Pilzzombie.

Es sind diese grausamen Zeitgenossen, die mich mit einem einzigen dahingeworfenen Wort in den Wahnsinn treiben. Vorgebliche Freunde, die so ganz am Rande etwas erwähnen und dabei unschuldig tun, als wüssten sie nicht, dass damit der Tag, die Woche, der Monat für mich gelaufen ist.

Du, der Egon hat neulich die ersten Steinpilze gefunden, oder Ach, angeblich gibt es schon Pfifferlinge, sagen sie ganz und gar beiläufig, und ich bilde mir ein, sie grinsten dabei ein bisschen fies.

Ich höre dieses Wort, sei es Pilz, Steinpilz oder Pfifferling, und augenblicklich schalte ich in den Pilzmodus um. Ich kann da selber gar nichts ändern, es geht ganz von alleine, es kommt quasi über mich. So Jekyll-and-Hyde-mäßig.

Ich werde zum Pilzzombie.

Der Blick wird starr und ist fortan nur noch ins Unterholz gerichtet. Frau Lieselottes Ausbildung an der langen Schleppleine interessiert mich nicht mehr die Bohne, sobald ich im Wald bin, und das bin ich spätestens ab dann fast dauernd, dreimal täglich Minimum. Die Hunde ziehen und zerren und verwickeln sich um Bäume und Gebüsche, Rehe und Wildsäue fliehen verschreckt, das alles ist mir völlig wumpe, ich stolpere und strauchele mit gesenktem Haupt durchs Unterholz und glotze und glotze.

Das heißt, eigentlich glotze ich gar nicht so sehr, ich schnüffele vielmehr, der echte Pilzkenner orientiert sich ja am Geruch, ich schnüffele also fortwährend, obwohl ich überhaupt kein Pilzkenner bin, schnüffschnüffschnüff, das führt auf Dauer zu einer gewissen Hyperventilation, begleitet von leichten Ohnmachts- und Schwindelgefühlen. Macht nichts, mich hält nichts und niemand auf.

Ich stolpere also schnüffelnd und glotzend, ich krieche und krauche über den Waldboden, Äste und Zweige verfangen sich im Haar und bereiten sich dort auf ein Leben als Vogelnest vor, sie schlagen mir die Brille von der Nase und hinterlassen Schmisse im Gesicht, die jeden Verbindungsstudenten vor Neid erblassen ließen, Brombeerranken verkratzen mir die Arme. ach, was, das bisschen Blut!, und zerreißen mir das T-Shirt.

Manchmal gehe ich auch mit dem Gatten auf Tour, wir nennen das Spazieren, in Wirklichkeit ist es nur ein neuerlicher Beutezug. Das ist für Außenstehende ein vielleicht etwas eigentümliches Bild, wir gehen nebeneinander her und starren auf die jeweils eigene Seite des Weges, stundenlang sind sich nur die Hinterköpfe freundlich zugewandt.

Bei Gesprächsbedarf brabbelt jeder in seine Richtung Unterholz, ins vermeintliche Pilzparadies hinein, meistens aber eher ins Nirvana und völlig unverständlich für den anderen. Das macht aber nichts, weil der andere in seiner Pilzfixiertheit ohnehin nicht zuhört. Ich könnte in solchen Momenten sagen Mein lieber Geo, ich lasse mich scheiden, oder Liebster, wir bekommen Zwillinge!, der Gatte würde nur rufen Boah!, Wahnsinn!, da!, guck mal, da hinten!

Ey, immer mit der Ruhe, werden Sie jetzt sagen, die Pilzsaison hat doch noch gar nicht richtig angefangen. Jahahaaa, das weiß ich auch, Sie kleiner Schlauberger, die Saison fängt erst dann wirklich an, wenn am Waldrand Autos mit HD- oder HN-Kennzeichen stehen, schon am frühen Morgen, oder gar Kleintransporter mit polnischen und allerlei anderen fremdländischen Kennzeichen. Dann kann man sicher sein, dass es im Wald tatsächlich was zu holen gibt. Aber ich bitte Sie: Wer will dann noch Pilze haben, wenn sie alle haben können? Echt jetzt. Ich will die Erste sein, gefälligst.

Foto: Dagmar Schmitt, pixelio

Wenn Sie also von diesen Tagen an, bis tief in den Oktober hinein, eine merkwürdige Gestalt im Wald treffen, mit wirrem Haar und irrem Blick, hyperventilierend taumelnd, mit verschrammelierten Armen, einem Stoffbeutel vom Apotheker und einem Messer in der Hand: ruhig Blut, das bin nur ich. Ich beiße nicht, ich will nur Pilze. Sie dürfen ruhig näherkommen und mich ansprechen, selbst, wenn ich vermutlich darauf gar nicht reagiere.

Nur eines will ich Ihnen sagen: Kommen Sie mir bloß nicht mit dem üblichen und völlig verständnislosen Spruch meiner Odenwälder Dorfnachbarschaft. Wieso machen Sie sich die Mühe? Pilze kann man doch auch kaufen, sogar tiefgefroren!

Dann haue ich.

 

 

P.S. Für alle mitlesenden Pilzfreunde aus Heidelberg und Heilbronn und was weiß ich wo. In Wirklichkeit gibt es im Odenwald gar keine Pilze. Ehrlich. Ich habe noch nie einen einzigen gesehen. Sie können also getrost zuhause bleiben. Oder ganz woanders suchen. Odenwald? Lohnt sich nicht, die Fahrt. Wirklich, glauben Sie mir. Sparen Sie sich das Benzingeld und kaufen sich davon ein paar schöne Pilze im Supermarkt. 

 

 

 

5 Kommentare

  1. oh jaa..
    man riecht die Pilze ..
    früher war ich immer mit meinen Eltern im Wald
    jetzt geh ich ab und zu mal
    voriges Jahr gab es keine..vielleicht wird es dieses Jahr wieder 😉
    LG
    Rosi

  2. Kleiner Anschiss !!
    Pilze immer in einem Korb aus dem Wald tragen, damit sich die Sporen verteilen können.
    Pilze-Lamellen-Sporen-Geflecht des Korbes-Lücken darin- Sporen fallen auf den Waldboden- neue Pilze können entstehen.
    Keine Tüten, Eimer, Jutebeutel, Fjäl Räven Rucksäcke, Hosentaschen, Jackentaschen.
    Körbe !

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