Grußwort.

Es gehört zu meinem Job in der vermeintlichen Provinz, dass ich mehr oder weniger regelmäßig zu öffentlichen Veranstaltungen muss, zu feierlichen Einweihungen, Eröffnungen, Tagungen, Diskussionsrunden, Bürgerforen, naja, Sie wissen schon, lauter solche Termine, wo sich allerlei Menschen und vorallem allerlei hiesige Prominenz zusammenfindet. Ich liebe diese Art von Veranstaltungen, ganz ehrlich, ich finde es herrlich, so mittendrin bei den Menschen und den jeweiligen Themen zu sein, und irgendwas journalistisch Verwertbares ist da immer dabei, irgendetwas kann man da immer lernen.

Ich wäre also ein uneingeschränkt großer Freund dieser Art von Terminen, wenn – ja, wenn da nur nicht das gemeine Grußwort wäre. Ich habe während meiner Zeit als Journalistin in Berlin oder München, Mannheim oder Ludwigshafen, Speyer oder Mainz nicht einmal geahnt, was sich hinter dem Begriff verbergen sein könnte, das Phänomen Grußwort begegnete mir erst mit dem Umzug aufs Land. Aber vielleicht verkläre ich da auch die Vergangenheit ein bisschen, wer weiß das schon.

Jedenfalls verursacht mir inzwischen schon allein das Wort eine Mischung aus nervösem Zucken und akuter Narkolepsie, und wenn ich eine Einladung zu einer Veranstaltung aus dem dienstlichen Briefkasten fische, dann ist mir zunächst einmal völlig wumpe, was wann wo gefeiert, eröffnet oder eingeweiht wird. Mein erster entsetzensstarrer Blick gilt der Liste der Grußwortredner, um mich psychisch und mental auf das Ereignis einzustellen. Und die Liste ist in der Regel eines: lang.

Landräte, Bürgermeister, Ortsvorsteher, Pfarrer, katholisch/evangelisch, Vereinsvorsitzende, MdLs, MdBs, MdEPs, Abgesandte von Ministerien, Bundesregierung, sie alle wollen ein Grußwort an uns richten, bevor die eigentliche Veranstaltung beginnt, je nach Anlass kommen dann noch Bauherren dazu, Architekten, Vertreter von Hochbau- oder Tiefbauamt, Schulamt/Kindergarten, Ärzteverband, Landwirtschaftsamt, Jägerschaft, Tierschutzverein, Vegetarier, Veganer, Fleischfresser, Impfgegner, Impfbefürworter, Radfahrer, Fußgänger, Rothaarige und Blonde, Schwarze, Rote, Grüne und wasweißichnichtnochalles.

Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen, irgendwer findet sich immer, der das siebte, achte, zwölfte oder dreizehnte Grußwort des Tages halten möchte, es gibt, so munkelt man, Menschen, die erscheinen überhaupt nur bei Veranstaltungen, wenn sie dort auch ein Grußwort halten dürfen, ja, soweit ist es angeblich schon gekommen hierzulande.

Wobei der Begriff des Grußwortes natürlich völlig  in die Irre führt. Von einem Wort kann nicht die Rede sein, das durchschnittliche Grußwort besteht aus 800 bis 1000 Wörtern, das ist eine grobe Schätzung meinerseits, aufgrund meiner inzwischen mehr als 15-jährigen leidvollen Erfahrung. Der inhaltliche Gehalt der Grußworte zu Beginn einer Veranstaltung schwankt dabei ganz erheblich, es gibt da natürlich sicher auch wunderbar rhetorische Perlen, aber wenn der zehnte Grußwortredner mit elastischem Schritt und hochmotiviert Richtung Rednerpodest federt, weil seine große Stunde gekommen ist, dann sind zumindest in meinem Fall die rhetorischen Perlen vor die Säue geworfen. Ab Grußwortredner Nummer Fünf pflege ich in der Regel abzuschalten, früher habe ich es nur bis Nummer Vier geschafft, immerhin eine Steigerung, ich kann nichts dafür, es sind die natürlichen Vorgänge in Körper und Geist, ich bin für Grußwortmarathons nicht gemacht und muss mir meine Kräfte sorgsam einteilen, um nach 60 bis 90 Minuten voller Grußworte irgendwann noch genug Konzentration für die eigentliche Veranstaltung zu haben.

Ziehe ich in meiner Verzweiflung den Duden zurate, dann heißt es dort, ein Grußwort sei eine kurze Rede, mit der ein Redner beispielsweise die Gäste einer Tagung begrüßt. Nun ist der Begriff kurz natürlich dehnbar, siehe oben, und was genau begrüßen heißt, steht da leider auch nicht. So ist es beispielsweise eine beliebte Praxis, die gesamte Hintergrund- und Entstehungsgeschichte der besagten Veranstaltung nocheinmal detailliert zu referieren, von den Anfängen 1972 bis zum heutigen Festtage, wo wir hier nun alle zusammensitzen. Nicht von einem Grußwortredner, sondern am liebsten von allen. Und nicht ohne den gerne gehörten Zusatz Mein Vorredner hat ja im Grunde schon alles gesagt (ein erleichtertes Seufzen geht durchs Publikum), aber lassen Sie mich trotzdem noch einmal (die Zuhörer sinken ermattet in sich zusammen) die Geschichte Revue passieren lassen. 

Je näher irgendwelche Wahlen rücken, desto beliebter werden übrigens bei einigen Grußwortrednern die Termine, bei denen sie Grußworte halten können. Das Wort wird ergriffen und nicht mehr losgelassen, da spannen sich die Bögen munter von der neuen Kläranlage im Dorf zu der hervorragenden/katastrophalen Umweltpolitik der guten/bösen Bundesregierung, da ist der sanierte Kindergarten nur einen Steinwurf entfernt von der verheerenden/großartigen Sozialpolitik des Landes und dem sinnvollen/sinnlosen Wahlprogramm der SPD/CDU/FDP/Bündnis90, da kommt man im einzuweihenden Dorfgemeinschaftshaus ganz schnell zu Wohl und Wehe der tollen/doofen Europapolitik, und aus dem vorbildlichen Offenstall für Milchkühe in einem 120-Seelen-Ort fliegen wir flugs über die weltweite Agrarpolitik Richtung Rußland und Amerika, zu Putin, Donald Trump und Co, und täglich grüßt das Murmeltier. Ich überspitze hier vielleicht ein bisschen, aber so in etwa müssen Sie sich das vorstellen.

Immerhin gibt es aber Vertreter, die nicht nur innovativ und ressourcenschonend, sondern auch im Sinne der Zuhörer aktiv werden, ich beobachte seit einiger Zeit so eine Art Grußwort-Sharing, vielleicht funktioniert es auch mit einem Rabatt-Märkchen-System oder mit Sammelalben, ich habe das noch nicht ganz begriffen, aber jedenfalls häufen sich die glücklichen Fälle, wo einer für mehrere spricht und damit die Grußwortrednerliste erheblich strafft, beispielsweise von acht auf fünf, oder so.

Und ich erinnere mich an den Landtagsabgeordneten, der bei einer besonders denkwürdigen Veranstaltung unter freiem Himmel und bei gefühlten 40 Grad im nicht vorhandenen Schatten als Zehnter oder Zwölfter – so genau erinnere ich mich nicht, ich war quasi im Hitze- und Grußwortdelirium, – an das Pult trat mit den Worten Ich soll hier ein Grußwort sprechen. Ich grüße Sie im Namen meiner Partei und wünsche Ihnen eine gute Veranstaltung!, und damit verließ er die Bühne wieder. Das Publikum schreckte wie vom Blitz getroffen aus der kollektiven Lethargie empor, klatschte und johlte und trampelte mit den Füßen auf den staubigen Boden wie entfesselt.

Vielleicht besteht ja also doch noch Hoffnung.

 

 

6 Kommentare

  1. Und welche Konsequenzen sollte man als Person der Öffentlichkeit aus dem Artikel ziehen, wenn man um ein Grußwort gebeten wird? Nur ein verweigertes Grußwort ist ein gutes Grußwort? 🙂

    • Wenn ich mir was wünschen dürfte, würde ich mir als erstes mal wünschen, dass die Veranstalter selber die Grußworte nicht ausufern lassen. Ich bekomme Einladungen, da darf jeder Gast ankreuzen, ob er gerne ein Grußwort sprechen möchte, und schwuppdiwupp sind 15 Grußworte beisammen. Ich frage mich, wem das Freude bereitet? Aber ich verstehe, dass das für potentielle Grußwortredner qua Amt natürlich ein schwieriges Thema ist. Aber auch da könnte man sich ein paar „Regeln“ selbst auferlegen, denke ich. Aber wahrscheinlich bin ich ja nur neidisch, will ich NIE Grussworte sprechen, sondern immer nur anhören darf.. 🙂

  2. Ich muss heute auch eins von drei Grußworten sprechen. Dein Beitrag befreit mich vom schlechten Gewissen, noch nichts vorbereitet zu haben. Andererseits: wenn man schon einmal die Gelegenheit hat. Eine kleinere geschichtliche Einführung sollte schon sein, oder?

  3. Mit dem Artikel zum Grußwort ging es mir jetzt wie Ihnen mit dem Grußwort.
    Das Dilema des Grußwortes als Inszenierung im Text über Grußwörter.
    Wobei ich das eigentlich gar nicht beurteilen kann, da meine Gedanken beim Lesen irgendwann abgeschweift sind.
    Herzliche Grüße!

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