Die Geschichte einer Ausgrenzung.

Es ist Fasenacht im Odenwald. Oder auch Faschenacht, wie es in Buchen heißt, mit schschschschschsch, darauf legen die Buchener Faschenachter angeblich großen Wert, in jedem Fall ist es wie in jedem Jahr die Zeit, in der ich traditionell daneben stehe in einer Mischung aus Verstörung und ein bisschen Neid, naja, Sie wissen schon, preußische Protestantin undsoweiter, ich muss das hier nicht alles wiederholen. Mein Standard-Kostüm wäre vermutlich das der Spaßbremse.

Foto: Wolfgang Mackert.

Wie dem auch sei, es gibt aber Sachen bei der Buchener Faschenacht, die mir gut gefallen, das hat alles sehr viel Tradition hier, wenig mit Allaaf  und Ahoi und fetten Motivwägen und noch fetteren Beats, es ist Teil der fränkisch-allemannischen Fasenacht, und vieles davon reicht in seinen Ursprüngen mal locker ein paar Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit.

Und der Buchener Faschnenachts-Hit schlechthin, der Kerl, wach uff!, der gefällt mir auch, den hört man hier dauernd und überall, und ich habe irgendwo mal gelesen, dass echte Buchener Säuglinge angeblich nicht nur im Huddelbätz geboren werden, sondern auch noch im Kreißsaal das erste Mal den Kerl wach uff zum Besten geben, in einer etwas vereinfachten Form zwar, aber immerhin.

Kerl wach uff!
Vergeß da Nout, da Plooch,
korz is‘ Lebe, darum: „Hinne Houch!“

La, la laaaa…

Der Mann, der diesen und viele andere Buchener Faschenachts- und Fest-Kracher getextet hat, der würde sich vielleicht freuen, wenn er wüsste, dass er in diesen Wochen und Monaten des Jahres immernoch in aller Munde ist und es vermutlich auch die nächsten 200 Faschenachtskampagnen sein wird. Vermutlich hat er sich das kaum vorstellen können in seinen schwachen Stunden, und von denen dürfte es sehr viele gegeben haben, zumindest in den letzten Jahren seines Leben.

Jacob Mayer hieß der Mann, ein eleganter und gebildeter Herr, ein Buchener durch und durch, einer, der das Wort von der Bodenständigkeit verinnerlicht hatte, ein Lokalpatriot im besten Sinne, dazu Geschäftsmann, Lebemann, Mundartdichter und Chronist seiner Heimat. Auf Bildern sieht man ihn immer bestens angezogen, maßgeschneiderte Anzüge aus gutem Tuch, mit Weste und Fliege, manikürte Fingernägel, wie man sich das eben so vorstellt rund um die Goldenen Zwanziger.

Damals, als noch niemand ahnte, wo die Geschichte hinführen würde, auch Mayer selber nicht. Die Geschichte führte – um das vorweg zu nehmen – den Juden Jacob Mayer an einem Sommertag im Jahr 1939 auf einen dunklen Dachboden in der Buchener Marktstraße. Hier nahm er sich das Leben, verarmt, vereinsamt, verzweifelt. Seine Geschichte ist die Geschichte einer Ausgrenzung.

Jacob Mayer war zu Kaisers Zeiten und in der Weimarer Republik offenbar immer da, wo in Buchen die Musik spielte, in allen bedeutenden Gesellschaften und Vereinen des kleinen Provinzstädtchens war er Mitglied, übernahm verantwortungsvolle Posten, war im Vorstand der jüdischen Gemeinde, kümmerte sich um das Bezirksmuseum und die Faschenacht, war Elferratspräsident und leitendes Mitglied im Odenwald-Club sowie in der renommierten Casino-Gesellschaft , in der es manchmal feucht-fröhlich, oft aber einfach nur sehr fein zuging. Mayer war hochangesehen bei Christen und Juden, er hatte Einfluss und einen vermutlich riesigen Bekanntenkreis. Viele Entwicklungen in Buchen zu dieser Zeit seien ohne Mayer nicht denkbar, heißt es heute, Mayer gilt inzwischen als einer der bedeutendsten Söhne der Stadt.

Als die Nazis das Kommando übernahmen, auch in Buchen, da war der hochgelobte und vielgefragte Jacob Mayer schon über 60 Jahre alt. Er, der eigentlich doch gar nicht wegzudenken war aus der Buchener Gesellschaft, musste mit ansehen, wie er plötzlich eben doch weggedacht wurde, geschnitten, gemieden, ausgegrenzt, zunächst ganz leise, dann immer lauter. Der Jude Mayer wurde aus den Vereinen ausgeschlossen, seine zahlreichen Ämter wurden an Arier vergeben, das Kauft-nicht-bei-Juden!-Schild klebte bald auch auf seinem eleganten Geschäft in der Marktstraße und ruinierte ihn auch wirtschaftlich.

Viele der jüdischen Freunde in Buchen emigrierten, machten sich auf den Weg Richtung USA, für Mayer als waschechten Buchener völlig undenkbar. Auch dann noch, als er so verarmt war, dass die letzten Buchener Freunde ihn heimlich versorgen mussten, mit warmen Mahlzeiten aus dem Hotel Prinz Carl, vielleicht auch mit ein paar Reichsmark. Die anderen Freunde der vergangenen Jahre hatten sich schleichend in selbsternannte Feinde verwandelt, mit einem Juden wollte keiner mehr etwas zu tun haben.

Ich stelle mir vor, der angesehene Kaufmann und engagierte Bürger Mayer wurde in dieser Zeit immer kleiner und kleiner, vermutlich auch dünner und dünner, bis ihn schließlich kaum jemand mehr sah, kaum einer ihn mehr zur Kenntnis nahm. Er verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein, heißt es in einem eben erschienenen Buch über Jacob Mayer. Er verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein, wurde unsichtbar, eine persona non grata,  jahrzehntelange Verdienste hin oder her.

Als er dann tatsächlich verschwunden war, an diesem Junitag 1939 auf dem Dachboden seines Wohnhauses, da war wohl nicht einmal das mehr größerer Erwähnungen wert in Buchen. Begraben liegt Mayer auf dem jüdischen Friedhof in Bödigheim, seinen Namen auf dem Stein sucht man jedoch vergeblich.

Eine Schule ist inzwischen nach Jacob Mayer benannt in Buchen, außerdem der Platz an der Synagoge. Es gibt eine kleine Gedenktafel und seit kurzem sogar einen Wikipedia-Artikel, der von Buchener Schülern initiiert wurde. Im vergangenen Jahr ist ein sehr schönes und informatives kleines Buch erschienen, herausgegeben von der Stadt Buchen, mit Texten von Archivarin Gerlinde Trunk und Journalist Jürgen Strein und sehr ansprechend gestaltet vom Buchener Bloggerkollegen Matthias Grimm. Aus dem habe ich auch all das Wissen entnommen, dass ich hier verbreite, ich wusste selber wenig über Jacob Mayer.

Ich kann Ihnen das Buch also nur sehr ans Herz legen, egal, wo Sie wohnen, ob im Odenwald oder sonstwo, ersetzen Sie einfach die Namen und die Orte in dem Buch, dann passt das schon. Auf jeden Fall ist hier sehr gut gelungen, Geschichte greifbar zu machen. Ja, ich mache hier Werbung, und ich kriege nicht mal Geld dafür. Hier (Klick!) auf dem Blog vom Kollegen Grimm können Sie sehen, wo Sie das Buch in der Region kaufen oder bestellen können.

Mit diesen Hintergrundinformationen entlasse ich Sie wieder in die Faschenacht, den Kerl wach uff! können sie ja trotzdem laut mitsingen. Oder grade drum.

 

 

 

5 Kommentare

  1. Aus dem Schicksal des Jacob Mayer erschließt sich in aller Deutlichkeit, wohin wir geraten, wenn wir Intoleranz, Rassismus und Ausgrenzung dulden.
    Danke für diese Info. HG Kari

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