Rückzug XIII

3. April 2020

Das alte Hündchen hat sich in die Mülltonne verliebt. Jeden Morgen wird plötzlich der olle stinkende Abfallbehälter vor der Tür freudestrahlend und wedelnd begrüßt, wie ein guter Freund nach langer Trennung. Die Demenz schreitet voran, man merkt es an täglich neuen Sonderbarkeiten. Vergnügt und munter zieht sich das Hündchen in seine ganz eigene Welt zurück, in der es sich bislang aber offenbar gut leben lässt, befreit von allem Kummer, allen Sorgen. Man könnte fast ein bisschen neidisch werden.

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Die Katze genießt die Sille im Haus. Nichts stört sie in ihrer Ruhe. Ich weiß übrigens gar nicht, ob die Türklingel eigentlich noch funktioniert. Es kommt ja niemand mehr vorbei, um uns zu besuchen und die Klingel zu betätigen. Niemand. Doch, donnerstags, der Gemüsemann, wenn er schnell die grünen Kisten vor die Tür stellt und wortlos sofort wieder verschwindet. Und ich glaube mich zu erinnern, dass vor einiger Zeit mal die Freundin aus dem Nachbardorf geklingelt hat, das ist aber schon ewig her.

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Auf der Verlotterungsskala von Eins bis Zehn schwanke ich zwischen Fünf und Neun. Sieht mich ja eh keiner. Ich bin fast schon in der zerrissenen offroad- Hundehose und in den Wanderschuhen festgewachsen, man wird mich da eines Tages rausschneiden müssen. Im Büro gebe ich mir noch ein bisschen Mühe, zumindest obenrum, Interviews nur noch per Telefon oder Whatsapp-Sprachnachricht oder Skype, intern die tägliche Video-Redaktions-Konferenz und so, naja, Sie wissen schon. Ich sähe blendend aus, behauptet der Kollege aus dem fernen Funkhaus. Na, wenn der wüsste. Aber ich habe immerhin die Hochsteckfrisur wieder für mich entdeckt. Klammern genug habe ich ja noch aus alten Lang-Haar-Zeiten, die jetzt plötzlich wider Willen wieder aktuell werden.

Ich habe Ihnen mal die Haarklammern fotografiert, ich habe ja sonst nix zu tun.

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Im Nachbardorf berichten sie besorgt von der ersten Problemen in der kleinen Kläranlage. Zu viele Taschentücher, zu viele Feuchttücher, da geht die Anlage früher oder später in die Knie. Wenn nicht schon viel früher auf dem Weg, nämlich im eigenen Wohnhaus, die Leitungen verstopfen und in die Knie gehen. Ich schließe daraus: Es gibt also selbst im idyllischen Odenwald Menschen, die jetzt auf 37 Familienpackungen gehamstertem Klosettpapier sitzen – und es gibt solche, die tatsächlich nichts mehr abbekommen haben. Und die sitzen jetzt auf dem… – Naja, lassen wir das. Jedenfalls müssen wir am Ende alle mit unserem schönen Steuergeld die neue Kläranlage bezahlen, wenn da nicht endlich mal Vernunft und Solidarität sich ihren Weg bahnen.

So extrem ärgerlich das alles sein mag: Schmeißen Sie um Himmelswillen weder Taschentücher noch unverrottbare Feuchttücher ins Klo! Schmeißen Sie es sonstwohin, in einen Eimer, in eine Tüte, aber! nicht! ins! Klo! Ich habe mal einen Sommerurlaub lang damit zugebracht, im Ferienhaus einer Freundin die Folgen eines solchen Tuns (unserer Vormieter) zu beseitigen, und ich versichere Ihnen, das war nicht schön. Leitungen, Sickergrube, alles dicht, Handwerker waren nicht zu bekommen, also wir in Gummistiefeln und mit Atemschutzmaske mittendrin. Gelebte Nächstenliebe in der hardcore-Version. Mein Geo und ich, wir waren am Ende unserer Sommerfrische k(n)ackig braun, aber nicht von der Sommerfrische, ich kann Ihnen sagen. Und wenn das hier alles vorbei ist, braucht man so einen Scheiß Mist dann nicht auch noch, glauben Sie mir.

Im Übrigen habe ich aus mehreren zuverlässigen Quellen erfahren, dass es gestern in Mudau noch (oder wieder) Klopapier gab. In Miltenberg und Aschaffenburg angeblich auch.

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Die Freundin hat Mundschutze genäht und sie uns geschenkt, aus schönen alten Stoffen. Hübsch und hoffentlich zweckmäßig. Könnte ja sein, dass die demnächst irgendwo Pflicht werden.

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Der gigantische Parkplatz beim Baumarkt und beim Supermarkt im Städtchen ist rappelvoll. Ich sehe das beim Vorbeifahren und wundere mich.

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Stand heute nachmittag werden in den hiesigen Kreiskliniken derzeit elf von insgesamt mehr als 100 Infizierten behandelt. Vier davon müssen beatmet werden. Das klingt auf den ersten Blick vergleichsweise beruhigend wenig. Dazu muss man wissen, dass es in den beiden Häusern in Mosbach und Buchen zusammen acht Beatmungsgeräte gibt.

  • 6 Kommentare
  • Amelie 3. April 2020
    Antworten

    In Berlin wird das Gehamstere langsam besser. Von verstopften Leitungen habe ich noch nichts gehört. Vielleicht sollte man den Menschen Dusch-WCs nach japanischem Vorbild empfehlen, ist ohnehin hygienischer und man verstopft so ganz sicher keine Leitung…

    Eigentlich wollte ich an diesem Wochenende gar nicht weit weg vom Odenwald sein. Aber…nun ja…Eines Tages wird es wieder möglich sein.

  • Jutta Kupke 3. April 2020
    Antworten

    Eigentlich will ich immer einen witzigen und originellen Kommentar schreiben, so in der Art, wie Sie ihre Posts schreiben, aber leider kann ich das nicht ;-)
    Also ganz pragmatisch: wieder wundervoll geschrieben, klasse Inhalt und sehr lesenswert.
    Machen Sie es gut und bleiben Sie gesund.
    ♥lichst grüßt
    Jutta

  • Hauptschulblues 3. April 2020
    Antworten

    Anrührend das Hündchen.
    Das Verstopfungsproblem hatte H. voriges Jahr, als eine demente Nachbarin sämtliche Feuchttücher ins Klosett warf.
    Mundschütze bekamen H.s von ihrer Nichte T.
    Und H.s haben für die kleine Sackgasse, in der sie wohnen, 21 Stück bei einer kleinen Schneiderei bestellt, morgen abzuholen. Und da kriegt jede/r Nachbar/in einen. Für die Kinder macht die Dame das kostenlos.
    Fotos davon werden folgen, auf dem eigenen Blog.

  • nina. aka wippsteerts 3. April 2020
    Antworten

    Ach, hier haben sie schon vor 10 Tagen das erste Mal mit grossen Wagen die Kanalisation entstopfen müssen. Und gut, dass Du es von wg Taschentuch gesagt hast, ich vergesse immer, dass die mitlerweile ja sogar den Waschgang überleben. Nach eifrigen Suchen endlich Klopapier gefunden. Würde nämlich langsam knapp hier.
    Ja, alte Hunde. Unser wird auch immer seltsamer und wir haben ihn schon mit ordentlichen Marotten bekommen.
    Ein gutes Wochenende, vielleicht einfach mal die Klingel aisprobieren.
    Liebe Grüße
    Nina

  • Waltraud Kessler-Helm 3. April 2020
    Antworten

    Im Nachbarort gibt es auch Toilettenpapier, hab ich heute gesehen. jedoch zu horrenden Preisen ;-)
    Ich glaub, ich komm‘ mal vorbei , um Deine Klingel auszuprobieren ;-) Bleibt gesund und schönes Wochenende

  • Farkas Heike 4. April 2020
    Antworten

    Wieder super schön geschrieben, ja das leidige Toilettenpapier, warum benötigen alle Klopapier.?
    Ganz Asien kommt mit wenig bis kein Klopapier aus.
    Was mich sehr nachdenklich macht ist das viele Menschen keine Wahrnehmung für die notwendigen Maßnahmen haben .Abstand halten, sich nicht in den Weg laufen, sich in der Warteschlange vorbeischieben. Als wäre die Wahrnehmung abgestellt. Ich bin oft fassungslos.
    Das Arbeitgebern und auch Arbeitnehmer sich nicht schützen und das einfordern was notwendig ist um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren für ihren Arbeitsplatz. Das kann ich aber sowas von überhaupt nicht nachvollziehen.
    Da
    Denken alle sie haben Urlaub , weil wir tolles Wetter haben oder alles so, hübsch ist.
    Das die Menschen für die dieser absolute Wahnsinn veranstaltet wird ,also die Risikogruppen und unsere Senioren einfach mal locker flockig einkaufen gehen und sich an keine Vorsichtsmaßnahmen halte,
    Obwohl es im städtischen und auch im ländlichen Bereich genügend Hilfsbereite Menschen gibt die gerne unterstützen beim Einkaufen oder auch gerne einen Plausch halten natürlich mit Sicherheitsabstand.
    Ich bin froh auf meiner ländlichen Enklave zu leben . Mit sowas von wenig Kontakt und allen technischen Möglichkeiten die das Ländliche Internet im Outback zur Verfügung stellt.Diese technische Herausforderung die ich jeden Tag neu erforsche um überhaupt zu arbeiten, hat so seinen besonderen Charme und Wir bekommen oft sehr überraschende Ergebnis , nicht immer die die wir benötigen aber immerhin.
    Bleibt alle gesund passt gut auf euch und eure Lieben auf..

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