Naturalien.

Wir hatten gestern abend mal wieder sehr netten Besuch zum Essen in unserer ollen Scheune KunstHalle, das ist ein etwas spezieller Ort zum Essen, und insgesamt etwas unpraktisch, was den Küchenservice angeht, treppauf, treppab, die Küche ist gefühlte 500 Meter und unzählige Treppenstufen vom Esstisch entfernt, aber irgendwie ist ein Abend da eben doch auch sehr schön. Also, wir finden das zumindest, und Besuch findet das meistens auch so.

Und überhaupt ist das Unschlagbare an diesem etwas anderen Esszimmer, dass die Gastgeber durch das ständige Rauf- und Runter-Gerenne nach einem überüppigen Mahl mehr Kalorien verbrannt als zu sich genommen haben, na, wenn das nichts ist.

Jedenfalls haben wir in der Regel durchaus wohlerzogenen Besuch, und der bringt zu einer Einladung logischerweise ein Gastgeschenk mit, ein Mitbringsel quasi, das macht man ja so, das kann man schon im Knigge nachlesen, falls irgendjemand von Ihnen da regelmäßig hineinschaut, in den Knigge.

Ich nahm also in diesem Fall ein Glas wunderbarer selbstgemachter Marmelade entgegen und zum Anlass, mal über Gastgeschenke hierzulande nachzudenken, und darüber, wie man das wohl in der Stadt handhabt. Ich schätze, man handhabt es dort zumindest irgendwie anders, aber ich habe keine Ahnung und kann mich nicht erinnern an alte Berliner Zeiten, soweit ist das schon gekommen.

So ließ ich also mal die Mitbringsel vor meinem inneren Auge vorbeimarschieren, die in unserem Bekanntenkreis munter und großzügig ausgetauscht werden, man muss sich das wie einen liebevollen Naturalienhandel vorstellen, wir lassen uns von der Natur beschenken und schenken fröhlich weiter.

Das haben bestimmt schon die alten Knaben im Paläolithikum  so gemacht, der Paranthropus robustus hat ja auch nicht in irgendeinem Kruschtellädchen irgendeinen Schruz gekauft, den keiner braucht und keiner will; oder nehmen Sie den Homo erectus,  der hat ja, wenn er die Freunde in der Nachbarhöhle besuchte, auch keine unoriginelle Flasche Riesling aus dem Rewe mitgebracht, sondern ein Stück Säbelzahntiger oder einen feschen Feuerstein oder einen schönen Strauß Farne, so stelle ich mir das zumindest vor. Und so ist das letzten Endes auf dem Lande auch.

Wir schenken, wenn wir eingeladen sind, gerne – logo – freilaufende Eier von glücklichen Hühnern, ein Mitbringsel, das sich inbesondere in den vergangenen Wochen zum echten Kassenschlager entwickelt, ohne, dass dabei die Kasse klingeln würde. Wir verschenken außerdem mal eine Kiste Kartoffeln aus dem Garten, eine Flasche Holunderblütensirup, ein Körbchen Holunderbeeren. Gläserweise getrocknete Steinpilze an Nicht-Sammler (bei allen anderen ernten Sie damit nur ein müdes Lächeln, das nur mal als Tipp.).

Wir bringen etwas ruppige Blumensträuße aus eigener Zucht mit, dazu wahlweise Zucchini oder Tomaten oder unser selbstgemachtes Suppengewürz. Zu besonderen Anlässen eine Dose Wurst vom heimischen Metzger. Zu einem Geburtstag in einem Frankfurter Nobelviertel brachten wir dieser Tage als Mitbringsel ein glückliches, wenngleich gerupftes, splitterfasernacktes Huhn von den Ausmaßen eines Truthahns mit, in einer durchsichtigen Plastiktüte, der Beschenkte freute sich sehr, der Rest der illustren Gäste guckte irgendwie komisch. Aber glauben Sie mir, auch daran gewöhnt man sich als Landmensch. 

Umgekehrt bekommen wir die tollsten Gastgeschenke, wenn wir Freunde zu uns einladen. Die einen bringen Marmelade mit, oder einen Sack bereits geputzten Feldsalat, die anderen selbstgebrannten Schnaps, Freund H. knallt uns wortlos einen Rehrücken auf die Anrichte, oder eine Wildschweinkeule, das Ehepaar aus dem Nachbardorf bringt frischgefangene Forellenteile mit, mal als Sushi, mal geräuchert, mal auch gleich den ganzen Fisch, direkt aus dem See.

Besonders lieben wir auch jene Bekannte, die uns bei jedem Besuch mit einem Sack guter echter Korken beglückt, ohne die entsprechenden Flaschen dazu, wohlgemerkt; die Korken werden zu Anzündern für das Kaminfeuer und verhindern über die Monate Oktober bis Mai den Odenwälder Tod durch Erfrieren. Ebenso lieben wir die Freundin, die körbeweise Tannenzapfen mitbringt, zum selben Zweck.

Ja, wenn Sie mir das alles früher erzählt hätten, da hätte ich auch irgendwie komisch geguckt. Ich war über Jahre Stammgast bei Nanu-Nana in Wilmersdorf, die Berliner unter Ihnen werden sich erinnern, dort habe ich mein Geld hinein- und irgendwelchen blödsinnigen Schwachsinn wieder hinausgetragen, der dann andere Menschen erfreuen sollte. Keine Ahnung, ob das je geklappt hat mit dem freuen.

Jedenfalls habe ich mich mit großer Begeisterung an die ländliche Art der Mitbringselei gewöhnt. Nur an eines kann und will ich mich zugebenermaßen bis heute nicht gewöhnen: An diese merkwürdige Sitte, als Geschenk ein Päckchen Filterkaffee mitzubringen. Gibts hier auch noch, immer wieder. Den Präsentkorb mit Dosenwurst, Prosecco, Filterkaffee und siebzehn Metern durchsichtiger Knisterfolie. Ich habe keine Ahnung, wo das herkommt. So arg will ich dann doch nicht werden. Sollte ich Ihnen also jemals ein halbes Pfund Filterkaffee schenken, erinnern Sie mich dran.

 

 

 

 

P.S.: Kaum waren gestern abend die Gäste gegangen, hopste unter dem Esstisch eine gigantische und gigantisch-hässliche Kröte hervor, vielleicht hatte sie ja schon seit Tagen dort gesessen, oder sie war auch ein Mitbringsel, ach, was weiß denn ich, auf dem Lande muss man ja mit allem rechnen, was das angeht.

 

 

 

 

 

 

 

 

5 Kommentare

  1. Das haben wir auch in unsrem Garten, ne junge Erdkröte. Auch wir schenken als Mitbringsel nur Selbstgemachtes und empfangen dieses ebenso z. B. wurde bei mir ein Krankenbesuch gemacht und ich bekam 20 frischgelegte Eier mitgebracht. Glaub mir, ich freute mich mehr als über ein “ gekauftes“ Geschenk.

  2. Meine Tante ist Schwester in einer Hausarztpraxis, sie deckt ihren Kaffeekonsum ausschließlich durch geschenkten Kaffee…In Paketen aus `dem Westen‘ war immer Kaffee, Kaffee in der DDR war sehr teuer und schmeckte wohl auch nicht sonderlich. Bei den ganzen (hippen) kleinen Röstereien hier in der Hauptstadt ist deren Kaffee bestimmt auch wieder ein Mitbringsel.

  3. Ich denke, das mit dem Kaffee ist noch ein Relikt aus den Kriegsjahren, als Kaffee ein Luxusgut war. Ich erinnere mich an Erzählungen von meiner Oma und meine, auch in den Tagebüchern von Viktor Klemperer gelesen zu haben, dass da häufig Bohnenkaffee mitgebracht wurde, wenn auch natürlich in viel kleineren Mengen (50 Gramm war, glaube ich, viel).

    Allerdings wurde mir im Kindergarten und in der Grundschule meiner Tochter gesagt, dass man sich auch dort noch durchaus über ein Pfund Kaffee als Mitbringsel mehr freut als über eine Packung Kekse. 😉

    (Privat bringe ich als Stadtmensch meist selbstgemachte Marmelade oder Selbstgebackenes mit.)

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