schon, und vielleicht wird unsere Begegnung auch ein bißchen anregender als unser erstes Treffen hier, seinerzeit im Rathaus zu Walldürn. Unerwartet grottenlangweilig war unser smalltalk, aber wenn Langeweile Kräfte freisetzt, solls mir recht sein.

 

 

Als erstes (damit der Absturz in die Langeweile nicht so schlimm wird) gehen wir mal am kommenden Wochenende zum Video- und Kunstspektakel Adelsheim leuchtet. Das ist kulturell so ziemlich das Schärfste, was wir hier zu bieten haben. Den roten Teppich mußt Du Dir dazudenken.

 

 

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Hier drängelt sich am manchen Tagen sogar die politische Prominenz, ein Landrat und ein Bürgermeister, ein bis zwei Abgeordnete vom Landtag, bis zu zwei Vertreter aus dem Bundestag. An den internationalen Showsternen und – sternchen arbeiten wir noch, aber das kriegen wir bis dahin hin. Und mit ein bißchen Glück treffen wir in dem Getümmel auch ein oder zwei Sozis, aber garantieren kann ich nix, das ist ja hier ein bißchen schwierig mit den Roten. Sollte aber auch egal sein. Nur bei dem Blitzlichtgewitter weiß ich ehrlich nicht, wie ich das stemmen soll, aber irgendwas wird mir einfallen. Du sollst Dich schließlich wohlfühlen.

 

Und dann machen wir so eine Mischung aus Exchangeprogramm und Schüleraustausch: Du lernst was von uns, wir lernen was von Dir.

 

Als erstes machen wir mal eine Rundfahrt. Landeplatz Walldürn, Landeplatz Lohrbach. Chakka. Da geht was. Ich meine, das muß man sich mal vorstellen: da starten und landen Flugzeuge. Soetwas hast Du noch nicht gesehen.

 

Dann ein paar Schlösser. Barock, Mittelalter, lauter so Zeug. Alles echt alt, echt fertig, echt bezahlt, echt sinnvoll, weil bewohnt.

 

Burg Guttenberg Ansicht Schildmauer Konrad Plank, Querformat

 

Dann gucken wir mal ein paar Wohngebiete an. Aktueller Baulandpreisrekord: 18 Euro der Quadratmeter. Da ist Platz für alle. Und nicht nur für die kreativen Reichen und die Hipster. Du wirst staunen.

 

Dann: Besichtigung von ein paar Firmen: Damit mal klar wird, wer das ganze Geld erwirtschaftet, das Ihr da in Berlin mit vollen Händen ausgebt. Nur so als Wink mit dem Zaunpfahl. Mit schönen Grüßen an den Nachfolger.

 

 

 

Aber in der Hauptsache könnten wir ja was von Dir lernen. Über einen Beratervertrag müssten wir dann noch verhandeln. Wir sind allerdings arm. Wären aber gerne sexy. Zumindest ein bißchen.

 

Sexy Wälder, sexy Felder und sexy weiten Himmel haben wir genug, sexy klitzekleine Industriegebiete und eine theoretischsexy Wirtschaftsförderung, aber irgendwie kommt es nicht so richtig rüber in der Welt. Noch ein paar Touristen wären schön. Noch ein paar mehr Firmen, die den Standort Odenwald so richtig hip finden. Kreativwirtschaft, Filmindustrie, Medienhäuser, was weiß denn ich? Vielleicht könntest Du da etwas machen.

 

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Ein bißchen mehr Selbstbewußtsein wäre auch nicht schlecht. Davon haben wir Berliner ja mehr als genug und könnten etwas abgeben. So als Entwicklungshilfe der anderen Art. Ich beiße mir seit Jahren hier in dieser Angelegenheit die Zähne aus, aber mit Dir könnte sowas klappen. Das Berliner Modell auf den Odenwald übertragen. Be Berlin? Be Odenwald! Ich kenne Ex-OBs, die jetzt im Kongo helfen, warum also nicht Du im Odenwald?

 

Wowi, wir zählen da auf Dich. Schließlich biste ja, siehe oben, der Gegend eh verbunden. Ich meine, Berlin, alles schön und gut, aber das wäre doch mal eine wirkliche Herausforderung. Boomtown Balsbach. Wirtschaftswunder Waldhausen. Megaaufschwung Mosbach! Klingt alles ziemlich langweilig? Ja, eben. Setzt Kräfte frei, und das ist unsre Hoffnung.

 

 

Wir müssten jetzt nur noch einen Termin finden, gib doch einfach ein paar Daten durch. Zeit haste ja genug jetzt. Anreise und Unterkunft ist kein Problem, zur Not holen wir Dich an der S-Bahn Mosbach-Käfertörle ab.

 

Alles weitere denn.

 

 

 

 

 

Dass ich gehe, steht fest.

 

 

 

131103 Prinz Pi2(1)

 

 

 

„Wir haben jetzt auch gekauft.“

 

„Man muss doch jetzt kaufen.“

 

„Die Zinsen. Bei den Zinsen.“

 

„Wer jetzt nicht kauft ist blöd.“

 

Sie haben meinen Bezirk aufgekauft. Fast ganz. Ein paar Ecken noch, ein paar Zwerge sind noch da, ein paar letzte Verwegene harren noch aus, haben eine Initiative gegründet, jene aus den letzten unsanierten Plattenbauten, die noch nicht aussehen wie Disneyland, wie sonst überall, schicke Glaskästen, gleichförmige Townhäuser oder diese traurigen gequälten Altbauten, Jugendstil, neuer Kitsch, neuer Biedermeier, türkis, rosa, pastell, befriedende Farben schaffen befriedete Bewohner, wehr dich nicht, sei still, leide still, geh still wenn du nicht mehr kannst, nach Hohenschönhausen, nach Hellersdorf, Springpfuhl, Friedrichsfelde. In die Plattenbauten, die wir so lustig angemalt haben und aus denen sich trotzdem jede Woche einer aus dem Fenster wirft.

 

 

Man filmt sie noch. Man interviewt sie noch. Die Letzten. Wildwest im Thälmannpark. Ihre Häuser sind das Letzte, das mich hier in der Gegend noch an eine Zeit erinnert, in der Berlin noch nicht an die Oberschicht verscheuert wurde wie eine Hafennutte an durchfahrende Seeleute. Jeder Spaziergang am alten Thälmannpark vorbei fühlt sich an wie ein vorweg genommener Abschied.

 

Nebenan bauen sie jetzt Luxusquartiere, ein paar hundert Meter weiter östlich am S-Bahnhof Storkower Straße steht jetzt schon die grässliche Townhousewüste, sie gebären sie jetzt überall in die letzten Brachen, diese Apokalypse der Eintönigkeit, eines wie das andere, parzelliert, der Garten 17,56 qm, jedem das Seine, jedem sein Vorgarten, sein Kleinwagen, 350.000 €, hey, das lässt sich doch locker finanzieren. Haben Sie denn Eigenkapital?

 

 

Die wackere Initiative der letzten Geringverdiener des Bezirks wird keine Chance haben, es ist das letzte Gefecht derer, die sie bald abgestoßen haben werden wie einen Fremdkörper, weil sie nicht mehr in die Zeit passen, nicht mehr hierher gehören. Sie werden sie kleinmachen, spalten, kaufen, marginalisieren. Und dann betten sie die ollen Platten in ihr neues Hochpreisquartier ein. Thälmannhöfe. Thälmanngärten. So werden sie es nennen. Genießen Sie luxuriöse Ruhe in zentrumsnaher Lage. Lebensqualität. Investieren Sie in Ihre Zukunft. Wenn Sie es nicht tun, tut es ein anderer.

 

 

Meine Stadt ist es nicht mehr. Der letzte Nachbar, mit dem ich gerne geredet habe, ein alter Mann, den sie systematisch kleingemacht haben, hat vor vier Jahren seine Koffer gepackt, humpelnd ist er die Treppe runtergeschlichen, gebeugt, kein Vergleich zu vor 20 Jahren, als ich ihn kennengelernt habe und wir ekelhaften Metaxa aus seinem Wandschrank zusammen gesoffen und über die ersten Schnösel gelästert haben, die die ersten Einheiten im Objekt zusammengekauft haben. Er hat mir am Schluss Tschüss gesagt ohne mir in die Augen zu schauen. Sie haben ihn aus seinem Mietvertrag herausgelöst, abgefunden, sie hätten ihn sonst abfindungslos raussaniert, den Frührentner, den Nichtleister. Er hat einen Namen. Er heißt Herr Bernd. Und Herr Bernd wohnt jetzt woanders.

 

 

Über mir leben jetzt blutjunge SUV-Fahrer, mit Klischee-Bugaboo, und zwei verhaltensgestörten Bratzen, die Sonntags früh um sieben das Treppenhaus abreißen, weil sich keiner findet, der ihnen sagt, dass sie das nicht tun sollen. Dafür fragen sie mich, ob es sein muss, dass auf meinem Balkon geraucht wird. Es sind Bioladenkäufer, die mit ihren Naturfliesen aus Peru angeben, die sie in ihrer Küche verbaut haben, Bio-Parkett, handgeölte Balkongarnitur, Fietsfabrik-Fahrrad, um die Bratzen auf der vorne montierten Kiste durch den Bezirk zu fahren, damit sie nicht laufen müssen. Manufactum-Katalog auf der Anrichte. Das alles erzählen sie sehr freimütig, in ihren braun-grünen Klamotten, indische Mode von Chapati, Sri Chinmoy, Chisibubikaio, was weiß ich denn, sieht aus wie Filz, Jägermode, Survival, Into the Wilderness. Oder Moppelkotze. So ein Rock mit Oberteil kostet locker 300 Ocken in der verschnöselten Boutique um die Ecke, 300 Flocken, scheiße wofür, es ist die schlammfarbene Mode der Gewinner, hier wohnen nur noch Gewinner, Gewinner können das alles bezahlen, Dachgeschoss, Jack Wolfskin, Bugaboo, Infiniti-Vans, die teuren Boutiquen vom Kollwitzplatz, Privatkinderärzte, Privatorthopäden, Privat-Hals, Nasen, Ohren, Urologe. Sie sind privat? Sehr schön, Sie können gleich heute abend kommen wenn Sie mögen. Passt Ihnen 18:30?

 

 

Die neue Oberschicht segregiert sich. Manifestiert sich. Zeigt sich. Gated. Gerne mit Concierge. Der aus dem prekären Märkischen Viertel angereist kommt, um den neuen Reichen zu dienen. Hier kommt sonst keiner mehr her, der nicht mehr als sieben Euro für sein Mittagessen bezahlen kann. Naturgesichter. Naturschaf. Naturwolle. Naturbernstein, aus denen dürre bärtige Designer Knöpfe für die Jacken formen. Und immer diese selbstgezogene Kresse auf der 20qm-Dachterrasse, zu der sie mit dem Fahrstuhl fahren, den außer ihnen keiner benutzen kann, weil sie in die anderen Etagen, in denen noch die Reste des Pöbels wohnen, erst keinen Zugang gebaut haben. Hofpfisterei. LPG. Handgeschöpfte Kosmetika. Das gute Gewissen wird heute mit Geld aufgewogen. Wer zieht die beste Kresse? Die wilden Tomaten sind aber auch gut dieses Jahr. Ja, die Sonne, die Sonne, ich habe einen Sonnenbalkon, natürlich, Sie nicht? Nein? Oh. Das ist aber schade. Bitte, sagen Sie: Haben Sie auch Sojamilch? Sagen Sie: Der Dinkelkeks ist doch glutenfrei, nicht? Und gibt es den Ingwertee auch mit Rohrzucker? Ich spreche ihre Sprache nicht mehr. Habe nicht ihre Probleme. Esse nicht ihr Essen. Sitze nicht in ihren Cafés. Kaufe nicht ihre Möbel. Ich verstehe die Dinge nicht mehr. Da steht ein Dinosaurier im Bezirk herum.

 

 

Ich mag es wenn es hier kalt wird. Dann kotzt mir kein Tourist mehr in den Hauseingang und die Türe stinkt nicht mehr nach Urin, die gelangweilten Mütter können ihren verdammten handgemörserten Kaffee nicht draußen trinken und kein Fahrradnazi rodet mich auf dem Bürgersteig. Früher habe ich den Winter gehasst und den Sommer gefeiert, mit billigem Bier auf der Stargarder Straße, ich habe Till Lindemann kennengelernt als noch keiner wusste wer bitteschön Till Lindemann ist, ich habe vor der Kommandantur gesungen, gelacht, geknutscht, jeden Tag neue Brüder und Schwestern kennengelernt, wir haben die ganze Welt umarmt und die Welt hat bei mir auf dem Sofa übernachtet, Litauer, Polen, Kroaten, Spanier, Kurden, irgendwelche Idioten aus irgendeinem idiotischen Provinznest, die hier das Abenteuer ihres Lebens gefunden haben, wir waren jung, wir waren wild, wir waren junge Wilde in einer unendlich wilden Stadt. Niemand von uns hätte gedacht, dass es einmal enden wird. Die Jugend denkt nie, dass die Dinge irgendwann enden. Doch sie tun es.

Die Dinge.

Enden.

 

 

Kinder. Karottenkuchen. Boutique. Bioladen. Holzspielzeug. Holzklettergerüst. Das ist der Kosmos der Bewohner der Stargarder Straße heute. Ich. Ich. Mein. Mein. Von denen, die früher die Kommandantur ausgemacht haben, sind einige tot. Und der Rest weggezogen. Weitergezogen. Untergegangen. Ich sah kürzlich einen von ihnen in seiner eigenen Kotze liegen. Lichtenberg. Weitlingstraße. Auch ein Kiez, der im Kommen ist, auch ein Kiez, in dem es bald so aussehen wird wie überall. Alnatura. Veganz. Trockenobst. Chapati. Sexymama. Oil & Vinegar. Albrechts Patisserie. Und die ganzen Gurus. Yoga. Meditation. Lebenshilfe. Heilsteine. Klangschalen. Weil sie sich selbst nicht mehr genügen. Lichtenberg. Weitlingstraße. Da lag er rum, bei den anderen letzten Pennern der Gegend, gegen die sich sicher bald auch eine Bürgerinitiative der Etablierten bilden wird wie am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg, die Kinder, die Kinder, denkt denn keiner an die Kinder, die Penner müssen weg hier, wir brauchen Vorbilder, schafft ein, zwei, viele Oil & Vinegars. Die selbstoptimierte so kerngesunde wie stinklangweilige Jugend, die nachwächst, entsorgt die, die nicht mehr passen.

 

Eigentlich wäre es längst Zeit zu gehen. Irgendwoanders hin. Warschau. Bratislava. Ljubljana mit großer Freude. Gdansk ist wunderschön. Oder Athen, wenn sie Athen nicht kaputt gemacht hätten. Istanbul, wenn Istanbul noch so entspannt wäre wie vor zehn Jahren noch. Vilnius. Riga. Barcelona wegen mir. Zu gerne Lissabon. Das goldene Krakau ist auch schon ausgelutscht, die Künstler dort haben dafür gesorgt, dass die Immobilienpreise durch die Decke geschossen sind so wie die Künstler überall dafür sorgen, dass sich mittelfristig jeder Wohnraum drei- bis vierfach vergolden lässt. London scheidet aus. Paris auch. München sowieso. Schon aus Preisgründen. Und für die Provinz werde ich wohl nie gelassen genug werden, um dort neugierige Nachbarn länger als eine Woche ertragen zu können ohne ihnen den Hals umzudrehen. Anonymität. Der Ort, an dem ich lebe, muss mir Anonymität gewähren und Prenzlauer Berg tut das immer weniger je mehr Kontrolleure, Pedanten und Missionsbeseelte die Dachgeschosse aufkaufen und die Aura des Ortes kontaminieren, den ich einmal sehr geliebt habe.

 

 

Nein, eigentlich wäre es längst Zeit zu gehen, es ist überfällig, aber ich kann nicht gehen, ich habe nichts gespart, ich habe nie etwas gespart, eigentlich war der Plan, spätestens mit Mitte 30 an der eigenen Kotze im Alkoholrausch zu ersticken oder im Speedwahn den Wagen gegen die nächstbeste Wand zu donnern. Das hat alles nicht geklappt, die Verantwortung kam dazwischen. Und jemand, der es gut mit mir meint. Ich bin jetzt so wie ihr alle. Karottenkuchen. Flatscreen. Maultaschen-Manufaktur. Ich habe VDSL zuhause. Und LTE für unterwegs. Ein pervers geiles Tablet. Auf die 128 GB-Speicherkarte passt meine ganze Musiksammlung. Slime. Fliehende Stürme. Type O Negative. Nick Cave. New Model Army. Fields of the Nephilim wenn es mir mal nicht so gut geht. Oder gleich den großen Veljanov für die Depression Deluxe. Diese ganze Musik, die das Gegenteil von dem symbolisiert, was ich nun bin. Überstunden. Urlaubssperre. Weihnachtsfeier. Kita. Kuchen kaufen. Ein paar Freunde. Ein guter Anzug für gute Gelegenheiten. Geputzte Schuhe fürs Meeting. Ich bin gefangen in dieser Stadt, die ich eigentlich gar nicht mehr mag, mit ihren affigen Touristen, mit ihren Neureichen, den Schnöseln, den Fanmeilenwichsern, den Biospießern, den Fahrradsalafisten, den neuen Glaskästen, der ganzen abgrundtief hässlichen Investorenarchitektur, die sie in jede Baulücke koten und den verdammten Bundespolitikern und ihrem fürchterlichen Karnevalsumzug, den sie importiert haben.

 

 

Dass ich gehe steht fest. Ich brauche noch Zeit. Ich brauche noch Mittel. Ich muss noch Verantwortung tragen. Ich brauche noch eine Idee. Eine Inspiration. Ein Konzept. Eine Weile. Doch dass ich gehe, steht fest.

 

 

 

 

Gastbeitrag vom Kiezneurotiker. Ich hatte von ihm und anderen Berliner Bloggern wissen wollen, ob und was ihn in Berlin hält. Ob nicht manchmal die Provinz lockt. Ob sie es nicht machen wollen wie ich: abhauen, aufs Land gehen. Auslöser war dieser Beitrag über das, was mal meine Heimat war: Ach, Berlin.

 

 

 

 

 

Stoßverkehr.

Ich fahre jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit. Es bleibt einem wenig anderes übrig auf dem Land, zumal, wenn man wie ich, immerzu und jederzeit beweglich sein muß. Rasende Reporterin, Sie wissen schon.

 

 

Wie dem auch sei. Ich fahre also zuhause los, durch Wald, Wald, Wald, dann durch ein Dorf, durch Wald, Wald, Wald, noch ein Dorf, und dann: die Bundesstraße. Die eine von den zwei Bundesstraßen im ganzen großen Landkreis. Anderthalb mal so groß wie die Republik Malta. Zwei Bundesstraßen. Ampelanlagen, deren Zahl sich (sehen wir mal von der Kreisstadt ab) an einer Hand abzählen läßt.

 

 

Das ist nur ein Symbolbild. Und bloß eine vielbefahrene Landesstraße. Aber die Bundesstraße sieht morgens manchmal ähnlich aus.

Das ist nur ein Symbolbild. Und bloß eine vielbefahrene Landesstraße. Aber die Bundesstraße sieht morgens manchmal ähnlich aus.

 

 

Ich stehe also an der ampellosen Bundesstraßenkreuzung. Und stutze. Nicht selten. Äh, …hab ich mich im Tag geirrt? Ist heute vielleicht Fronleichnam? Oder Ostersonntag? Ein Atomangriff, den ich verpennt habe?

 

 

Der Blick geht kilometerweit nach links: kein Auto weit und breit. Nach rechts: Kein Auto zu sehen. Stille. Leerer Asphalt, so weit das Auge reicht.

 

Meistens stehe ich dann ein paar Sekunden und checke gedanklich den Kalender und die Datumsanzeige im Armaturenbrett. 7 Uhr 50, Dienstag. Passt. Kein Feiertag. Also: beherzt losfahren. Bevor sich womöglich in der Ferne noch ein Auto nähert.

 

Zugegeben: Das ist nicht immer so. Manchmal nähern sich von rechts vier Autos, von links bis zu zehn. Manchmal sogar ein LKW.

 

Was für ein Verkehr.

 

Morgens schon dieses Gedrängel unterwegs.  

 

 

 

 

So. Und als Kontrapunkt lesen Sie jetzt bitte (klick:) diesen Artikel aus der Großstadt. Berliner BerufsverkehrSardinenbüchsensinfonie. Allmorgendliches Quetschkommodenkonzert in der S-Bahn.

Ich würde schreien, jeden Morgen. Ein Magengeschwür bekommen. Oder mich gleich vor den Zug werfen.

Aber das würde in dem Geschiebe vermutlich eh niemanden interessieren.

 

 

 

 

 

Ach, Berlin.

Ach, Berlin, ich liege hier herum, in einem Dorf am vermeintlichen Ende der Welt, und seit Tagen sitzt Du auf der Bettkante. Ich höre Features aus dem Podcast, und immer wieder quellen icke, dette, oder kiekma aus den Lautsprechern, und mir treibt es die Tränen in die ohnehin verquollenen Augen. Grippaler Infekt. Zuviel Zeit zum Radiohören, zuviel Zeit, die Gedanken auf die Reise zu schicken nach Berlin. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Heimatstadt.

Berlinerisch weckt Heimweh. Nach einer Stadt, die es es heute nicht mehr gibt. AltBerliner Sehnsucht. Nach dieser alten Tante, die ein bißchen ruppig war, aber eben auch sehr warmherzig. Die sich aus dem Fenster lehnte und die Welt kommentierte, weil sie die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Die zu allem einen kessen Spruch drauf hatte, auch wenn ihr der Kalte Krieg manchmal die Sprache verschlug. Die stadt-gewordene Wilmersdorfer Witwe, mit Hut und Handtasche in der U-Bahn, abends schnell nach Hause in den kleinen kuscheligen Kiez, spießig, provinziell und bieder. Eine Stadt wie Eberhard Diepgen.

Der Puls der Zeit schlug überall, nur ganz bestimmt nicht in Berlin. In Berlin ratterten die Herzschrittmacher, eingebaut in diese kleine Exklave im Feindesland, ummauert, aber trotzig. Ein völlig unnormaler Ort, für den das Unnormale ganz normal war.

Die Touristen kamen und wir empfingen sie mit einer Mischung aus Abscheu und Gleichgültigkeit, die Wessis, die sich stadtfein machten und den Ku’damm rauf und runterlatschten oder staunend auf die Mauer glotzten. Wenn die Mutter abends fragte Und? Wie wars im Kino und am Tauentzien?, antworteten wir bloß augenrollend, alles voller Wessis wieder. Man ließ sich ungern stören in Berlin, im kuscheligen Kiez.

Heute kommt Berlin mir vor wie eine von den Jacob-Sisters. Im Grunde ihres Herzens immernoch beschaulich, brav und bieder. Ein bißchen in die Jahre gekommen, fast überrollt von der Zeit. Aber irgendwann ist irgendwer gekommen und hat geflüstert Dich bringen wir jetzt nochmal ganz groß raus. Er hat ihr Botox in die Lippen  gespritzt und in den Busen, hat die angegrauten Haare aufblondiert, er hat der Stadt eine überdimensionierte Frisur verpasst und sie in hautenge Glitzerklamotten gezwängt, damit es richtig sexy aussieht, mit einem Touch ins Ordinäre. Er lässt sie mit schriller Stimme unpassende Lieder singen und mit einem Pudel tanzen.

Die olle Bretterbühne hat er ordentlich gebohnert, in jede Ecke Requisiten reingeknallt, immer größer, immer höher, es soll ja nach was aussehen. Hier noch einen Klotz hin, da noch einen Klotz, immer ruff damit, allet voll, daß die Dimensionen lange nicht mehr stimmen: scheißegal, Hauptsache, es sieht nach Glamour aus. Was nicht auf die Bühne passt, wird weggefegt. Und die Leute kommen in Scharen und wollen mehr sehen von diesem schrillen Frolleinwunder vor der glitzernden Kulisse.

War ich gut?, will die atemlose Stadt am Ende jedes Tages wissen.  Ja, Schätzchen, sagt der Manager und tätschelt ihr das Knie, Du warst richtig gut. Du könntest noch ein bißchen lauter singen, nächstes Mal, und das Bein ein bißchen höher schwingen, aber Du warst heute wirklich gar nicht schlecht. Die Leute lieben Dich und bringen Geld, das ist die Hauptsache. Und wer kein Geld dabei hat, der muß leider draußen bleiben.

 

 

 

 

Niemand gräbt noch Fluchttunnel in dieser Stadt, schreibt der Kiezschreiber, der nach Jahren als Kiezschreiber im Berliner Wedding nun wieder in der Provinz lebt, aber manchmal möchte man einen Fluchttunnel in die Vergangenheit graben.

 

 

 

 

 

 

 

P.S. Ich habe mal ein paar Berliner angeschrieben und gefragt, was sie in Berlin hält. Ob es sie noch wirklich in Berlin hält. Warum sie nicht aufs Land ziehen, zum Beispiel, gefälligst, endlich. Vielleicht können wir hier demnächst Antworten in Gastbeiträgen lesen.

 

 

(Nein, dieses coole youtube-Video ist nicht von 1975, sondern angeblich von 2002. In mancher Hinsicht bleibt Berlin dann eben doch die Alte.)

 

 

 

Immer dieser Osten.

Oder: Warum ich 25 Jahre nach dem Fall der Mauer mit manchen Dingen immer noch auf Kriegsfuß stehe. 

 

Wenn Sie mich mal richtig in Verlegenheit bringen wollen (oder in Rage), dann halten Sie mir bei einer gemeinsamen Wanderung durch den finstren Tann einfach einen Kompass unter die Nase und bitten mich, den Weg zu finden.

Ich finde den. Bloß nicht mit dem blöden Kompass. Ich hasse Kompasse. Kompässer. Ich verstehe sie nicht. Habe sie nie verstanden. Ewig dreht sich die doofe Nadel hin und her, ich drehe und wende das Ding in der Hand und blicke gar nichts.

Und wie das mit den Himmelsrichtungen so funktioniert, das habe ich auch nie begriffen. Du wirst doch aber jetzt gerade wissen, wo von hier aus Süden ist, sagt mein Geo dann oberlehrerhaft und fuchtelt mit den Armen Richtung Sonnenstand. In solchen Momenten riskiert er seine körperliche Unversehrtheit.

Foto: Harald Lapp/pixelio.de

Foto: Harald Lapp/pixelio.de

Ja, ja, die Großstädterin: keine Ahnung wieder mal!, sagen die Landmenschen dann. Die können wahrscheinlich auch alle Kompass lesen. Logo. Ich kann es nicht. Das hat aber nichts damit zu tun, daß ich aus irgendeiner Stadt komme. Auch Städter sollten Kompass lesen können. Der Grund bei mir liegt daran, daß ich aus der Stadt schlechthin komme. Aus Berlin. Aus West-Berlin. Eine Art Kindheitstrauma. West-Berliner werden mich verstehen.

Alle anderen müssen sich das in etwa so vorstellen:

Als es darum ging, dem Kind die Welt und auch das Leben zu erklären, stand meine Mutter mit mir auf dem höchsten Berg des großen, kleinen West-Berliner Universums, dem Teufelsberg. Einhundertirgendwas Meter erhebt er sich majestätisch über die Ebene. Oh! und Ah!, schnauften Eltern und Kinder nach dem Aufstieg, und: tollvon hier aus kann man ja in alle Himmelsrichtungen gucken!

Meine Mutter also blickte mit dem Kompass in der Hand in unbestimmte Ferne und sprach Da ist Süden. Da war doch aber Osten, dachte ich für mich. Sie blickte nach Norden, da war der Osten, meiner Meinung nach. Die Kompassnadel zeigte Richtung Westen: wieder Osten. Und schließlich –   da waren wir uns endlich alle einig – nach Osten, da war Osten.

Die Sonne ging im Osten auf, im Osten unter. Wieso der Kompass etwas Gegenteiliges behauptete, blieb unklar. Wir fuhren zu den Ostgroßeltern in den Süden, Richtung Sachsen, also: in den Osten. Nach Norden, Richtung Rostock – also Osten. Ja, was denn nun?

Bei einem Besuch neulich im ehemaligen Zonenrandgebiet bekam ich wieder schlechte Laune, kompassbedingt:  Ich tat unter Anleitung der freundlichen Gedenkstättenführerin einen Schritt Richtung Mittagssonne (also gen Süden, behaupteten der blöde Kompass und der gesunde Menschenverstand) und überwand damit die ehemalige Grenze zwischen Ost und West. Das verstehe nun, wer will.

Mein Geo will sich leider nicht damit abfinden, daß ich in Sachen Kompass komplett unbelehrbar bin. Ich werde dann mitunter – siehe oben – sogar ausfallend, wenn er wieder einmal versucht, mir Ost und West und Nord und Süd näherzubringen. Man könnte mich in dieser Hinsicht für völlig ungeeignet für das Leben auf dem Lande halten, zumindest aber für geistig etwas eingeschränkt. Ich selber erkläre meine kompassologische  Unfähigkeit inzwischen mit einem deutsch-deutschen Trauma. Und das hat ja fast schon wieder was.

Der Mauerfall heute genau vor 25 Jahren hat leider auch in dieser Hinsicht nichts geholfen. Er hat im Gegenteil die Sache noch ein bißchen komplizierter gemacht. Denn jetzt ist überall da, wo früher Osten war, plötzlich Westen.

Wo man hinguckt: Alles Westen.

Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

 

 

 

Lebensqualität.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitarbeiter des Institutes der Deutschen Wirtschaft,

 

 

ich sehe Sie förmlich vor mir, wie Sie jetzt jahrelang nichts anderes getan haben, als auf allen Vieren durch Deutschland zu kriechen. Jeden Stein haben Sie umgedreht, ob in der Uckermark oder in München, in Märkisch-Oderland oder in Waldshut, in Stuttgart und Berlin, in Leipzig oder Kiel, in der Grafschaft Bentheim oder im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Jeden Stein umgedreht, und nichts ist Ihren kritischen Blicken verborgen geblieben.

 

 

NeckarUferKieselSteine

NeckarUferKieselSteine

 

Ob es um Schulabgänger ohne Abitur geht, oder um naturnahe Flächen, ob um Steuerkraft oder Überschuldung, ob um Straftaten oder Lebenserwartung, alles haben Sie in Ihre schicken Laptops getippt und daraus nun das sogenannte Regionalranking gebastelt. Eine Hitparade aller 402 Städte und Landkreise in Deutschland sozusagen. Wo sind die Wirtschaftsstarken und die Lebenswerten, wo die Loser und Zurückgebliebenen? Das kann man aus Ihrem Regionalranking aufs Feinste herauslesen. Wenn man will.

 

 

Auch der Odenwald:  Unter die Lupe genommen.

Auch der Odenwald:
Unter die Lupe genommen.

 

 

 

Die Odenwälder wollen allerdings nicht so recht. Maulen irgendwas von roter Laterne und Schlußlicht. Und das in einem Bundesland, das (gemeinsam mit den Bayern) mit Abstand die meisten der Top-100-Kommunen und Kreise stellt. Eigentlich. Nur der Odenwald stinkt da etwas ab, zugegeben.

 

 

Wirtschaftskraft sieht anders aus.  Angeblich.

Wirtschaftskraft sieht anders aus.
Angeblich.

 

 

Mir macht das alles nichts. Ich freue mich über Ihr Regionalranking 2014.

Gibt es mir doch endlich die handfesten Antworten auf meine Lebensfrage. Die da lautet:

Ach, Du liiiebe Zeit. Wie kann man nur?

 

 

Wie kann man nur von Berlin in den Odenwald ziehen? Aus der schillernden Metropole an der Spree nach badisch-Sibirien im finstren Tann? Ausgerechnet! Diese Frage bekomme ich ja  mantraartig jedes Mal gestellt, wenn ich hier im Odenwald auf mir noch fremde Einheimische treffe. Und ich kann Ihnen sagen: mir sind hier noch viele Einheimische fremd. Die Frage kommt also nahezu täglich. Wöchentlich mindestens. Und das seit nunmehr 13 Jahren.

 

 

 

Ich stelle mir diese Frage, zugegeben, ja manchmal auch selber. In schwachen Stunden. Wenn ich hier in der Provinz verzweifle, an diesem oder jenem. Wie konnte ich nur. Coole Cafes und Kneipen eintauschen gegen Gastwirtschaft mit Fremdenzimmer, 50er Jahre ahoi. Sensationelles Nahverkehrsangebot gegen Schulbus, zweimal täglich. Hippe Szeneviertel gegen Nullachtfuffzehneinfamilienhäuser. Superschlaue Akademiker gegen biederbrave Landbevölkerung. Den weltstädtischen Atem der Spree gegen den morgendlichen Güllemundgeruch des Dorfes. Undsoweiter, undsoweiter.

Klischee komm raus, Du bist umzingelt.

 

 

Foto: pogobuschel/pixelio

Foto: pogobuschel/pixelio

 

 

Da kommt mir Ihr Regionalranking also gerade recht. Jetzt weiß ich,was ich insgeheim schon ahnte. Daß es tatsächlich richtig war, der alten Tante Berlin den Rücken zu kehren. Daß es sich hier im tiefen Wald nämlich nicht schlechter lebt, auch, wenn einem das dauernd irgendeiner einflüstern will.  Im Gegenteil. Man muß den Blick halt nur auf die entscheidenden Werte richten.

 

 

Wie war das noch mit der Lebensqualität?

Heute früh im Odenwald:
Wie war das noch mit der Lebensqualität?

 

Lebensqualität ist so ein Wert, und was auch immer sich genau dahinter verbergen mag: der Odenwald bekommt von Ihnen die Gesamtnote Drei. Be-frie-di-gend. Anders gesagt: Platz 152 von 402. Nicht schlecht. Heißt unter anderem: Viel Natur, wenig Straftaten, wenig Überschuldung.

Besser als Berlin allemal. Die schillernde Metropole hat sich zum Thema Lebensqualität bei Ihnen eine Vier eingefangen, oder Platz 290. Ätsch. Heißt unter anderem: Weniger Natur, jede Menge Kriminelle, viele Leute überschuldet.

 

Foto: Armin Bothur/pixelio

Foto: Armin Bothur/pixelio

 

 

Daß der Odenwald dafür unter den Stichworten Arbeitsmarkt und Wirtschaft schlecht abschneidet (wenngleich noch immer besser als Berlin, hört, hört), liegt nicht zuletzt an der hohen Zahl von Schulabgängern ohne Abitur, an der niedrigen Akademikerquote und den wenigen Firmengründungen. Was allerdings das eine mit dem anderen zu tun hat, offenbar zwangsläufig, das erschließt sich mir noch nicht. Das werden Sie mir eines Tages noch erklären müssen. Wenn Sie mal zum Urlaub hier sind, oder so. Lohnt sich, siehe oben.

 

 

Was allerdings tatsächlich grottenschlecht ist hier im Landkreis , das ist die sogenannte Dynamik, also die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre, ob zum Guten oder Schlechten. Da hat sich im Odenwald nicht viel bewegt. So ziemlich gar nichts, genau gesagt.

Aber sehen Sie uns das doch bitte nach, der Odenwälder an sich lebt nicht dynamisch, sondern, – nun, wie soll ich sagen – , nachhaltig. Solide. Oder wie auch immer Sie das nennen wollen. Dynamik ist hier mitunter sowas wie ein Fremdwort.

Wir haben das schließlich schon immer so gemacht. Seit 150 Jahren. Basta. Aber wir arbeiten dran. Versprochen.

 

Berlin dagegen entwickelt sich so schnell, – wohin auch immer – , daß einem fast die Luft wegbleibt. Schnappatmung als Lebensphilosophie. Gesünder klingt das aber auch nicht.

 

 

Foto: ©Rainer-Sturm/pixelio

Foto: ©Rainer-Sturm/pixelio

 

A propos Luft, und a propos gesund:  Was ich ein bißchen vermisse in Ihrem Ranking, ist die Luftqualität. Andersrum gesagt: Der Feinstaub. Der ist ja derzeit grade doch in aller Munde. Oder in aller Lungen, wie man will. Bundesweiter Spitzenreiter: die Messstelle an der Berliner Silbersteinstraße, dicht gefolgt von der Frankfurter Allee, ebenda.

Ich würde Ihnen zur Ergänzung Ihres Rankings ja gerne die Daten aus dem Odenwald durchgeben, allein: wir haben nicht mal eine Messstelle.

Die Luft ist einfach zu gut hier.

 

 

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In diesem Sinne: nochmal herzlichen Dank für Ihre Mühe.

 

 

Mit freundlichen Grüßen aus der Provinz,

 

usw usw.