Abenteuer Wetter.

Ich finde das selber ja ein bisschen peinlich, aber für mich ist das Leben auf dem Lande auch nach all den Jahren immer noch mit allerlei Abenteuern verbunden. Und machmal fühle ich mich wie einer von den ersten Siedlern auf Roanoke Island, naja, Sie wissen schon, die Kolumbus-Roadies, vierzehn- oder fünfzehnhundertlangsam. Vor allem, wenn es Wetter gibt. Also, so richtiges Wetter, nicht so einen Regen wie in der Stadt, oder ein paar vereinzelte Schneeflocken, die sofort den Verkehr zum Erliegen bringen, weil die Städter komplett hysterisch werden, oder ein bisschen Zugluft in den Häuserfluchten. Das kann ja jeder. Nein, ich meine so richtiges, fettes Wetter. 

Wie wir da neulich zum Beispiel schön aus Essen waren. Sagt man hier so, wenn man ins Restaurant geht. Wir also rein bei mildem Vorfrühlingswetter, schön gegessen, und an nichts Böses gedacht. Dann vor der Tür: tiefster sibirischer Winter. Auf der ungeräumten Bundesstraße ging gar nichts mehr. LKWs standen wimmernd und weinend mitten auf der Fahrbahn, Warnblinker blinkten rot und orange durch die Finsternis, Menschen eierten armwedelnd wie betrunkene Pinguine hin und her, vermummt und zugeschneit, durch Schneemassen, die sich meterhoch türmten. Ich schwöre, genauso war es.

Wir schaufelten also vor dem Gasthaus zu Viert das Auto frei und schlichen los, allesamt leicht angespannt und mit den Händen in die Kopfstützen der Vordersitze gekrallt, mit stierem Blick nach Vorne, durch die milchig-beschlagene Windschutzscheibe. Nicht bremsen!, riefen wir vor jeder Kreuzung der Fahrerin zu, nur runterschalten, jetzt! Laaaangsam!, und Ganz vorsichtig Gas geben!, wir alle wussten natürlich, wie man ein Fahrzeug am besten durch die Schneehölle manövriert, durch das geschlossene kniehohe Weiß, das nie zuvor ein Mensch befahren hatte, jetzt zügig weiter, immer weiter, nicht bremsen!!, konnten uns aber leider nicht auf den sinnvollsten Weg einigen.

Es sind diese Gespräche, die ich bei Wetter auf dem Land so liebe: Diskussionen über die meteorologisch-topografisch beste Wegführung, aufgeregte Dispute, die sich um Waldstücke, um Gefällstrecken und Steigungen drehen, um scharfe Kurven und Wendemöglichkeiten. Wer bei Wetter unterwegs ist, muss sich jedes Mal und je nach Lage entscheiden, mit welcher Kirche er wie um welches Dorf herumfährt, wo die Gefahr am größten, das Risiko am geringsten ist.

Fahren wir bei Wetter von Limbach direkt nach Laudenberg und Balsbach? Oder besser über Mosbach, Sattelbach und Trienz, wegen der Steigungen? Oder noch schlauer über Neckargerach? Was kümmern uns die 28 Kilometer Umweg, Hauptsache, wir überleben diese Fahrt? Welches Waldstück ist das riskanteste, wo stehen die wackligsten Bäume, und wie kommen wir am Ende um diese eklige Kurve zwischen Krumbach und Wagenschwend, Richtung Balsbach?

Wir haben die Fahrt neulich also hinter uns gebracht und überlebt, Sie erkennen das ja auch daran, dass ich jetzt diesen Beitrag schreibe. Obwohl wir nichtmal eine Kettensäge dabei hatten; jeder normale Odenwälder, der etwas auf sich hält, führt angeblich stets und ständig eine solche Kettensäge bei sich, man weiß ja nie. Sollte sich die Wahl des Weges von A nach B über D, F und H und Y als Fehler herausstellen und umgestürzte Bäume die Fahrbahn unpassierbar machen, hat man immernoch die Kettensäge, um sich gegebenenfalls den Weg freizusägen. Und Fußmatten und Decken, die das Anfahren am schneebedeckten Hang erleichtern, vergessen Sie die Decken und die Matten nicht!

Heute ist wieder so ein Wetter, so ein richtig fettes Wetter, Frau Burglind fegt über das Land, auch die Städter hat es heute bös erwischt, und während ich noch darüber nachdachte, wer sich für einen Orkan einen derart bekloppten Namen ausdenkt, warf Frau Burglind schon die ersten Gegenstände durch den Garten und ums Haus, ach, was sage ich, das ganze Haus bebte unter ihrer zornigen Puste, und ich hatte zwischenzeitlich ernsthaft Angst. Ich vergaß darüber sogar, ein paar Fotos aus dem Fenster zu machen, das muss man sich mal vorstellen, aber Sie haben ja Burglind vermutlich ebenfalls getroffen und erlebt, also wissen Sie, wovon wir reden.

Jedenfalls musste auch ich mir heute wieder die üblichen Fragen des Landmenschen stellen. Wie fahre ich jetzt – wenn ich denn schon muss – am besten von A nach B? Wo ist möglichst wenig Wald, wo drohen die dicksten Äste, welche Kurve dürfte überschwemmt, welche Straße über- oder unterspült sein? Werde ich unten am See im Schlamm stecken bleiben, und wird mich jemand finden, bevor ich dort verhungere? (Verdursten wäre ja nicht das Problem, Wasser gibt es da genug, haha.). Schaffe ich da hinten die Steigung durch Matsch und Geröll, und komme ich an der riskanten Abfahrt da vorne womöglich ins Rutschen?

Auch heute ist es bisher wieder gutgegangen, hoffentlich auch bei Ihnen, umso mehr, wenn Sie in der Stadt wohnen, ich habe da ganz grässliche Bilder gesehen, Frau Burglind hat wirklich gewütet, und in der Stadt wird es dann vermutlich noch gefährlicher als auf dem Land. Wir haben im Dorf bisher keine erkennbaren Schäden, nur ein paar neue Flussauen und Seen, an denen ich heute früh ungläubig stand. Ja, ich war eine Wiese, raunte mir das braune Gewässer gurgelnd zu, aber ich wollte im neuen Jahr etwas Bewegung in mein Leben bringen.  Und jetzt weiß ich auch nicht.

Schicken Sie Burglind zum Teufel und überstehen Sie diesen Tag ohne weitere Schäden.

 

 

 

 

9 Kommentare

  1. Schoen! Hat mich an vieles erinnert. Ich hab in Neu England gelebt, und da wird das Spiel ‚Wie kommt man am besten/schnellsten/sichersten irgendwo hin‘ auch gespielt.
    Und fuer eine ganz kurze Zeit hat mein kleiner Bruder, der jetzt im Markgraefenland wohnt, auch im Odenwald gewohnt. Eine wunderschoene Gegend. Und ich wuchs in einem kleinen Dorf auf dem Hunsrueck auf, wenn ich von meiner Kindheit erzaehle, hoert es sich an, als sei ich im Mittelalter gross geworden. Danke fuer’s Teilnehmenlassen!

  2. Sehr schön Friederike, auch ich war beim ersten Wetter unterwegs. Von Aglasterhausen nach Laudenberg. Es war schrecklich…ja und dann noch mit dem neuen Auto…da sah man von dem Gegenverkehr nur noch die Lichter, sonst nix. In Mosbach mehr Regen als Schnee, aber dann: bin dann durch den Scheringer Wald gefahren…naja, musste doch den Allradantrieb mal testen ;-) Wunderbar, selbst die Steigung locker gemeistert. Also Friederike, denk beim nächsten Autokauf mal über n Allradantreib nach ;-) :-) Da kommst überall durch…Liebe Grüße und ein gesundes, neues Jahr Dir und Deinem GöGa….

    • Ohne Allrad macht es ja aber eigentlich noch viel mehr Spaß. Ich habe ja schließlich in Berlin Autofahren gelernt, ähem.

  3. Frau Burglind und ich werden glaub auch keine Freunde….. wir dürfen jetzt rund um um unser neues (ok, vielleicht schon ein bisschen in die Jahre gekommenes), aber zumindest erst neulich erstandene Haus, buddeln und ne Drainage einbringen. Ganz toll!

    Dein Beitrag hat mich dennoch höchst amüsiert… ich denk immer nur, was denken nur die ganzen Städter von uns???? Immerhin weiß ich, dass keiner wirklich mit Kettensäge durch die Gegend fährt, aber das mit den Fußmatten, das stimmt. Hab ich selbst mehr erlebt und diese haben sich als durchaus extrem nützlich erwiesen ;)

    Hab noch nen schönen Abend,
    Pamy

    • Das heißt, Ihr habt Wasser im Keller? Das haben wir auch bei jedem großen Regen, so ein paar Pfützen….aber der Architekt unseres Vertrauens hat uns einst von der Drainage abgeraten, die sei nicht nötig. Keine Ahnung, uns jedenfalls macht das Wasser bisher keinen Schaden.

  4. Habe das Wetter im Schwarzwald erlebt, gestern.
    Herrlich! Vor allem die überforderten Touristen an der ab 1000 m verschneiten Steigung. Durchdrehende Räder bei Vollgas und keinen cm vorwärts.
    Da hilft nur nicht anhalten, zügig überholen und winken.
    Und nicht zu viel Gas geben.

  5. obwohl es für die Fahrer sicher nicht so amüsant ist
    musste ich doch schmunzeln ;)
    ich bin in der glücklichen Lage das Auto meist nicht zu brauchen wenn es schneit.. oder zumindest keinen Berg hinauf muss
    früher hatten wir auch Matten im Auto als es hier noch richtig Schnee gab
    und ganz früher die Spikes drauf ;)
    schöne Bilder hast du wieder gemacht

    liebe Grüße
    Rosi

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