Ein Kriegserlebnis.

Ich hatte neulich ein Kriegserlebnis, mitten im Wald. Das mag nun etwas merkwürdig klingen, im Jahr 2016, tief in der deutschen Provinz, aber es fühlte sich so an. Und es war einer dieser Momente, wo einem plötzlich etwas ganz glasklar wird, wo man etwas tatsächlich spürt, was man bislang zwar im Kopf gewußt, aber eben nie so richtig erfahren hat. Sie können diese Geschichte jetzt lächerlich finden oder nicht, vielleicht ist sie tatsächlich lächerlich, aber ich wollte sie nun doch loswerden.

Ich war da also unterwegs in einem Wald bei Altheim, das gehört zu Walldürn, und die Leute hier legen Wert darauf, dass sie nicht mehr zum Odenwald gehören, sondern zum Bauland, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Jedenfalls hat der Altheimer Heimatverein einen kleinen Lehrpfad angelegt, hier im lauschigen Wald, einen Pfad, der mehrere Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg miteinander verbindet.

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Die Bombenabwürfe über dem Wald bei Altheim sind mehr als 70 Jahre her, das ist nun wirklich eine lange Zeit, und tatsächlich sind die Bombentrichter so gesehen reichlich unspektakulär. Ein Zeitzeuge hatte den Heimatverein auf die Idee gebracht, die Bombentrichter dennoch wieder zugänglich zu machen; jener Mann war am 9. September 1944 als Kind auf den Altheimer Feldern unterwegs gewesen, als sich von Richtung Mannheim/Ludwigshafen dröhnend und brummend um die 500 Kriegsflugzeuge näherten, Bomber und Jagdflugzeuge.

Die Amerikaner hatten den Rangierbahnhof in Mannheim bombardiert und waren nun auf dem Rückflug. Irgendwas bewog sie, Ladung abzuwerfen, übriggebliebene Bomben, die beim Flug nur Ballast waren. Also ließen sie die Bomben fallen, bei Altheim, über dem Wald.

All das hat der Heimatverein akribisch recherchiert und dokumentiert, zunächst etwas widerwillig, dann mit steigendem Interesse und Begeisterung, und nun ist also in vielen freiwilligen Arbeitsstunden der kleine Lehrpfad entstanden, 70 Jahre nach dem Kriegsgeschehen. Am Startpunkt gibt es eine kleine Tafel, da ist von Krieg und Frieden die Rede, und davon, wie wichtig der Frieden auf der Welt ist, so pädagogische und irgendwie rührende Sätze auch für Kinder und für Jugendliche, naja, man kennt das ja.

Da oben bin ich also unterwegs an einem herrlichen Nachmittag, die Sonne blitzt durch die noch grünen Buchenblätter, die Vöglein piepsen, ein Specht hämmert wild auf einen toten Stamm, sonst hört man nichts im Wald. Ich laufe die elf freigelegten Bombentrichter ab, entdecke zwischendurch im Unterholz noch andere. Große runde Krater in der Erde, vielleicht fünf oder auch mal acht Meter im Durchmesser. Tiefe, aber unscheinbare Löcher, aus denen inzwischen die Bäume herauswachsen, an denen man vermutlich achtlos vorbeigegangen wäre, wenn man nicht wüsste, was es ist.

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Nah beieinander liegen die Trichter, so nah, dass man von einer Kraterlandschaft sprechen könnte. Und plötzlich sehen die Löcher für mich aus wie überdimensionierte Narben, wie in den Waldboden geschlagene riesige Wunden. Die Vöglein piepsen, der Specht hämmert weiter, es könnte nicht friedlicher sein, und ich gehe von einem Krater zum nächsten, schaue hinab in die Löcher und spüre förmlich die Kräfte, die hier und anderswo gewütet haben müssen. Die Zerstörung, die Wucht, die Gewalt, all das ist plötzlich wie in einem Brennglas zu erkennen, hier im spätsommerlich warmen Wald. Und irgendwie bin ich ehrlich ergriffen, das ist ein peinliches Wort, aber mir fällt nun kein besseres ein, der tiefe Friede um mich herum, die piepsenden Vöglein, das raschelnde Laub, der Specht – und die Krater.

Und ich denke darüber nach, dass ich natürlich dauernd ganz entsetzliche Bilder von Kriegen und Bombenangriffen sehe, es gibt ja weiß Gott genug davon auf der Welt, jeden Tag, in jeder Zeitung, auf jedem Kanal, und ich denke an die syrischen Flüchtlinge, von denen ich dieses und jenes gehört habe an grauenhaften Geschichten, die mir allesamt nachgehen. Und die mir doch, so scheint es mir plötzlich, ferner bleiben als diese paar uralten Krater im Wald.

Es gibt da wohl eine psychologische Erklärung, so sagt eine Freundin, und sinngemäß geht die ungefähr so: was ich im Fernsehen sehe, oder auf Bildern, das tägliche Grauen, das wird mir alles durch einen Filter vor Augen geführt, ich erfahre das alles gottlob nur aus zweiter Hand. Mit den Berichten der Flüchtlinge ist es dasselbe, ich bekomme etwas erzählt, aber ich erfahre es, wieder gottlob, nicht selber, ich fühle es nicht in seiner wahren Dramatik.

Und da stolpere ich also durchs Unterholz irgendwo in der süddeutschen Provinz und gehe über den neuen Lehrpfad eines klitzekleinen Heimatvereins und bekomme eine tatsächliche, fast körperliche Ahnung, wie das war und was das ist: Krieg, Zerstörung, Gewalt.

Vielleicht ist das tatsächlich lächerlich, wer weiß das schon. Sie können es ja selber einmal testen, wenn Sie das nächste Mal in der Gegend sind. Dann fragen Sie in Altheim einfach nach dem Lehrpfad am Noledorn und gehen Sie auf eine kleine Zeitreise ins Jahr 1944. Vielleicht macht Sie das noch ein bisschen sensibler für das Heute. So war es bei mir jedenfalls.

 

 

 

8 Kommentare

  1. Ach Mensch, Friederike, mit deinem Post holt mich das alles ein, wie ich wurde, was ich bin…
    Natürlich, die Krater im Wald, damals noch kaum überwachsen, die Geschichten dazu. Die traumatisierten Erwachsenen ( 2 Kriegerwitwen mit entsprechenden Halbwaisen, Großeltern & Mutter, die vertrieben waren und erst nach 3Jahren Hin- & Hergeschiebe in diesem Nest gelandet waren ). Die Flüchtlinge aus dem Banat im Nachbarhaus, so ganz in Schwarz.
    Der Krieg war immer Thema in meinem Umfeld, und lange hatte ich das Gefühl, ich habe ihn selbst erlebt, obwohl ich mein erstes ausgebombtes Haus mit neun gesehen habe.
    Ich könnte nur Pazifistin werden ( und bin momentan verzweifelt über die Zustände in Syrien, bei der UN ).
    Trotzdem: eine gute Woche!
    Astrid

  2. So etwas Ähnliches gibt es auch in einem Naturschutzgebiet am Altrhein. Auch dort haben die Bomber, von Mannheim kommend, noch ein paar Reste abgeladen (oder wurden die Wiesen, wie von den älteren Leuten erzählt, nachts beleuchtet, damit die Dörfer verschont und nur die Äcker bombardiert wurden. Ob das stimmt? Keine Ahnung). Wir haben dort Wiesen, von denen wir unser Heu für die Pferde holen. Und jedes Mal fährt man da durch zehn Meter breite, auch nach so langer Zeit noch anderthalb Meter tiefe, perfekt runde Krater. Da hier nie Bäume standen, sondern immer Gras, ist es sehr deutlich sichtbar und hat mich glücklich gemacht, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu leben.

  3. Gänsehaut…..
    zwischen Nadelbäumen
    und Fichten
    der Krieg er konnts nicht richten
    er wollt nur zerstören
    doch wir wolltens nicht hören
    was er uns und den damaligen
    angetan
    fällt mir ganz spontan ein
    und ich bekam Gänsehaut
    als ich mit dir durch den Wald und die Felder ging…
    ….angelface

  4. Pingback: Woanders – Mit Nummer 66, WLAN, Bombentrichtern und anderem |

  5. Als Kind war ich mit meinen Eltern im Wald, das muss so etwa 1980 gewesen sein. Da gab es auch diese tiefen Löcher im Boden, die ganz unvermittelt zwischen den Bäumen auftauchten. Mein Vater hat mir dann erzählt, dass das Bombentrichter seien. Und auf einmal wurde mir sehr klar, dass da im Krieg wirklich Bomben gefallen sind, nicht weit von meinem Zuhause entfernt. Der ganze Wald war danach von Angst und Schrecken erfüllt, und in den nächsten Wochen haben Flugzeuge am Himmel mir Angst gemacht. Ich kann mich immer noch sehr genau an dieses Gefühl erinnern, und das ist ja doch schon ein paar Jahre her mittlerweile.

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