Die Badehose.

Wenn Sie seinerzeit ein bisschen im Geschichtsunterricht aufgepasst hätten, im Gegensatz zu mir, dann wüssten Sie natürlich aus der Lameng, was es mit dem heutigen Datum auf sich hat. Wenn Ihr Geschichtsunterricht damals aber so stinkend langweilig war wie der meinige, dann habe ich natürlich vollstes Verständnis.

Jedenfalls wurde heute auf den Tag genau vor 99 Jahren Friedrich Ebert als 1. Reichspräsident der Weimarer Republik vereidigt, 1919 war das. Am allergleichen Tag gelangte auf verschlungenen Wegen – und das ist der eigentliche historische Kracher – ein Foto von eben jenem frisch vereidigten Reichspräsidenten in die Öffentlichkeit, das den Herrn Ebert schon ins Wanken brachte, noch bevor er seinen Job so richtig angetreten hatte.

Das Foto zeigt Ebert in der Badehose, knietief in der Ostsee, oben ohne und nicht so wirklich vorteilhaft, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ein. Absoluter. Skandal. Noch nie hatten Staatsoberhäupter quasi blankgezogen, und noch nie hatten die Untertanen eine derart unglücklich sitzende nasse Badehose gesehen. Die kannten ja planschende Männer nur in züchtigen Badeanzügen, und Staatsoberhäupter überhaupt nur in schmucken Uniformen mit allerlei funkelndem Gebamsel dran.

Die präsidiale Badehose schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe. Sie wurde zum hochpolitisch-textilen Symbol aller Ebert-Feinde, die fortan bei jeder sich bietenden Gelegenheit bunte Badehosen schwenkten, sobald der Ebert auftrat. Die auch mediengeschichtlich wirklich spannende Story zu dem Foto können Sie zum Beispiel hier nachlesen, oder auch hier. Kommt einem alles bekannt vor, auch mit Blick aufs Heute.

Nun fragt sich der treue Leser nicht zu Unrecht, was diese Geschichte ausgerechnet auf einem Blog aus dem Odenwald zu suchen hat. Jahahaaaa, das werde ich Ihnen verraten. Ich habe da nämlich so meine These. Vorallem zu der immer noch ungeklärten Frage, was eigentlich aus der vielleicht berühmtesten Badehose der deutschen Geschichte – ach, was sage ich: der Weltgeschichte – geworden ist.

Dazu muss man wissen, dass der Ebert-Friedrich eine direkte Beziehung in den Odenwald hat, genauer gesagt, in unser Nachbardorf. Wie sich  ja eigentlich die Wurzeln aller wirklich wichtigen Menschen auf der Welt letztlich im Odenwald finden lassen, wenn man nur lange genug forscht. Bloss der blöde Trump, der kommt aus der Pfalz. Also, jedenfalls ist der Vater von Friedrich Ebert hier im Odenwäder Nachbardorf geboren, ein uneheliches Kind, man muss sich das mal vorstellen.

Es gibt da in Krumbach eine kleine Gedenkstätte, einen Schaukasten und einen Stein, an dem alle Jahre wieder ein paar versprengte Genossen mit roten Schals rote Blumen niederlegen, hoch oben im ansonsten eher schwarzen Odenwald.

 

So sah das bis 1935 aus.

Friedrichs Vater Karl wurde also in Krumbach geboren, als uneheliches Kind, und zog dann irgendwann nach Heidelberg, um sich dort als Schneider zu verdingen. Seine Frau stammte aus Neckargerach, das ist auch gar nicht weit von hier, und sie gebar ihm zahlreiche Kinder, eines davon eben der zukünftige Reichspräsident.

Friedrichs Vater Karl war zwar unehelich, wird aber auch seinerseits etliche Geschwister in Krumbach gehabt haben. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus. Und die hatten ihrerseits Kinder, was dann wiederum die Cousins und Cousinen vom kleinen Friedrich Ebert wurden. Wenn Menschen im Odenwald irgendetwas in Hülle und Fülle haben, dann sind es seit jeher Cousins und Cousinen. Armer Landstrich hin oder her: in dieser Hinsicht sind die Odenwälder mehr als reich.

Nun wohne ich in einem Haus, das auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus erbaut wurde, von einer gewissen Ottilie. Ottilie, geborene Ebert. Ein Gasthaus mit großem Garten und Gemüseacker. Angeblich war Ottilie auch eine Cousine von Reichspräsident Friedrich Ebert, irgendwer hat mir das mal erzählt, und ich glaube es gerne. Ja, ich behaupte sogar: sie war bestimmt, also ganz sicher, seine Lieblingscousine, und er hat ganz bestimmt auch oft im Vorgängerbau des Gasthauses gesessen und ist durch den Garten geschlendert. Genau so wird es gewesen sein, wann immer ihm sein Präsidentenamt eine kleine Auszeit erlaubt hat. Wir leben hier also aus sozialdemokratischer Sicht auf quasi geheiligtem Boden. Ich sags ja nur mal so.

Wenn wir nun also noch mal zurückkommen auf die bedeutsame Frage, was eigentlich aus der berühmtesten Badehose der Weltgeschichte geworden ist, dann könnte es auch Ihnen langsam dämmern. Was hätten wir denn anstelle vom Reichspräsidenten gemacht? Die vermaledeite Badehose im nächsten Sommerurlaub weiter getragen? Im Leben nicht. In einer Kommode im Präsidentenpalais aufbewahrt? Wohl kaum. Fluchend entsorgt, das gräßliche Stück? Schon eher. Aber wohin? In die Mülltonne vorm Reichstag? Da hätte der nächstbeste Paparazzo sie ja sofort hinausgefischt.

Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Friedrich Ebert hat die Badehose eines Tages mitgenommen in den Odenwald. Und sie verbuddelt in Ottilies Garten. Dort, wo sie niemals jemand finden würde.

Außer mein Geo vielleicht. Der hat schon die tollsten Sachen aus dem Ebert’schen Gemüseacker hervorgeackert. Da wird sich nun also doch bitteschön eines Tages auch die olle Büx finden lassen. Die übergeben wir dann dem Haus der Geschichte in Bonn. Wenn sie da nicht längst schon liegt.

 

 

 

6 Kommentare

  1. Hi, die tolle Badehose habe ich in Bonn noch nicht im Haus der Geschichte gesehen. Abgesehen davon habe ich hier wieder viel gelernt, so *unbedeutende* Details der deutschen Geschichte. Von dem Badehosenvorfall hatte ich noch nie gehört oder gelesen.
    Danke Dir
    Liebe Grüsse
    Nina

  2. Tja, vielleicht finden sie die Ziegen. Im kohlrabenschwarzen Odenwald hat man natürlich nie was über uneheliche Kinder erfahren, aus den trotz aller Diskriminierung was geworden ist, jedenfalls war mir Eberts Herkunft, trotz Geschichtstudium nicht bewusst. Dafür die Badehosengeschichte ( die ja kürzlich quasi einen Wiederaufguss erfahren hat ).
    Danke für die Recherche!
    GLG
    Astrid

  3. Aus Sympathie oder Solidarität trägt der ein oder andere Odenwälder auch heute noch eigenwillige Varianten von fragwürdigen Badehosen-Design-Kreationen …
    Jetzt macht das natürlich Sinn! Auch hinsichtlich eventueller verwandtschaftlicher Verhältnisse.
    Herzlichen Dank für die Aufdeckung der Hintergründe! ;-)
    Beste Grüße
    Antje

  4. Wie sich ja eigentlich die Wurzeln aller wirklich wichtigen Menschen auf der Welt letztlich im Odenwald finden lassen, wenn man nur lange genug forscht. Bloss der blöde Trump, der kommt aus der Pfalz.
    Trump wichtig?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

   Beim Absenden eines Kommentars werden Name, eMail-Adresse, Datum, Uhrzeit und Kommentartext gespeichert. Mehr Informationen dazu stehen in der Datenschutzerklärung. Mit dem Abschicken eines Kommentars erkläre ich mich mit der Speicherung meiner Daten durch diese Website einverstanden.